SchlüchternerMun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 6. Juli 1910
61. Jahrgang
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Kchlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner IllOUid Zeitung den meisten Erfolg, da sie die grötzte Austage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser besuchte am Samstag mittag das in Travemünde auf der Reede liegende Schulschiff „Prinzeß Eitel Friedrich", auf dem er mit dem Groß- Herzog von Oldenburg etwa eine Stunde verweilte. Zur Frühstückstafel an Bord der „Hohenzollern" waren geladen: der Großherzog von Oldenbung, der Bürgermeister von Lübeck, Dr. Eschenburg, der Gesandte Graf Götzen und Gutsbesitzer Hauswaldt.
— Belgische Blätter teilen mit, daß der Kaiser bestimmt im Oktober nach Brüssel kommen werde, um den Besuch des Königs Albert zu erwiedern. Daß der Kaiser seinen Gegenbesuch machen wird, ist sicher, aber soweit bisherige Erkundigungen reichen, sind weder zwischen den beteiligten Höfen noch den Regierungen feste Abmachungen über den Zeitpunkt überhaupt getroffen worden.
,— Die Kaiserin ist in Kiel eingetroffen und vom Kaiser, dem Prinzen Adalbert und Prinzessin Heinrich am Bahnhöfe empfangen und auf die „Hohenzollern" geleitet worden. In Begleitung der Kaiserin befand sich Prinz Joachim, der in Plön Don- seiner Mutter abgeholt wurde. Die hohe Frau wird voraussichtlich nicht nach Warnemünde gehen, sondern von Kiel aus an Bord der „Jduna" eine Kreupfahrt in der westlichen Ostsee antreten. Die ausgehenden Kriegsschiffe, die vor der Abfahrt des Kaisers nicht in den Hafen zurückkehren, salutieren bei der Ausfahrt die Flagge des Kaisers.
— Nachdem sich sämtliche Teilnehmer an der Zeppelinschen arktischen Vorexpedition, unter ihnen Graf Zeppelin und Professor H^rgesell, auf dem Dampfer „Mainz" eingeschiffi hatten, begaben sich um
10 Uhr vormitags Prinz und Prinzessin Heinrich an
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In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 26
Bisher hatte sie ihn nicht entbehrt, jetzt aber in ihrer trostbedürftigen Stimmung beklagte sie es schmerzlich, daß ihr die schönsten Gaben deutscher Dichtkunst fast wie ein leeres Wortgeklingel oder wie pathetische Uebertreibung erscheinen wollten.
„Bin ich denn nüchterner als andere Menschen ?" fragte sie sich erstaunt. * *
Die prächtigen Alleen Pyrmonts standen im frischesten Grün, die Rasenflächen des Kurparkes breiteten sich in tadelloser Glätte. Die Vorsaison war recht belebt, der warme Mai hatte viele, die sonst erst später kamen, frühzeitig gelockt; natürlich ließ es sich mit der Fülle, die im Juli und August hier herrschte, nicht vergleichen, dafür war denn auch der einzelne Gast noch angesehener und hatte mehr Auswahl in den Wohnungen.
Frau Willfurth und Lina mieteten sehr bald drei hübsche Zimmer in einem feineren Logierhause, wo sie vorläufig die einzigen Fremden waren. Die Wirtin, eine gebildete, angenehme Dame, gefiel ihnen gleich sehr, Frau Willfurth fand es zwar ein bißchen einsam, Lina aber, die sofort das kleinere der beiden Schlafzimmer für sich mit Beschlag belegte, pries die freie Lage mit der herrlichen Aussicht und bat stürmisch, hier zu bleiben,
Sie blieben, richteten sich häuslich ein und begannen mit Ernst und Eifer die Kur.
Nach einigen Tagen schon sehnte sich Frau Willfurth nach Umgang. Bekannte aus der Heimat waren nicht hier, und da man in voller Pension war, fiel auch die Anknüpfungsangelegenheit einer größeren Table d'hote fort.
Lina saß am liebsten mit einem Buche auf einer der
Bord des Expeditionsschiffes. Bald darauf trat das Schiff durch den Kaiser Wilhelm-Kanal die Fahrt nach dem Norden an. Die Prinzessin begleitete ihren Gemahl bis Brunsbüttel.
— Die preußische Eisenhahnverwaltung hat verfügt, daß die zur Erfüllung ihrer Militärpflicht aus dem Eisenbahndienst ausgeschiedenen Arbeiter auf ihren Wunsch sogleich nach ihrer Entlassung zwecks weiterer Beschäftigung wieder aufzunehmen sind. Wenn irgend möglich, sollen sie auf ihren alten Stationsorten beschäftigt werden. Die Voraussetzung hierfür muß sein, daß sie nicht durch mangelhafte Führung und Leistungen für die Wiederanstellung als ungeeignet erscheinen. Die Dienststellen sind angewiesen, durch Offenhalten von Stellen für die Reservisten sowie durch Verzicht auf Ersatzeinstellungen von Arbeitern den entlassenen Reservisten rechtzeitig Gelegenheit zur Wiederanstellung zu geben. Gesuche um Wiederanstellung, denen von den Inspektionen und Dienststellen nicht entsprochen werden kann, sollen an die Arbeitsnachweisstelle befördert werden, damit die Bewerber auf andern Dienststellen vorzugsweise berücksichtigt werden können. Offene Arbeitsstellen sollen mi andern Bewerbern erst besetzt werden, wenn auch bei der Arbeiesnachweisstelle Meldungen von vorzugsweise anzustellenden Reservisten nicht vorliegen.
— Eine Abschaffung des Einjährigen-Privilegs' Von mehreren Seiten wurde vor einigen Tagen die Nachricht verbreitet, daß die Abschaffung des Einjährigen- Privilegs bevorstehe. Wie die Korrespondenz „Heer und Politik" diesen Meldungen gegenüber feststellt, ist an eine Abschaffung des Einjährigen-Privilegs vorderhand nicht zu denken. Alle derartigen Mitteilungen sind unrichtig. In erster Reihe ist unter den vielen Gründen, die gegen eine Abschaffung des Einjährigen- Privilegs sprechen, die Kostenfrage zu erwähnen, die gerade jetzt eine ausschlaggebende Rolle spielt. Es werden jetzt etwa 12 COO Einjährig-Freiwillige eingestellt. In zwei Jahren wächst diese Summe auf 24 000 Mann an. Wenn das Heer, wie es im Mobilmachungsfalle dem Feinde gegenübergestellt wird, nich geschwächt werden soll, — und daran ist nicht zu denken, — so müßte das bisherige Präsenzgesetz geändert werden, damit der notwendige Ersatz im Beurlaubtenstande da ist. Durch diese Vergrößerung der Friedenspräsenzstärke würde wiederum der Etat bedeutend erhöht werden müssen. Es ist dafür eine Summe von 24 Millionen Mark berechnet worden. Die Einjährig-
vielen Bänke, die so zahlreiche Ausblicke in die reizenden Seitentäler gewähren. Dem Badetreiben da unten konnte sie diesmal im Gegensatz zu früher gar keinen Geschmack abgewinnen; bloß um ihre hübschen Kleider zu zeigen, bei den Klängen der Musik unter der flutenden Menge auf und ab zu gehen, dünkte sie reizlos, und, je höher man kam, um so einsamer. Stundenlang konnte sie sitzen, lesend oder in stummes Anschauen der Gegend versunken, zum Leidwesen ihrer Mutter, die es aus der reinen Höhenluft bald immer wieder herabzog ins Tal zu den geputzten Menschen.
Es kam vor, daß sich Mutter und Tochter auf Stunden trennten, zumal wenn weniger gutes Wetter war, als es die Gäste eines so eleganten Kurortes verlangen konnten. Dann saß jene mit einer leichten Handarbeit in der geschützten Veranda ihres Salons, während diese mit Schirm und Regenmantel ausgerüstet, unerschrocken ihre Lieblingswege ging, und zwar mit schmutzigen Schuhen, aber frisch geröteten Wangen wie- derkam.
Zuerst schalt Frau Willfurth und nannte dies einsame Jndenwaldgehen unpassend, da sie aber sah, daß Lina die Bewegung sehr gut bekam und sie zusehends kräftiger wurde, machte sie keine Einwendungen mehr, des Kindes Gesundheit war ja jetzt die Hauptsache.
Eines Tages gegen Abend war Lina noch in das Freie gegangen; von der halben Höhe des Bomberges hatte sie sich links in den Wald gewendet und bald eine Lichtung mit einer Bank erreicht, wo sie sich niederließ. Zu ihren Füßen dehnte sich die grüne Landschaft mit vielen menschlichen Wohnstätten und weißen, sich schlän- gelnden Wegen, zur Rechten schnitt eine Schlucht in die Berge ein, jenseits derselben erhob sich eine bewaldete Wand und ganz im Hintergründe schloß der Her- mannsbergdie Szenerie ab, der seinen Namendavonha- ben sollte, daß man über ihn hinweg bei klarem Wetter die Schwertspitze des Hermanndenkmals sehen konnte,
Freiwilligen sind bis jetzt bekanntlich im Etat nicht eingerechnet, sondern über die darin festgelegte Friedenspräsenzstärke vorhanden. An eine Mehrausgabe von 24 Mill. Mk. ist augenblicklich natürlich nicht zu denken. Abgesehen davon, sind die Erfahrungen, die im allgemeinen mit den Einjährig-Freiwilligen gemacht wurden, auch durchweg vorzüglich. Durch das Einjährigen- Privileg ist für das Heer ein Reserveoffizierkorps geschaffen worden, das in jeder Beziehung durchaus tadellos ist. Das Vorgehen Frankreichs kann wegen der besonderen Umstände bei uns nicht als maßgebend angesehen werden. Wenn sich auch vielleicht einige Nachteile zeigen, so sind diese noch kein Grund zur Abschaffung einer so bewährten Einrichtung. Höchstens kämen einige Aenderungen beziehungsweise Reformen dieses Institutes für die Zukunft in Betracht.
— Von unterrichteter Seite wird von der Ueberschrift Friede im Baugewerbe mitgeteilt: Der Dresdener Schiedsspruch hat die Streitigkeiten für sämtliche Städte und Orte des Deutschen Reiches mit Ausnahme von wenigen Städten wie Leipzig, Solingen, Hagen i. W. beigelegt. Gegenüber den vielen tausend Orten, in denen der Friede vollkommen hergestellt ist, sind diese Ausnahmen ohne wesentliche Bedeutung, zumal in einigen dieser Orte nur eine der beteiligten Organisationen, z. B. die Zimmerer, die Arbeit noch nicht auf- grnommen hat. Die christlichen Bauarbeiter haben, g-treu dem Schiedsspruch, überall sofort die Arbeit auf- gi-nommen. Bei dieser Sachlage kann von einer Gefährdung des gesamten Friedenswerkes keine Rede sein. Derartige Störungen pflegen in der Praxis die natürliche Begleiterscheinung aller großen Aussperrungen und Streiks zu sein und sind bei der Bauarbeiter-Aussperrung, die alle bisherigen derartigen Bewegungen an Umfang und Bedeutung übertroffen hat, für jeden Kundigen erst recht verständlich.
— Die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands macht bekannt, daß sie, nachdem die Aussperrung im Baugewerbe wieder aufgehoben worden sei, im Einverständnis mit den Vorständen der Bauarbeiterorganisationen die Sammlung für die ausgesperrten Arbeiter des Baugewerbes schließe.
— Das Kapitel Sozialdemokratie und Krankenkasse wird wieder einmal durch einen Beitrag aus Freiberg in Sachsen bereichert, wo sich der Kassierer Grösser der dortigen Ortskrankenkasse durch Abschneiden der Kehle das Leben genommen hat. Der Fall erregt das größte Aufsehen, weil Grässer einen Brief hinter-
so hatte es ein kleiner ortsangehöriger Junge Lina verraten.
Was für ein liebliches Bild das war! Die Luft etwas dunstig und die Schwertspitze natürlich nicht zu sehen, wie ein zarter Schleier lag es über dem Ganzen.
Lina konnte sich nicht entschließen, das mitgenommene Buch aufzuschlagen, in dem sie das Kapitel Jupiter, eine untergehende Sonne, noch einmal hatte lesen wollen.
Ihr kamen so viele Gedanken. Mit Grauen dachte sie an die Zeit der Kämpfe zurück, und mit Wehmut an ihre vergangene Liebe.
Ja, sie war vergangen .. oder nicht? Hatte sie nicht alle Hoffnung aufgegeben, lag nicht jener beseligende Traum weit, weit hinter ihr? Nie konnte es zwischen Walter und ihrer Mutter eine Verständigung geben, und das hatte auch ihr Gefühl beeinflußt, das treue Kinderherz gab den Geliebten auf. Nach und nach entstanden auch Zweifel an seiner Liebe in ihr. Wenn es nun doch so war, wie Mama annahm, daß auch ihn ihr Geld .. o, wer konnte ihr Gewißheit geben, so lange sie nur zweifelte, konnte sie ihn nicht verdammen.
Die Sonne neigte sich zum Untergänge, dunkelrot stand sie hinter den Dunstmassen im Westen. Lina erkannte, daß es Zeit war zum Heimgehen, ungewöhnlich lange war sie heute draußen geblieben, Mama würde sich vielleicht schon ängstigen, sicher aber langweilen.
Schnell eilte sie bergab, ohne zu wissen, daß sie mit besonderer Ungeduld erwartet wurde.
Ein neuer Gast der Pension, eine Dame in tiefer Trauer.
Frau Professor Willfurth hatte ihren Einzug von oben aus beobachtet und durch allerlei Kombinationen angenehme Unterhaltung gehabt.
Lina hörte etwas zerstreut den Bericht. 168,18