mit amtlichem Areisblatt. ZHonatsbeilage; Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich I Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 47.
Deutsches Reich.
— Prinzessin Agathe von Ratibor und Corvey, die Braut des Prinzen Friedrich Wilhelm, wurde in Potsdam in feierlicher Weise eingeholt; Mittwoch mittag fand im Neuen Palais durch Oberhofprediger D. Dryander die Trauung statt.
— Im preußischen Abgeordnetenhause begründete am Sonnabend Abg. Hammer (kons.) einen Antrag betr. den Schutz des Handwerks gegen die Konkurrenz der Gefängnisarbeit und empfahl die Einsetzung eines Beirats aus Sachverständigen der Handels-, Handwerks« und Landwirtschaftskammern, um die erhobenen Beschwerden auf ihre Berechtigung zu prüfen und Mittel zu finden, um die Gefängnisarbeit so zu gestalten, daß sie der freien Arbeit keine Konkurrenz machen kann. Der Redner bat um Annahme seines Antrages ohne Kommissionsberatung. Die Vertreter der Ministerien des Innern und der Justiz erklärten, daß ihre Ressort stets bemüht wären den Anregungen aus dem hohen Hause zu folgen, um eine Konkurrenz der freien Arbeit zu vermeiden. Nachdem die Vertreter aller Parteien zum Anträge Hammer zustimmende Erklärungen abgegeben hatten, wurde er ohne vorhergehende Kommissionsberatung angenommen. Abg. Dr. Crüger (Hagen, Fortschr, Vp.) empfahl einen Antrag Aronsohn und Genossen (Fortschr. Vp), betr. Zulassung der fakultativen Feuerbestattung. Der Antrag Aronsohn wurde mit geringer Mehrheit angenommen. Das Haus vertagte sich alsdann. Am Montag wurden Petitionen und kleinere Vorlagen beraten.
— Staatssekretär Dernburg ist von der Leitung des Reichkolonialamts zurückgetreten.
— Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft wählte den Landgrafen Chlodwig von Hessen zuni Präsidenton.
— Leipzig. Der deutsche Arbeilgeberbund für das Baugewerbe nahm einstimmig die Vorschläge der Unparteiischen Kommission an.
— Die Bauarbeiter haben in Berlin auf ihrem Verbandstage die Einigungsvorschläge der drei Schiedsrichter als ein wesentliches Entgegenkommen gegenüber den Forderungen der Arbeiter angenommen, und zwar stimmten bei den Bauhilfsarbeitern 101 dafür und 1 dagegen, bei den Maurern 247 dafür und 7 dagegen, bei den Zimmerleuten 106 dafür und 103 gegen die Einigungsvorschläge. Als das Resultat verkündet wurde, wurde es mit Beifall angenommen.
: — Nunmehr werden sofort die örtlichen Verhand
In der Schute des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 18
Nie hatte sie gedacht, daß ihr einziges, mit großer Sorgfalt erzogenes Kind auf solche Abwege geraten könnte, einer Dame mußte eine derartige Heimlichkeit ganz unmöglich sein, sie stellte sich damit auf eine Stufe mit Köchinnen und Fabrikarbeiterinnen; vom verstohlenen Briefwechsel bis zum verliebten Stelldichein war es nicht weit, und der Mann, der ein anständiges, junges Mädchen dazu verleitet, ein Ehrloser, der, um ein Goldfischchen zu fangen, seinen Ruf nicht schonte.
Dies alles hatte sie der Bleichen, Zitternden ms Gesicht geschleudert und ihr den Brief, der zum Unheilstifter geworden war, vor die Füße geworfen. Unter Linas Arbeitskörbchen hatte er gelegen, wohin sie ihn beim Eintritt der Mutter hastig, aber nicht unbemerkt geschoben. , , .
Frau Willfurth hatte nicht gezögert, Lina mit einem Auftrage aus dem Zimmer zu schicken und sich des ! verdächtigen Blattes zu bemächtigen.
Wie ein Gewitter brach das Strafgericht herein.
Lina verteidigte sich mit keinem Worte, selbst bei den schwersten Anschuldigungen hob sie nur einmal die kummervollen Augen, nahm dann die Papierfetzen vom Boden auf und verließ langsam das Zimmer.
Mit wankenden Knien schlich sie über den Korridor zu ihrem Stäbchen, trat ein und sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder, und jetzt erst kam ein Laut von ihren Lippen, ein stöhnendes Aufschluchzen aus tref- ftei ^ruft.
So also sah ihr Liebestraum in anderer Beleuchtung aus. Ein schamloses Geschöpf war sie, das dem Verführer nur zu willig in die Arme lief. Die Mutter halte es ihr deutlich genug zu verstehen gegeben, und wenn die eigene Mutter so von ihr dachte...
Samstag, den 11. Juni 1910
lungen beginnen, welche bis Sonntag, den 12. Juni, beendet sein müssen, da am Montag, den 13., in Dresden die drei Unparteiischen bereits zusammentreten, um für diejenigen Orte, in welchen keine Verständigung erzielt ist, als Schiedsgericht zu fungieren.
— Der Wirkungskreis des Postscheckverkehrs ist vom Reichspostamt wesentlich dadurch erweitert worden, daß fortan an Postkassen Zahlungen mittels Postschecks zugelassen worden sind, und zwar über alle Beträge, die die Postbehörde aus einem bestehenden Schuldverhältnis zu fordern hat. Hierin gehören also namentlich die von den Fernsprechteilnehmern zu entrichtenden Fernsprechgebühren. Auf Wunsch der Teilnehmer können solche Gebühren auch ein für allemal bei Fälligkeit ohne weiteres von dem Postscheckkonto abgeschrieben werden. Ferner dürfen fortan Schecks uno Ueberwei- sungen in Zahlung gegeben werden bei Einzahlung von Postanweisungen, Entrichtung von Zeitungsgelder und bei Einkauf von Wertzeichen (bei diesen von 20 Mark ab.)
— Die kürzlich im Reichseisenbahnamt abgehaltene Beratung mit den Vertretern der am Eisenbahnwesen beteiligten Bundesregierungen hat, wie amtlich gemeldet wird, eine erfreuliche Uebereinstimmung über die zur Förderung der Sicherheit des Zugverkehrs zur Erörterung gestellten Fragen ergeben. Auf Grund der aus der Beratung hervorgegangenen Anregungen sollen — geeignetenfalls in gemeinsamer Arbeit mit den im Eisenbahnsignalwesen erfahrenen industriellen Werken — Versuche mit neueren Vorrichtungen angestellt werden, von denen ein weiterer Fortschritt zur Erhöhung der Betriebssicherheit erhofft wird.
— Die deutsche Ausfuhr von Automobilen und deren Bestandteilen hat in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Sie wird in der soeben erschienenen Exportnummer der Zeitschrift des Mitteleuropäischen Motorwagenvereins von Dr. Bürner auf 82 Millionen Mark für das letzte Jahr berechnet, während sie im Jahre 1908 59 Millionen Mark und im Jahre 1907 nur 42 Millionen Mark ausmachte. Nur von einem Lande wird Deutschland auf diesem Gebiete übertroffen, nämlich von Frankreich, das im Jahre 1909 für 119 Millionen Mark Kraftfahrzeuge aus- führte. Aber der französische Export hat in den letzten drei Jahren keine Fortschritte gemacht, und deshalb steht zu erwarten, daß er von Dentschland in kurzer Zeit eingeholt werden wird ; gewiß ein günstiges Zeichen für die Leistungsfähigkeit unserer Automobil-Industrie.
Sie juckte ihre Gedanken zu sammeln.
Es war so wirr in ihrem Kopf. Der Uebergang von den süßesten Hoffnungen zu völliger Zerknirschung war zu plötzlich gewesen, e§ war ihr, als sei etwas in ihrem Herzen gesprungen und es schlage nur noch matt und krank, wie eine Uhr aufhört zu gehen, wenn ihr die treibende Kraft fehlt. Die treibende Kraft war ihre junge Liebe gewesen, die man ihr nehmen wollte oder schon genommen hatte? Es war so leer und tot da drinnen.
Ihr Blick fiel auf den Wandkalender.
Der 18. Dezember. Ein wichtiger Tag!
Der Todestag eines kurzen Glückes!
Sie hatte es sich so schön ausgemalt, wie sie am Nachmittag des heiligen Weihnachtsabends mit Walter Hand in Hand vor die Mutter treten wollte, wie sie bitten würden um Einwilligung, ihren Segen, bitten, und sei es fußfällig, bis sie weich geworden und nach- gab, und ihre Kinder, Sohn und Tochter, liebend in die Arme schloß.
Welch ein glückseliger Weihnachtsabend wäre das geworden. In alles wollte sie sich fügen, drei Jahre und länger heimliche Braut sein, ihn nicht sehen die ganze Zeit, so schmerzlich es war, nur hören von ihm, an ihn denken, an ihn schreiben dürfen, und wissen, daß sie einst mitihm vereinigt sein werde; bedurfte es mehr, um selig zu sein?
Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen, mit schonungsloser Hand griff es ein und zerriß die zarten Fäden, mit denen sie in wachen Träumen an der holden Zukunft gewebt hatte.
Noch immer saß sie mit den Papierstückchen in der Hand regungslos. Ein leises Knittern erinnerte sie wieder daran; sie breitete sie auf der Schreibtischplatte aus und strich sie glatt. Wie lautete doch der Brief, der sie gestern so glücklich gemacht und den sie schon un- | zählige Male gelesen hatte? Kein Wort mehr davon haftete in ihrem verstörten Sinn, nur daß er lieblich I und zärtlich klang wie seine Stimme, wußte sie noch.
61. Jahrgang.
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Ausland.
— Der König von Italien hat ein in sehr herzlichen Worten gehaltenes Telegramm an Kaiser Wilhelm gesandt, in welcher er seiner Genugtuung und seinem Dank für die Aufnahme Ausdruck gibt, die der Minister des Auswärtigen San Guiliano in Berlin gefunden hat. Der Kaiser hat daraufhin telegraphiert, daß er sehr erfreut war über den Besuch des Ministers.
— Der ungarische Ministerpräsident Graf Khuen- Hedervary erklärte einem Vertreter des Pester Lloyd die Nation habe ihren Willen so deutlich und unzweideutig kundgetan, daß die Opposition sich sicherlich der Entscheidung beugen werde. Es sei nicht anzunehmen, daß irgend eine oppositionelle Fraktion sich dem nationalen Willen wiedersetzen und zur Obstruktion greifen werde. Die Wahlen seien in vollster Ordnung verlausen. Man habe wie bei frühern Wahlen wohl militärische Hilfe in Bereitschaft gehalten, um etwaige Ausschreitungen hintanzuhalten, jedoch sei in keinem einzigen Falle militärisches Eingreifen in Anspruch genommen worden.
— In der italienischen Deputiertenkammer hat der Ministerpräsident Luzzali eine bedeutsame Programmrede gehalten. Der Ministerpräsident sprach gegen das allgemeine Stimmrecht nnd erklärte, er mache das Wahlrecht von der Bildung abhängig. Die Regierung werde, wie auch früher, sich jeder Beeinflussung der Wahlen enthalten. Was die Ausstände anbetreffe, habe die Regierung in gleicher Weise für die Freiheit der Arbeit, wie für die Freiheit, die Arbeit einzustellen, zu sorgen und Gewalttätigkeiten, von welcher Seite sie auch begangen werden, zu unterdrücken. Mit der Redensart von der Freiheit der Syndikate könne er sich nicht einverstanden erklären. In der Auffassung des Begriffes der Freiheit bestehe ein großer Unter- schi d zwischen den angelsächsischen und den lateinischen Völkern. Für erste bestehe die Freiheit darin, ihre Ideen unter Achtung der Ideen anderer zu verteidigen. Die lateinischen Völker verständen unter Freiheit nur zu leicht die Möglichkeit, die Ideen anderer zu bekämpfen. Die Auffassung der angelsächsischen Völker führe zur wahren Demokratie, die der lateinischen Völker zur Demagogie und Tyrannei. • Italien müsse die erstere wählen, denn die wahre Freiheit führe zum Triumphe der Wahrheit, während Gewälttätigkeiten immer zum Ruine führen. Der Ministerpräsident erntete lebhaften Beifall und wurde von vielen Deputierten beglückwünscht.
Sie las, und allmählich füllten sich ihre Augen, und erlösende Tränen fielen auf die mißhandelten Bogen.
Berlin, 16. Dezember 18 .. „Mein liebes Mädchen! Dank, innigen Dank für Deine lieben Zeilen, die ersten, die Du mir geschrieben hast. Mit tausend Küssen habe ich das winzige Blättchen bedeckt, und es ruht seit gestern wie ein Schatz auf meiner Brust, ein Talisman, der mich vor allem Bösen schützen wird. Daß Du den Mut gehabt hast, meine heißen Bitten zu erhö» ren und selbst zu mir zu sprechen, sei es auch nur in wenigen Worten, das danke ich Dir dopvelt, denn ich sehe daraus, daß Du mich nicht nur liebst, sondern mir auch vertraust. Ja, mein Lieb, es ist ein Unrecht gegen DeineguteMama, daß wir ihr unsere Liebe verbergen, und ich bin ganz mit Dir einverstanden, daß wir es nicht länger tun wollen. Wohl hätte ich gern erst mein Examen hinter mir, ehe ich vor sie hintrete, um ihr Kleinod von ihr zu verlangen; könnte ich es ihr verargen, wenn sie dem unbedeutenden, jungen Menschen, der nichts ist und nichts hat, einfach die Tür wiese? Wird der einzige Vorzug, daß ihre Lina mich liebt, so schwer in die Wagschale fallen, daß sie sich zu meinen Gunsten neigt? Glaube nicht, Liebling, daß ich das Bekenntnis scheue, auch mich drückt die Heimlichkeit, sie scheint mir unser unwürdig. Bestimme Du, was wir nun tun wollen, soll ich schreiben, oder ist es Dir lieber, daß ich persönlich in den Kampf. ein- trete? Denn einen Kampf wird es geben, das wollen wir uns nicht verhehlen, Geliebte, wäre es auch nur der Kampf der Mutterliebe gegen den unwillkommenen Freier. Und sollten wir im Sturm nicht das beglückende „Ja" erflehen, vielleicht wird unsere Treue und Festigkeit sie rühren. Sieh, ich will das Schwerste auf mich ' nehmen, die Trennung von Dir, ich will streben und arbeiten, um das Höchste in meinem Beruf zu erreichen, nur die Hoffnung laß mir, daß Du dereinst mein geliebtes Weib werden wirst." . 168,18