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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65.Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".Telefon Nr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 88.
Mittwoch, den 2. November 1910
61. Jahrgang.
Amtliches.
Zur Besprechung einer für den ganzen Kreis sehr dringenden und wichtigen Frage der Mäusebekämpsung lade ich die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises auf
Donnerstag, den S. Ren
Nachmittags 2 Uhr in den Kreistagssaal hiermit ein.
Schlächtern, den 29. Oktober 1910.
Der Königliche Landrat: ___Valentiner.__
Sanitäts-Kolonnen.
Es ist eine durchaus erfreuliche Erscheinung, daß die Tätigkeit der zur Unterstützung des Kriegssanitätsdienstes, gebildeten freiwilligen Vereinigungen immer mehr in ihrer Bedeutung erkannt wird. Der Kaiser hat dem neuerdings dadurch Ausdruck gegeben, daß er verfügte, daß die nach den Dienstvorschriften für die freiwillige Krankenpflege eingekleideten und ausgerüsten Sanitätskolonnen ähnlich wie die Kriegervereine zu den Kaiservaraden zugelassen seien.
Demgemäß haben erstmalig in diesem Jahre die Ostpreußischen Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz in der Stärke von 26 Kolonnen mit 34 Aerzten und 568 Mitgliedern am 24. August an der Kaiserparade bei Königsberg i. Pr., die Westpreußischen Sanitäts- kolonnen v. Roten Kreuz in der Stärke von 23 Kolonnen mit 14 Führern, 7 Aerzten und 513 Mitgliedern am 27. August an der Parade bei Danzig teilgenommen. Bei beiden Gelegenheiten hat sich der Kaiser äußerst lobend über die Organisation der Kolonnen durch die Vereine vom Roten Kreuz sowie über die große Zahl der erschienenen Kolonnenmitglieder, ihre Haltung und Bereitwilligkeit dem Vaterlande im Kriegsfalle zu dienen, ausgesprochen.
Es wäre lebhaft zu begrüßen, wenn auch bei uns in Hessen das Sanitätskolonnenwesen überall diejenige Unterstützung fände, die es im patriotischen und allgemein menschlichen Interesse verdient, so daß auch unsere Kolonnen, wenn einmal wieder Kaiserparade in unserem Bezirke statifiudct, mit Ehren daran teil- nehmen können.
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 14
„Wo ist Xaver?" fragte Fedor, als er auf einen Augenblick zu Rosa hereinkam. Er wäre viel lieber nicht gekommen, aber es schien grausam, die Schwester den ganzen Abend allein zu lassen. Sie saß auf einem kleinen Divan zwischen Jda und Laura, die jede einen Arm durch den ihren gezogen hatten und den Kopf an ihre Schulter lehnten. Sie machten alle drei einen so hilflosen, schutz- bedürftigen Eindruck, wie sie so dasaßen in der tiefen Trauerkleidung, die die Gesichter der blondhaarigen Mädchen bleich und schmal erscheinen ließ.
■ „Xaver? Ich weiß nicht," sagt Rosa ängstlich. „Er ist seit ein paar Stunden fort, er sagte, er wolle spazieren
„Kann er denn heute nicht mal zu Hause beiden? Dies ist keine Zeit zum Spazierengehen. Natürlich ist er im schwarzen Roß." , ,
Ich fürchte auch, und es ist eigentlich nicht einmal passend, wo doch Vater eben erst.." sie stockte. „Ich konnte ja htnschicken und ihn holen lassen."
Fedor hob lässig abwehrend die Hand Nein, laß nur, er wird wohl bald von selbst kommen. Es ist ,a Essenszeit. Was ich ihm zu sagen .habe, kann er auch morgen noch hören," sagte er mechanisch, als ob ferne Gedanken weit ab weilten. t ,
Er hatte den Kopf zurückgelehnt und blickte starr
Leere. Offenbar hatte er ganz vergessen, wo er war Rosa beobachtete ihn verstohlen, und das Herz ward ihr schwer.
„Lieber, alter Junge, was ist denn geschehen? Konntest Du es mir nicht sagen? Ich sehe es Dir ja an, daß irgend etivas schlimm steht, und diese Uugeimßheit ängstigt mich so namenlos. Sag mir es doch, bitte, bitte. Sie brach in Tränen aus. ,
Er stand auf und schob sie sanft zurück. Ihr Weinen «nv Schluchzen reizte ihn wahrhaft, aber es war ia so
natürlich . . das arme Ding! Nur ein Barbar hätte hart mit ihr reden können.
„Laß gut sein," sagte er mit Anstrengung. „Das Weinen nützt zu nichts. Wir müssen uns alle in das Unvermeidliche schicken, jeder an seinem Teil. Aber ich kann Dir das heute noch nicht erklären, ich muß es selbst erst durchdenken. Jedenfalls muß ich nun fort, ich kann nicht länger bleiben, gute Nacht, und wartet nicht auf mtd).“
Er machte sich los, schloß die Tür ab und setzte sich nieder an den Tisch mit dem Wirrwarr von Papieren und Büchern. Er wollte jetzt allein sein um jeden Preis. Ein menschliches Gesicht zu sehen, reden zu müssen, schien ihm unerträgliche Pein. Er dachte an all das, was heute über ihn und die Seinen hereingebrochen war, ihre mittellose Lage, der drohende Konkurs, der mehr als mutmaßliche Selbstmord des Vaiers. Es war wahrhaftig des schweren genug, und dennoch trat es ihm alles zurück vor der einen herzzerreißenden Erkenntnis, gegen die er sich den ganzen Tag lang verzweifelt gewehrt und die sich ihni dennoch überwältigend deutlich aufdrängte; er durfte nicht mehr daran denken, um Erna zu werben.
Er mußte verzichten. Verzichten auf ein Glück, nach dem sein Herz und seine Sinne in stürmischem Verlangen brannten« Nein, das konnte er nicht, es ging über seine Kräfte. Er hatte sich immer eingebildet, ein zärtlicher Bruder zu sein, ja, daß er, so viel Rosa und Jda in Betracht kamen, noch ein wenig über dem Durchschnittsbruder stände, aber ach, was war ihm in diesem Augenblick Geschwisterliebe? Wie kalt, ärmlich und völlig wertlos schien sie, wie verflog sie, gleich Spreu im Sturm, vor der elementaren Macht, die den Mann zum Werbe seiner Wahl zieht und ihn seines Vaters und seiner Mutter vergessen läßt! Er hätte wünschen mögen., ja, was nicht alles! Wie ein unheimlicher, finsterer Strom ergoß sich eine Flut fremder, grausamer, ungewollter Gedanken durch sein Hirn. Es war etwas wie das Erwachen des Tieres, das in jedem Menschen schlummert. „O Herr,
Deutsches Reich.
Der kaiserliche Sonderzug ist am Freitag vormittag 7 Uhr in Köln eingetroffen. Nach einer Besichtigung des Domes setzten die Majestäten und die Prinzessin Viktoria Luise um 8 Uhr Die Reise nach der Station Wildpark fort.
— Der Kaiser und die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria und Gefolge trafen am Freitag abend 7 Uhr aus der Fürstenstation Wildpark ein und begaben sich ins Neue Palais.
— Der Prinzregent hat aus Anlaß seines Namens« festes die Prinzregent Luitpold-Stiftung für Kinder aus den Jagdbezirken des bayerischen Hochwaldes und des Spessartwaldes um 50 000 Mark erhöht.
— Der Minister für Handel und Gewerbe hat den dem Ministerium unterstellten Behörden folgenden Erlaß zugestellt: „Das Fünfundzwanzigpfennigstück hat sich bis jetzt beim Publikum nicht in genügendem Maße eingebürgern vermocht. Von den geprägten Stücken (rund drei Milionen Mark) befindet sich ungefähr ein Drittel bei der Reichsbank, Für die Entschließung des Reichsschatzamtes über die zukünftigen Prägungen in dieser Münzgattung ist es notwendig, daß die öffentlichen Kassen fortan die Fünfundzwanzig- Pfennigstücke in möglichst großem Umfange bei ihren Zahlungen verwenden, damit beobachtet werden kann, ob die so ausgegebenen Stücke vom Verkehr aufgenommen werden oder wieder zur Reichsbank zurückfließen.
— Der Zentral-Verband für deutsche Binnenschifffahrt, die gleichzeitig die Geschäfte des Deutsch-Oester- reichischUngarischen Verbandes für Binnenschiffahrt, der Schlichting-Stiftung und der Schiffer-Unterstützungs- kasse führt, hat seine Geschäftsräume von Berlin W.
30, Motzstraße 72, nach Charlottenburg, Kantstraße 140, verlegt.
— Ueber die Weltproduktion von Brotgetreide, Gerste und Hafer enthalten die „Statistischen Nachrichten des Internationalen Landwirtschaftsinstituts" folgende Einheitsziffern: Weizen 103,9, Roggen 103,3 Gerste 101,4, Hafer 96,3, Dies bedeutet, daß im laufenden Jahr auf der nördlichen Halbkugel die Weizenproduktion um 3,9 v. H. größen war als im vorigen Jahre, die Roggenproduklion um 3,3 v. H., die Gersteproduktion um 1,4 v. H. größer und die Haserproduktion um 3,7 v. H. geringer war als im vorigen Jahre. Diesen Einheitsziffern liegen die bis jetzt eingegangenen offiziellen Ausgaben zugrunde; sie
können in nächster Zeit noch gewisse Aenderungen er' fahren, wenn die für verschiedene Länder in Betracht gezogenen vorläufigen Angaben durch die definitiven ersetzt sind.
— Der Zentralverband christlicher Bauarbeiter Deutschlands schloß mit dem Verbände christlicher Bauhandwerker Belgiens einen Kartellvertrag ab. Die Mitglieder der Verbände sind danach, wie man aus dem einen in das andere Land der christlichen Berufsorganisation desjenigen Landes beizutreten, in dem sie länger als 14 Tage beschäftigt sind. Sind bei Streiks in Grenzorten Mitglieder mehrerer Landesorganisationen beteiligt, so hat jede Organisation ihre Mitglieder auf Grund ihres Statuts zu unterstützen.
— Mit Rücksicht auf eine Wiederbeschäftigung von Reservisten im Staatsbahnbetriebe hatte Minister von Breitenbach Ende v. I. angeordnet, daß alljährlich eine Nachweisung der Zahl der im verflossenen Jahre wieder zur Beschäftigung im Arbeitsverhältnis angenommenen Reservisten bis Mitte Januar dem Minister vorgelegt werden solle. Ein neuerlicher Erlaß verlangt nun weiter, daß in den Nachweisungen die Gründe angegeben werden in allen denjenigen Fällen, in denen Gesuchen von Reservisten um Wiederbeschäftigung im Eisenbahndienst nicht hat Folge gegeben werden können.
— Neue Kravalle in Berlin. Am Wedding im Norden Berlins kam es am Sonntag abend zu schweren Ausschreitungen, wobei die Polizei tätlich angegriffen und zahlreiche Personen verletzt wurden. Die Ursache war eine geringfügige. Einem Fleischergesellen, der nicht zur Arbeit gekommen war, wurde von seinem Chef erklärt, der Tag könne ihm nicht bezahlt. werden. Darauf legten 14 Gesellen die Arbeit nieder. Am Abend erfolgten dann zahlreiche Angriffe auf das Geschäft, namentlich von feiten halbwüchsiger Burschen und von Frauen. Nachdem ein 13 jähriger aus einem Revolver geschossen hatte und ein Feuermelder zerstört war, sammelte sich wie auf Kommando eine nach Tausenden zählenden Menge, aus der Steine auf die Schußleute geworfen wurden, weshalb sich die Beamten gezwungen sahen, blank zu ziehen und vorzugehen. Zahlreiche Tumultanten wurden durch Säbelhiebe verletzt. Schon war die Polizei zurückgegangen, als ein Schuß aus der Menge das Zeichen zu neuen Aus« schreitungen gab. Es wurde mit Steinen und Bierflaschen geworfen, auch abgerissene Eisenteile von Balkönen kamen als Wurfgeschosse zur Verwendung. In verschiedenen Straßen trat völlige Dunkelheit ein, weil
mein Gott," dachte er, „hilf Du mir meine Pflicht und schütze mich vor mir selbst."
Wie lange war es her, kaum eine kurze Woche, daß er sich in fieberhafter Ungeduld verzehrte, nur weil ein Aufschub von 48 Stunden ihn von der Geliebten trennte, und nun sollte er die Pein ungestillten Sehnens mit sich herumtragen . . jahrelang? Seine ganze Natur bäumte sich dagegen auf.
Er hatte nicht, wie so'manche seiner Altersgenossen, sein Herz stückweise wieder und wieder verschenkt, bis zuletzt kaum noch etwas übrig blieb, das des Abnehmens wert gewesen wäre. Er hatte wohl wie jeder normale Junge seine Schülerliebe, seine Tanzstundeuflamme gehabt, darüber hinaus aber war der Einfluß der Frauen auf sein Leben nicht gegangen. Eine langsame Natur hatten ihn seine Freunde, vielleicht nicht mit Unrecht genannt, aber in solchen langsamenNaturen kann die Leidenschaft, wenn sie kommt, mit doppelter Gewaltwirken.
Seit Monaten hatten sich, bewußt oder unbewußt, all seine Gedanken um Erna gedreht. Sie war mit all seinen Plänen für die Zukunft so fest verwachsen, daß es fast menschenunmöglich schien, sie je wiederdavon zu trennen. Und doch mußte es sein! Welche Luftschlösser hatte er gebaut im dämmerigen Zimmer, wenn draußen der Wind um sein Waldhaus strich und die Buchenscheite im Ofen knisterten und knallten, von einem glückseligen Leben zu zweien .. das mußte nun alles vorbei sein.. vorbei! Mochte die Welt freien und sich freien lassen, für ihn gab es keine Hochzeitsglocken mehr. Er mußte für feine verwaisten Geschwister sorgen, das war gleichermaßen die Forderung der Pflicht, der Ehre und der Menschlichkeit. Es gab kein Entrinnen; dieser Bruderpflichtmußte alles zum Opfer fallen. Jetzt einen Herd gründen, wo er nicht einmal die Ausgaben für die Geschwister würde bestreiten können .. nur ein Wahnsinniger konnte daran denken, und verrückt war er denn doch noch nicht, Gott sei Dank, wenn auch vielleicht nicht mehr weit davon entfernt. 179,18^