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mit amtlichem Kreisblatt. ZHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «S__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
M 61.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 30. Juli 1910
Dar Wahlrecht für Elsaß-Lothringen und Preußen.
Die Presse fängt an, sich mit allerlei Mitteilungen der „Straßburger Post^ über die Gestaltung in der zukünftigen Elsaß Lothringischen Verfassung zu beschäftigen. Wir wissen nicht, bis zu welchem Grade diese Mitteilungen begründet sind, halten es aber für sehr wahrscheinlich, daß das elsaß-lothringische Wahlrecht ungefähr so ausfallen wird, wie die zumeist gut informierte „Straßburger Post" behauptet. Danach sollen die Elsaß-Lothringer das allgemeine direkte und geheime Wahlrecht erhalten. Auch nahezu das gleiche; denn es soll nur eine Zusatzstiinme für das 35. und eine weite Zusatzstimme für das vollendete 45. Lebensjahr festgesetzt sein. Die Allgemeinheit ist nur durch eine Ansässigkeitsklausel beschränkt. Eine Sicherung gegen Ueberhandnehmen der Sozialdemokratie bildet die Bestimmung, wonach wahlberechtigt die männlichen Reichsangehörigen sind, welche das 25. Lebensjahr vollendet haben und drei Jahre in Elsaß-Lothringen wohnen oder bei einjährigem Wohnsitz gleichzeitig ein Wohnhaus besitzen oder ein stehendes Gewerbe oder Landwirtschaft betreiben oder ein öffentliches Amt ausüben.
Es ist natürlich trotz dieser Einschränkungen nich zu leugnen, daß dieser Entwurf den Wahlrechtswünschen der Elsaß-Lothringer und der demokratischen Grund- sümmung des Südens sehr weit entgegenkommt. Nun haben natürlich die Linksliberalen Preußens sofort die Gelegenheit ergriffen zu sagen, was den Elsaß-Lothringern recht ist, muß Preußen billig sein, man kann dem einen nicht vorenthalten, was man dem anderen gibt, der Kanzler sei inkonsequent und beherberge zwei Seelen in seiner Brust, eine „reaktionäre" für Preußen und eine fortschrittlichere für Elsaß-Lothringen. Das ist natürlich ein Schluß, dessen Haft- losigkeit die Herren selber einsehen, aber aus agitatorischen Gründen nicht eingestehen wollen. Wenn man sich die Mühe nähme, die Rede das Reichskanzlers über die preußische Wahlrechtsreform zu Beginn von deren erster Lesung genau zu lesen, statt sie zu entstellen und anzugreifen, würde man darin die Gründe finden, warum es in diesem Falle noch gar nicht dasselbe ist, wenn zwei dasselbe tun. Es liegt auf der Hand, daß Stellung und Aufgabe Preußens im Reiche von der Elsaß-Lothringens himmelweit verschieden ist, und daß eine in Elsaß-Lothringen unbedenkliche Maßregel in Preußen unmöglich sein kann.
In der Schule des Lebens.
Roman von Editha v. Welten. 36
Frau Willfurth winkte verdrießlich ab. „Es liegt ja nur an Dir, daß Du nicht längst verheiratet bist. Du kannst nicht sagen, daß Dich keiner gewollt hätte. Auch der Assessor hat Dir in einer Weise den Hof gemacht, daß er eigentlich nicht mehr zurück kann."
„Und ich glaubte, ich würde ihn nehmen, nur damit ..Sie wandte sich ab und ihre Lippen zuckten.
„Kind, Kind, Du machst mich glücklich," rief Frau Willfurth erfreut. „Du wolltest also ? So liebst Du ihn?"
„Ich weiß nicht, ich hoffe, ich werde es lernen. Aber bitte, Mama, laß uns nicht mehr davon sprechen, es ist mir unendlich peinlich. Laß der Sache ihren Lauf."
Assessor Hänichen war verreist und seine achttägige Abwesenheit dem Stande seiner Angelegenheit durchaus günstig gewesen. Sein scheinbares Zurückziehen hatte Lina in eine gewisse Aufregung versetzt, wie wir ja das erst schätzen lernen, was wir verloren haben oder was uns versagt werden zu sollen scheint.
Sie sah ihn dann zuerst auf der Straße wieder, er trug Trauerflor um Hut und Aermel und grüßte mit tiefernstem Gesicht. Es durchfuhr sie wie ein Schlag: ihm ist jemand gestorben, er hat Schmerz erlitten. Dadurch war er ihrem weiblichen Mitgefühl näher gerückt.
Wieder zwei Tage später begegneten sie sich auf dem Eife.
Er war nur ihretwegen gekommen, er wollte ihr "ur eine Mitteilung machen, sie möchte ihm eine Viertelstunde schenken .. Lina wurde es heiß und kalt bei seinen abgebrochenen, halb geflüsterten Worten, unter leinen stürmisch flehenden Blicken.
, Er hatte einen Onkel begraben, weit von gier, int
Solange Preußen, das nun einmal Grundlage und Halt des Reichs ist, der Demokratie standhält, ist die elsaß-lothringische Demokratie unbedenklich. Vielleicht ist es gerade das feste Gefüge Preußens, das es ermöglicht, daß der Süden ohne Schaden für daß Reich sich so demokratisch regiert, wie es nun einmal seinen Wünschen und seiner Eigenart entspricht. Der Reichskanzler hat in seiner Rede das liberale Dogma von der Allgemeingültigkeit einer Institution bekämpft. In der Tal bedeuten nicht nur die Institutionen, sondern auch die Worte in verschiedenen Ständen ganz verschiedene Dinge. Demokratie in Elsaß-Lothringen ist nicht nur von anderer Wirkung auf das Reich als Demokratie in Preußen, sondern sie ist überhaupt etwas ganz anderes, wie nun einmal die Dinge im Süden anders liegen und die Worte einen andern Sinn haben als in Preußen. Bei einigem Nachdenken würd n die preußischen Wahlrechtskämpfer, wenn sie nur wollen, ganz gut begreifen, daß die gleichen Gründe in Preußen gegen in Elsaß-Lothringen für die Sache sprechen können.
Deutsches Reich.
— Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord, die Dienstag vormittag unter dem Salut der Kriegsschiffe von Molde abgegangen war, traf gegen 12 Uhr mittags in Aalesund ein. Der Kaiser begab sich an Land, um den Kaiserbautastein zu besichtigen. Um 4 Uhr wurde die Weiterfahrt nach Bergen angetreten.
— Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord is. Mittwoch vormittag in Bergen eingetroffen.
— Der Reichstag hatte in seiner letzten Tagung einen Antrag angenommen, durch den die Reichsre« gierung ersucht wir, dahin zu wirken, daß in allen Bundesstaaten über die Anrechnung der Militärdienst der Militäranwärter auf das Besoldungsdienstalter gleichmäßige Grundsätze aufgestellt würden. Daraufhin haben Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und der Regierungen der Bundesstaaten stattgefunden, die zu der Erwartung berechtigen, daß in absehbaier Zeit eine völlige Uebereinstimmung erzielt sein wird. Im Reich und in Preußen ist die Frage bereits nach einheitlichen Grundsätzen geregelt, zwar in Preußen auf dem Wege der Verordnung und im Reich durch eine Jnterpretierung der betreffenden Bestimmungen des Reichsbeamtengesetzes. In mehreren Bundes- staaten beruht jedoch die Anrechnung der Militärdienst
Rheinland. Der Onkel, ein kinderloser Witwer, hatte ihn zum Erben eingesetzt, und durch die mit der Erbschaft verbundenen Rechtsgeschäfte war er so lange aufgehalten worden.
Lina verstand nicht recht, was gerade sie das angehen sollte, außer, daß es ihr sein Zögern erklärte. Sie kondolierte mechanisch und wünschte ihm Glück zu
der Erbschaft.
Ein leichtes Lächeln huschte über seine dunklen Zuge. „Ich sehe, mein gnädiges Fräulein, Sie legen kein großes Gewicht auf diese meine Erbschaft, die mir so unendlich viel bedeutet: Ja, blicken Sie mich nur erstaunt an, die Hinterlassenschaft meines guten Onkels macht mich zu einem freien Mann, der erhobenen Hauptes vor daS Mädchen seiner Wahl hintreten kann und sagen: sei mein, Geliebte, ich will Dich, nicht Deinen Reichtum, ich liebe das schöne, das gute, das süße Mädchen. Lina, muß ich es Ihnen noch sagen, wen ich meine? Haben meine Rosen nicht für mich gesprochen?"
Gleich zu Anfang ihrer Unterredung hatte er in eine Seitenbahn eingelenkt, wo nur vereinzelte Anfänger sich tummelten, die für ihre grotesken Bewegungen keine Zuschauer wünschten, und Lina war rhm willenlos gefolgt. „
Jetzt hielten sie an und standen sich gegenüber, Blick Blick versenkt, Linas zitternde Hand in der seinen. „Lina, ich liebe Sie, Lina, ein Wort, ein einziges!"
„Herr Assessor ..."
„Alle, die mich lieb haben, nennen mich Hugo."
„Herr Assessor, Ihre Rosen ."
Hugo . . Hugo!" bat er lerdenschaftlrch.
''Hugo, Ihre Rosen . . ich habe sie noch."
„Lina, mein Lieb! Endlich!" Er wollte sie jubelnb umfassen, dicht bei ihnen vorbei stolperte ein kleiner Junge mit Ohrenklappen und Fausthandschuhen, er sah das elegante Paar verwundert an, und Lina wehrte errötend den umschlingenden Armen. Ein hügeligerLand- vorsprung schloß den Platz von dem übrigen Terl des
in
61. Jahrgang. IMMWKü
zeit auf das Besoldungsdienstalter auf landesgesetzlichen Bestimmungen, die nun erst durch entsprechende Vorlagen geändert werden müssen. Es wird sich daher in diesen Bundesstaaten die Angelegenheit nicht so schnell erledigen lassen, wie in solchen, die eine Aenderung auf dem Wege der Verordnung bewirken können. Es handelt sich dabei um die Frage, ob bei Berechnung der Dienstzeit auch die Zeit in Anrechnung kommen soll, während der ein Beamter als anstellungs- berechtigte, ehemalige Militärperson nur vorläufig oder auf Probe im Zivildienst beschäftigt worden ist. Für das Reich und für Preußen sind alle Einschränkungen, die durch verschiedene Auslegung dieser Bestimmung vorgenommen waren, aufgehoben worden.
— Eine erfreuliche Wirkung der Branntweinsteuer ist der Rückgang des Trinkbranntweinsverbrauchs. Nach den jetzt vorliegenden Ziffern ist der Trinkver- brauch in Branntwein, der vom Oktober 1908 bis einschließlich Mai 1909 1685 264 Hektoliter betrug, für die Monate Oktober 1909 bis Mai 1910 auf 1202 164 Hektoliter, also um 28,7 v. H., zurückgegangen. Rund 483 100 Hektoliter Alkohol sind weniger von dem Trinkbranntwein gebraucht worden. Das ist die beste Wirkung, die man durch die erhöhte Branntweinsteuer erzielen kann und auch das beste Mittel, um den ganzen Streit um die vielbekämpfte sogenannte Liebesgabe ein für allemal aus der Welt zu schaffen, die bekanntlich sofort wegfällt, sobald der Trinkverbrauch unter das festgesetzte Kontingent herabgeht. Im übrigen ist der Altoholver- brauch zu Gewerbezwecken in derselben Zeit von 1 158'945 Hektoliter auf 1328 128 Hektoliter, also 14,5 v. H., gestiegen und ist auch eine weitere Steigerung in nächster Zeit mit Sicherheit zu erwarten.
Ausland.
— Vom österreichischen Kaiser ist das Entlassungsgesuch des Banus von Kroatien abgelehnt worden. Der Banus hatte infolge eines parlamentarischen Konflikts seine Demission eingereicht. Nach einer Meldung des „Ungarischen Korrespondenz-Bureaus" aus Jschl beschloß indes Kaiser Franz Josef nach dem Vortrag des Ministerpräsidenten, das Entlassungs- gesuch nicht anzunehmen.
— Nach der „Agence Havas" sind sechs deutsche Deserteure aus der französischen Fremdenlegion in Melilla eingetroffen. Nach ihrer Erzählung waren sie von den Mauren gefangen genommen, aber bald
Sees ab. Kaum ein Mensch in der Nähe, ringsum die winterlich kahle Landschaft, ein bleigrauer Himmel darüber. Lina schauerte plötzlich zusammen, war eS vor Frost .. oder vor Angst?
„Friert mein Lieb?" fragte er zärtlich und zog ihre schmalen Fingerchen an seine Lippen, an seine Augen, an seine Brust. Und da war es, als ob von seinem Herzen ein warmer Strahl herüberdränge und in Linas Seele zündete. Ja, diesem Manne wollte sie folgen als sein Weib, von seiner Liebe sich schützen und hegen lassen ihr Leben lang, und glücklich werden.
Frau Willfurths Freude war rein und groß. Sie hatte in beständiger Furcht geschwebt, Lina würde wieder versagen, um so mehr war sie nun überzeugt, daß dieselbe ihren Verlobten vorschriftsmäßig liebe, und eine ungemein glückliche Braut sei. Linas zaghafter Vorschlag, die Verlobung noch geheim zu halten, da ja Hugo .. sie hatte sich schnell an den Namen gewöhnt.. eben einen Todesfall in der Familie gehabt hatte, ging nicht durch.
Ihre Mutter wollte die endlich errungene Genugtuung, sich zur Verlobung ihrer Tochter gratulieren zu lassen, so bald als möglich genießen, und der Bräutigam war nicht minder begierig, sein Glück schwarz auf weiß zu sehen.
„Daß wir keine rauschenden Feste mitmachen in der Zeit, das, mein Lieb, mußt Du mir freilich als Opfer bringen. Aber wie ich meine sinnige Lina kenne, tut sie es gern," sagte er schmeichelnd.
Lina blickte ihn dankbar an, wie er sie verstand . Ihr Herz hing wahrlich nicht an dem Geselligkeitstrubel, sie freute sich auf die schöne, stille Zeit, die jetzt kommen müßte.
Die Anzeigen waren verschickt und der erste heftige Ansturm der Gratulanten vorüber. Die junge Braut saß in ihrem Zimmer und schrieb an Frau Eibig, deren Gratulationsbrief vor ihr lag. 168,18