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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr «s Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. as.
Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 65.
Samstag, den 13. August 1910
61. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Eine Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Nikolaus während des bevorstehenden Aufenthaltes des Zarenpaares auf deutschem Boden ist als sicher anzusehen. Was aber in mehreren Blättern schon über den näheren Zeitpunkt der Zusammenkunft und den Ort, wo sie stattfinden soll, gemeldet wird, beruht bisher lediglich auf Kombinationen, da zwischen dem deutschen und russischen Hofe noch keinerlei nähere Vereinigung erfolgt ist.
— Die Informationsreise des deutschen Kronprinzen nach Ostasien wurde an den maßgebenden Stellen bereits seit längerer Zeit vorbereitet. Beabsichtigt ist vorderhand der Besuch von Kiautschou, China, Japan und auf der Rückreise ein kurzer Aufenthalt in Indien. Die Reise selbst dürfte auf einem „Hapag"-Dampfer unternommen werden. Es schweben gegenwärtig noch Verhandlungen über die Charterung eines Schiffes der Hamburg—Amerika-Linie, das für die Reise besonders hergerichtet werden soll.
— Der deutsche Kronprinz wird nach der „N.Ztg." auf seiner Ostasienreise 14 Tage als Gast des Kaisers von Japan in Tokio weilen. Eine Einladung des Mikados liegt bereits seit Wochen in Berlin vor.
— Zum Besuch der Weltausstellung ist in Brüssel das Prinzenpaar Eitel Friedrich von Preußen ein- getrosfen.
— Die Prinzen Georg und Konrad von Bayern treten am 20. August eine längere Reise nach Brilisch- Ostafrika an.
— Zum Besuch des Zarenpaares werden in Friedberg weiter erwartet Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinz und Prinzessin Andreas von Griechenland, sowie Prinzessin Ludwig von Battenberg.n^bst Kindern.
— Ein deutscher Prinz ist Landbesitzer in Deutsch Ostafrika geworden. Prinz Heinrich XXXII. von Reuß- Köstritz, der nach einer einjährigen Studienreise in Südwestafrika, Süd- und Ostafrika im nächsten Monat wieder in Europa eintrifft, hat bei Mrogor o in Deutsch- Ostafrika unweit der Mittelbahn Ländereien im Umfange von etwa 1000 Hektar angekauft, um eine Pflanzung mit vorwiegend Kautschuk anzulegen. Die Anstalten zur Instandsetzung des Betriebes sind schon getroffen. Der Prinz gehört als Oberleutnant zur See ä la suite der deutschen Marine und ist der erste Fürstensohn, der die Handelshochschule in Köln besucht hat.
In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 41
Als am dritten Morgen noch kein Lebenszeichen von ihm, geschweige er selbst gekommen war, packte sie die übrigen Briefe und ihren Verlobungsring ein und sandte es ihm mit der Bitte, ihre Verlobung als aufgehoben anzusehen, da sie ihm als Braut ohne Mitgift nicht bei einer vorteilhafteren Verbindung im Wege stehen möchte.
Es wunderte sie gar nicht, als umgehende Antwort hierauf ein ganz ähnliches Päckchen mit ihren Briefen und seinem Ringe, aber ohne eine Zeile von seiner Hand, zu erhalten. Richt einmal gegen den ihm gemachten Vorwurf, sich zu verteidigen, hielt er für nötig.
„Mit dieser Episode wären wir also auch fertig," murmelte Lina vor sich hin und warf die Briefe ins Feuer.
Dann erst erzählte sie ihrer Mutter das Vorgefallene. Sie war jetzt doch froh, so selbständig verfahren zu fein, mochte Mama sie tadeln, sie fühlte, daß sie das Rechte getan hatte.
Wenn es sich um Linas Verlobung oder Nichtver- lobung handelte, gab es immer einen dramatischen Auftritt zwischen Mutter und Tochter. So auch diesmal.
Letztere indessen war nicht mehr das weichmutrge junge Ding, das in Tränen zerfloß vor Leid und Zerknirschung, die letzte Zeit hatte ihr Denken gereift und ihren Charakter gefestigt.
„Was willst Du, Mama," sagte sie ruhig auf endlose Klagen und Beschwörungen, „sollte ich an einem Manne festhalten, der mich nur des Geldes wegen gewählt hätte? Etwa um versorgt zu sein? Nein, lieber will ich es mir im Leben sauer werden lassen, als in einer Ehe ohne Liebeuntergehen. Wir stehen augenblicklich auf der Schattenseite, laß nur die Hoffnung nicht sinken, auch uns wird die Sonne wieder scheinen."
— Wie der „B. L «A." mitzuteilen weiß, hat die Mililärverwaltung Grund, anzunehmen, daß der kürzlich von Unbekannten ausgeführte nächtliche Angriff auf den Posten bei Nedlitz (Potsdam) ein Versuch von Spionen ist, in den Besitz deutschen Pulvers und deutscher Waffen zu gelangen. Leider fehlt von den Tätern jede Spur. Das Absuchen des Geländes durch Polizeihunde blieb erfolglos. Es besteht einige Hoffnung, daß durch die Schüsse des Postens, bevor er selbst durch einen Revolverschuß kampfunfähig gemacht wurde, die Spione verwundet worden sind und daß das vielleicht noch aus ihre Spur führen wird. Die Militärbehörde hat hohe Belohnungen auf alle Angaben gesetzt, die zweckdienlich sein sönnen. Möglicherweise sind auffällige Angriffe auf militärische Posten, die in den letzten Tagen zu verzeichnen gewesen sind, alle auf das unheimliche Treiben einer Spionagebande zurückzuführen.
— Die an die Türkei verkauften zwei deutschen Linienschiffe der „Brandenburg"'Klasse ..Kurfürst Friedrich Wilhelm" und „Weißenburg" sind bereits aus dem Rahmen des Manövergeschwaders ausgetreten. Der Geschwaderstab ist vom „Kurfürst Friedrich Wilhelm" auf die „Wörth" übergegangen. Die Konstantino- pelcr Blätter sprechen ihre Befriedigung über den Ankauf der beiden deutschen Panzerschiffe aus, wodurch die Ueberlegenheit der Türkei üj>er Griechenland auf dem Meere gesichert ist.
— Anläßlich des Mülheimer Eisenbahnunglücks hatte der preußische Eisenbahnminister den Vorschlag, bei längeren Strecken noch einen dritten Mann au' der Maschine namentlich zur Unterstützung des Lokomotivführers bei der Signalbeobachtung, einer eingehenden Erwägung unterzogen. Der Minister hat sich nich für die Vermehrung des Maschinenpersonals entscheide» können, sondern sieht nach wie vor die größte Betriebssicherheit in der Stärkung des Verantwortllchkeitsge- fühls beim Lokomotivpersonal. Die Beigabe eines dritten Mannes auf der Lokomotive, so erklärt der Minister, würde nur eine Einschränkung der Verantwortlichkeit des Lokomotivführers zur Folge haben. Die Beigabe einer dritten Mannes als Lotsen ist notwendig, wenn der Führer die Strecke nicht genügend kennt. Daß sie auch für den streckenkundigen Lokomotivführer eine Hilfe sein würde, ist nicht anzunehmen.
. — Wieder ist deutscher Besitz an einen Polen verloren gegangen. Der Landwirt Richard Korth in Wilhelmsau hat seine 170 Morgen große Wirtschaft
„Kind, ach, Kind, verscherze nur nicht Deine Zukunft, Hugo hat doch selbst Vermögen, die Erbschaft. .."
„Eine Bagatelle," fiel Lina schnell ein, „gerade genug, um seine dringendsten Schulden zu bezahlen und ihm einen kleinen Zuschuß zu gewähren. Er hat es mir selbst verraten in einer offenherzigen Stunde gleich nach unserer Verlobung. Für seine Verlobung war die „Erbschaft" nur ein Mittelchen mehr, um mir jeden Argwohn zu nehmen, .. ach, lassen wir das, der Würfel ist gefallen, und mir ist wie dem Vogel, der eine Kette am Fuß trug und sie abgestreift hat. Nun steht mir die ganze Welt offen, jeden Beruf kann ich ergreifen, leider habe ich für keinen was gelernt .. doch das wird sich nachholen lassen."
Frau Willfurth sah sehr hilflos und erschreckt aus.
„Lina, Du wirst doch bei mir bleiben, nicht von mir gehen?"
„Natürlich, liebes Mamachen, ich denke nicht daran, Dich zu verlassen. Vielleicht fände sich etwas, was mich hier zu Hause beschäftigte und doch Geld brächte. Wenn ich Schneiderin würde, ich glaube, dazu habe ich Geschick."
„Das ist doch nicht Dein Ernst!" rief Frau Willfurth entsetzt. „Welch eine lächerliche Idee; dazu würde ich nie meine Einwilligung geben!"
Lina sah nachdenklich vor sich hin. „Ich weiß nicht, ob die Idee gar so lächerlich ist, Mama; es wäre doch eine ehrliche Arbeit, und unwirklich guten Schneiderinnen ist, wie auch wir aus Erfahrung wissen, immer und überall Mangel. Ich befürchte nur, Geschäftsgeist und Redegewandtheit gehen mir ab."
„Nein, nein, das ist nichts für Dich ; am besten wäre es schon ..."
„Wenn ich mich verheiratete, wolltest Du sagen," ergänzte Lina gelassen, als Frau Willfurth seufzend abbrach. „Liebe Mama, ich bitte Dich, gib doch diese Hoffnung ein für allemal auf, sie bringt Dir nur Schmerzen und Enttäuschungen. Du hast doch erfahren,
ür 90 000 Mk. an den polnischen Landwirt Mikolajczak lus der Kleßkoer Gegend verkauft. Das Grundstück war seit 150 Jahren in deutschem Besitz.
— In der Nähe von Sadowa stieß am Dienstag abend um 9'/, Uhr der Personendampfer „Kyffhäuser I" so heftig mit dem Privatmotorboot „Agnes" zusammen, daß das Motorboot sofort sank. Eine in der Kajüte des Bootes befindliche Dame kam ums Leben, während die anderen vier Insassen, zwei Damen und zwei Herren, gerettet werden konnten.
— An Stelle des verstorbenen Generals v. Spitz ist der Generalmajor a. D. v. Fleck in Berlin laut „Berl, Ztg." zum Präsidenten des Deutschen Kriegerbundes ausersehen worden. Generalmajor v. Fleck war zuletzt leitender Direktor der Gewehrfabrik von Löwe und ist seit einigen Jahren Mitglied des Aufsichtsrats dieser Gesellschaft. Vorher war er Oberst und Bezirkskommandeur im Landwehrbezirk Hannover. JF dieser Stellung arbeitete er hervorragend im Interesse des Deutschen Kriegerbundes.
— Postscheckverkehr im Juli. Ueber l1/, Milliarden Mark ist der Postscheckverkehr, wie die „Frkf. Ztg" berichtet, im Juli gestiegen. Der Umsatz hat von 1414 Millionen Mark auf 1570’/. Millionen gegen den Juni zugenommen. Bei den Gutschriften ging die Steigerung von 715 aus 789 Millionen, bei den Lastschriften von 726 auf 781 Millionen. Bar eingezahlt mit Zahlkarten wurden 452 Millionen, während 335’4 Millionen von anderen Pestscheckkonten gutgeschrieben worden. Bar ausgezahlt wurden 429'/» Millionen, zur Last geschrieben 330 7, Millionen. Die Scheckämter zahlten 2217,, die Postanstalten über 228 Millionen aus. Das durchschnittliche Guthaben betrug im Monat Juli 94 7, Millionen. Dieses Guthaben verteilt sich jetzt auf 44 057 Konten. Das größte Scheckamt Köln hat jetzt 8748 Konten. Es folgt Berlin mit 8365, Leipzig mit 8025, Frankfurt mit 4249, Hamburg mit 3637, Breslau mit 3511, Karlsruhe mit 3045, Hannover mit 3006 und Danzig mit 1435 Konten. Die Vermehrung betrug insgesamt 981 Konten. Der internationale Scheckverkehr mit Wien, Budapest und dem schweizerischen Postscheckbureau erreichte einen Umsatz von 3 556 941 M. 5333 Ueber- tragungen von Konien in Wien, Budapest und Schweiz ailf Konten des Reichspostgebietes betrugen 2 943 293 Mark. Nach dem Ausland wurden 613 648 Mark übertragen.
wie schwer es ist, einen Goldfisch unter die Haube zu bringen; für das vermögenlose Mädchen wird sich erst recht kein Mann finden."
Mit Lina zu streiten, war die arme Frau viel zu kraftlos, dieser neue Schlag, die Entlobung, vernichtete ihre letzten Aussichten. Die Sorge um Linas Zukunft, mit der sie im Bewußtsein ihres Reichtums früher nur gespielt hatte, wurde von nun an das Schreckgespenst ihrer schlaflosen Nächte. Was sollte aus ihrem Kinde werden, wenn sie, die Mutter, starb, und damit auch die Pension erlosch ? Grauenhafte Bilder von Dienst- barkeit und Entbehrung, Hunger und Krankheit quälten sie unablässig; sie wollte sich nicht überzeugen laffen, daß auch alleinstehende Mädchen sich eine unabhängige Existenz gründen können.
Am Tage darauf, als der Möbelwagen vor der Tür hielt und der Abschied von den altgewohnten Räumen, der Stätte behaglichsten Lebensgenusses, heran- nahte, brach noch einmal der laute Jammer bei ihr aus, so daß auch Lina nur mühsam ihre Fassung bewahrte, und sie unter leise rinnenden Tränen die zum letzten Male im alten Heim gebrauchten Kleinigkeiten zusammenpackte.
Heute über vier Wochen hätte mein Hochzeitstag sein sollen, dachte sie, auch da wäre ein Packen und Bündelschnüren gewesen .. für die Hochzeitsreise.. ob ich mich dabei so sehr viel glücklicher gefühlt hätte?
Frau Nerling, die für den Umzug ihren Beistand angeboten hatte, erschien auf der Bildfläche und lenkte Linas Gedanken ab. 168,18
Auch dieser schlimme Tag ging vorüber, wie mancher andere auch, und wenn auch Frau Willfurth am Abend versicherte, nie und nimmer würde sie in dem engen Quartier heimisch werden, so gewann doch unter Linas fleißigen Händen die neue Wohnung bald ein anderes Aussehen, und ihre Unermüdlichkeit weckte schließlich auch bei der Mutter alte Hausftauentalente^