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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
T-l-s»« Nr «5__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". T«r«s«„ «r. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 4. Februar 1911. rrwrmffmifiwrTi^^
62. Jahrgang
Amtliches.
J.-Nr. 6361/10 Der Herr Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat zur Erleichterung der Ausbildung tüchtiger Baumwärter an der Obstbauanstalt der Landwirtschaftskammer in Oberzwehren einen Staatszuschuß als Beihilfe zu den Kosten der Ausbildung geeigneter Personen, die später im öffentlichen Obstbau tätig sein sollen, bewilligt.
Die Höhe des mit den verfügbaren Mitteln zu ermöglichenden Zuschusses für eine Person beträgt durchschnittlich 80—130 Mark, je nach den Kosten, welche den Teilnehmern für Aufenthalt und Reise erwachsen. Berücksichtigt können insgesamt jährlich etwa 10—12 Gesuche werden.
Die Zubilligung der Beihülfe geschieht durch einen mit der Landwirtschaftskammer abzuschließenden Ausbildungsvertrag unter der Bedingung, daß von der Stelle, für welche oder in deren Auftrag die Ausbildung geschieht, also Kreis- oder Gemeindeverwaltung bezw. Obstbauverein, mindestens die gleich hohen Zuschüsse gegeben werden. Etwaige Gesuche sind bis spätestens zum 15. Februar der Obstbauanstalt der Landwirtschaftskammer in Oberzwehren einzureichen.
Cassel am 30. Dezember 1910. Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Cassel. gez. von Stockhausen Vorsitzender.
An den Herrn Landrat in Schlüchtern.
J.-Nr. 7709 K.-A. Vorstehende Bekanntmachung veröffentliche ich hiermit und ersuche, etwaige Gesuche um Zulassung zu dem Aushildungskursus in 1911 spätestens bis zum 12. Februar d. Js. an mich ein» zureichen. Ich bemerke dabei, daß wahrscheinlich der Kreis-Ausschuß zu den entstehenden Ausbildungskosten auch einen namhaften Zuschuß gewähren wird.
Die Bedingungen über die 10 wöchigen Ausbildungskurse können bei mir eingesehen werden.
Schlüchtern, am 1. Februar 1911.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
Valentiner.
J.-Nr. 295 K.-A. Am Montag, den 20. März d. Js. Vormittags 10 Uhr findet in Schlächtern die
Ziegenbock-Körrrng
statt.
Schlächtern, den 30. Januar 1911.
Der Landrat: Valentiner
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 50
Die ersten Fledermäuse huschten umher, und hier und da zwitscherte ein Vogel nach einmal auf.
„Wie friedlich das hier ist," sagte Erna, „so weltfern, als ob Unfriede und Kampf hier ganz undenkbar wären."
Er lächelte. „Friede und Unfriede kommen meist von innen heraus und haben mit dem Orte nichts zu tun. Wir nehmen uns selbst eben überall mit, und ich habe gefunden, daß wir in der Natur meist nur den Widerschein unserer eigenen Stimmung sehen."
„Solche Ansichten passen für jemand, der sein Leben in einer Idylle wie diese zugebracht hat. Ich glaube wahrhaftig, daß ich die Macht äußerer Einflüsse besser zu würdigen weiß, als .. nun, sagen wir . . Sie jinb Ihre Schwestern. Ich habe wohl gemerkt, wie ich Sie heute nachmittag chokierte. Aber sei's darum. Wen das Leben so angefaßt hat wie mich, der redet nicht immer wie aus dem Töchterpensionat."
„Lassen Sie doch das Vergangene," bat er. „Sie sind jung genug, um noch eine Zukunft zu haben, und Sie haben ja auch Ihr Kind. Sehen Sie, ich habe nur meine Geschwister, und doch hat die Sorge für sie mir das Leben hell und warm gemacht, und Sie als Mutter sollten nicht..."
„Sie sind eben ein Mann, darin liegt der große Un= terschied. Ihnen füllt der Beruf das Leben aus und entschädigt Sie für manche Mängel. Wir dagegen sind ganz auf das Haus angewiesen, und wenn das nichts bietet als Ungemütlichkeiten und Verdrießlichkeiten aller Art, was dann?Dannschweben wir eben zwischen Himmel und Erde, nirgends glücklich und nirgends daheim."
Er fand nicht gleich eine Antwort, und daß er schwieg, verletzte sie.
„Ich Höre meinen Wagen," sagte sie in verändertem
Deutsches Reich.
— Der Kaiser besichtigte am Donnerstag mittag im Weißen Saal des Königlichen Schlosses die zur Armee und Marine diesmalig heranstehenden Kadetten.
— Die deutsche Kronprinzessin ist von ihrem Aufenthalt in Kairo so befriedigt, daß sie sich entschlossen hat, noch eine Woche hier zu bleiben und dafür den Besuch Siziliens aufzugeben.
— Die Kronprinzessin wird am 8. Februar von Alexandrien nach Neapel fahren, wo die Ankunft am 11. Februar erfolgen wird.
— Wegen der Pestgefahr wird der Kronprinz seine asiatische Reise in Kalkutta abbrechen und von dort nach Deutschland zurückkehren.
— Ueber eine Reise des Königs von Sachsen nach Afrika schreiben die Leipziger N. N-: Die Reise, die der König im strensten Inkognito unternimmt, gilt zunächst der Hochwildjagd. Aber auch Land und Leute will der König aus eigener Anschauung kennen lernen und schließlich eine Anzahl deutscher bezw. sächsischer Jndustrieetablissements besuchen, die sich im Laufe der Jahre in Aegyten angesiedelt haben. Um sich vorher nach Möglichleit zu orientieren, hat sich der König vor Antritt der Reise eine Anzahl Vorträge von Kennern der Verhältnisse über die Geschichte Aegyptens, die Fauna im Sudan, die handelspolitischen und industriellen Fragen halten lassen.
— Der Abg. Singer (Soz.) ist am Dienstag mittag gestorben.
— Der Reichstag führte am Sonnabend die erste Lesung der elsaß-lothringischen Verfassungsentwürfe zu Ende. Reichskanzler v. Bethmann Hollweg betonte nachdrücklich, daß man die Elemente, die gegen den Anschluß an Deutschland hetzen, die kräftige Hand des Gesetzes fühlen lassen müsse, daß diese destruktiven Elemente das Reich aber nicht abhalten könnten, die verfassungsrechtlichen Verhältnisse der Reichslande weiter zu entwickeln. Zweifellos sei es, daß die Vorlage einen bedeutsamen Schritt zur größeren Selbständigkeit der Reichs- lande bedeute. Auf das bestimmteste erklärte er schließlich, daß die verbündeten Regierungen von der Forderung des Zweikammersystems nicht abgehen werden. Nach längerer Debatte wurde die Vorlage einer besonderen Kommission überwiesen. — Am Montag wurde zunächst nach kurzer Debatte ein Gesetzentwurf betreffend die bei einem obersten Landesgericht einzulegenden Revisionen in bürgerlichen Streitigkeiten
Ton. „Leben Sie wohl, und da wir ja nolens volens zu gemeinsamem Erziehungwerk vereinigt sind, so hoffe ich, daß Sie sich den Gegenstand unserer Bemühungen, Ihr Mündel demnächst ansehen werden, wenn ich auch leider gleich bemerken muß, daß Leonore durchaus kein Wunderkind oder derartiges ist. Es tut mir leid, daß Ihnen diese Last aufgebürdet worden ist, aber Sie wissen wohl, es ist nicht meine Schuld. Es gibt kaum eine Laune, die mein Mann in seiner letzten Krankheit nicht gehabt hätte, und so ..."
„O bitte, sprechen Sie nicht von Last," unterbrach er sie freundlich. „Es wird mir immer angenehm sein, wenn ich etwas für Sie tun kann. Natürlich werde ich mir auch erlauben, Ihnen meinen Besuch zu machen.es liegt so wie so allerlet Geschäftliches vor, das ich mit Ihnen besprechen möchte."
„Er hat mich vergessen," dachte Erna bitter auf dem Heimwege. „Was er auch einmal für mich empfunden haben mag, es ist alles vorbei. Sein Ton, sein Blick sind ganz unmißverständlich. So wohlwollend hofmeisterlich spricht nur die vollendete Gleichgültigkeit."
Bei diesen Erwägungen ließ sie nun freilich den Einfluß der Jahre außer acht. Sie hatte sich unbewußt Fedor noch immer so gedacht, wie sie ihn das letzte Mal gesehen .. mühsam gebändigte Leidenschaft in jedem Blick, und war nun enttäuscht, keine Spur mehr davon in dem Wesen des angehenden Vierzigers zu entdecken. Busch war in der Tat fest entschlossen, die Vergangenheit vergangen sein zu lassen. Mochte die einstige Erna Gedding ihm gewesen sein was sie wollte, das großeAuerbachsche Vermögen und das sonderbare Testament standen für immer zwischen ihm und ihr. Seine Mannesehre verbot jede andere Auffassung der Sache. Und dann .. was sollte wohl eine Frau von so kostspieligen Gewohnheiten, wie Erna sie im Lauf der Zeit angenommen hatte, in dem bescheidenen Kosenauer Forsthause anfangen? Die bloße Vorstellung schien ungeheuerlich.
in erster und zweiter Lesung angenommen. Der Entwurf soll eine Lücke in bezug auf die Revisibilität der bayerischen Rechtssachen beseitigen. Dann wurde eine Anzahl Petitionen erledigt.
- Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich bei der Etatsberatung am Sonnabend fast ausschließlich mit der Frage der inneren Kolonisation. Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer wies die Vorwürfe, für innere Kolonisation zu wenig getan zu haben, zurück und erklärte, daß ein allzu rasches Tempo nur eine enorme Steigerung der Grundpreise hervorrufen würde. Auch könne man auf den Großgrundbesitz schon wegen der Forstwirtschaft nicht ganz verzichten. Zum Gestütsetat wurden von verschiedenen Rednern lediglich lokale Wünsche vorgebracht. — Am Montag wurde die Beratung des Forstetats begonnen. Nachdem einige Redner lokale Klagen über Wildschäden vorgebracht und die Waldverkäufe im Grunewald bedauert hatten, erwiderte der Landwirtschaftsminister auf Ausführungen des Abg. Stöbel (Soz.) über die Lage der Forstarbeiter. Er müsse bei aller Bundesfreundschaft es ablehnen, seine sozialen Rezepte aus Süddeutschland zu beziehen. Der Minister erklärte dann auch, daß eine erhebliche Senkung des Wasserspiegels der Grunewaldseen durch die Trinkwasserent- nahme der Charlottenburger Wasserwerke nicht zu befürchten sei, und diese eine mäßige Senkung ohne weiteres in den Kauf genommen werden müsse, wenn dafür die Wasserversorgung von Groß-Berlin weiter gesichert werde. Abg. Frhr. v. Maltzahn (kons.) billigte vollkommen die Haltung des Ministers.
Ausland.
— Eine furchtbare Dynamitexplosion in New-Aork. Am Mittwoch hat in New-Jersey beim Verladen von Dynamit eine gewaltige Explosion stattgefunden, welche erdbebengleich das Finanzviertel und das Wolkenkratzerviertel New-Porks erschütterte und in weitester Umgebung die Gebäude erzittern machte. Die Baulichkeiten auf der Einwanderungsinsel wurden beschädigt. Die größte Panik entstand in der unteren Stadt, minutenlang stockte der Geschäftsverkehr an der Börse und in den Banken. Tausende von Fensterscheiben wurden durch den Luftdruck zerstört. Die Zahl der Toten wird bisher auf zehn bis fünfundzwanzig angegeben. Die Zahl der Verletzten geht in die Hunderte, verschiedene Personen wurden in den Hudson geschleudert. Der Schauplatz der Explosion bietet ein Bild völliger
So stärkte er denn sein Herz mit der Betrachtung all der Mängel, die Ernas Wesen unleugbar aufwies, um sich so in seinem Entschluß zu befestigen. Daraus folgte andererseits aber wieder, daß er sich in Gedanken weit mehr mit ihr beschäftigte, als ihm eigentlich gut war.
Ganz allmählich entstand ihm aus Andeutungen und kurz hingeworfenen Bemerkungen ein klares Bildihres bisherigen Lebens und ihrer in den letzten Jahren so überaus unglücklichen Ehe, die der Tod nur noch gerade zu rechter Zeit getrennt hatte. Es erklärte sich ihm auch vieles in ihrem Wesen, das ihn anfangs fremd, ja sogar unsympathisch angemutet hatte. Wer wollte mit ihr rechten, wenn sie unter solchen Verhältnissen verbittert und hartgeworden war? Konntemanihr, die eine unbedachte Tat so teuer hatte bezahlen müssen, das innigste Mitleid versagen? Bewahre, das konnte man nicht; das verlangte auch niemand. Aber es ist immer ein mißliches Ding um solches Mitleid.
Er hatte seinen ersten Besuch so kurz und geschäftsmäßig gestaltet wie nur möglich, und niemand, der die beiden Menschen über Rechnungen und Dokumente gebeugt sah, ihre kühl sachlichen Bemerkungen hörte, hätte auf den Gedanken kommen können, daß sie jemals in anderem Ton mit einander verkehrt hatten. Fedor selbst konstatierte mit selbstgerechter Befriedigung, daß er keinerlei Erregung empfunden hätte.
Aber diesem ersten Besuch folgte ein zweiterund mehrere. Es kam so unverfänglich, so selbstverständlich, daß es unerhört gewesen wäre, ausweichen zu wollen. Fer- ner war es für ihn als Vormund doch nur eine Pflicht der Artigkeit, sein Mündel einmal nach Kosenau einzu- laden, und das Kind konnte natürlich nicht ohne Mutter kommen. Es war ein festlicher Tag für die Försterei. Fedor kaufte tatsächlich ein paar neue Gardinen und den vielbesprochenen Teppich zu der Gelegenheit und Frau Hempel prangte in ihrem alten Schwarzseidenen und hatte nach ihren besten Rezepten gekocht und gebacken. 179,18