SchlüchternerAttm g
mit amtlichem Rreisblatl. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65.Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".Telefon Nr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 94.
Bekanntmachung
Den Kirchen-, Pfarr-, Gemeinde- und Schul- verbandskassen wird mitgeleilt, daß die Königliche Regierung zu Cassel unterm 12. ds. Mts. angeordnet hat, daß die Quittungen über die Entschädigungen für frühere Naturalbezüge (Korn, Gerste, Erbsen u. s. w.) nicht mehr die Mengen der früher gelieferten Frucht enthalten sollen, sondern mit der Allgemeinbezeichnung „Geldentschädigung für frühere Naturalbezüge" auszustellen sind.
Weiter sind folgende Mängel bei Ausstellung der Quittungen hervorgetreten und gerügt worden:
l. Fehlen des Dienstsiegels und des Amtscharaklers beim Sichtvermerk.
2. Fehlen der Zeitangabe (Tag, Monat oder Jahr) in der Quittung und bei dem Sichtvermerk und Angabe einer unrichtigen Jahreszahl, z. B. 2. 1. 1'908 anstatt 2. 1/ 1909.
3. Verwendung des nicht zuständigen Dienstsiegels z. B. Verwendung des Diestsiegels der Orts- polizeibehörde bei dem Sichtvermerk des Schul- verbandsvorstehecs und Ausschabungen; anstatt notwendige Aenderungen durch Berichtigung und Anerkennung vorzunehmen.
Die Königliche Regierung erwartet, daß in Zukunft auf ordnungsmäßige und vollständige Quittungen Bedacht genommen wird.
Schlächtern, den 21. November 1910.
Königliche Kreiskasse und Klosterrenterei __Schade.__
Bericht über die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Uassan und Waldeck im
Oktober 1910.
Auch im Monat Oktober hielt die Aufwärtsentwicklung, von der wir int Vormonat berichten konnten, noch an, wenn auch in einigen Gewerben, der Saison entsprechend, ein Rückgang eintrat. In der Metallindustrie wurde, wie schon im Vormonat kurz berichtet, der Werftarbeiterstreik, der auch auf das Wirtschaftsleben im Verbandsgebiet einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt hätte, abgewendet. Der Rückgang in der Zahl der Arbeitsuchenden in Frankfurt a. M. gegenüber dem Vormonat wird auf die Beilegung der Aussperrung zurückgeführt, wenn nach dem Bericht der Stadt. Arbeiisvermitilungsstelle in Frankfurt a. M. die Zahl der in den einzelnen Branchen vorgekommenen Besetzungen nicht auf der Höhe des Vormonats geblieben ist, so konnte auf der anderen »eile der Me-
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। Segen der Aröeit.
Roman von Klara Hellmuth. 22
Am Begräbnistage des Kleinen fühlte er sich schon so unwohl, daß er sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte, und als er am Abend im schönsten Schüttelfrost bei seinem Waldhaus anlaugte, war seine Widerstandsfähigkeit völlig erschöpft. Einer schweren Lungenentzündung gegenüber versagte der festeste Wille. Da hieß es nun stillhalten. Freilich war auch dies Uebel nicht ohne sein Gutes. Während er mit 40 Grad Fieber zu Bett lag, von rasenden Hustenanfällen gepeinigt und viel zu krank, um einen klaren Gedanken fassen zu können, läuteten in Kosenau die Glocken der festlich geschmückten, kleinen Kirche zu Ernas Trauung. Auerbach war einsehr ungeduldiger Bräutigam, der die Hochzeit nach Kräften beschleunigte, und Erna hatte keinen Einspruch erhoben.
• Ob etwas früher oder später, kam ja alles auf eins heraus, sie mußte ja doch ausesseu, was sie sich eingebrockt hatte. Frau Hempel, die Fedor mit fast mütterlicher Sorgfalt pflegte, versagte ihrer Neugier tapfer das Vergnügen des Brautschauens, um ihn nicht allein zu lassen, und so gab es niemand, der ihn mit unwillkommenen Erzählungen von der Blässe und dem sichtlichen Zittern der Braut und dem ältlichen Bräutigam hätte peinigen können.
Als er nach ein paar Wochen, noch etwas blaß und hohläugig, wieder unter den Leuten erschien, war die Hochzeit ein fast vergessenes Ereignis und das junge paar verlebte deu Rest derFlitterwochen au den ober italienischen Seen. Auerbach war freilich kein Naturschwärmer, mid die Schönheiten des Lago Maggiore kamen wenig in Betrachtgegenüber dem Unistand,daß dieungewohnte,italienische Küche ihm Indigestionen verursachte. Er war froh, als später der Brenner passiert war und die Eisenbahn
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ih». den heimischen Gefilden entgegentrug, wo man zu kochen verstand, und mo Natron und Hoffmanns Ver- dauungstropfen nur bei großen Gelegenheiten erforderlich waren.
Ein Monat verging nach dem anderen. Die Knospen der Waldbäume erschlossen sich und glänzten hellgrün in der Maiensonne, sie wuchsen und entfalteten sich in der Sonnenglut. Dann kam der Herbst, sie bunt zu färben, der Winter, um sie wieder von den Zweigen zu fegen und so den Kreislauf zu schließen. Im Waldhause spann sich das Leben einförmig ab. An Arbeit war kein Mangel, da mit der Försterei eine ziemlich große Landwirtschaft verbunden war und Fedor sich bemühte, so wenig fremde Hilfe als möglich in Anspruch zu nehmen. Anfangs hatte er alles halb widerwillig getan, mutlos, freudlos, noch gedrückt durch die Nachwehen der Krankheit. Aber wie das Geräusch sanften Negengeriesels am Ende selbst einen hochgradig Erregten einschläfert so besänftigte die regelmäßige Arbeit, das Leben in und mit der Natur allmählich den qualvollen Aufruhr aller Nerven und das Aufbäumen seiner Seele gegen das Schicksal und gab ihm jene Ergebung, ohne die jegliche Beschwerde des Lebens zu einer unerträglichen Bürde wird.
Freilich die Jugend lernt nur unter heißen Kämpfen entsagen, und noch immer kamen ihm Stunden, in denen er sich in fruchtlosem Sehnen nach dem Verlorenen zermarterte, um so mehr als seine Geschwister nicht im- mer dazu beitrugen, ihm das Opfer, das er ihretwegen gebracht, zu erleichtern.
Zwar mit den Schwestern ging alles nach Wunsch. Rosa fühlte sich auf ihrer Stelle wohl. Sie konnte ihre Pflichten leicht erfüllen, und ihr Gehalt erlaubte ihr, Fedor in mancher Weise zu Hilfe zu kommen. Jda lernte mit Feuereifer und galt als Musterschülerin, und meint Lauras schwache Begabung sie auch immer iu den unteren Klassen festhalten würde, so hatte sie dafür ausgesprochenen wirtschaftlichen Sinn, der ihr später schon
Mittwoch, den 23. November
tallarbeiterverband die Zahl seiner Vermittlungen gegenüber dem Vormonat erhöhen. Besonders verlangt wurden Maschinenarbeiter und Dreher, während Ma« schinenschlosser seltener gesucht wurden. Von besonderem Interesse ist, wie die Fussion der Lahmeyerwerke mit der A. E. G. auf dem Arbeitsmarkt der Frankfurter Metallindustrie einwirkt, da einige Zweige des Unternehmens nach Berlin verlegt werden sollen. Auch ist anzunehmen, daß durch den Umzug einer großen Maschinenfabrik in Bockenheim eine größere Anzahl von Arbeitern eingestellt wird. An Elektromonteur«» ist nach wie vor Mangel vorhanden. Spengler und Installateure werden der Saison entsprechend anhaltend verlangt. Ebenso hat eine große Konstruktionswerkstätte eine große Zahl von Bauschlossern eingestellt. In der Regel wurden allerdings jüngere Bauschlosser verlangt, im Alter von 21—24 Jahren. Die Tatsache jedoch, daß auch ältere Bauschlosser, Spengler, und Installateure gesucht wurden, darf als ein Zeichen gelten, daß die Arbeit anfängt in das Gleichgewicht zu kommen. In der Branche der Lüsterfabrikation wurden Gürtler, Schleifer, Drücker und Graveure verlangt. Auch die Heizungsbranche arbeitete gut. Zu erwähnen wäre noch die Eröffnung einer Fabrik für Luftschiffmotoren, die vorerst allerdings noch weniger Arbeiter beschäftigt. Der Streik in einer Firma in der Nähe von Frankfurt a. M. wurde beendet, jedoch konnten bis jetzt noch nicht alle Arbeiter wieder eingestellt werden. Nach den übereinstimmenden Berichten kann die Gesamtlage der Metallindustrie als eine gute bezeichnet werden. Die Beobachtungen, die in Frankfurt a. M. gemacht sind, kehren auch in den Berichten von Mainz und Offen- bach wieder. In der Holzindustrie war in der Möbelbranche ein Rückgang zu verzeichnen; besonders berichten hierüber Frankfurt a. M. Cassel und Mainz. Dagegen war die Nachfrage nach Glasern und Küfern sehr stark. Bei best Sattlern und Tapezierern hielt sich der Beschäftigungsgrad nach den Berichten von Mainz auf der bisherigen Höhe, während in Frankfurt a. M. auch für diese Gewerbe ein Rückgang verzeichnet wird. Im Bekleidungsgewerbe macht sich der Jahces- ^it entsprechend ein Abflauen bemerkbar. Im Baugewerbe nimmt der Beschäftigungsgrad der Saison entsprechend ab. Besonders aus Darmstadt wird berichtet, daß aus den umliegenden Ortschaften und kleineren Landstädten viele arbeitslose Maler, Weiß binder und Lackierer den Arbeitsnachweis aufsuchen, um Stellen als Haus- und Laufburschen oder Tag- löhner zu finden. Im Buchdruckergewerbe macht sich die Vergrößerung einer Frankfurter Zeitung durch die Einstellung einer größeren Zahl von Gehilfen bemerkbar.
61. Jahrgang.
Nach dem Bericht des Arbeitsnachweises der Tarifgemeinschaft, fiel die Zahl der Arbeitslosen von 66 auf 49. Diese Verringerung trat aber hauptsächlich bei den Setzern ein, deren Zahl von 45 aus 28 fiel. Dagegen waren am Monatsschluß 5 Drucker mehr arbeitslos als am Anfang des Monats. Trotz allgemein besseren Geschäftsganges gegen das Vorjahr ist die Zahl der arbeitslosen Drucker ziemlich die gleiche geblieben: 63 Setzer, 21 Drucker, 1 Schweizerdegen, 2 Korrektoren und 7 Schriftgießer, gegen 28 Setzer, 20 Drucker und ein Schriftgießer im gleichen Monat des Vorjahres. Der Bezirk Frankfurt a. M. der Deutschen Buchdrucker, verausgabte an Unterstützungen im Monat Oktober 1910 an 82 Mitglieder für 1243 Tage Mk. 2725.50 gegen 107 Mitglieger für 2294 Tage Mk. 4947.75 im Vorjahre und an Reiseunter« stützungen an 59 Mitglieder für 233 Reisetage Mk. 280.50, gegen 98 Mitglieder für 414 Reisetage Mk. 507.— im Vorjahre. Aus der Kartonnagenindustrie ist zu berichten, daß die Arbeiter unD Arbeiterinnen in den Buchbindereien, Kartonnagen- und Papierwaren- fabriken in eine Lohnbewegung eingetreten sind. Beschlossen wurde in einer Versammlung am 26. Oktober ds. Js, daß überall die Kündigung eingereicht werden sollte; der Streik sollte am 12. November beginnen. Die Beschäftigungsgelegenheit im Gastwirtsgewerbe ist der Jahreszeit entsprechend weiter zurückgegangen. Die Städt. Arbeitsvermittlungsstelle Frankfurt a. M. stellt fest, daß eine Anzahl von Wirten infolge des neuen Stellender mittlergesetzes die Tätigkeit der Arbeitsvermittlungsstelle in Anspruch nehmen und daß in Frankfurt a. M., soweit bekannt, schon ein gewerbsmäßiger Stellenvermittler seine Tätigkeit eingestellt hat. Die landwirtschaftliche Vermittlung ist gegen den Vormonat zurückgegangen, sowohl was die Zahl der verlangten Arbeitskräfte, als auch die Zahl der Arbeitsuchenden betrifft. Es mag hier bemerkt sein, daß die Arbeitsvermittlung der Wanderarbeitsstätte Eassel- Bettenhausen schon jetzt ganz Bedeutendes für die Arbeitsvermittlung leistet. Nach dem Bericht von Cassel entfallen auf die Wanderarbeitsstätte Cassel- Betlenhausen allein ca. 200 Bermittlungen. Bei den Ungelernten war die Arbeitsgelegenheit bis jetzt noch günstig. Nach dem Bericht von Frankfurt a. M. hält es besonders schwer, Leute über 20 Jahre unter« zubringen, da nach solchen fast keine Nachfrage besteht und es sich in der Regel nur um Aushilfe für wenige Tage oder Stunden handelt. Zu bemerken ist noch, daß der Arbeitsnachweis in Biebrich das Arbeitsamt Mainz um Ueberweisung einer größeren Anzahl Erdarbeiter ersucht hat.
den Weg durchs Leben ebnen würde. Xaver blieb nach wie vor das Sorgenkind, träge, selbstsüchtig undvoneinem Leichtsinn, der schon mehr Leichtfertigkeit genannt zu werden verdiente. Immer voN neuem fühlte Fedor den Kummer, daß ihm der Bruder wohl alle Pflichten, nicht aber die Rechte eines Vaters eingeräumt habe, und fragte sich [ oft angstvoll, wo das hinaus solle. Aehnliche Gedanken lasteten ihm schwer auf der Seele, als er an einem März- tag die drei Treppen zu Xavers Wohnung erklomm. Der Direktor hatte ihn ausdrücklich um einen Besuch gebeten. und das Ergebnis der Unterredung war wohl ge- ei- -tet, die tiefen Falten seiner Stirn hervorzurufen. „Sie sind sich selbst schuldig, ihm gegenüber andere Seiten auf- zuziehen," hatte der Direktor mit Nachdruck gesagt, „sonst wird er Ihnen zu einem ewigen Klotz am Bein werden, der Sie um jede freie Bewegung bringt. Sie wollen doch auch nicht immer der Verfolger Ihrer Geschwister sein. Jeder junge Mann hat doch auch für sich selbst Wünsche, berechtigte Wünsche."
„Ich denke für mich an nichts, Herr Direktor," hatte die knappe Antwort gelautet, aber der schwermütige Zug um die einst so heiteren Augen war auf einmal scharf heroorgetreten. Ueber mannigfachem Erwägen und Hin- und Herreden war es dann sechs Uhr geworden und Fedor Durfte kaum hoffen, den Bruder um diese Zeit zu Hause zu treffen.
Er war daher angenehm überrascht, daß ihm schon vor der Tür aromatischer Zigarrenduft Xavers Anwesenheit verriet. Auf sein Klopfen rief eine wohlbekannte Stimme: „Herein, wenns kein Schneider ist." 179,18
Xaver lag auf einem alten, kattunüberzogenen Kanapee, von Wolken umwallt wie die seligen Götter und las, wenn auch nicht gerade Homer oder Thucidides. Daß er sich bei seinem Werke auch gestärkt, bewiesen mehrere leer« Bierflaschen neben ihm auf dem Tisch. So ärgerlich Fedor war, fiel es ihm selbst in diesem Augenblick wieder auf, welch ungewöhnlich hübscher Junge Xaver war.