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MWenmMM^ mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".________________________

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

J.-Nr. 1017 L. U. Im vorigen Jahre hat ein Beamter der Hessen-Nassau'schen landwirtschaftlichen Be­rufsgenossenschaft, über die Befolgung der im Jahre 1905 und 1907 erlassenen Unfallverhütungsvorschriften für landwirtschaftliche Maschinen u. f. w. Untersuchungen angestellt. Hierbei hat sich herausgestellt, daß die Schutz­vorrichtungen fast überall fehlten und daß somit die Unfallverhütungsvorschriften höchst mangelhaft beachtet worden waren. Der Herr Landeshauptmann beabsichtigt infolgedessen in etwa 2 Monaten eine Nachunter­suchung über die Befolgung der erlassenen Unfallver­hütungsvorschriften vornehmen zu lassen und dabei die säumigen Unternehmer in entsprechende Geldstrafen nehmen zu lassen.

Im Interesse der Betriebsunternehmer bringe ich dies Vorhaben des Herrn Landeshauptmanns hiermit zur Kenntnis, damit die Landwirte Gelegenheit haben die etwa noch bestehenden Mängel vorher zu beseitigen.

Die Unfallverhütungsvorschriften können bei den Herren Bürgermeistern eingesehen werden.

Schlüchtern, den 1. Juni 1910.

Der Kgl. Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Bei der Krankheit des Kaisers handelt es sich um eine gewöhnliche Furunkelbildung oberhalb des Handgelenks, die aus einem Geschwür besteht und bei jeder Handbewegung Schmerzen verursacht. Da der Kaiser den Arm in einer Binde trägt, wird er in den nächsten Tagen das Zimmer nicht verlassen. Wie der Kronprinz bei der Einweihung des Hauses der Ber­liner Handwerkskammer im engen Kreise äußerte, ist die Erkrankung des Kaisers ganz unbedenklich otz- dem legt sich der Kaiser, soweit ihm dies möglich, Schonung auf. Er läßt sich auch bei den Paraden in Potsdam und Berlin durch den Kronprinzen ver­treten.

In Vertretung des Kaisers nahm der Krön- Prinz die Parade im Lustgarten zu Potsdam ab.

Die Parade der Berliner Garnison auf dem Tempelhofer Felde die Mittwoch vormittag bei Herr- lichem Wetter stattfand, wurde in Vertretung des Kaisers vom Kronprinzen abgenommen. Der Parade wohnte der König und die Königin der Belgier, die Kronprinzessin und die übrigen Prinzen und Prinzessinnen, die chinesische Militärmission, die Mitglieder der deutsch- amerikanischeu Kriegervereine und ein zahlloses Publi-

In der Schule des Lebens.

Roman von Editha v. Welten. 15

Acht lange, lange Wochen hatte Grete nunschon hin­ter sich, aber ihr wollte die rechte Freude an ihrer Tätigkeit noch nicht werden. Wohl füllte sie ihren Platz aus, suchte durch Fleiß und peinliche Gewissenhaftig­keit den an sie gestellten Anforderungen zu genügen, doch heiterer wurde sie nicht dabei. Ihre Wangen hat­ten die jugendliche Färbung eingebüßt, wenn auch an Rundung noch nicht verloren.

Aber das stehe ihr gut, versicherte Lina, die heute, an einem Sonntag Vormittag, einmal wieder zu Ner- lings geschlüpft war, statt mit der Mama ein paar sehr notwendige Besuche zu machen.

Du sähest früher fast zu gesund aus und ich würde Dir nicht zu rosa geraten haben, so aber hoffe ich Staat mit Dir zu machen. Morgen kommt die Schnei­derin?" . _

Es handelte sich um Gretes erstes Debüt, wie Ot­tilie es nannte. Am nächsten Sonnabend gab Frau Willfurth die längst beschlossene und vielbesprochene Tanzgesellschaft, zu der nach langen Debatten zwischen Mutter und Tochter, nicht nur Grete, sondern auch ihr junger Chef eingeladen war.

Frau Meeting hatte mit sauersüßem Gesicht ihreElN- williaung gegeben uud ermähnte Grete nun täglich und stündlich, sich für das Ballkleid nicht in zu lercht- Ljnniqe Ausgaben zu stürzen. Das war freilich auch nicht nötig, da dieDebütantin" in ihrer Jugend und Anmut den schönsten Schniuck besaß. Doch hatte der den Verhandlungen über das Was und Wie Lina als Sachverständige energisch miteingegnffen und so breitete sich denn bald in dem schmalen Madchenstubchen der dritten Etage eine zwar einfache, aber duftig und ge­schmackvolle Toilette nebst allen dazu gehangen Ein- &to^W& Schleifen, Handschuhe und Fächer

Samstag, den 4. Juni 1910

kum bei. Der Kronprinz in der Uniform der Pasewalker Kürassiere und der König der Belgier in der Uniform seiner 16. Dragoner stiegen zu Pferde und ritten die Fronten ab. Sodann erfolgte ein zweimaliger Vorbei­marsch. Nach der Parade führten der Kronprinz und der König die Fahne nach dem Schloß. Die Kaiserin und die Königin begaben sich zu Wagen dorthin. Das Publikum breitete dem Kronprinzen, den belgischen Majestäten und der Kaiserin lebhafte Ovationen. Die Mitglieder der amerikanischen Kriegervereine sahen dem militärischen Schauspiel auf dem Tempelhofer Felde von Wagen aus zu.

Als der Kronprinz Mittwoch mittag nach dem Schluß der Parade über den Schloßpark durch den Lustgarten zum Königlichen Schloß ritt, wurde von einem geisteskranken Mann eine Konservenbüchse mit Perlbohnen gefüllt. Der Mann der sie geschleudert hat, ist der Polizei schon seit längerer Zeit als Geistes­kranker bekannt. Er heißt Abraham Eierweiß, ist ein geborener Russe, betreibt hier in der Kaiser-Wilhelm- Straße ein Partiewarengeschäft und wohnt in der­ber Meyerbeer-Straße.

Das belgische Königspaar ist zum Besuche des deutschen Kaiserhofs in Wildpark bei Potsdam einge- troffen und in Vertretung des Kaisers von dem Kron­prinzen und der Kaiserin feierlich empfangen worden.

Der Antrittsbesuch des belgischen Königspaares in Paris soll am 13. Juli erfolgen. Es ist ein mehr- tätiger Aufenthalt in Paris vorgesehen. Im Laufe des Monats September beabsichtigen König Albert und Gemahlin in der Wiener Hofburg und im Haag, die ersten offiziellen Besuche abzustatten.

Graf Zeppelin wurde zum Ritter des Ordens .,pour le merite für Wissenschaften und Künste erkannt.

Im preußischen Herrenhause wurde am L^n:-. abend die Kultusvebatte fortgesetzt. Gegen Errichtung einer Universität zu Frankfurt a. M. Ivandte sich in längeren Ausführungen der Marburger Professor Dr. Küster. Oberbürgermeister Dr. Wilms-Posen meinte, Frankfurt sei reich genug, um seine Universität selbst zu errichten und bat dann den Minister mit warmen Worten um sein Wohlwollen für die Posener Akademie. Fürst zu Salm-Horstmar brächte einige Klagen über über die Zustände auf der Universität Münster vor. Am Montag fand wieder eine Finanzdebatte zwischen dem Bankdirektor von Spinner und dem Finanzminister Frhr. v. Rheinhaben statt. Die Gründe mit denen der Finanzminister nachwies, daß die Finanzpolitik

auf Bett und Stühlen aus. Die Anprobe war zur Zu­friedenheit ausgefallen, und Grete schwamm in einem Meer von seligen Hoffnungen. Die ganze Woche hin­durch hatte sie Mühe ihre Gedanken von dem großen Ereignisse abzulenken und wenigstens in den Arbeits­stunden auf Roh- und Stabeisen und mehr so inter­essante Dinge zu richten.

Am Morgen des wichtigen Tages wurde die ganze Herrlichkeit in einen Riesenkarton gepackt und durch Frau Menzel, die vierschrötige Aufwärterin, zu Will- furth's befördert, nachdem ihr die größtmöglichste Scho­nung und Vorsicht beim Transport des kostbaren Gu­tes anempfohlen war.

In Linas Zimmer machten sie und Grete gemein­same Toilette, und als die Friseuse gegangen war, die über Gretes reiches, welliges Braunhaar fast in Ekstase geraten, halfen sie sich gegenseitig beim Anziehen und bestanden danach vor Frau Willfurths musternden Blicken.

Grete hatte nun doch nicht wenig Ballfieber, Lina ließ nicht nach, ihr zu beteuern, daß sie entzückend aus- sähe und ihr wahrscheinlich alle Tänzer wegnehmen werde, so daß sie endlich wieder Mut faßte.

Willfurths immer sehr schöne Wohnung bot an die­sem Abend ein geradezu glänzendes Bild. Ein Meer von Licht durchflutete die hohen, eleganten Zimmer,

Dorläu1

das sehr große Eßzimmer war ausgeräumt und zum Tanzsaal umgewandelt worden, gegessen sollte in den anderen Räumen an kleinen Tischen werden, in einem

[fig noch verschlossenen Zimmer war das reich­haltige Büfett aufgestellt.

Meine Nichte, Grete Nerling," stellte Frau Will­furth,meine liebe Cousine Grete," Lina den Gästen, die sie noch nicht kannten, die neue Erscheinung vor.

Ein reizendes Mädel!"

Eine kleine Schönheit!" hieß es bald unter den anwesenden Herren, und es dauerte nicht lange, so konnte sie Lina zuflüstern, verstohlen ihre Tanzkarte zeigend:

61. Jahrgang.

Preußens unmöglich die eines noch so großen und be- bedeutenden Privatunternehmers sein darf, fanden bei dem hohen Hause vollstes Verständnis. Schließlich wurde der Finanzetat genehmigt und ebenso nach kurzer Debatte der Eisenbahnetat.

Im preußischen Abgeordnetenhause wurde der zur ersten Lesung vorliegende Gesetzentwurf betreffend den Nogatabschluß einer Komniission überwiesen. Bei der Fortsetzung zur zweiten Beratung über das Ge- richtskostengesetz kam es zu einer kurzen Debatte. Der Pole Dr. Seyda wünschte, daß der § 55 wieder ge­strichen würde. Dieser Paragraph, nach dem eine Er­höhung der Gebühren um ein Viertel eintritt, wenn sich ein Beteiligter am Rechtsgeschäft in fremder Sprache erklärt, ist seiner Ansicht nach ausschließlich gegen die Polen gerichtet. Justizminister Beseler er­klärte ihm, daß er im Irrtum sei. Das Viertel Er­höhung soll nur die Mehrkosten decken, die z. B. durch eventuelle Heranziehung eines Dolmetschers erwüchsen. Unsere Gerichtssprache sei nun einmal Deutsch, deshalb gebühre dem Deutschen eben der Vorrang an den Gerichten. Der Minister wurde von verschiedenen Seiten des Hauses unterstützt. Schließlich wurde der Antrag Seyda abgelehnt und der Gesetzentwurf genehmigt, ebenso die Novelle zur Gebührenordnung für Notare. Am Montag wurde im Hause eine Anzahl kleinerer Sachen erledigt.

Der Unterstaatssekretär im Kultusministerium Wirklicher Geh. Rat Dr. Weder tritt am 1. Juli in den Ruhestand. An seiner Stelle ist der bisherige Ministerialdirektor Exzellenz Dr. Schwartzkopff dessen glänzende Verdienste um die Kirche und Schule Preußens allgemein anerkannt sind, zum Unterstaats- 'e*'- ernannt worden.

Die Einäscherung der Leiche Professor Robert Kochs erfolgte im Krematorium zu Baden-Baden.

Die Einigungsverhandlung im Baugewerbe. Im Reichstagsgebäude begannen Freitag nachmittag die vom Reichsamt des Innern neuerdings eingeleiteten Einigungsverhandlungen werden von drei unparteiischen, Geheimrat Wiedfeld vom Reichsamt des Innern, Beutler-Dresden und Gerichtsdirektor Trenner-München, geleitet. Von der Arbeitgeberseite sind zehn Vertreter, von den Arbeitnehmern 24 anwesend. Die Verhand­lungen über die sachlichen Streitpunkte des Vertrags­schemas gestalten sich als äußerst schwierig. Beide Par­teien halten unbedingt an ihrer Auffassung fest.

Sieh, Linchen, fast alles besetzt, ist das nicht wunder­bar?"

Gar nicht, Liebling, wenn ich ein Mann wäre, ich heiratete Dich gleich von der Stelle weg."

Ach Du, Du willst mir nur Mut machen mit Dei­nen Schmeicheleien."

,Jst denn das noch nötig? Merkst Du nicht, wie sehr Du bewundert wirst, wie schon die Mütter auf­merksam auf Dich werden? Das beste Zeichen dafür, daß Du nicht ungefährlich bist. Ich muß doch einmal da drüben die beiden Ditlebrands fragen, ob sie auch schon zu allen Tänzen engagiert sind, sie warfen Dir eben recht unfreundliche Blicke zu. Adieu, Schatz, da naht ein neuer Sturm auf Deine Tanzkarte."

Lachend schlüpfte sie zwischen der nächsten Gruppe hindurch nach der anderen Seite, und Grete sah sich allein .. Herrn Leopold Seidel gegenüber, der sie mit freundlichen Worten begrüßte, sie um den zweiten Wal­zer bat und seinen ihr so wohlbekannten Namenszug auf das zitternd dargereichte Blättchen schrieb. Ihre sicht­liche Befangenheit machte ihm Spaß und nahm ihn gleichzeitig für sie ein, hätte sie keck die schönen, dunklen Augen gegen ihn spielen lassen, würde ihn das sofort abgestoßen haben, weil geradeste seineBuchhalterinwar.

Es wurde Tatsache, der reiche, junge Seidel tanzte mit seiner Untergebenen und, Frau Willfurth mußte es sich kopfschüttelnd eingestehen, schien es sogar nicht ungern zu tun. Gefiel ihm das kleine Ding, oder re­spektierte er nur die Verwandte des Hauses?

Lina sah mit inniger Freude, wie prächtig Grete sich amüsierte, sie gönnte ihr von ganzem Herzen jeden kleinen Triumph, sich in die gehobene Stimmung ihres eigenen ersten Ballabends zurückversetzend. So hatten auch ihre Wangen geglüht, auch ihre Augen gestrahlt im Vollgenuß des Daseins, ach, wie lange war das her! Noch kein Jahr in Wirklichkeit, Jahrzehntenach ihrem Gefühl. 168,18