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WuchternerMtung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".__

Erscheint Mittwoch und Samstag. -- Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

^n Mittwoch, ben~18. Mai 1910 61. Jahrgang.

Sisenbahn-Wiinsche des Wahlkreises Gelnhal. seu- Schlüchtern im Preußisa,en Abgeordneten ms am 9. Mai 1910.

Abg. Meyenschein (kons.): M. H., seit Ji hren wartet der Kreis Schlächtern auf eine Erschließung durch Kleinbahnen. Die große, den Norden mit dem Süden verbindende Durchgangsstrecke BerlinErfurt BebraFrankfurtBasel, die durch den Kreis führt, hat bei ihrer Anlage auf die Erschließung des Landes keine Rücksicht genommen, vielleicht auch, wie ich zu­geben will, keine Rücksicht nehmen können. Jedenfalls bedarf es in diesem Kreise dringend einer Ergänzung des Eisenbahnnetzes. Insbesondere ist es der östliche Teil des Kreises, wo eine Bahnverbindung der Orte Mottgers, Weichersbach, Heubach, Oberkalbach mit der Hauptstrecke bei Fulda in Angriff genommen werden muß. Ich bitte dringend, diese Strecke baldigst in den Bauplan aufzunehmen. Aehnlich liegen die Dinge im südlichen Teile des Kreises bei Oberndorf, Mernes, Marjoß, die einen Anschluß an die Strecke Elm- Ge- münden bei Jossa bedürfen, um die reichen Schätze an Holz und Stein verwerten zu können, aber uch um die Landwirtschaft durch Zufuhr von Futter- und Düngemitteln, die heute mit unendlichen Kosten und Mühen per Achse herbeigeschafft werden müssen ren­tabler zu machen. Heute stellen sich die Anschaffungs­kosten für diese Rohstoffe so hoch, daß dadurch die Ren­tabilität ihrer Anwendung fast in Frage gestellt wird. Gerade in diesen Gegenden wohnt aber ebenso wie in den vorhin genannten eine fleißige und tüchtige, intelligente, Ackerbau treibende Bevölkerung, die in ihrem Streben vom Staat unterstützt werden muß. Diese Unterstützung soll nicht in Almosen sondern darin bestehen, daß, man durch Verbesserung des Verkehrs die Herbeischaffung der für Ackerbau und Viehzucht notwendigen Rohstoffe verbilligt und den Preis für ihre Produkte eben dadurch erhöht, daß die Transport­kosten vermindert werden. Es sind das Binsenwahr­heiten, aber ich möchte dem Wunsch Ausdruck geben, daß die Konsequenzen daraus nun auch für unseren Kreis von der Staatsregierung gezogen werden. Man darf die Bevölkerung nicht an den Kreis verweisen und sagen, daß dieser die Bahn bauen soll. In dem Nach­barkreise Gelnhausen, der ebenfalls zu meinem Wahl­kreise gehört, haben wir ja eine ganze Menge von Klein­bahnen, und der Kreis ist gewissermaßen vorbildlich dafür, wie der Staat im Lande mit den Kommunen diese

In der Schute des Leöens.

Roman Don Editha v. Welten. 10

Im Sommer reisten Willfurths in die Schweiz und verlebten fünf schöne Wochen am Bierwaldstätter See.

Auf der Rückreise berührten sie Berlin, wo sie auf Linas Wunsch einige Tage blieben. Zwar waren die meisten Theater geschlossen, und die verhängten Fen­ster vieler besserer Häuser deuteten an, daß die Bewoh­ner noch auf Reisen waren. Linden und Tiergarten begannen sich leise zu färben, aber den beiden Damen aus der Provinz war auch das sommerliche Berlin noch ungemein interessant. Namentlich Lina konnte sich nicht satt sehen an dem großartigen Treiben in den Haupt­verkehrsstraßen ; ihr war, als wehte hier eine andere, geistig bewegtere Luft als in der Heimat. Sie ließ sich von der Mutter versprechen, daß sie im nächsten Winter mehrmals herüberfahren wollten auf zwei, drei Tage. Frau Willfurth tat es bereitwillig, sollte aber sehr bald Gelegenheit haben, ihr Versprechen zu bereuen.

Am anderen Vormittag, als sie im herrlichsten Son­nenschein langsam die Linden hinabschritten, klang es plötzlich dicht vor ihnen mit einer Stimme, der man die freudige Ueberraschung anhörte:Gnädige Frau, gnä­diges Fräulein, Guten Morgen! Sie hier in Berlin?"

Mutter und Tochter blickten erstaunt auf und letz­tere konnte nicht verhindern, daß es in ihren Augen aufleuchtete und ein flammendes Rot ihr Gesicht über- goß. Frau Willfurth bemerkte es wohl und ein Gefühl des Aergers überkam sie. Da war er ja, der Gegen­stand ihrer mütterlichen Besorgnisse, der armselige Stu­dent, dem sie nie und nimmer ihre Lina geben würde, und wenn diese sich zehnmal in den hübschen, liebens­würdigen Menschen verlieben sollte, was nach ihrem Rotwerden leicht zu befürchten stand. Ihre elegante Tochter und ein Schulmann, dem seine Bücher und die ungezogenen Rangen in Quarta und Quinta mehr

Kleinbahnen geschaffen hat. Aber das kann der Kreis Schlüchteru nicht ohne weiteres nachmachen. Er hat große Opfer für Wegebauten, für die Errichtung von (Krankenhäusern usw. gebracht und kann nun nicht auch och aus eigenen Mitteln die nötigen Bahnen selber auen. Hier muß eben der Staat einlreten. Ich habe soeben den Kreis Gelnhausen genannt. In diesem sind wir mit Kleinbahnen sozusagen saturiert, aber trotzdem gibt es noch einen schönen, großen Teil des Kreises der nach Bayern zu und weit ab vom Verkehr entfernt liegt. Es ist nun jetzt von Bayern geplant, eine Verbindung nach den bayerischen Bahnen bei Partenstein für die Orte Lohrhaupten, Kempfenbrunn und Flörsbach zu schaffen. Ich bitte die Königliche Staalsregierung, doch, soweit die Bahn auf preußisches Gebiet übergeht, dies Projekt wohlwollend zu fördern. Ich will nun weder wegen dieses, noch wegen des vor­hergenannten Projektes die Verhandlungen hier dadurch aufhalten, daß ich die Notwendigkeit eingehend begründe, sondern ich will, wie ich das auch seither bereits ge­tan habe, ferner bemüht bleiben, diese dringend not- wendigeBahn bei den zuständigenStellen solange zu fördern, bis das Ziel endlich erreicht ist. Zum Schlüsse möchte ich auch heute wieder einen langjährigen Wunsch von sieben Gemeinden des Kreises Schlüchtern, darunter die Gemeinden der Kirchspiele Hintersteinau und Wallroth, zum Ausdruck bringen, nämlich, daß man ihnen endlich eine Haltestelle am Diestelrasen zwischen Elm und Flieden errichte. Bereits mein Vorgänger hier im Ab« geordnetenhause der Abg. Zimmermann, hat sich um diese Haltestelle bemüht, da sie tatsächlich einem dring­enden Bedürfnis entspricht. Vor zwei Jahren war die Sache auch endlich soweit gediehen daß die Be­hörden nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Aus- s ihrbarkeit dieser Haltestelle anerkannten die Eisen« bahndirektion sagte aber damals, wie mir die Inte­ressenten mitgeteilt haben, zurzeit könnte man die Sache noch nicht in Angriff nehmen, man müßte warten, bis die Frage des Bahnhofes in Elm geklärt wäre, die damals durch den Dammrutsch bei Elm im Vordergründe stand. Diese Frage ist nun wohl durch den notwendig gewordenen und in Arbeit befindlichen Tunnelbau geklärt, aber von der Errichtung der Haltestelle hört man nichts mehr. Hoffentlich genügt diese Anregung, um die Sache endlich nach mehr als zehnjährigen Bemühungen zum Ziele zu führen. Noch ein kurzes Wort für die Gemeinde Elm. ° Wenn Elm infolge des Tunnelbaues leider von seiner Bedeutung

galten, als seine junge Frau .. nein, Lina sollte nicht dasselbe Los tragen wie ihre Mutter, die zwanzig Jahre lang unter ihrer Torheit gelitten hatte, nachdem sie .. leider .. ihren verliebten Willen durchgesetzt.

Daß sie auch ganz vergessen mußte, daß dieser Wal­ter Schneider jetzt in Berlin studierte.

Diesen Erwägungen angemessen, fiel denn auch ihre Begrüßung ziemlich kühl aus, und seine Bitte, für den Rest ihres Aufenthalts in der Reichshauptstadt ihr Füh­rer sein zu dürfen, wäre wohl schroff abgelehnt wor­den, wenn nicht Lina ihr vorgegriffen und mit dank­barer Bereitwilligkeit erklärt hätte, gern würden sie sich seiner Führung anvertrauen.

So ging es denn zu Dreien weiter, und die beiden jungen Leute waren bald im eifrigsten und fröhlichsten j Zwiegespräch, ohne daß ihnen die Einsilbigkeit der Mama besonders ausgefallen wäre.

Diese machte die gewaltigsten Versuche, ihres AergerS Herr zu werden, der dreiste Mensch sollte nichts mer­ken von ihren Befürchtungen, das fehlte noch! Aber ein Ausweg mußte gefunden werden, Lina seinem Ein­flüsse zu entziehen. Die Ferien standen vor der Tür, die langen Wochen daheim, die gefällige Schwester Wilhelmine . . da war wirklich die schönste Gelegenheit zu albernen Liebeleien.

Ein Plan reiste in ihrem Kopfe, der zwar nur eine vorläufige Hilfe bot, der aber immer noch besser als gar nichts war, und das nächstliegende, Trennung der Parteien, bezweckte.

Schnell entschlossen ging sie zu Werke, begann über die Hitze in Berlin, in den Städten im allgemeinen, zu klagen, und ließ durchblicken, daß es übereilt von ihnen gewesen wäre, schon jetzt in die staubige Stadt zurückzukehren, während es auf dem Lande oder an der See noch so schön sei, und als sie am Abend ihren ritterlichen Begleiter dankend entlassen hatten, Lina

MMMlii ,l'imiMWIMMB«»mBMM^ einbüßt, wenn die schweren Lasten welche sich die Gemeinden für die zahlreichen Bahnbeamten aufgeladen hat, durch den Rückgang der Steuerkräfte am Ende noch schwerer werden sollten, dann bitte ich, wie ich das bereits beim Auftauchen, des Tunnelprojektes im Ministerium getan habe, daß die Eisenbahnverwaltung alles tut, um die Gemeinde Elm vor Schaden zu be« wahren. (Bravo! rechts.)

Deutsches Reich.

Der Kaiser trat am heutigen Dienstag die Reise nach London zur Teilnahme an den BeisetzungS- feierlichkeiten an. Er trifft am nächsten Donnerstag in London ein und wird im Buckingham-Palast wohnen. Prinz Heinrich begleitet ihn als Vertreter der deutschen Flotte. Ueber die Dauer des Aufenthalts Kaiser Wilhelms in England ist nichts bekannt.

Zu Homburg besteht die Absicht, dem verstor­benen König von England ein Denkmal zu errichten. Es sind hierzu bereits 1000 Mk. gezeichnet. Das kann nur eine lokale Bedeutung haben, da König Eduard sehr oft in Homburg zur Kur verweilte, und würde auch eine Art von Reklame für die Engländer zum Besuch von Homburg sein.

Berlin. Die unter Führung des kaiserlichen Prinzen Tsai-toa stehende chinesische Studienkommission, die seit einer Woche in Frankreich und England Be­sichtigungen industrieller und kriegstechnischer Werke vornimmt, trifft am 28. Mai zu ähnlichen Zwecken in Berlin ein und wird wohl u. a. auch Essen, Ham­burg Stettin, Magdeburg besuchen. Die Ausarbeitung des deutschen Programms liegt in der Hand des Aus­wärtigen Amtes. Als Ehrendienst bei dem Prinzen Tsai-tao sind kommandiert: der Chef des Generalstabes de--. XVI. Armeekorps^ in Metz, Oberst von Falkenhahn, der früher chinesischer Militärinstrukteur, später Chej des Generalstabes der ostasiatischen Besatzungsbrigade war, ferner der deutsche Militärtachee in Peking Major von Westernhagen und zwei Oberleutnants als Dol­metscher. Der Prinz wird voraussichtlich auch eine Audienz beim Kaiser haben.

Die Zusammensetzung des Wirtschaftlichen Aus­schusses. DieNeue Politische Korrespondenz" schreibt: In der Presse ist verbreitet worden, daß der Wirt­schaftliche Ausschuß zur Vorbereitung handelspolitischer Maßnahmen, nachdem der Zentralverband Deutscher Industrieller und der Deutsche Handelstag zur Präsen­tation von je drei neuen Mitgliedern aufgefordert sind

mit enthusiastischemAuf baldiges Wiedersehen!" stand es fest: sie gingen noch an die Ostsee, nach Herings­dorf oder Diewenow.

Da wäre es nun freilich am einfachsten gewesen, die von Berlin so günstigen Anschlüsse zu benutzen, doch da bis zum Schluß des Semesters noch über acht Tage hin waren, hielt es Frau Willfurth für plastischer, direkt nach Haufe zu fahren, dort nach dem Rechten zu sehen, und die ungefährliche Zeit mit Instandsetzungen der Reisegarderobe usw. hinzubringen. Dann begaben sie sich für weitere vier bis fünf Wochen nach Heringsdorf.

Hier war es, wo Lina zum ersten Mal als Erwach­sene ein fashionables Badeleben kennen lernte. Sie fan­den eine befreundete Familie vor, die bereits vierzehn Tage in Heringsdorf weilte und sich in diesem Zeitraum bereits einen großen Bekanntenkreis verschafft hatte, für welchen die Damen Willfurth einen unzweifelhaft ivertvollen Zuwachs bildeten. Linas anmutige Erschei­nung, gehoben durch reizende Sommertoiletten, ihr ge­winnendes Wesen und der nicht verborgen gebliebene goldene Hintergrund machten sie bald zum Mittelpunkt ür die jüngere Herrenwelt, unter der, nach Frau Will- urths Ansicht, einige sehr annehmbare Freier gewesen wären. Sie hätte ihr Töchterchen ja gern noch ein Jahr oder zwei behalten, wenn das Geschick es aber wollte, daß sie sich auf diesem Strande verlobte.. in Got­tes Namen, selbstverständlich nur, wenn sie eine gute Partie machte.

Da waren ein junger, eleganter Arzt, ein adliger Rechtsanwalt und ein bildschöner Maler, der nicht nur Talent hatte, sondern auch bereits Mode war.

Diese und noch andere umschwärmten das junge Mäd­chen und gaben sich redlich Mühe, sich ihre Gunst zu erwerben. Doch Lina behandelte sie alle gleich freund- lich, die sinnigsten Aufmerksamkeiten, die feurigsten Blicke prallten wie an einem Panzer an ihrem ungerührten Herzen ab. 168,18