SchlüchteMrAltung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5.___Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Deutsches Reich.
— Wie die „Neue politische Korrespondenz" mit- teilt, wird der Kronprinz auf der Rückreise von Kalkutta Ceylon nicht wieder berühren, sondern direkt nach Bombay fahren und von dort sich an Bord des nächst fälligen geeigneten Dampfers nach Suez einschiffen. — In Londoner diplomatischen Kreisen geht das Gerücht von einer Erkrankung des deutschen Kronprinzen. Wie der „Preß-Telegraph" hört, handelt es sich um eine Erkrankung leichterer Natur, die jedoch den Kronprinzen zwang, seine Abreise von Kalkutta zu verschieben.
— Der Reichstag setzte am Montag die konservative Interpellation gegen die Ueberschwemmung des deutschen Geldmarktes mit ausländischen Wertpapieren von der Tagesordnung ab, die Staatssekretär Dr. Delbrück erst in einigen Tagen beantworten will. Infolgedessen konnte sofort in die zweite Lesung der Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetz eingetreten werden. Bon den Liberalen und Sozialdemokraien wurden allerhand Abänderungsanträge gestellt, die jedoch sämtlich abgelehnt wurden.
— Das preußische Abgeordnetenhaus führte am Sonnabend die allgemeine Aussprache über den Justiz- etat zu Ende. In der Debatte wurde noch viel über die Moabiter Prozesse gesprochen. Justizminister Dr. Beseler teilte in Beantwortung mehrerer Anfragen mit, daß man bei den Landgerichten daran gehe, die Zahl der Hilfsrichter einzuschränken, während dies bei den Oberlandesgerichten bisher nicht möglich war. Er gab ferner der Hoffnung Ausdruck, daß in den nächsten Jahren eine Abnahme der Zahl der Studenten der Rechte eintreten werde. In der Einzelberatung wurden verschiedene Sonderwünsche vorgetragen. — Am Montag wurde die Debatte bei dem Titel „Landgerichte und Amtsgerichte" fortgesetzt, in welcher der Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) nicht weniger als 13 mal sprach. Auf die ziemlich deutlich ausgesprochene Vermutung Dr. Liebknechts, daß Staatsanwalt Petersen im ersten Essener Meineidsprozeß die Verfehlungen Münters gekannt habe und trotzdem das Zeugnis des Gendarmen benutzt habe, um Unschuldige in das Zuchthaus zu bringen, wurde er von dem Abg. Dr. Haarmann (natl.) gründlich abgefertigt,- eine derartige Verdächtigung müsse man beweisen. Man könne nicht wegen des Freispruchs einfach das damalige Urteil in Grund und Boden reden. Die weitere Debatte behandelte größtenteils Wünsche einzelner Kategorien von Justiz und Gefängnisbeamten. Der Justizetat wurde erledigt.
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 52
Endlich wandteer sich wiederum, aber sein Ton klang unwillig, als er sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie sich klar machen, was Sie von mir verlangen."
„Doch," es klang fast schüchtern, „ich weiß, es ist ein Opfer, und ich weiß, daß Sie das volle Recht haben, meine Bitte abzuschlagen. Nur warum Sie es tun, möchte ich, muß ich wissen.Ist es die Arbeit? Jchweiß, eine Vormundschaft ist ein zeitraubendes Amt."
„Ach die Arbeit," sagte er halb verächtlich. „Alles andere, und erforderte es zehnmal so viel Zdit, würde ich gern für Sie tun, aber gerade dies. Ich fürchte, es wird Über meine Kräfte gehen."
Die Tränen traten ihr in die Augen. „Ist Ihnen denn der Verkehr mit mir und die Sorge für mein Kind so unangenehm?"
Er biß sich auf die Lippen. Weshalb mußte sie ihm seine Weigerung so entsetzlich schwer machen ?"
„Ich weiß, Sie halten mich für oberflächlich, für leichtsinnig .. was weiß ich .. aber um so mehr müßten Sie mir helfen, mein Kind vor solchen Einflüssen zu bewahren. Vielleicht bin ich auch mehr zu entschuldigen, als Sie ahnen."
„Gott weiß, daß ich Sieniemals hart beurteilt habe," sagte er, „aber, inwiefern könnte ich Ihnen helfen? Jede Aenderung eines Menschen muß von innen Herauskom- memDas wird auch belohnenderFall sein."
„Aber äußere Umstände können sie befördern und unterstützen. O wenn Sie wüßten, welch Leben ich seit mei= neni Wegzuge von Steinbrück geführt habe! Ich will Ihnen nur eins sagen: Die unterste Hölle kann nicht so voll von raffinierten Qualen sein, wie eine unglückliche Ehe. Die letzten Monate, als die Krankheit meinen Mann völlig hilflos machte und ihm Zeit ließ, mich zu peinigen wie es ihm einfiel, habe ich mir täglich den Tod gewünscht.
Samstag, den 11. Februar 1911.
— Dem vom 31. Januar bis Ende April 1911 gültigen Ausnahmetarif für Saalkartoffeln, die als Frachtgut von Stationen der preußisch-hessischen und oldenburgischen Staatsbahnen und der Militärbahnen nach badischen Stationen aufgegeben werden, sind mit ihren Durchgangsstrecken außer den bayrischen auch die Württembergischen Staatsbahnen beigetreten.
— Die Fahrt des „M. 3" nach Metz. "M. 3" traf Dienstagabend um 6 Uhr 30 Min. in Metz ein und landete um 6 Uhr 45 Minuten glatt vor der Halle, nachdem er etwa 10 Minuten über dem Korps- Uebungsplatz an einer Stelle in der Luft gestanden hatte. Es war klares Frostwetter. Das Militär- Luftschiff war von Scheinwerfern taghell beleuchtet. Die Insassen schienen nach der 12'/^ ständigen Fahrt vom Frost stark angegriffen zu sein.
— Am Montag fand in London eine Versammlung der vereinigten Ausschüsse der Kirchen Englands und Deutschlands statt, der u. a. beiwohnten der Erzbischof von Canterbury als Vorsitzender, viele Bischöfe und andere Würdenträger aller Bekenntnisse. Der Erzbischof von Canterbury erklärte in seiner Begrüßungsrede, die Vereinigung fei gebildet worden, um eine Körperschaft von Arbeitern in beiden Ländern zur Verkündigung des Friedens zu erhalten. Präsident Spieckers berichtete über seinen Empfang bei Kaiser Wilhelm, dem er eine Kopie des zur Erinnerung an den Besuch englischer Geistlicher in Deutschland hergestellten Werkes überreichte. Spiecker berichtete, er habe dem Kaiser für die den britischen Gästen erwiesene Freundlichkeit gedankt, insbesondere dafür, daß der Kaiser die Gäste nicht mit „Meine Herren", sondern mit „Meine Herren und meine Brüder" angeredet habe. (Beifall). Der Kaiser habe erwidert, es gewähre ihm die größte Befriedigung zu vernehmen, daß die Bewegung in beiden Reichen gute Fortschritte mache. (Beifall). Prof. Harnack betonte, der erste Schritt, der zur Förderung der freundlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern notwendig sei, bestehe darin, daß man nicht länger ein Ueberwollen zwischen beiden Ländern dulden wolle. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, die sich für die Förderung der Ziele der Vereinigung ausspricht.
— Aus Hull wird ein Streik englischer Eisenbahner gemeldet. Infolge der Entlassung einiger Träger sind dort die Angestellten der North Eastern Railway in
Je mehr er litt, um so unlenksamer wurde er. Er konnte es mir, glaube ich, nicht vergeben, daß ich in dem Leben bleiben durfte, ait§ dem er selbst so widerwillig schied, daher wollte er es mir so schwer wie möglich machen. Schließlich kam es so weit, daß ich selbst meinKind nicht hätte lieben können, wenn es seine Züge getragen hätte. Ist es ein Wunder, wenn ich das verbitterte, oberflächliche Geschöpf wurde, als das ich hierherzuriickkam ? Können Sie es mir verdenken, wenn ich in unaufhörlichen Zerstreuungen mein Unglück zu vergessen suchte? Ich bedachte ja nicht, daß es dazu auch noch andere Mittel gäbe. Dann kam ich nach Kosenau.und es schien mir wie eine andere Welt."
„Ich sah Sie und die Ihren, und es kam mir das Verständnis für den Geist, in dem Sie Ihre Prüfungen ertragen hatten, für die Geduld und Pflichttreue, mit der Sie Ihr Leben in den Dienst der Ihrigen gestellt. Wenn Sie wüßten, wie elend ich mir selbst vorkam, als ich Sie dort so behaglich unter Ihren Geschwistern sah, ein Bild der Zufriedenheit, während ich ..."
„Gnädige Frau!"
„Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Dann lernte ich Ihre Geschwister kennen und fand in ihnen die gleichen Grundsätze und in allem mehr oder weniger Ihren Einfluß .. können Sie es mir verargen, wenn ich meinem Kinde einen solchen Berater zu erhalten wünsche?"
„Sie überschätzen mich beiweitem.Jn meinen Schwestern war der gifte Kern, der nur geringer Pflege zu seiner Entwicklung bedurfte. Meinen Bruder dagegen habe ich auch nicht halten können. Die Nachrichten über ihn lauten ja nicht ungünstig, aber was schließlich aus ihm werden mag, steht doch noch sehr dahin."
„Sie taten jedenfalls für ihn, was Sie konnten. Mit einem reinen Gewissen läßt sich alles ertragen, aber Selbst- vorwürfe .. das ist das Entsetzliche. Unb ich muß mir sagen, daß ich durch meine unbedachte Heirat mein Unglück selbst heraufbeschworen hatte. Zuweilen kommt mir der Gedanke, als hätte ich gegen meinen Mann anders
Jahrgang.
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den Ausstand getreten. Die Güterbeförderung hat vollständig aufgehört. In den Docks ist der Verkehr gänzlich gestört. Da die Schiffe mit den eigenen Mannschaften weiter ausladen, häufen sich die Güter auf den Kais an. Der Passagierverkehr blieb bisher ungestört, obschon sich auch die^Bahnsteigbeamten an dem Ausstande beteiligten.
— Das bekannte Zarenschloß Zarskoje Sselo ist vollständig niedergebrannt. Der Schaden ist bedeutend. Ueber die Entstehungsursache ist bis jetzt nichts bekannt geworden, doch nimmt man an, daß Brandstiftung verliegt. Zarskoje Sselo ist die ständige Sommer- residenz der Zarenfamilie, und der Brand erregt in Petersburg peinliches Aufsehen.
Die Pest in Ostafien.
In den mandschurischen Postzentren Mulden, Chabin und den Orten der Bahn entlang bis Tsitsikar ist die Pest zum Stillstand gekommen. Die strengen sanitären Maßnahmen haben die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle zwar noch nicht verringert, doch ist seit einigen Tagen auch keine Zunahme zu verzeichnen. Dagegen breitet sich die Seuche in den kleineren Orten, die sanitärer Maßnahmen und ärztlicher Hilfe entbehren, mit rasender Geschwindigkeit aus und dringt immer weiter nach Süden vor. So wurden in einem kleinen Orte südlich Charbins in einer einzigen Hütte 34 Pestleichen gefunden.
Die „Nowoje Wremja" meldet aus Eharbin, daß am Dienstag 28 Personen — 26 Chinesen und zwei russische Krankenträger — der Pest erlegen sind. In Ascheho sterben täglich gegen 300 Personen. Im Chinesenviertel von Eharbin liegen noch 1000 Pestleichen, die nach Ankunft des nötigen Petroleums verbrannt werden sollen.
In der russischen Kolonie zu Eharbin sind drei Aerzte und sieben Krankenwärter in den letzten Tagen der Pest erlegen. Die meisten russischen Familien verlassen die Stadt nach Ordnung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten. Nach kurzer Untersuchung werden sie durch den Truppenkordon gelassen und dürfen die Bahn nach Westen benutzen.
Aus Peking wird telegraphiert, daß die russische Feuerwehr in Eharbin begonnen habe, mit den mehrere tausend zählenden Leichen, die sich in den letzten Tagen angesammelt haben, aufzuräumen. Es werden jedesmal 100 zu gleicher Zeit verbrannt. In den Dörfern am Peiho, namentlich in der Nähe von Tientsin, breitte
handeln können, als wären wir nicht so todunglücklich geworden, wenn ich es rechtzeitig verstanden hätte, ihn zu nehmen."
„Jch .erlaubte mir einmal, Ihnen das zu sagen," warf Fedor ein.
„Ja, ich weiß. Aber damals war es schon zu spät. Vielleicht hätte ich versuchen sollen, ihn zu heben, anstatt mich durch ihn herabziehen zu lassen, aber das hätte in der ersten Zeit geschehen müssen; später wäre alles Bemühen umsonst gewesen. Ich habe Jahre hindurch alle Schuld nur auf seiner Seite gesucht. Jetzt denke ich zuweilen, daß ich wohl auch Hüfte anders handeln können. Vor allen Dingen hätte ich ihn niemals heiraten müssen, das war sowohl ein Unrecht gegen ihn, als gegen mich selbst. Aber lassen wir .. ich schweife von meinem Thema ab. Ich habe Ihre Antwort immer noch nicht: weshalb wollen Sie uns verlassen?"
Er stand vor ihr, die Arme auf die Lehne seines Sessels gestützt, und sah gedankenvoll auf sie herab. Es war diesen bittenden Augen gegenüber doch viel schwerer fest zu bleiben, als er sich gedacht hatte.
„Weshalb wollen Sie nicht Lorchens Vormund bleiben?" fragte die geliebte Stimme wieder. „Ich wüßte niemand, zu dem ich auch nur annähernd so viel Vertrauen hätte."
„Sie sind zu gütig, aber jeder andere gewiflenhafte Mann könnte Sie ebenso gut beraten," sagte lyebor m verzweifeltem Bemühen ruhig zu bleiben.
„Das kann er nicht. Sie kannten meinen Mann und Sie kennen mich. Sie können beurteilen, was für Anlagen nach der guten und schlimmen Seite bm m Lorchen schlummern. Sie können sie lehren, die Pflicht über alles zu stellen, können ihr Selbstlosigkeit und Liebe zur Arbeit einprägen. Gerade weil Lorchen einmal reich sein wird, bedarf sie besonders guter Erziehung. Sie muß Wert und Unwerr des Geldes kennen lernen. Eine Erbin hat eS nicht leicht im Leben." 179,18