SchlüchternerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5 Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «3.
Erscheint Mittwoch und Samstag - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich l Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 8. Oktober 1910
61. Jahrgang
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie
von
der Expedition entgegengenommen.
Inca■*£*■*■«* finden in der SchlÄchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
Stmmentaler BiehAnkauf in der Schweiz'
In der nächsten Woche begiebt sich eine Kommission in die Schweiz, um einige Simmentaler Original- Bullen für die Zuchtgenossenschaft anzukaufen. Ich gebe hiervon mit dem Hinzusügen Kenntnis, daß die Ankaufs-Kommission gern bereit ist, auch etwaige Bestellungen auf Rinder und Kühe auszuführen. Die Viehzüchter des Kreises, welche diese günstige Gele-
legenheit benutzen wollen, ersuche ich, etwaige stellungen bis spätestens 13. ds. Mis. bei mir zureichen.
Schlüchtern, den 7. Oktober 1910.
Der Vorsitzende der Zuchtgenossenschaft.
Valentiner.
Be- ein-
Ualionalliberaler Parteitag.
Kassel, 1. Okt. Nachdem der Zentralvorstand der nationalliberalen Partei gestern eine neunstündige Aussprache unter sich geflogen hatte, wurde heute im Stadtparksaal der ordentliche Vertretertag durch Bassermann als Vorsitzenden der Gesamtpartei mit dem Hinweis auf den Ernst der politischen Lage eröffnet. Bassermann wies weiter aus die große Zahl der Delegierten hin, die einen Rückschluß auf die Kraft der Partei zulasse. Nach seinem Vorschlag wählt die Versammlung Dr. Krause als ersten, Paasche als zweiten und Professor Hebel (Kassel) als dritten Vorsitzenden.
Dr. Krause übernimmt den Vorsitz. Von der Regierung fordert er zur Verhinderung von Wahlen wie diejenigen der letzten Zeit eine wahrhaft volkstümliche Politik. Die nationalliberale Partei müsse stark genug sein, die in ihren Reihen hervortretenden erheblichen Meinungsverschiedenheiten zu ertragen. Die Verhand-
Segen der Arbeit
Roman von Klara Hellmuth.
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Der Administrator Gedding, Fräulein Ernas Vater, hatte einst ein eigenes, kleines Gut besessen, aber einer Reihe ungünstiger Jahre, reich an Viehseuchen und sonstigen Unglücksfällen, war er unterlegen, nachdem er umsonst mit Aufbietung aller Kräfte um die Erhaltung seines Besitzes gerungen hatte. Es waren Tage unsagbarer ÜHterleit gewesen, als er mit seiner Frau und der kaum halbjährigen Erna, wenig mehr als ein Bettler, vom eigenen Hofe hatte ziehen müssen. Mit der Selbständigkeit war es für alle Zeit vorbei, aber trotzdem hatte sich sein Los erträglich gestaltet. Er war jetzt seit neunzehn Jahren Administrator von Kosenau und empfand seine Abhängigkeit kaum mehr als solche.
Für die Dorfleute war er „der Herr" und seine Tochter „das Fräulein vom Hofe". Der eigentliche Besitzer, GrafBaldau verlebtekränklichkeitshalberden größten Teil des Jahres im Süden und den Rest der Zeit aus seinen Besitzungen in Mitteldeutschland. Kosenau war ihm völlig verleidet. Er hatte dort seine junge Gemahlin durch einen Sturz vom Pferde verloren, und mied, der traurigen Erinnerungen wegen, das Gut so viel als möglich.
Er würde es überhaupt verkauft haben, wenn der alte Gedding nicht ein Plusmacher gewesen wäre, unter dessen Leitung Kosenau vorzügliche Erträge lieferte. Er hatte sich die Zimmer auf der rechten Seite des Hauses für etwaige Besuche vorbehalten und war in der ersten Zeit von Geddings Verwaltung wohl noch einmal im Jahre auf ein paar Tage gekommen. Mit seiner zuneh- mendenKränklichkeitwurden die Besuche immer seltener, ! und seit fünf Jahren hatte man überhaupt nichts mehr । von ihm gesehen.
j So war denn Geddings Abhängigkeit erträglicher Natur. Seine ursprüngliche joviale Laune hatte er langst wieder gefunden, sein Unglück längst verschmerzt und er
langen sollen unter dem Merkworte der Duldsamkeit und der straffen Disziplin zugleich stehen.
Dann nimmt Bassermann, fast über die Maßen begrüßt, das Wort zu einem etwa zweistündigen, verhältnismäßig engergischen und die Dinge unter einer weiteren Perspektive behandelnden Referat über die innerpolitische Entwicklung im Reiche. Er betont das unveränderte Festhalten an dem bisherigen nationalliberalen Programm und den bisherigen Grundsätzen der Partei. Er hebt die Tiefe der durch das ganze Volk gehenden Mißstimmung hervor, die nur zum Besten der radikalen Strömung diene. Erscheinungen,- die im Reiche durch die verfehlte von der Regierung in Abhängigkeit vom schwarzblauen Block gemachte Finanzreform herrührten. Auch die eben so verfehlte Behandlung der preußischen Wahlrechtsfrage trage an dieser Verbitterung Schuld. Das Ziel des Nationalli- beralismus sollte sein: Rückkehr zur Bülowschen Blockära. Also ein Zusammengehen auch mit den Freisinnigen, einschließlich des Herrn v. Payer, und zugleich mit den Konservativen. So werde am ersten der Sozial- demokratie Einhalt getan.
Der Vorsitzende, Professor Krause, konstatierte aus dem stürmischen Schlußbeisall die rückhaltlose Beistimmung der Versammlung sowohl wie der gesamten nationalliberalen Partei auch außerhalb des Delegiertentages. — Wegen Erkrankung des Abg. Fuhrmann wurde sein Referat über Wirtschafts- und Sozialpolitik von der Tagesordnung abgesetzt.
Die Diskussion wendet sich beinahe sofort dem Kernpunkt der Verhandlungen, dem Verhältnis zur So- zialdemokratie, zu. Es kommen unter ständigem Beifall und Widerspruch Freunde wie Gegner zum Wort. Insbesondere vertritt Rebmann (Karlsruhe) namens der gesamten geschlossenen nationalliberalen Fraktion der Badener die bisherige Palitik des Zusammengehens mit der Sozialdemokratie das demLande die besten Erfolge gebracht und die Magdeburger Erschütterungen innerhalb der Sozialdemokratie hervorgerufen habe.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise sind am Donnerstag vormittag 8 Uhr 55 Minuten von Groß-Rominten nach Königsberg abgereist, wo die Ankunft um 12 Uhr 2o Minuten erfolgte. Der Kaiser begab sich alsdann nach dem
Offizierskasino des Grenadier-Regiments König Fried- Augsburg. Die eigentliche Festrede hielt der Präsident rich Wilhelm I. (2. Ostpreußisches) Nr. 3. Hier wird I des Reichsversicherungsamts Wirkt. Geh. Oberregterungs-
widmete sich der Sorge um dieFelder, Wiesen und Holzbestände von Kosenau mit demselben Interesse, als ob sie sein Eigentum wären. Seit dem Tode der Mutter führte ihm Erna die Wirtschaft. Sie war sein Augapfel, und nur ihretwegen bedauerte er noch zuweilen den Verlust seines Vermögens. Aber es würde sich schon machen, dachte er; seinLiebling würde schon den Weg durchs Leben finden. Wer so hübsch, munter und tüchtig war, der hatte keine Not.
„Wo hastDu dennso lange gesteckt, Kindchen?" fragte er, als sie jetzt ins Zimmer trat.
„Endlich geht die Sonne wieder auf. Sie haben uns lange schmachten lassen, gnädiges Fräulein," sagte eine zweite, etwas harte Stimme.
„Ich hatte draußen zu tun," sagte Erna gelassen. „Dann kam Herr Busch, und ich mußte ihm doch den Jagdhund zeigen."
„Ah, Sie sind es, lieber Busch. Na, das ist hübsch von Ihnen. Je später am Abend, je schöner die Leut'," sagte Gedding.scherzend. „Nehmen Sie Platz. Die Herren kennen sich doch?"
Herr Emil Auerbach, Besitzer einer großen Zuckerfabrik in Steinbrück und Leutnant der Reserve, murmelte etwas von „Vergnügen haben", aber es klang nicht sonderlich vergnügt. Er wußte wohl, daß der blonde Hüne seiner schmächtigen, gigerlhaften Erscheinung mit dem Alltagsgesicht nicht zu besonderer Folie diente. Indes das Bewußtsein, tadellos nach neuester Mode gekleidet zu sein, gibt den meisten Menschen eine gewisse Sicherheit des Auftretens, und Herr Auerbach machte keine Ausnahme von dieser Regel.
Erna mochte finden, daß sie den einen Gast über dem andern stark vernachlässigt habe, sie nahm also, während ihr Vater sich mit dem Förster über die Eigenschaften des Hundes verbreitete, neben Auerbach Platz, fragte, ob der Handel zur Zufriedenheit abgeschlossen sei, und was es sonst neues gäbe.
„Nun, eben nicht viel," meinte der Fabrikant. „Habe
das Frühstück eingenommen. Die Kaiserin und die Prinzessin setzten um 12 Uhr 50 Minuten die Reise nach Kabinen fort.
— Dr. Prinz August Wilhelm hat sich an der Berliner Universität exmatrikulieren lassen. Der Oberpedell über brächte am Mittwoch das Abgangszeugnis nach Potsdam.
— Der bayrische Tronfolger über den Kaufmannsstand. Bei der Eröffnung der neuen Handelsschule in München hielt Prinz Ludwig von Bayern eine hervorragende Ansprache, worin er die Notwendigkeit und Nützlichkeit des Handels- und Gewerbestandes betonte, dem sich bei der Ueberfüllung der amtlichen Berufe immer mehr junge Leute zuwenden sollten. Der prinzliche Redner sprach das sehr wahre Wort aus, daß in jedem Menschen etwas vom Kaufmann stecken müsse. Im Einzelnen sagte er, die neue Handelshochschule sei oie jüngste Hochschule in München, die sich zu seiner großen Freude nickt von den anderen Hochschulen abschließe. Zusammen mit den beiden anderen Hochschulen werde die neue bestrebt sein, den Handels- beflissenen höhere Bildung zu geben. Bei der Ueber- füllung der staatlichen und städtischen Berufe und auch der übrigen freien Berufe müsse man die Jugend besonders auf Betätigung im Handels- und Gewerbestande hinweisen. Examina und Zensuren müßten ja sein, aber erst im Leben selbst bewähre sich der Mann. Es heiße immer, daß die neue Zeit den Menschen in eine Tretmühle zwänge, aber Begabung und Arbeit- samkeit kämen auch heute noch vorwärts. Der Handelsund Kaufmannsstand müsse besonders auch in München vorwärts kommen, wo die Lage für ihn bis jetzt un-
gü«7.ig gewesen sei.
— Die Jubelfeier der Berufsgenossenschaften anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens hat im Sitzungssaal des' Reichstages unter überaus zahlreicher Teilnahme in Anwesenheit des Kronprinzen, des Reichstagspräsidenten, des Staatssekretärs des Innern Dr. Delbrück und der Vertreter zahlreicher Behörden statt- gefunden. Staatssekretär Dr. Delbrück begrüßte im Namen des Reichskanzlers die Versammlung. Justiz« rat Wandel aus Essen sprach für die gewerblichen Berufsgenossenschaften. Für die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften ergriff das Wort Landeshauptmann Dr. v. Dzienbowski, für die Versicherungsanstalten der Regierungsdirektor Ritter von Schmidt
ich Ihnen aber schon von meiner Hamburger Reise erzählt?"
„Nein, in der Tat. Waren Sie zum Vergnügen dort oder n Geschäften?"
„O, nur zum Vergnügen; zur Hochzeit meiner Eou-
sine.
Haben Sie sich gut amüsiert?" ,O, danke, vorzüglich. Es war ein
„O, danke, vorzüglich. Es war ein großartig gelungenes Fest. Na, eben, in Hamburg, wissen Sie., wer da Geld hat, der kann den Deubel tanzen sehen."
„War das Menü gut?" fragte Erna mit listigem Lächeln.
Auerbach schien auf diese Frage wie auf einStichwort gewartet zu haben. Sein Gesicht belebte sich sichtlich, und er rückte unwillkürlich seinen Stuhl etwas näher. „Das Menü? O, großartig, gnädiges Fräulein, großartig. Sehen Sie, ich habe es Ihnen Scherzes halber mitgebracht, es wird Sie sicher interessieren."
Damit entnahm er seiner Brusttasche eifrig ein zierlich bedrucktes Kärtchen, das teure Andenken entschwundener gastronomischer Freuden.
„Zunächst also Austern. Dann Suppe a laSoubise. Denken Sie, gnädiges Fräulein, .. a .. la .. Soubise," wiederholte er mit Nachdruck. „Haben Sie davon schon 'mal gehört?"
„Es klingt ganz nett," lachte Erna, „abermeine ländliche Ignoranz kann doch keinen rechten Begriff damit verbinden. Was war's denn? Extrakt von Haifischflossen, abgewellt mit Krokodileiern?"
„Witzig wie immer," sagte er mit vorwurfsvollem Blick. „Ich kann Ihnen das leider nicht sagen, so gern ich es selbst wüßte. Darauf gab es Hummerragoutin Muschelschalen," las er weiter, „Round of beef, sauce re- moulade, Timbale von Haselhühnern, Mockturtlepastete mit Blätterteig, Puterbraten, Damwildrücken, Artischok- ken, spanischen Reis mit Erdbeersaft, Rheinweingelee, Eis, Torten,Dessert, Käse," schloß er triumphierend. 179.18