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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".__
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Amtliches.
J..N. 2668 K.-A. Die Wahlperiode der im Jahre 1904 gewählten Beigeordneten und Schöffen in den Landgemeinden läuft' in der nächsten Zeit ab.
Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden wollen daher das Weitere bezüglich der vorzunehmenden Neu- wählen veranlassen und die Wahlverhandlungen bis zum 5. Mai cr. hier vorlegen. (Einladungsschreiben, Wahlprotokoll, Gegenliste, Stimmzettel.)
Bemerkt wird, daß die Wahlen erst vorgenommen werden dürfen, wenn die Gemeindeverordneten-Ergän zungswahlen von der Gemeindevertretung in vorschriftsmäßig berufener Sitzung für gültig erklärt sind.- (§ 37 Ziff. 2 der Landgemeindeordnung.)
In den Gemeinden Neustall und Klosterhöfe, haben die. Schöffenwahlen durch die Gemeindeversammlung stattzufinden.
Schlächtern, den 18. April 1910.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Der Plan über die Errichtung einer oberirdischen Telegraphenlinie an dem Landwege von Romsthal nach Kath. Willenroth liegt bei dem Postamte in Salmünster vom 18. April ab 4 Wochen aus.
Cassel, 11. April 1910.
Kaiserliche Ober-Postdirektton.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar und die Prinzessin Viktoria Luise gedenken nach den neuesten Dispositionen bis einschließlich 22. d. M. in Homburg v. d. H. zu verbleiben und sich am 23. April nach Schloß Urville in Lothringen zu begeben.
— Zum kommandierenden General des 9. Armeekorps wurde General Freiherr von Plettenberg ernannt.
— Der Reichstag hat am Dienstag seine Arbeiten nach den Osterferien wieder ausgenommen. Präsident Graf Schwerin-Löwitz widmete zunächst den verstorbenen Abgg. Dr. Hermes und Dr. Delbrück warme Nachrufe. Dann wurde das Ausführungsgesetz zur Berner Ueber- einkunft zum Schutz von Werken der Kunst und Literatur beraten, das nach unerheblicher Debatte einer Commission überwiesen wurde. Hierauf begann die Beratung des Gesetzes zur Entlastung des Reichsgerichts. Staatssekretär Dr. Lisco begründete die Vorlage und zwar mit dem Hinweis darauf, daß eine Entlastung des Reichsgerichts sich als unbedingt notwendig erwiesen habe. Die Debatte bot nichts beson
Verkannt.
Roman von Lothar Palmer. 36
Sie kannten ihren Oswald nicht, ahnten nicht, wie streng seine Grundsätze waren und sein großes peinliches Ehrgefühl! Die guten Menschen glaubten, nur ein leises Mißverständnis, eine Laune, ein verliebtes Geplänkel habe sie getrennt; sie hatte ihnen doch nicht alles sagen können, was wie eine Wetterwolke trennend zwischen ihr Glück gekommen war!
Mit weherReue, aber mit schwachen Hoffnungen fuhr sie durch die lachende Landschaft der Heimat, der schweren, ungewissen Zukunft entgegen, und unbewußt falteten sich ihre Hände über den leuchtenden Blüten und ihre Lippen murmelten Gebete.
* *
Der Zug fuhr in die große Glashalle des Metzer Bahnhofes ein. Heimattuft wehte CäcilieRichonan. Sie hätte aufjauchzen .. oder aufschluchzen mögen.
Heimat! Welch ein seliger Klang. Sie ließ sich gar nicht Zeit, sich im Hotel erst umzukleiden von der Fahrt oder gar auszurasten; sehen wollte sie, durch die lieben, alten, vertrauten Straßen eilen, nach den Läden, den Türschildern schauen, ob noch die bekannten Namen darauf standen wie einst.
Es war ein linder, schöner Maientag, die uralten Kastanien auf der herrlichen Esplanade standen in zartgrünem Blätterflor und reckten ihre rosigen Blütenkerzen hoch in die balsamische Luft. Von den Bosketts drang der Duft des spanischen Flieders herüber, und die bun= ten Beete lachten im grellen, symmetrischen Schmuck von schattierten Blattpflanzen, Krokus, Tulpen, Narzissen und Portulak. Cäcilie sah darüber hinweg mit leuchtenden Augen; wie abgestreift waren plötzlich Leid und Sorge von ihr; sie hatte Raum und Zeit vergessen und eilte durch die Schattengänge an den lustwandelnden Menschen vorüber der Rampe zu, die den weitenFernblickbot.
Mittwoch, den 20. April 1910
deres. — Am Mittwoch war Schwerinstag. Es wurden zunächst mehrere Petionen erledigt. Sodann wurde eine freisinnige Resolution auf Beseitigung der Eosinfärbung der Gerste beraten. Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Wermuth wies darauf hin, daß alle von amtlicher Seite angestellten Untersuchungen die vollständige Unschädlichkeit der Eosingerste ergeben haben, und daß die verbündeten Regierungen daran festzuhallen entschlossen seien, da die Färbung mit Eosin sich als das beste Mittel zur Unterscheidung der Brau- von der Futtergerste nach wie vor erweise. Auch die Abgg. Dr. Roesicke (kons) und Dr. Burckhardt (Wirtfch. Bg.) traten für die jetzige Art der Denalu- rierung der Gerste ein, da das Eosin keine schädliche Wirkung ausübe. Dementsprechend wurde die Resolution abgelehnt. — Am Donnerstag wurde die Beratung des Gesetzentwurfes über die Entlastung des Reichsgerichts beendet. Staatssekretär Lisco trat nochmals mit Nachdruck für den Entwurf ein und verlangte insbesondere seine Verabschiedung noch vor der Vertagung des Reichstags, weil die Entlastung des Reichsgerichts eine überaus dringende Angelegenheit sei. Die Vorlage wurde schließlich einer besonderen Kommission übelwiesen. Dann wurde die Verlängerung des deutschschwedischen Handelsvertrags nach unerheblicher Debatte in erster und zweiter Lesung angenommen. — Am Freitag wurde die erste Lesung des Entwurfs Zuwachssteuergesetzes angenommen. Staatssekretär im Reichsschatzamt Wermuth leitete die Beratung ein, wobei er besonders darlegte, daß die Vorlage so frühzeitig ein» gebracht worden sei, um die Unsicherheit auf dem Grund- stücksmarkt möglichst hintanzuhalten. In der Debatte zeigten sich die Redner aller Parteien mit der Besteuerung einverstanden, und oie Vorlage wurde schließlich einer besonderen Kommission überwiesen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Dienstag, die durch die Verfassung vorgesehene wiederholte Abstimmung über die Wahlrechtsvorlage vor, die mit den Stimmen der Konservativen und des Zentrums in der Fassung der dritten Lesung angenommen wurde. Bei der Fortsetzung der allgemeinen Besprechung der wirtschaftlichen Seite des Eisenbahnetats wünschte Abg. Graf von Moltke (frkons.) im Interesse der Konkurrenzfähigkeit eine Herabsetzung der Tarife für Kohlen und Erze. Minister v. Breitenbach betonte, daß der Tarifpolitik im Interesse der Staatsfinanzen eine Grenze gezogen sei. Abg. Macco (natl.) meinte, wenn kein Ueberfluß an Kräften für höhere Beamtenstellen vor
Dort stiegen noch immer die Rauchsäulen der Hochöfen von Ars auf, hoch ragte die Feste Friedrich Karl und wachte über die Sicherheit der Pucelle, und zahllose Arbeiter ivaren an der Erweiterung der Festungsiverke beschäftigt.
Zum ehernen Reiterstandbild des Heldenkaisers sah sie auf und legte die rote, volle Rose, die sie in Frankreich erstanden hatte, am Sockel seines Denkmals nieder, und dann hastete sie wieder fort, alles, alles wollte sie am ersten Tage gleich mit einem flüchtigen Blick begrüßen und dann erst rasten.
Ach! All die alten Straßen noch so vertraut, jedes Fenster schien sie zu grüßen. Da war sie zur Schule gegangen, von der Hand der Mutter geführt.
Die Mutter! Wie alles wach wurde, Leid und Lust! Dort wohnte der Bäcker noch, wo sie die knusprigen Semmel gekauft, hier war der Papierladen mit den Schreibheften und Griffeln, ach, und nun der Ludwigsplatz, die alten Bogengänge, die Obstlerinnen, die ihr so manche süße Frucht gereicht hatten.
Aber nicht eine kannte sie mehr.
Hier hatte sie gewohnt; noch war der Laden da mit den feinen Korbwaren, aber es war nicht mehr Fräulein Jadelot, die feil bot; ein junger Mann stand in der Tür, der ironisch nach ihr hin sah, "wie sie die Augen von dem dunklen, schmalen Flurmit der steilen Treppe nicht wegwenden konnte.
Und nun wendete sie sich um.
Da stand ja das hohe, mächtige, alte Haus, wo sie die glücklichsten Tage verlebt hatte.
Ganz langsam, wie in frommer Scheu stieg sie die schmalen Stufen der Bogengänge hinab, über den engen Platz hinüber zu dem breiten Tor, das in die riesige, dunkle Einfahrt führte.
Und wie sie ging, sah sie zu den hohen Fenstern auf, wo einst Oswalds Eltern gewohnt hatten. Hinter den Spiegelscheiben blähten sick weiße Gardinen, wer wohl heute dort wohnen mochte?
61. Jahrgang.
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handen sei, möge man im Wechseln der Stellen tn Eisenbahndireklionen ängstlicher zu Werke gehen. Minister v. Breitenbach erklärte, daß ohne Not solche Wechsel in den Stellen nicht vorgenommen würden. — Am Mittwoch wurde zunächst der Gesetzentwurf'zur Vermeidung von Doppelbesteuerung in dritter Lesung erledigt, ebenso der Gesetzentwurf auf Einsetzung von Bezirkseisenbahnräten und eines Landeseisenbahnrats. Dann wurde die zweite Lesung des Eisenbahnetats fortgesetzt. In der Debatte wurde lediglich allerlei lokale Wünsche sowie Arbeiter und Beamtenwünsche zur Sprache gebracht. — Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Donnertag die zweite Lesung des Eisenbahnetats fort und beschäftigte sich hierbei in der Hauptsache mit Arbeiter- und Beamtenwünschen. Minister von Breitenbach legte dar, daß die Verwaltung durchaus kein Interesse daran hätte, die Löhne der Arbeiter niedrig zu halten. Neben den Löhnen hätten die Arbeiter auch sonst noch mancherlei Vorteile; sie rückten vielfach in Beamtenstellen auf und genössen die die wesentlich gesteigerten Leistungen der Pensionskasse. Arbeiterentlafsunge» würden nur im äußersten Notfalle. vorgenommen werden, den Arbeiterausschüssen gegenüber würde möglichstes Entgegenkommen gezeigt. Zum Schlüsse verursachten die sozialdemokratischen Abgeordneten unerhörte Skandalszenen, wie sie das ^»aus noch nicht erlebt hat, so daß Präsident von Kröcher erklärte, von Ordnungsstrafen absehen zu wollen, da diese erfahrungsgemäß doch nichts nützten; das Haus möge ihm eine Geschäftsordnung geben, die ihm schärfere Machtmittel böte. — Am Freitag fanden die sozialdemokratischen Skandalszenen ein Nachspiel in einer längeren Geschäftsordnungsdebatte, in der von ^!en Seiten mit Ausnahme der Sozialdemokraten die Notwendigkeit einer baldigen Verschärfung der Geschäfts» ordnung zum Ausdruck kam. Bei der Fortsetzung der Beratung des .Eisenbahnetats besprachen zahlreiche Redner die Verhältnisse der Eisenbahnarbeiter. Minister von Breitenbach gab, soweit ihm nicht die schwebenden gerichtlichen Untersuchungen eine Reserve auf- erlegten, eine Darstellung der Umstände des Mühlheimer Unglücks und betonte, daß die Eisenbahnverwaltung durch einen besonderen Sicherheitsausschuß alle neuen Erfindungen zur Sicherheit des Betriebes prüfen ließ.
— Bei der Landtagsersatzwahl im 6. Berliner Wahlkreise wurde der Sozialdemokrat Hoffmann mit 416 gegen 18 Stimmen gewählt. Die Freisinnigen hatten Wahlenthaltung proklamiert. Nötig wurde die
In der dunklen Einfahrt kreuzten die Arbeiter aus der Buntpapierfabrik ihren Weg; alles, alles war noch wie einst, nur sie nicht mehr. Das lachende, sonnige Kin- derglück war dahin; die Mutter begraben, der Geliebte, der Freund verloren.
Und verflogen war das frohe Heimatgefühl, das sie eben noch erfüllte.
Dort war einst ihr bunter Ball in den Keller gerollt und Oswald hatte ihn wieder geholt. Und doch redeten die Kinder der Nachbarschaft von allerhand Spuk- und Gespenstergeschichten, die sich, in dem feuchten, großen Keller begeben haben sollten. Aber Oswald fürchtete sich nicht: „Weine nicht Cäcilie, ich hol' ihnDir!"
Und nun stiegen ihr bei der bloßen Erinnerung schon die Tränen in die Augen; aber der war fern, der hätte sagen können: „Weinenicht, Cäcilie!" Jetzt lag der weite gepflasterte Hof vor ihr, die Weinrebenspaliere, die ihn umgaben, warenseitdenKindertagenhochemporgewach- sen und faßten mit ihrem junggrünen Blätterschmuck alle Fenster des oberen Stockwerkes ein; von der Remise her duftete es immer noch nach blumigem Heu, und Kaleschen standen dort, wie damals, als sie Verstecken mit Oswald Göllnitz spielte.
Sie trat so sachte auf, als ginge sie durch die Kirche, so groß und hehr dünkte ihr das Heiligtum der Kindheit, und wie vor einem verwunschenen Schloß rastete sie jetzt an der eisernen Gitterpforte, die zum Gärtchen führte.
Tiefherab hingen die Ranken wilden Weines, sieschlepp- ten auf den Stufen auf und krochen bis in den Hof hinein. Scheu und behutsam legte sie die Hand aufs Schloß, und bis zum Hälfe empor'schlug ihr Herz.
Wenn verschlossen wäre, wenn der süße, wehmütig liebe Erinnerungstraum zerrönne?Doch nein, der Drücker gab nach. 164,18
Durch einen Spalt schob sie sich hinein; wie in einem Märchenland stand sie, die Hände aufs Herz gepreßt.