MichtemerMung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr «s__Vierteljährliche Beilage: „Ullsere Heimat".____Telefon Nr. SS.
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Der Wert der Invalidenrenten.
In den Kreisen der gegen Invalidität versicherten Personen wird leider nur zu oft von der Invalidenrente mit einer gewissen Geringschätzung gesprochen. Sie sei nicht hoch genug, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben, sie habe deshalb keinen wirklichen Wert. Wie in den „Monatsblättern für Arbeiterversicherung" ausgeführt wird, lohnt es sich daher diese Vorwürfe etwas näher zu betrachten.
Die Invalidenrente kann selbstredend jetzt noch nicht so hoch sein, wie sie nach der Absicht des Gesetzgebers sein soll und in späteren Jahren sein wird. Sie berechnet sich nach der Zahl der verwendeten Beiträge. Da seit dem Inkrafttreten des Juvaliditäts- und Äl> lersversicherungsgesetzes erst 19 Jahre verflossen sind, können gegenwärtig erst etwa 950 Beiträge im günstigsten Falle geleistet sein. Später, wenn die Ver- sicheiten vom 16. Lebensjahre an bis ins Alter werden Beiträge geleistet haben, wird die Invalidenrente aus Grund von 2000, 2500 und mehr Beiträgen und dementsprechend höher berechnet werden: Die Renten erfahren auch der Werthöhe der Beiträge nach eine fortgesetzte Steigerung dadurch, das; die Zahl der in den unteren Lohnklassen verwendeten Beiträge fortgesetzt abnimmt, die Zahl der in den obern Klassen verwendeten dagegen fortgesetzt steigt. Im Jahre 1891 gehörten fast zwei Drittel aller Beiträge den unteren Klassen an. nur ein starkes Achtel entfiel auf die vierte (die damals höchste) Lohnklasse, während 1907 noch nicht zioei Fünftel aller Beiträge den untern Lohnklassen und mehr als ein Drittel den beiden oberen angehörten. Diese Entwicklung ist auch jetzt noch nicht abgeschlossen.
Wohl bieten die Invalidenrenten, wie sie jetzt ausbezahlt werden, dem Empfänger keimswegs vollen Ersatz für den entgehenden Arbeitsverdienst. Dies ist zunächst auch nicht bezweckt, wie ja die Leistungen der Arbeiterversicherung überhaupt grundsätzlich so gestaltet sind, daß sie an den vollen Verdienst in gesunden Tagen nicht heranreichen, um keinen Antrieb zur Simulation hervorzurufen. Die Invalidenrente soll nur einen teilweisen Ersatz der verlorenen Erwerbsfähigkeit bilden und nur den notdürftigen Unterhalt für eine Person decken. Das ist allerdings zunächst eine spärliche Leistung, und es würde erfreulich sein, wenn die Invalidenversicherung mehr leisten könnte. Dies war aber für den Anfang nicht möglich, vielmehr mußten
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 5
„Was sagen Sie zu dieser Speisekarte, gnädiges Fräulein?"
»Wie schade, daß Sie nur einen Magen halten," neckte sie.
„Ja, es war fast zu viel des Guten," meinte er bedauernd. „Man konnte das Einzelne gar nicht nach Ge- bührwiirdigen. Das war jammerschade. Und angerichtet war alles mit einer Kunst, sage ich Ihnen .. Sie machen sich gar keinen Begriff .." setzte er in seinen Erinnerungen schwelgend hinzu.
„Haben Sie sich denn bei so viel Feinheiten gar keme Indigestion geholt?" fragte Busch etwas spöttisch.
„Ich danke, es ging. In Anbetracht des zu Erwartenden hatte ich mich gleich vorsichtshalber mit Natron und Hoffmannstropfenversehen, undsokann ich wohl sagen, daß ich es relativ gut überstanden habe. Die Weine waren übrigens auch exquisit. Eine Sorte weißer Bordeaux unter anderen . . alleHochachtung. Die Flasche davon Muß mindestens ihre fünfzehn Mark gekostet haben."
„Sie Aermster, dann tun Sie mir heute abend leid," lachte Erna. „Ich mußSie gleich daraufvorbereiten, daß i Sie nichts als Tee und Steinbrücker Bier bekommen werden. Für den weißen Bordeaux müssen Sie sich an die Erinnerung halten."
„Aber gnädiges Fräulein, wie können Sie mich so ve^ i kennen! Ich bitte Sie, von Ihnen kredenzt, würde ich
1 selbst Regenwasser mit Vergnügen schlucken."
Ein ablehnender Zug glitt über Ernas Gesicht. Sie stand mit der Bemerkung auf, daß sie nach den Vorbereitungen zum Abendessen sehen müsse. Nun tat der Förster, als ob er aufbrechen wollte, es war ihm aber kein rechter Ernst damit, und er ließ sich mit leichter Mühe zum Bleiben bereden. Bei Tische drehte sich die Unterhaltung vorwiegend um landwirtschaftliche Dinge, und
Mittwoch, den 12. Oktober 1910
die Leistungen notgedrungen so beschränkt werden, daß keinesfalls später die Notwendigkeit einer bedeutenden Erhöhung der Beiträge eintritt. Jedenfalls sind aber die Rentenbeiträge nicht zu unterschätzende Zuschüsse für den Lebensunterhalt des invalide gewordenen Arbeiters. Neberdies darf die Invalidenrente nicht für sich allein betrachtet werden. Neben ihr kommen in zahlreichen Fällen, vielleicht kann man sagen, in der Regel, noch andere Einnahmequellen in Betracht. Zunächst wird die Rente nicht nur an gänzlich Erwerbsunfähige, sondern an alle diejenigen Personen bewilligt, die mehr als zwei Drittel ihrer Erwerbs- fahigkeit eingebüßt haben. Eine große Zahl von Rentenempfängern wird daher in der Lage sein, zur Rente noch etwas hinzuzuverdienen. Nicht selten wird auch neben der Invalidenrente eine andere Unterstützung in Form von Unfallrente, Militärpension usw. bezogen.
Schon dieser eine Zweig der Arbeilerversicherung, die Invalidenversicherung, widerlegt glänzend das höhnische Wort der Sozialdemokratie von dem „bißchen Sozialreforni." Die Arbeiterschaft aber sollte bedenken, daß sie diese in der Arbeilerversicherung liegende große Wohltat einzig und allein der Hohenzollernmonarchie und den bürgerlichen Parteien zu verdanken hat; denn wäre es nach dem Willen Bebels und seiner Genossen im Reichstage gegangen, die gegen alle Versicherungsgesetze stimmten, so hätten die deutschen Arbeiter diese von der Arbeiterschaft des Auslandes anerkannte und als mustergültig bezeichnete Einrichtung der staatlichen Arbeilerversicherung nicht.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat anläßlich des Ablebens des Oberbürgermeisters Schmieding aus Kabinen an den Magistrat in Dortmund folgendes Beileidstelegramm gesandt: „Ich spreche dem Magistrat beim Hinscheiden des hochverdienten Oberbürgermeisters Geheimen Re- giecungsrat Dr. Schmieding mein wärmstes Beileid aus. Wilhelm R."
— Das Kaiserpaar verlebte mit seiner Tochter einige schöne Herbsttage in seinem Besitz zu Cadinen an der Ostsee, wo auch das kaiserliche Majolikawerk sich befindet und beabsichtigte das ganze Etablissement eingehend. Am Montag trafen die Majestäten zur Universitätsfeier in Berlin ein.
— Die Begegnung des Zaren mit dem deutschen Kaiser ist, wie die „Frkf. Kl. Pr." angibt, für Ende
Busch sah mit Erstaunen, wie gut das junge Mädchen Besche.d wußte. Welche liebe, musterhafte, kleine Hausfrau kann sie einmal werden, dachte er mit mühsam unterdrücktem Aufatmen.
„Sagen Sie 'mal. Auerbach," fragte der alte Gedding dann, „wie ist es denn mit dem Puter geworden, den Sie neulich von mir kauften? Ist er schon verspeist?"
„Erinnern Sie mich nur daran nicht," sagte Gedding ärgerlich. „Verspeist ist er, aber von wem! Es ist wirklich die tollste Geschichte, die mir jemals vorgekommen ist."
„Wieso?"
„Ach, das Pech ist gar md)t auszusagen. Ich beauftrage also einen meiner Arbeiter, den Puter eiuzugra- ben, damit er zart wird, wissen Sie. Der Kerl sieht mich stockdumm an, sagt dann aber doch: „Jawoll, Herr," nimmt den Vogel und geht. Aber, was glauben Sie wohl, was er damit getan hat?"
„Hat er ihn etwa selbst verzehrt?" lachte Erna.
„Ja, auf Ehre. Er sagte, er hätte geglaubt, der Puter sei krepiert und solle überhaupt nicht gegessen werden. Es sei ihm aber um das schöne große Tier leid gewesen, und so hätte er ihn seiner Frau mit nach Hause ge- nommen.“
„Das nenne ich Schicksalstücke. Wie haben Sie das überhaupt überwunden?"
„O, ich war wütend, so viel ist sicher. Und wenn die Dickköpfe ihn wenigstens vernünftig zubereitet hätten, aber „mien Fru hett ein in de Suppkantuffeln kakt," sagt mir der Lümmel. Meinen schönen Puter hätte ich noch verschmelzt, aber diese Zubereitung war rein zum Schießen."
„Mein herzlichstes Beileid," sagte Gedding belustigt. „Aber tragen Sie es wie ein Mann, Auerbach; denken Sie, daß der arme Teufel auf die Art auch mal zu einem fetten Schmaus gekommen ist."
Nach Tisch forderte der Administrator Auerbach auf, eine Partie Schach mit ihm zu machen. Der Fabrikbesitzer hatte dazu freilich wenig Lust. Fräulein Erna hatte
61. Jahrgang.
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Oktober ober Anfang November nicht in Friedberg, aber voraussichtlich in Potsdam in Aussicht genommen.
— Ein erfreuliches Zeichen, daß es doch noch zahlreiche Arbeiter gibt, die sich in bewußten Gegensatz zur Sozialdemokratie stellen, wird aus Berlin gemeldet. Hier haben nämlich die christlich-nationalen Arbeiter den Beschluß gefaßt, öffentlich dafür Zeugnis abzu- legen, daß es in Berlin auch noch eine Arbeiterschaft gibt, die für ein Königtum von Gottes Gnaden ein- tritt. Es findet dieserhalb eine öffentliche Kundgebung am 6. November, mittags 12 bis 1 Va Uhr, im Zirkus Busch unter Leitung von Lic. Mumm statt.
— Die neueste Meldung über den Stand der Hamburger Verhandlungen über eine friedliche Beilegung des Werstarbeiterausstandes und damit der Krisis in der ganzen deutschen Metallindustrie lautet hocherfreulich. Sie besagt: „Die Werften haben die neuerlichen Einigungsvorschläge der Kommission des GesamtverbandeS der deutschen Metallindustriellen angenommen. Sämtliche Streitpunkte mit den Werftbeirieden sind beigelegt worden. Die beschlossene Gesamt- aussperrung in der Metallindustrie unterbleibt". Damit werden die Hoffnungen auf die Vermeidung eines für alle Beteiligten schwer schädigenden Lohnkampfes neu gestärkt.
— Zur Ausführung des Weingesetzes haben die Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten für Handel und Gewerbe und für Landwirtschaft folgende Verfügung erlassen: Ermittlungen, die vor einiger Zeit vorgenommen sind, haben ergeben, daß vielfach Weine in Flaschen zu so niedrigen Preisen im Kleinhandel abgegeben werden, wie sie beim Verkauf gesetzmäßig hergestellter Weine unmöglich bemessen werden können. Nachdem inzwischen das neue Weingesetz ergangen und zu seiner Durchführung eine hauptberufliche Weinkontrolle geschaffen ist, ordnen wir an, daß in allen Fällen, in denen Flaschenweine zu ungewöhnlich niedrigen Preisen im Kleinhandel feilgeboten werden, nicht nur eine strenge Kontrolle der Händler zu erfolgen hat, sondern auch die Bezugsquellen innerhalb der Weinbangebiete festzustellen und die dortigen Kontrollorgane zu benachrichtigen sind, um eine scharfe Ueberwachung der liefernden Betriebe vorzunehmen.
— Wie weit der sozialdemokratische Terroismus geht, zeigt wiederum der folgende krasse Fall, der vor dem Schöffengericht zu Plauen i. V. zur Verhandlung kam. Einen Tag vor Aufhebung der großen Bauarbeiteraussperrung trat ein 19 Jahre alter Bauschüler
heute viel mehr, als ihm lieb war, mit dem Grünrock, der nichts war und nichts hatte, geplaudert und gelacht, und ihn, den reichen Auerbach, darüber ganz vernachlässigt. Nagelte ihn der Vater nun gar ans Schachbrett fest, so fiel sie diesem Menschen wahrhaftig für den ganzen Rest des Abends zur Beute. Er sah indessen kein Mittel, dagegen zu protestieren, und ergab sich widerwillig in sein Schicksal.
„Was sangen wir nun an?" fragce Erna, „während die beiden Schach spielen? Wollen wir es mit etwas Vier« hrindigem versuchen?"
„Wenn Sie es mit mir wagen wollen, sehr gern," sagte Fedor. „Ich fürchte aber, Sie werden wenig Freude an mir erleben. Da ich kein Klavier besitze, verlerne ich das wenige, das ich gekonnt habe, mitreißender Geschwindigkeit."
„Das ist sehr schade, ein Musikenthusiast wie Sie..."
„Mein Mustkenthusiasmus ist nicht aktiver Natur," sagte er. „Nachdem ich ein Jahr Unterricht gehabt hatte, sand mein Vater, daß dieser doch wohl besser meiner ältesten Schwester zugute käme, und so mußten zu meinem großen Bedauern die Stunden aufhören."
„Ja, Mädchen müssen nun einmal klimpern, sei es mit oder ohne Talent, ganz einerlei, ob die Menschheit dadurch erfreut oder gepeinigt wird," sagte Erna. „Das ist so eine allgemeine, fixe Idee. Aber, wie ist es, wollen wir unseren alten Keler Bela mal versuchen? Die ungarische Ouvertüre?"
„Gern, wenn Sie es wünschen, ich fürchte nur, es wird kein Genuß für die Gesellschaft werden, soweit ich in Frage komme."
„Nun, wir werden ja sehen," sagte Erna indem sie die Noten anflegte. Sie hatte es sich offenbar in den Kopf gesetzt, mit dem Förster vierhändig zusp'elen, und wollte ihren Willen haben.
„Also jetzt, Andante. Vierviertel Takt. Ich habe den Auftakt," sagte sie und begann sachte zu zählen: „ein.. e, zwei. . e, drei.. e, vier.. e." 179,18