SchlüchternerZeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «s Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".Telefon Nr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Krersblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleme Zeile oder deren Raum 10 Pf^.
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Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
fanden in der Schlüchterner ■ BlOd alv Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der deutsche Kronprinz benutzt seinen Aufenthalt in Mattra der in jeder Beziehung befriedigend verläuft und bekanntlich um zwei Tage verlängert worden ist, um die Einrichtungen des Regiments Rostal Dragoons eingehend kennen zu lernen. Das Regiment, das seinem Gaste eine überaus herzliche Aufnahme bereitere, verunstaltete ihm zu Ehren besondere Uebungen, an denen der Kronprinz teilnahm. Am Mittwoch war der deutsche Missionar Zenler, der durch jahrzehntelangen Aufenthalt in Indien mit den Verhältnissen des Landes innig vertraut ist, zum Frühstück geladen.
— Die deutsche Kronprinzessin hat am Mittwoch die Insel Phylae und den Katarakt besichtigt.
— Das Kaisermanöver 1911 wird ziemlich kurz sein. Es beginnt am 4. September, und am 14 September soll das Gardekorps wieder bereits in seine Standorte zurückgekehrt sein. Der Kaiser wird in der verhältnismäßig kurzen Zeit vom 1. September bis 14. September nicht weniger als drei große Paraden abnehmen, die über das Gardekorps in Berlin, die über das 2. Armeekorps bei Steilin und über das 9. Armeekorps bei Lübeck.
— Der Botschafter Frhr. Mumm v. Schwarzeustein trat kurz vor Weihnachten von Aegypten aus die Rückreise nach Ostasien an. Wie wir hören, sah sich der Botschafter genötigt, wegen eines Augenleidens seinen Abschied einzureichen, hat sich aber bereit finden lassen, nochmals aus kurze Zeit auf seinen Posten zurückzu- kehren, um dem Kronprinzen während seines Aufem» Haltes in Japan seine reichen Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Nach Abschluß des Besuches wird dann Frhr. v. Mumm den erbetenen Abschied erhalten.
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Roman von Klara Hellmuth. 43
„Nimm nur gleich die Büchse Fedor, und schieß mich tot. Was tu’ ich noch auf der Welt! Ich hab' Dir ja immer nur Verdruß gemacht."
Seine sonstige kecke Sicherheit und Ueberlegenheit war völlig dahin. Er bot in seiner ganzen Erscheinung ein erschütterndes Bild fruchtloser, vor der Strafe zitternder Reue. „Latz jetzt die Phrasen, Xaver. Ich will Dir helfen, wenn ich kann, aber vorerst muß ich alles wissen."
Xaver hob den Kopf und sah den Brüder furchtsam an. Ein schwacher Hoffnungsstrahl blitzte in seinen Augen auf.
Dann, stoßweise und stockend begann er seine Beichte. Es war die alte, törichte Geschichte, wie eine abgeleierte Melodie Hunderte von Malen bis zumUeberdruß gehört, Lie Geschichte von Leidenschaft, Eitelkeit, falschem Stolz.
Xaver hatte, wie Fedor vorgesehen, seine Spiellust ,nicht zügeln können, nicht so sehr aus Gewinnsucht, als !in der Hoffnung, sich der drängenden Gläubiger zu erwehren. Eine Zeitlang ging alles gut, dann aber hatte das Glück sich doch gegen ihn gewandt. Eines Abends war auf Sölters Bude scharf gespielt worden, mit hö- 'heren Einsätzen als gewöhnlich. Der Punsch war stark gewesen und hatte ihm alle klare Ileberlegung geraubt. Er hatte alles verspielt und schließlich halb im Rausch Herrn von Kirchuer einen Wechsel über 400 Mark ausgestellt.
Für diesen schien es eine geringfügige Summe, für Xaver war es ein Kapital. Wie er nach Hause gekom- men wußte er selbst nicht; als er am nächsten Morgen aus dem Kater erwachte, ward ihm seine Lage schrecklich klar Zu Kirchner gehen, ihm bekennen, welch' armer Teufet er in Wirklichkeit sei, ihn, den Hochmütigen, auf dessen Freundschaft oder auch selbst nur Bekanntschaft er so stolz gewesen war, um Nachsicht zu bitten, schien unmög
Mittwoch, den 11. Januar 1911
— Bei der Landtagsersatzwahl in Stolp ist Land- rat von Brüning (tonf) mit sämtlichen 497 Stimmen gewählt worden. Ein Gegenkandidat war nicht ausgestellt worden.
— Von den preußischen Provinzialschulkollegien ist augeordnel worden, daß am 18. Januar, am 40. Gedenktag der Kaiserproklamation in Versailles, in den Schulen der Reichsgründung in zweckmäßiger Weise gedacht werden soll; auch Prämien sollen verteilt werden. Das bayerische Kultusministerium hat ebenfalls angeordnet, daß am 18. Januar in den Mittelschulen und in den oberen Volksschulklaffen auf die Bedeutung jener Ereignisse entsprechend hinzuweisen ist — Das ist sicherlich freudig zu begrüßen. Derartige Gedenktage sollten als Nationalfesttage entsprechend gefeiert werden!
— Eine Berliner Korrespondenz hatte behauptet, es stehe nunmehr fest, daß in der Ostmarkenpolitik das Enteignungsgesetz nicht zur Anwendung gelangen werde, Diese Nachricht ist, wie jetzt halbamtlich festgestellt wird selbstverständlich falsch. Die Staalsregierung trifft keine allgemeine Entscheidung, durch die ein von ihr selbst herbeigeführtes Gesetz annulliert würde. Beschlüsse über spezielle Fälle, in denen die Anwendung des Enteignungsrechts in Frage kommt, stehen noch aus.
— Eine bemerkenswerte sozialdemokratische Anerkennung deutscher Verhältnisse hat der „Genosse" Südekum ausgesprochen, der zurzeit mehrere Vorträge in Amerika hält. Er hat, wie die sozialdemokratische „Newyork. Volksztg." berichtet, in Newyork ein glänzendes Bild des Fortschritts gezeigt, den trotz alledem die deutsche Kommunalverwaltung, und nicht nur diese, während einiger Jahrzehnte genommen hat. „Er gedenkt des unendlichen Segens, den die deutsche Arbeiter- gesetzgebung in weite Kreise getragen, wie die deutsche Kommune 'heute jedes Individuum von der Wiege bis zum Grabe fürsorglich beschütze, er schilderte, wie die Männer der Gemeindeverwaltungen heute nickst, wie früher, ihre Stellungen dazu benutzen, persönlichen Vorteil daraus zu ziehen, sondern wirklich nur im Interesse der Gemeinde wirkten und schafften. Und damit erinnert er uns an die Tatsache, daß die deutschen Städte heute von allen fremden Beobachtern als wahre Verwaltungsmuster in jeder denkbaren Hinsicht gepriesen werden."
— Die Bestimmungen über die Neuordnung des Mittelschulwesens in Preußen treten mit Beginn des nächsten Schuljahres in Kraft und zwar vom ersten
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lich. Eine Ehrenschuld nicht einlösen, ganz undenkbar, das hieße ehrlos werden.
„Schöne Ehrbegriffe," schaltete Fedor ein mit einem vernichtenden Blick auf die schlotternde Jammergestalt in der Sofaecke.
„Das verstehst Du nicht," seufzte Xaver. Du weißt nicht, wie das mit Ehrenschulden ist. Ich mußte zahlen."
„Also Du hast gezahlt? Aber wovon Mensch, wovon?"
Ja, das war eben das Verzweifelte. Um Kirchner befriedigen zu können, hatte Xaver der Postkasse die 400 Mark entnommen.
Fedor sprang kerzengerade in die Höhe.
„Bist Du von Sinnen? Ein Dieb bist Du geworden?" schrie er und schüttelte Xaver an beiden Schultern. Die Adern auf der Stirn schwollen ihm hoch an.
„Schieß mich nur gleich tot," winselte Xaver. „Ich hätt's schon selbst getan, aber ich .. ich konnt's nicht, das Sterben ist so gräßlich." Er schauerte zusammen.
„Und .. wirst Du etwa schon verfolgt? Ist der Diebstahl entdeckt ? Die Wahrheit Xaver. Um Gottes willen, die Wahrheit!"
„Nein, nein, noch nicht. Ich bin von Herodes zu Pi- latus gelaufen in diesen Tagen, um das Geld zu schaffen. Ich dachte irgend jemand muß doch borgen; aber nein, kein Pfennig zu haben. Ich wollt's Dir ersparen, Fedor, aber ich kann nicht, ich weiß nicht ein noch aus. Halb sinnlos bin ich gewesen vor Angst. Am liebsten hätt' ich mich aus demZugeaufdieSchienen gestürzt.
Und nach Weihnachten halten sie großeAufrechnung, da sammt es sicher heraus, wenn nicht schon eher. Soll ein Unglück sein, so kann es jeden beliebigen Tag entdeckt werden und dann, .o Gott, o Gott. Sie wollten mich nicht fortlassen, nicht mal auf einen Tag; es ist so viel zu tun jetzt. Ich mußte schließlich sagen, Du wärest schwer krank, da ließen Sie mich."
„Also eine Lüge auch noch obenein."
„Auch das! Aber Fedor rette mich doch, ich habe ja
62. Jahrgang.
Schuljahrgang aufsteigend. Da bis zu diesem Zeitpunkte noch nicht durchweg Neuausgaben der Lehrbücher, die nach den nenen Lehrplänen gearbeitet sind, vorhanden sein können, so hält es der preußische Kultusminister in einem Erlaß an die Regierungen für selbstverständlich, daß die Weiterbenutzung der bisher gebrauchten Lehrbücher auch ferner zugelassen wird, soweit es mit dem Unterrichtsbetriebe vereinbar erscheint. Dies wird umso leichter möglich sein, als die neuen Lehrpläne keinen Zweifel darüber lassen, daß das Hauptgewicht auf den persönlichen Unterricht und die Anregung durch den Lehrer zu legen ist, und daß den Lehrbüchern nur eine Bedeutung als Hilfe bei der Arbeit des Lehrers zukommt. Bei der Entfernung bisher gebrauchter und der Einführung neuer Lehrbücher wird mit besonderer Vorsicht zu verfahren sein, damit nur solche in Gebrauch kommen, die nach sorgfältiger, nicht überhasteter Vorarbeit den Zielen und Lehraufgaben der neuen Lehrpläne entsprechen.
— Ein grelles Schlaglicht auf die sozialdemokratischen Verhetzungsversuche der Soldaten wirft folgender Vorfall. Auf dem Bahnhof in Rastati wurden Weih- nachtSurlaubern basischer Regimenter Zettel zugesteckt, auf denen die Auffordernng stand, „dem Großmaul von Königsberg am 27. d. M. den Gehorsam zu verweigern und in Baden die Republik auszurufen." Dieser Vorfall zeigt so recht deutlich wie viel sich die Herren der roten Partei erlauben zu dürfen glauben, Die Anzeichen der sozialistischen Verhetzung unserer Soldaten mehren sich immer mehr, und die schärfste Aufmerksamkeit ist dringend notwendig, wollen wir nicht auch unser Heer, auf das wir uns heute noch verlassen können, der Zersetzung überlassen
Ausland.
— Die deutsche Medizinschule in Schanghai hat zur Zeit eine Gesamtschülerzahl von 67, von denen 3 auf das Klinikum, 6 auf das Vorklinikum, 16 auf die erste, 32 auf die zweite und 10 auf die dritte Sprach- schulklasse fallen. 18 Schüler sind von der Regierung in Nanking, 4 von der Regierung in Tsi-nan-fu und 20 von der chinesischen Gesellschaft vom Roten Kreuz der Schule zugewiesen. Wie gründlich der Unterricht in der deutschen Sprache ist, zeigt die Tatsache, daß in der Unterklasse der Sprachschule die Abteilung B 24 Stunden deutsch, die Abteilung A 15 Stunden deutsche Konversation und 3 Stunden deutsche Grammatik erhält.
niemand als Dich. Ich muß mir ja eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn Du nicht hilfst. Nur dies eine Mal. Ich spiele nie wieder, das kannst Du mir glauben, so wahr mir Gott helfe. Und heute mit dem Nachtzug muß ich fort, ich muß morgen mittag schon wieder Dienst tun."
Fedorfuhrsich mit beidenHänden durchsHaar.„Furcht- bar! Was soll .. was soll ich machen?"
„Du mußt mir helfen," kreischteXaver auf. „Willst Du mich im Zuchthaus sehen?"
„Dir geschähe nur recht."
Der Jüngere warf sich auf die Erde in sinnloser Angst und umfaßte die Knie des Bruders.
Fedor, sei barmherzig! Ich tu's ja nie wieder. Auf Ehrenwort! Bei allem, was heilig."
„Fedor machte sich unwillig los. „Spiele mir nur jetzt keine Komödie vor," sagte er rauh, „mir ist nicht danach zu Sinn."
Xaver raffte sich schwerfällig vom Boden auf und sank auf den nächsten Stuhl. Er konnte sich nicht aufrecht halten. Er schien um Jahre gealtert, die schönen Züge fahl und gealtert. Fedor überlegte.
Ja, er hatte kürzlich eine Kuh verkauft; das Geld lag in seinem Pult, und wenn er alles, was er sonst zur Zeit besaß, zusammenraffte, so mochten allenfalls 400 Mark herauskommen, aber .. aber .. Wie nötig gebrauchte er dies Geld. Ein neuer Bauwagen war gar nickt zu entbehren, mit seinem Winterpaletot konnte er sich kaum noch unter Menschen sehen lassen, Leutelohn, Pension und Schulgeld für die Schwestern sollte bezahlt werden. Mußten denn immer alle und alles hinter diesem Leichtfuß zurücktreten, der stets nur an sich gedacht und jetzt mit seinem einzigen Besitztum, seinen ehrlichen Namen umging, als sei er nicht teurer als Tannzapfen? Ein ungeheurer Zorn quoll in Fedor empor. 179,18
„Es ist geradezu unrecht, wenn ich Dir helfe," sagte er hart. „Du bist's wahrhaftig nicht wert, daß ich Deinetwegen die Schwestern verkürze. Bon Rechts wegen sollte ich Dir sagen: ficht Deine bösen Händel selbst aus.-