SchlüchtrrnerÄitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtscha 'chev..Äätgeber,
_________ vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
.V. 35. Samstag, toi 30. April 1910 61. Jahrgang.
Erstes Aalt.
Amtliches.
Krets-Mehverstcherimg betreffend.
Nach Maßgabe der Geschäflsübersichten für das Etatsjahr 1909/10 hat der Kreis-Ausschuß die Erhebung folgender Prämien für das II. Halbjahr (1. Oktober 1909 bis 31. März 1910) beschlossen.
Für das versicherte Rindvieh 70 Pfg. von 100 Mk. Versicheruttgskapital,
für die versicherten Pferde 1 Mk. von 100 Mk. Versicherungskapital.
Die Hebelisten hierüber sind den Herrn Ortsvertretern inzwischen übersandt worden. Diese wollen die Prämien alsbald erheben und bis spätestens den 20. Mai cr. an die Kreiskommunalkasse abliefern.
Die Herren Bürgermeister wollen im Interesse der guten Sache die Ortsvertreter tunlichst unterstützen, dadurch, daß sie denselben die Ortsdiener bei Einsamm- lung der Beiträge und Aushändigung der Policen usw. zur Verfügung stellen.
Schlüchtern, den 25. April 1910.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
Valentiner.
Deutsches Reich.
— Straßburg i. E. Der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise mit Gefolge sind am 23. ds. Mts. im Sonderzug um 5 Uhr 45 Min. hier eingetroffen. Auf dem Bahnsteig hatten sich zum Empfang eingefunden: Statthalter Graf Wedel mit Gemahlin, Gouverneur General Freiherr von und zu Eglostffein und Kommandant Generalleutnant Schüler von Senden. Der Kaiser und die Kaiserin begrüßten die Versammelten sehr freundlich: die Kaiserin nahm aus den Händen der Gräfin Wedel einen Blumenstrauß entgegen. Die Majestäten und die Prinzessin begaben sich im Automobil nach dem Kaiserpalast, wo sie ihre Wohnung nahmen; auf dem Wege dorthin wurden sie von der Bevölkerung herzlichst begrüßt. Die Truppen der Garnison bildeten Spalier. Abends 8 Uhr fand bei ihren Majestäten im Kaiserpalast eine Tafel statt.
— Straßburg i. E. Der Kaiser machte Dienstag vormittag in Begleitung des Professors Dr. Hergesell einen Spaziergang und folgte um 12 Uhr einer Einladung des Staatssekretärs Freiherr» Zorn von Bulach zur Frühstückstafel. Ihre Majestät die Kaiserin
und die Prinzessin machten heute vormittag einen Spaziergang in der Orangerie. Die Kaiserin besuchte später das Waisenhaus in Neuendorf und empfing, in -den Kaiserpalast zurückgekehrt, die Gemahlin des Kommandierenden Generals v. Fabeck.
— Die Kaiserliche Familie hat sich am 28. ds. von Straßburg nach Schloß Urville begeben.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Sonnabend mit den Anträgen auf Erhöhung der Veteranenbeihilfen. Alle Parteien, selbst die Sozialdemokratin, waren mit dem Grundgedanken der Anträge einverstanden. Für die verbündeten Regierungen griff Reichsschatzsekretär Wermuth mit einer längeren Rede in die Debatte ein, in der er zunächst feststellte, daß Deutschland mit seinen Leistungen für die Veteranen an der Spitze aller europäischen Staaten marschiert, in der er aber dann weiter in geistvoller und mit einem gesunden Humor durchsetzten Art all die Schwierigkeiten schilderte, die der Einführung einer Wehrsteuek in Deutschland entgegenstehen. — Am Montag wurden zunächst einige Petionen erledigt und dann verschiedene kleinere Vorlagen beraten. Die Verminderung der Reichstagsdrucksachen wurde nach den Vorschlägen der Butgetkommission beschlossen. Der Gesetzentwurf über die Errichtung eines Kolonial- und Konsulargerichtshofes wurde einer besondern Kommission überwiesen. Der Konsulatsgebühren-Gesetzentwurf und die Vorlage betreffend Ausgabe kleiner Aktien in Kiautschou gingen an die Budgetkommission.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die zweite Beratung des Kultusetats fort, und es wurden die immer wiederkehrenden Fragen und Klagen vorgebracht. Der Abg. v. Jagdzewski (Pole) wandle sich gegen die Ostmarkenzulage, und Ministerialdirektor D. Schwartzkopff erwiderte ihm, daß besonders die Lehrer bei ihrer schweren Aufgabe die Ostmarkenzulage verdient haben. Beim Kapitel „Oberkirchenrat, Konsistorien, Geistliche und Kirchen" trat der Abg. Runze (fortschr. Vp.) für eine bessere Versorgung der Pfarrwitwen ein. Beim Kapitel „Universitäten und Charilö-Krankenhaus Berlin" sprach der Berichterstatter Dr. v. Savigny (Z.) nochmals gegen die Errichtung einer Universität in Frankfurt a. M. Abg. Graf Houssonville (kons.) wünschte eine Klärung der Privat- dozentenfrage. — Am Montag trug der Abg. Dr. von Liszt (fortsch. Vp.) eine große Reihe von Wünschen vor. Der Abg. v. Negelin (kons.) wandte sich gegen die Errichtung einer Universität in Frankfurt a. M. worauf der Kultusminister v. Trott zu Solz erklärte,
amtlich wäre an ihn die Frage der Gründung einer Universität in Frankfurt a. M. nicht herangetreten. Abg. Liebknecht (Soz.) bezeichnete unsere Universitäten als Institutionen bestimmter Klassen, auf denen es eine Lehrfreiheit nicht gebe, was von dem Abg. Gyß- ling (f. V) zurück gewiesen wurde. Zum Schlußkamen noch die Exzesse des Corps Borussia in Bonn zur Sprache.
— Eine Urenkelin des Altreichskanzlers geboren. Aus Rostock wird berichtet: Dem seit dem Februar v. I. mit der Gräfin Hertha von Bismarck, ältesten Tochter des Grafen Wilhelm von Bismarck und gleichzeitig das älteste Enkelkind unseres Altreichskanzlers, verheirateten Privatdozenten der Theologie Dr. Glawe- Rostock, ist ein Mädchen geboren worden.
— Zur Jubelfeier der Berliner Universität wurde von einem vorberatenen Komitee beschlossen, die Gründung eines Studentenheimes in der Nähe der Universität in die Wege zu leiten.
— Die verwitwete Großfürstin Sergius wurde in Moskau zur Aebtissin geweiht.
Ausland.
— Die Eröffnung der Brüsseler Weltausstellung ist in Anwesenheit des Königs und der Königin von Belgien des diplomatischen Korps, des Ministeriums sowie der Mitglieder der Parlamente erfolgt. Deutscherseits wohnten derFeier der deutsche Gesandte von Flotow bei, ferner als Vertreter des Staatssekretärs des Innern der Direktor im Reichsamt des Innern Just, Reichstommissar Geh. Regierungsrat Albert, der Präsident des deutschen Ausstellungskomitees Geh. Kommerzienrat RavenbsowieGeh.KommerzienratGoldbergerFerPräsident der ständigen Ausstellungskommission für die deutsche Industrie.
-- Eine englisch-deutsche Abteilung der Londoner Handelskammer ist endgültig gegründet worden. Das Organisationskomitee empfahl in seinem Bericht unter andereni die Förderung der Bewegung zugunsten der Errichtung einer englischen Handelskammer in Hamburg mit ev. Zweiginstituten in anderen deutschen Städten. Der Bericht des Komitees wurde einstimmig angenommen und Dr. Ernst Schuster zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen Abteilung gewählt. Alsdann wurde eine Subkommission ernannt, die darüber beraten und Bericht erstatten soll, wie einige Unbequemlichkeiten überwunden werden können, bei den Rechtsstreitigkeiten zwischen zwei Parteien, von denen die eine in England und die andere in Deutschland wohnt.
— Bei sozialdemokratischen Demonstrationen in
In der Schute des Lebens.
Roman von Editha v. Welten. 2
Dieser Winter nach dem langen Trauerjahre um Papa war auch zu schön. Bor Weihnachten viele Theaterbesuche, Opern und Konzerte und einige kleine Gesellschaften, und nun gleich im Januar dieser köstliche Ball, dem noch mindestens drei oder vier ebensolche folgen würden, vielleicht sogar im Februar ein Maskenfest. Mama hatte ihr drei neue Ballkleider für diese Saison versprochen, und daß sie ein ausgesuchtes, schönes Maskenkostüm bekommenwürde, stand außer aller Frage, wofür war sie denn das einzige Kind einer wohlhabenden Mutter?
Mittlerweile war es zehn Uhr geworden, und die beiden saßen noch immer beim Kaffee. Jetzt ertönte die Flurglocke.
„Tante Laura," sagte Lina, „ich höre es am Klingeln."
Sie eilte hinaus auf den Korridor, an Verlangsam wandelnden Marie, die mit Staubtuch und Wedel aus dem Salon kam, vorbei und empfing die Tante mit herzlicher Begrüßung.
„Nun, schon auf, kleine Ballfee?"
„Was denkst Du, Tantchen, längst schon, wir haben uns aber ein bißchen verplaudert, komm herein, bitte, Mama trinkt eben den letzten, kalten Schluck Kaffee."
JmZimmer mußte TanteLaura alle die Sträuße einzeln bewundern und hören, wer sie gespendet. habe. Frau Willfurth faßte noch einmal die Erlebnisse des gestrigen Abends in einen halbstündigen Bericht zusammen, den sie ihrer Schwägerin mit Verve vortrug.
Diese hörte aufmerksam zu, nur hin und wieder glitt ein leichtes Lächeln um ihren scharfgeschnittenen Mund, und die Nasenflügel vibrierten in eigentümlicher Weise.
«Und Du kannst glauben, Tante Laura," schloß sich
Lina an, „wenn Du uns Grete mitgegeben hättest, würde sie sich auch amüsiert haben."
„Meinst Du?"
„Gewiß, es waren Herren genug, und Grete ist doch so niedlich."
„Wäre sie häßlich, so hätte ich sie vielleicht mitgehen lassen."
Lina sah verblüfft der Sprechenden ins Gesicht.
„In allem Ernst, liebes Linchen. Als unbeachtetes Mauerblümchen wäre sie vielleicht zu der Einsicht gekommen, daß ein Ball nicht etwas unbedingt Schönes ist, während ihr eine volle Tanzkarte und so süße Huldigungen.." mit einer entsprechenden Handbewegung .. „sicher zu Kopf gestiegen wären und sie von ihrem Studium abgelenkt hätten."
„Aber bis Ostern ist noch lange hin; was Grete in einigen Stunden versäumte, holte sie gewiß bald wieder nach."
Frau Nerling schüttelte abwehrend den Kopf und sagte bestimmt: „Ehe der Kursus beendet ist, erlaube ich Grete keine Versäumnis; sie wird es mir später danken, wenn ich jetzt streng bin. Das Stenographieren wird ihr besonders schwer, und ich bin mehr dafür, daß sie nach stundenlangem Lernen und Neben einen tüchtigen Spaziergang macht und zur Zeit ins Bett kommt, als daß sie die halbe Nacht im dunstigen Ballsaal durchtanzt."
„Jin nächsten Winter, wenn sie eine Stelle gefunden hat, und selbst Geld verdient, habe ich nichts dagegen, daß sie auch 'mal etwas für ihr Vergnügen ausgibt. Wir Eltern können unsere Kinder nur zu einfachen, arbeitssamen Menschen erziehen, weiter reichen unsere Mittel nicht."
Frau Willfurth rückte auf dem Platze unruhig hin und her. Sie liebte es nicht, wenn ihre Schwägerin in Linas Gegenwart ihre schroffen Ansichten äußerte, von
moderner Erziehung und Mädchenberufen sprach. Was Beruf! Der einzige und natürliche Beruf eines Mädchens war die Ehe, sie, die Mütter hatten geheiratet, warum sollten es die Töchter nicht auch. Aber wenn man, wie Laura, die armen Kinder nur auf Gelehrsamkeit dressierte, sie nie ausführte und auch nicht nett und geschmackvoll kleidete, wie sollte da ein Mann auf sie aufmerksam werden! Freilich, Amalie, die Aelteste bei Nerlings, war gar nicht hübsch, die war als Lehrerin ganz gut versorgt, und mit der Jüngsten, dem kleinen, häßlichen Kobold, der eben erst aus der Schule Fekommen, war auch keine Ehre auf dem Parkett einzulegen.
Aber Grete war wirklich allerliebst, eigentlich ein bißchen aus der Art geschlagen, und Frau Willfurth gelobte sich in wohlwollendem Tanteherzen, gleich, wenn ihre Lina verlobt wäre, sich der Sache anzunehmen und ihre Nichte Grete bald und glücklich unter die Haube zu bringen. Auf ein paar hübsche Ballkleider mit dazu gehörigem Ausputz kam es ihr durchaus nicht an. Sie wollte doch einmal sehen, ob ihr guter Wille nicht endlich den Sieg über den elterlichen Starrsinn der Nerlings davontragen würde. Ein klein wenig gerührt über sich selbst und ihren opferwilligen Vorsatz, hörte sie nur mit halbem Ohr auf das, was Lina und Tante Laura noch plauderten, sprach aber, als die letztere sich bald darauf verabschiedete, sehr freundlich die Hoffnung aus, sie bald wiederzvsehen.undzwarmit Mann und Kindern am nächsten Sonntag zum Mittagessen. Leider mußte sie eine Abweisung erfahren.
„Ich danke Dir herzlich, liebe Ottilie, ich muß für uns ablehnen. Du hast immer so herrliche Braten, so seines Gemüse, daß es uns am Montag zu Hause gar nicht wieder schmecken will. Es ist besser, wir bleiben bei unserer Hausmannskost."
Die Frau Professor war beleidigt.
Lina bestürmte die Tante noch mit Bitten, umsonst, sie blieb fest. „ 168,18