SchlilchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
_______________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
J.-Nc. 3368 K. A. Auf dein am 7. d. Mls. in Sterbfritz stallgehabten Körungslerwin sind folgende Bullen Simmentaler Reinzucht angekört worden:
1. ein Bulle 13% Monat alt, des Adam Hilberg in Gundhelm,
2. ein Bulle 13 Monat alt, der Freiherrlich von Stuinnfischen Verwaltung in Ramholz,
3. ein Bulle 13 Monat alt, der Freiherrlich von Stumm'schen Verwaltung in Ramholz.
4. ein Bulle 13% Monat alt, des Melchior Löffert in Breunings,
5. ein Bulle 13 Monat alt, des Heinrich Blum in Sterbfritz,
6. ein Bulle 13'/, Monat alt, des Heinrich Blum in Sterbfritz,
7. ein Bulle 16 Monat alt, des Johann Georg Kohlhepp in Schwarzenfels—Grieshof.
Ein Bulle wurde zurückgestellt und zwei wurden ab- gekört.
Schlüchtern, den 19. Mai 1910.
Der Königliche Landrat: Valentin er.
Deutsches Deich.
— Kaiser Wilhelm hat dem Expräsident Roosevelt vor dessen Abreise aus Berlin ein Abschiedsgeschenk überreichen lassen. Es besteht in einem Exemplar des Prachtwerkes „Der Kaiser und die Kunst", das vor einigen Jahren hergestellt wurde. Auf das Titelblatt des Bandes hat der Kaiser mit eigener Hand eine in herzlichen Worten geschriebene Widmung eingetragen.
— London. Vier Torpedobootzerstörer haben tW» fehl erhalten, dem Kaiser entkegenzufahren und die Hohenzollern in den Hasen von Sheernes zu begleiten.
— Neues Palais b. Potsdam. Der Kaiser ist am Dienstag um 7 Uhr abends, mit Gefolge von Station Wildpark nach Vlissingen abgereist.
— Vlissingen. Kaiser Wilhelm ist am Mittwoch vormittag kurz nach 10 Uhr hier eingetroffen und hat sich sofort an Bord der Hohenzollern begeben.
— Vlissingen. Die Kaiserjacht Hohenzollern mit dem Kaiser an Bord ist am Donnerstag um 11 Uhr in See gegangen.
— Berlin. Der Kronprinz ist am Montag abend 11 Uhr 40 Minuten vom Bahnhof Friedrichstraße nach OelS abgereist.
— Ein Amtsblatt für Deutsch-Südwestafrika erscheint seit dem 1. April. Damit besitzen sämtliche
Samstag, den 21. Mai 1910
Schutzgebiete, die unter dem Reichskolonialamt stehen, amtliche Organe.
— Die Gesamtsumme der im Jahre 1908 gezahlten Unfallrente hat sich auf 157,1 Millionen Mark oder nahezu auf sieben Millionen Mark mehr als im Jahr 1907 belaufen. Die Steigerung ist etwas geringer gewesen als im Vorjahre, wo sie 8 Millionen Mark ausmachte. Wie gewaltig die Jahresausgabe für die Unfallrenten aber geworden ist, ersieht man aus Vergleichen mit ferner liegenden Jahren. Im Jahre 1898 belief sich diese Ausgabe auf 71,1 Millionen Mark und im Jahre 1888 auf 7,6 Millionen Mark. Die Ausgabe wird sich, da für die Unfallversicherung das Umlageverfahcen gewählt ist, noch weiter von Jahr zu Jahr steigern. Obschon für 1908 erfreulicherweise eine Abnahme der Zahl der Unfälle, für die zum erstenmal Entschädigungen gezahlt wurden, festzuftellen gewesen ist, so ist doch der Beharrungszustand in der Ausgabe für Unfallrente noch lange nicht erreicht.
— Bei der Zahlung von 1907 sind in Preußen 443 055 Landwirtschaftsbetriebe landwirtschaftlicher Arbeiter mit 295 166 Hektar Fläche ermittelt worden, so daß auf jeden Betrieb 0,67 Hektar kommen. Von der Gesamtfläche waren 122448 Hektar eigenes, 89 876 Hektar gepachtetes und 82842 sonstiges (Deputat- usw.) Land. Deputat- usw. Land hatten 236 555 Betriebe mit durchschnittlich 0,35 Hektar. Von der Gesamtzahl der Betriebe bewirtschafteten 36 703 ausschließlich Gartenland, 115 563 ausschließlich Kartoffelland. Das benutzte Land aller Betriebe bestand aus 214 376 Hektar Ackerland, 16 536 Hektar Gartenland, 37 304 Wiesen und reicher Weide sowie 513 Hektar Weialand. Der Rest kam auf Forstland, geringe Weide, Hütung, Haus- und Hofräume usw. Die Zahl der Depulatisten- Betriebe war in den östlichen Provinzen viel größer als in den westlichen; sie stieg bis auf 42 850 in Posen und 47 640 in Ostpreußen, während sie im Rheinland nur 1542 und in Westfalen 335 betrug. _______
Ausland.
— London. Roosevelt traf Pfingstsonntag abend in Vlissingen ein und reiste mit dem Nachtdampfer der Gesellschaft Zeeland, auf dem eine königliche Kabine für ihn reserviert war, nach Queeeborough ab.
— London. Roosevelt ist mit seiner Familie und Lord Dundonald, der im Auftrage des Königs dem früheren Präsidenten bis Queenborogh entgegengefahren war hier eingetroffen. Zur Begrüßung hatten sich auf
61. Jahrgang.
dem Bahnhof eingefunden der amerikanische Botschafter mit den Mitgliedern der Bootschaft, der amerikanische Generalkonsul sowie zahlreiche Mitglieder der ameri- kauischen Kolonie.
— Roosevelt wurde Montag vormittag vom König empfangen und blieb fast eine Stunde in Marlbough House, besichtigte darauf den Buckingham Palast mit dem Botschafter Whitelaw Reid und war auch in dem Zimmer, in welchem der Sarg mit der Leiche des Königs ausgestellt ist.
— Der Generaloberst Freiherr von der Goltz, der Bevollmächtigte des Deutschen Kaisers für die Zentenar- feier Argentiniens, ist in Buenos Aires mit großen Ehren empfangen worden.
— Der Belagerungszustand über ganz Argentinien auf unbestimmte Dauer ist verhängt worden, weil die Anarchisten beschlossen haben, bei Gelegenheit der Hundertjahrfeier einen revolutionären Generalstreik in Szene zu setzen. Die Energie mit der die Regierung der Bewegung entgegentritt, läßt jedoch ein Aufkommen dir Revolutionäre stark bezweifeln.
— In Rapperswyl in der Schweiz hat die Generalversammlung des Vereins Polnischer Nationalschatz stattgefunden. Der polnische Nationalschatz ist eine Gründung der polnischen politischen Emigranten und soll bekanntlich Kapitalien für die Organisation eines bewaffneten Ausstandes sammeln. Es wurde festgestellt, daß die Beiträge im Jahre 1909 viel spärlicher als früher in die Kasse des Vereins geflossen seien. Das Mißtrauen gegenüber dem Verein wird zurückgeführt auf dessen Beherrschung durch die allpolnische P^f, welche übrigens auch die Gelder des Vereins für Parteizwecke angegriffen hat. Im letzten Jahre wurden gesammelt im ganzen 4477 Frank. Die Zinsen vom alten Kapital betragen 11775 Fr. Also beträgt der Zuwachs für das letzte Jahr insgesamt 16252 Fr. Die Ausgaben betrugen 396 Fr. Am 1. Februar 1910 betrug das Vereinsvermögen 290 395 Fr. Es wurde beschlossen einen Teil der Zinsen dem Grün- Waldfonds zuzuführen.
— Die Kosten der Krakauer Tannenbergfeier sind vorläufig auf 75 200 Kronen veranschlagt, werden aber voraussichtlich gegen 100 000 Kronen betragen. Die Stadt Krakau hat für die Feier 60 000 Kronen bewilligt. Den Rest haben die anderen galizischen Städte aufzubringen. Für den Empfang der Delegierten und für Volksvergnügungen sind allein 20 000 Kronen bestimmt. Die Kosten einer Ausstellung von
In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 11
Darinnen lebte ein anderes Bild, noch undeutlich zwar, aber umflossen von einem zarten Rosen- schimmer; ein eigenes Glücksgefühl durchströmte ihr Inneres, sobald sie an die Stunden in Berlin zurück- dachte, und: „Walter, lieber Walter," flüsterten ihre Lippen oft vor sich, wenn sie in Minuten des Alleinseins der Gegenwart vergaß und sehnsuchtsvoll von der Zukunft träumte. Wie von Schwingen getragen, schritt sie durch das Alltagsleben; ein sanfter Glanz strahlte aus ihren blauen Augen, verklärte ihre feinen
Sund verlieh ihr einen Reiz. Selbst Frau Will-
, die doch von Linas Schönheit durchdrungen war, wie nur eine Mutter es sein kann, schaute sie jetzt zuweilen erstaunt an, entzückt von soviel Lieblichkeit.
Manchmal wollte auch ein leiser Argwohn in ihr erwachen, den sie immer wieder zu ersticken suchte, ihr Kind, ihre Gertrud, eine heimliche Liebe haben, die sie ihrer Mutter verbarg .. undenkbar!
„Hat Euch Lina nichts* erzählt?" fragte Frau Regierungssekretär Nerling ihre Töchter, als sie, von einem Ausgange heimgekehrt, hastig ins Wohnzimmer trat.
Beide verneinten und blickten erwartungsvoll auf, die Mutter schien etwas erregt zu sein.
„Na, das muß ich sagen, die Willfurths können schweigen; es hat mich beinahe geniert, mir von fremden Leuten erzählen zu lassen, was meine Verwandten treiben."
Grete und Ottilie waren sehr gespannt.
„Denkt Euch, für drei Zimmer neue Möbel haben sie sich angeschafft, Salon, Eß- und Wohnzimmer, alles natürlich so modern und kostbar wie möglich. Die blaue Garnitur bekommt Lina, und ihre niedliche Einrichtung ist zum Trödler gewandert."
»Weiter nichts?" rief Ottilie enttäuscht, während
Grete etwas mehr Interesse für den Möbelkauf zeigte. „Ich dachte mindestens, Lina hätte sich verlobt."
„Das wird sich wohl auch nächstens ereignen, warte es nur ab. Aber unerhört ist es doch, wie die Frau drauf los wirtschaftet. Wenn das mein Bruder wüßte, der jeden Groschen zusammenhielt, was seine Witwe für Aufwand macht, er müßte sich im Grabe umdrehen. Die Sachen waren alle noch ganz gut, namentlich die im Eßzimmer; das Büfett hat sie auch für ein Butterbrot fortgegeben."
„Das hätten wir schön brauchen können."
„Schäme Dich," fuhr Frau Nerling ihre Jüngste zornig an, „Du trügst wohl am liebsten die abgelegten Kleider Deiner Cousine, wenn sie so gnädig wäre, sie Dir zu schenken. Mir kommt kein Stück aus der Wirtschaft ins Haus, es würde mir jedesmal einen Stich ins Herz geben, wenn ich es ansähe."
„Lina kommt," sagte Grete, die nach der Tür gehorcht hatte, „ich höre ihren Tritt; ach, Mutter, bitte, sprich nicht davon, laß sie nichts merken, sie ist so gut, uns geht es ja doch nichts an, was die Tante mit ihrem Gelde macht."
Frau Nerlingwollte unwillig auffahren, daklingelte es schon und Ottilie schoß hinaus, um zu öffnen.
Es war, als ob die freundliche Septembersonne mit Lina zugleich ins Zimmer käme, so lieb sah sie aus, so Sch nickte sie jeder zu, und selbst die verbissene
e der Tante wurde milder, als die weiche Stimme heitere Worte zu ihr sprach.
In Ottilie brannte die Neugier. Sollte sie eine Anspielung machen? Grete, die ihr das Verlangen in den funkelnden Augen las, sah sie so flehentlich an, dgß sie es wenigstens auf eine passende Gelegenheit verschob.
Frau Nerling war weniger von sanften Regungen abhängig. In einem Ton, der, mehr als sie gewollt, spöttisch klang, forderte sie die Nichte auf, Platz zu nehmen, falls sie sich auf ein so miserables Kanapee überhaupt noch setzte.
Lina horchte betroffen auf, sah die verlegenen Gesichter der beiden Mädchen und fing hell an zu lachen.
„Da seh ich schon, ich komme mit meiner Neuigkeit zu spät, und ich hatte mir es doch von Mama ausgebeten, daß es tiefes Geheimnis bleiben sollte, weil ich Euch überraschen wollte. Na, nun wißt Ihr es schon... Tante, Grete, Ottilie, nun seht mich einmal an, komme ich Euch heute nicht besonders würdig vor? Aber raten werdet Ihr es doch nicht, warum, also: ich bin seit der großen Umwälzung . . also seit gestern.. Besitzerin eines eigenen Schreibtisches, der in meinem eigenen Zimmer steht, wie gefällt Euch das?"
Tante Laura begnügte sich, die Achseln zu zucken und auch die Cousinen waren nicht sonderlich bewegt.
Mit etwas unsicherer Stimme fuhr Lina fort: „Nämlich Papas alter Schreibtisch, an dem er so viele Stunden seines Lebens gesessen, gearbeitet und gegrübelt hat, ist jetzt mein Eigentum. Er ist ja nicht mehr schön und auch ganz modern, für mein Stübchen aber immer noch ein Prunkstück. Dazu die blauen Plüsch,- möbel.. es paßt kein Stück zum anderen, abergeroCoe so finde ich es nett, es sind doch die alten Sachen, unter denen ich aufgewachsen bin." /
„Und Deine hübschen Cretonnemöbel?"
„Ach, die waren schon gar nichtmehr ganz frisch, ich hatte sie ja schon über drei Jahre."
„Allerdings eine unendliche Zeit!"
Frau Nerling ließ den Blick über ihre Wohnstube gleiten, die zugleich Eßzimmer und Arbeitsraum für die ganze Familie bildete. Der abgetretene Teppich, die vielfach gestopften Gardinen und die verschossene Tischdecke waren allerdings nicht fein, und die minderwertigen Möbel wiesen auch die unleugbaren Spuren langjährigen Gebrauchs auf. Es war wirklich an- zuerkennen, daß Lina, diese elegante, junge Dame, so oft hergelaufen kam und sich ohne Naserümpfen stundenlang in dem schäbigen Gemache aufhielt. 168,18