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Schlüchterner Ickung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 15.

Amtliches.

J.-Nr. 2321. Die Königlichen Beschäler sind am 16. d. Mts. in Schlüchtern eingetroffen.

Schlühtern, den 21. Februar 1911.

Der Königl. Landrat: Valentin er.

Deutsches Reich.

Ein Besuch Kaiser Wilhelms in England. Zur Enthüllung des Denkmals für die im Januar 1901 verstorbene Königin Victoria am 15. Mai d. Js. wird unser Kaiser in London erwartet. Die große Verehrung, die der Monarch feiner königlichen Großmutter stets bewies, ist bekannt.

Wie dieNordd. Allg. Ztg." hört, bestätigt sich die Nachricht, daß der König von England den Kaiser und die Kaiserin eingeladen habe, an der feierlichen Enthüllung des Denkmals für die Königin Victoria teilzunehmen, und daß die Einladung dankbar ange­nommen worden sei.

Der Reichstag setzte am Dienstag die zweite Lesung des Marineetats fort. Staatssekretär v. Tirpitz erklärte, daß man England gegenüber kein Hehl daraus gemacht habe, daß von einer Beschleunigung unseres Flottenbaues keine Rede sein könne, da das deutsche Flottengesetz ja in völliger Oeffentlichkeit ver­handelt worden sei. Im übrigen war der Staats­sekretär unermüdlich in ausgiebieger Beantwortung der verschiedensten Einwürfe und Ausstellungen, deren Hauptgegenstand die Herabsetzung der Zulagen für die Heizer war. Am Mittwoch wurden die Anträge fortschrittlicher Volkspartei und der Sozialdemvkratie auf unverkürzte Wiederherstellung der Heizerzulagen mit 162 gegen 155 Stimmen abgelehnt. In der Spezialberatung nahm den breitesten Raum ein die Verhandlung über eine Resolution der Sozialdemokraten, Arbeiten und Lieferungen der Marineverwaltung nur an Firmen zu vergeben, die sich verpflichten, auf den Ab­schluß von Tarifverträgen hinzuwirken und die bereit sind die Arbeitsbedingungen unter Mitwirkung von Arbeiter­ausschüssen zu regeln. Staatssekretär v. Tirpitz stellte es als eine Unmöglichkeit hin, die Werke in dieser Weise auf ihre Arbeitsbedingungen hin zu kontrollieren. In der weiteren Debatte wurden allerlei Wünsche und Ausstellungen vorgebracht.

Das preußische Abgeordnetenhaus bewilligte am Dienstag zunächst die geforderten Staatsmittel für Wohnungen von Arbeitern und gering besoldeten Staatsbeamten und setzte sodann die Debatte über

Mittwo^,, den 22. Februar 1911.

den Etat des Innern fort. Auf die Ausführungen des Abg. Trampczynski (Pole) erklärte der Minister des Innern v. Dallwitz, daß der Polenkurs der alte bleibe. Der Abg. Liebknecht (Soz.) erging sich wieder einmal in Pöbeleien, indem er dem Abg. Gronowski (Z.)Laffe" zurief und dem Präsidenten erklärte, dieser habe ihm keine Belehrung zu geben. Er erhielt dafür zwei Ordnungsrufe. Am Mittwoch beschäftigte sich bei dem TitelPolizei in Berlin" der Abg. Lieb­knecht (Soz.) mit der Unterdrückung der sozialde­mokratischen Jugendorganisationen, mit der versuchten Unterstellung der Vorstellungen der Freien und Neuen Freien Volksbühne unter die Vorschriften für gewöhn­liche Theatervorstellungen und mit der Ausweisung des französischen Journalisten Halbwachs. Minister v. Dallwitz erwiderte kurz, daß die letztere vom Berliner Polizeipräsidenten mit Recht verfügt sei, daß eine An­tastung der sehr anerkennenswerten Bestrebungen der Volksbühnen nicht beabsichtigt sei, und daß die Jugend­organisationen gesetzwidrig politische Zwecke verfolgt hätten, daß ihre Auflösung aber auch deshalb gerecht­fertigt sei, weil sie in die Herzen der Jugend den Klassenhaß säen wollen.

Beim Festmahl des Deutschen Landwirtschafts­rats hat der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er auch über die ungesunde Höhe einzelner Fleischsorten sprach und er­klärte, mit den üblichen Schlagworten von der agra­rischen Profitgier oder dem Fleischnotrummel werde die Sache nicht abgetan. Am letzten Ende schließe sie sich in der Frage zusammen, ob die deutsche Land­wirtschaft ihre Viehhaltung vergrößern, verbessern und konstanter gestalten kann. Unsere Wirtschaftspolitik habe nicht nur den Schutz nationaler Arbeit im Auge, sondern basiere zugleich auf dem Willen und der Fähig­keit der deutschen Landwirtschaft, die Ernährung des Volkes vom Auslande immer unabhängiger zu gestalten. In Deutschland sei kein Erwerbsstand, weder Land­wirtschaft noch Industrie, noch Handel, weder Arbeitgeber noch Arbeiter als Stiefkind behandelt worden. Bezüglich der inneren Kolonisation betonte der Reichskanzler, daß diese in Preußen mit größerem Nachdruck als bisher betrieben werden solle, nicht nur durch die Urbarmachung und Besiedlung von Mooren und Heideflächen, sondern auch dadurch, daß wir namentlich in den Menschen» ärmeren östlichen Landesteilen die Bauernstellen zu vermehren trachten. Die Rede schloß mit einem Hoch auf den Deutschen Landwirtschaftsrat.

62. Jahrgang.

BMBfe

Zum Bau von Arbenerwohuungen hat die Landesversicherungsanstalt Posen und eine Stadtver­waltung im vergangenen Jahre an 23 Kreise 243 260 Mark, im ganzen bisher 976 360 Mark Darlehen ab­gegeben. Davon entfallen auf ländliche Arbeiterwohn­häuser 461 300 Ml., auf städtische 515 060 Mk. Aus den bereitgestellten Beträgen werden die Darlehen ohne hypothekarische Sicherftellung zu 3 Prozent gewährt. 1 Prozent ist jährlich zu tilgen.

Ausland.

Erkrankung des Papstes. Der Papst ist unwohl und hat bis auf weiteres alle Audienzen abgesagt. Es soll sich um eine Erkältung handeln, die, wie versichert wird, in einigen Tagen behoben sein dürfte. Nach einem römischen Telegramm derKölnischen Volksztg." leidet der Papst an einem Jnflmnzaanfall und muß das Bett hüten.

Auf Anregung der Gattin des deutschen Konsuls Freifrau v. Falkenhausen ist ein deutscher Frauenhilfs» verein in Kairo gegründet worden, dem fast alle reichs- deutsche Frauen Kairos beigetreten sind. Er bezweckt, armen deutschen, in Kairo ansässigen oder durchreisenden Frauen in Zeiten der Not helfend zur Seite zu stehen. Der neue Verein ergänzt den seit vielen Jahren bestehenden deutschen Unterstützungsverein, der sehr viel Nützliches leistet. Zur Vorsitzenden des neuen Vereins wurde Fraufrau v.Falkenhausen gewählt. Die Sammlung für den Gründungsfonds hat sehr erhebliche Summen ergeben, so daß die Aussicht besteht, daß der Verein sofort in nützliche Wirksamkeit treten kann.

Der französische Justizminister hat die Frei- l -ssung Durands ungeordnet, nachdem er von den von der Revisionskommission gezogenen Folgerungen in Kenntnis gesetzt worden war, und hat entschieden, die Akten an den Kassationshof zu überweisen. Als Durand von seiner Haftentlassung in Kenntnis gesetzt wurde, weigerte er sich, das Gefängnis zu verlassen, da er in eine Irrenanstalt eingeliefert zu werden fürchtete.

Eine erschütternde Trauerkunde aus Kamerun wird von dem stellvertretenden Gouverneur durch ein soeben beim Reichskolonialamt eingetroffenes Telegramm übermittelt. In Buea, dem Sitze des Gouvernements, hat der in der ersten Dienstperiode stehende Sekretär Kerner in einem Anfall von Geisteskrankheit den Bezirks­leiter Biernatzki und den Sekretär Gnieß erschossen, die Sekretäre Nagel und Knäbele leicht verletzt und dann sich selbst erschossen. Der Verlust von Biernatzki

Aus eigener Kraft

Roman von Nora Denkes.

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Frau Klinger ist eine Dame von schwächlicher, emp­findlicher Konstitution. Eine rechte Treibhauspflanze,was sie ihrer Mädchenzeit zu einer zarten, lieblichen Schön­heit machte. Später allerdings, als sie kurz nacheinander mehreren Kindern das Leben gegeben hatte, welkte und alterte sie auffallend schnell und nur die ausgesuchtesten Toilettekünste und alljährliche teure Badekuren vermoch­ten noch einen Abglanz der früheren Schönheit, die sie in der Gesellschaft um keinen Preis vermissen mochte, um die überschlanke Gestalt zu zaubern.

Die schmerzliche Folge dieses nur mit Ach und Krach erhaltenen Lebens war und ist, insonderheit für den tief­fühlenden Doktor, daß drei dieser Ehe entsprossene Kin­der, die mit Kimmen und Kunstnährmitteln aufgepäp- pelt werden mußten, schon im zartesten Alter starken, und nur das letzte, ein Mädchen, am Leben erhalten werden konnte. .

Dieses Kind, Johanne Magdalene, ist zu Beginn un­serer Erzählung achtzehn. Jahre alt. Sie hat die Bür­gerschule absolviert und auch einen zweijährigen Fortbil­dungskursus genossen. Sie ist ein schönes Mädchen, und trotz der schwächlichen Mutter, nach einer Reihe von Kin­derkrankheiten, die sie alle knapp an den Rand des Gra­bes brachten, nun ein blühendes, gesundes Geschöpf ge­worden.

Soeben hebt Lenchen ihr Köpfchen aus den weichen Polstern, in die sie eine förmliche Grube gebohrt hat uub guckt mit verschlafenen Augen und unter fürchter­lichem Gähnen durch das Fenster ihres Schlafzimmers in den Garten, wo auf den mit weißen Blüten behan- genen Akazien die Spatzen konzertieren.

Marin!" r ,

Was wünschen, Fräulein?" kommandiert diese nach einem Gähnkrampf.

Aufmachen? Aber Fräulein herziges, Sie werden sich erkälten. Die Luft ist ja morgens kühl."

Na, die Spatzen erkälten sich doch auch nicht. Guck' nur, Mariandl, wie sie in den besten Hüpfen und Halle- luja schreien." Und abermals drückt der kleine Faul­pelz die Stirn in das mit rosa Seide unterlegte, spitzen- garnierte Kapricepölsterchen.

Ja, die Spatzen," entgegnete Marie, übers ganze Gesicht lachend,die sind nicht erst jetzt aus dem war­men Nestchen geschlüpft. Die machen schon seit drei Uhr diesen Mordsskandal."

Warum hast Du mich nicht aufgeweckt, garstige Ma- ruschka?" schmollt Lenchen, ihren weichen Schlafrock zu­knöpfend.

So so! Wohl ein wenig im nassen Gras herumlau- fen, Fräulein Lenchen. Die gnädige Frau Mama würde uns schöne Geschichten erzählen."

Wir hätten ihr doch nichts davon sthsagt," erwiderte das allmählich _ munter werdende Mädchen, während seine blauen Augen vor Vergnügen leuchten.

1H : 2, acf) ie 1 Wie leicht sich das alles um sieben Uhr sag-, läßt. Aber wenn ich um drei oder vier Uhr

einer Reihe vonJah-

getommen wäre. . ."

Hui! Du kleine Marei! Ich glaub'ich wär' Dir in der ersten Wut mit allen zehn Fingern in die Haare gefahren! Aber dann .. wäre ich doch aufgestanden."

Immer scherzend und lachend schlüpft das Kind mich in die Morgenschuhe, um dann, nach kräftigem Auf­stampfen, über die Waschschüssel gebeugt, das klare Naß über Gesicht und Schulter riefeln zu lassen.

Die schon etivas ältlicheundseit einerReihevonJah- ren im Doktorhause dienende Marie waltet unterdessen ihres Amtes auch bei der gnädigen Frau, wo sie aber nicht so leichten Kaufes davonkommt.

Marie. Sie zieh'n die Vorhänge immer so rücksichts­los "hoch, daß einem die Sonne geradeaus ins Gesicht grellt. Das ist ja unerträglich. Nur den unteren Teil der Fettster machen Sie frei"

So, gnädige Frau?"

Ach! . . Mehr! . . Noch mehr. . . Mehr . . mehr!"

So?" fragt die Dienerin, den Vorhang auf und abrollend.

Mehr Licht, mein ich! Na, jetzt wieder dieser irri­tierende Sonnenschein. So ungeschickt zu sein."

Und Frau Doktor eilt halb bekleidet zum Fenster und nimmt der Gescholtenen die Schnur aus der Hand.Also, so sehen Sie. Das ist nun die ganze Hexerei."

Aber, gnä' Frau werden sich erkälten! Mit bloßen Füßen ..." .

Ach mein Gott, freilich; aber muß ich nicht überall sein?" entgegnete die Vielgeplagle, ob der Fürsorge des Mädchens schon etwas besänftigt.Ist Fräulein Lenchea schon aufgestanden?"

O ja. Gerade jetzt ist das Fräulein Uebermut auS den Federn gekrochen."

Frau Mathilde lächelt zärtlich bei der gutgewählten Bemerkung der treuen Marie, deren Anhänglichkeit an des Hauses Liebling sie kennt. Die schmalen blassen Wan­gen der Fünfundvierzigjährigen erhalten dadurch tiefe Grübchen, was ihr Gesicht ungemein verschönt. Rasch aber nimmt der grämliche Leidenszug wieder Besitz davon und unter beständigem Seufzen und Resonnieren nimmt sie die gewohnten Hilfeleistungen der Hurtig und geschickt hantierenden Dienerin entgegen.

Gnä'Herr trinkt soeben Kaffee," erzählt Marie, wäh­rend sie der Herrin das von vielen Silberfäden durch­zogene aschblondeHaar bürstet.Der Wagen wartet schon.

So früh? Ja, wohin fährt der Herr denn so Trugs

Möllendorf oder Planken und wohl auch weiter, denn gnä' Herr hat befohlen, den Patienten zu sagen, daß er vorzwölfUhrnichtzusprechensel."

Ach Gott, laufen Sie doch schnell, Mane;rch laffe bitten, mir die Pulver noch einmal aufzuschreiben. Ich habe das Rezept verlegt und kein einziges Pulver mehr. Und wenn ich sie nicht im Hause weiß, so bekomme ich meine Migräne mit vollster Sicherheit" 182,18*