Schluchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die Heine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 18.
Samstag, den 4. März 1911.
62. Jahrgang.
korps nur nach der Tüchtigkeit folgen sollte, wurde abgelehnt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend den Etat der direkten Steuern. Finanzminister Dr. Lentze wünschte die Sicherung richtiger Selbsteinschätzungen, wozu die Einführung der Selbsteinschätzung für die Ergänzungssteuer unbedingt notwendig sei. Bei der Besprechung der Grund- und Gebäudesteuern wurde über das Zöglingswesen in den Katasterämtern geklagt. Für eine Besserstellung der Katasterzeichner trat dann Dr. Runtze (fortschr. Vp.) ein, und die Beratung des Etats der direkten Steuern schloß mit einer Rede des Abg. Peltasohn (fortsch. Vp.), der eine Besserstellung der Kreiskaffengehilfen wünschte. — Am Montag wurde der Etat für Handel und Gewerbe beraten, wobei verschiedene Wünsche für die Ausgestaltung der gewerblichen Fortbildungsschulen vorgebracht wurden. Abg. v. ArnimZüsedom (kons.) besprach die Ueberschwemmung des inländischen Geldmarktes mit ausländischen Wertpapieren und kritisierte dann scharf den Beitritt von Handelskammern und Innungen zum Hansabund ; der Handelsminister müßte den Handelskammern den Beitritt verbieten. Handelsminister Sydow erwiderte zunächst, daß die Aufnahmefähigkeit des Marktes für den Anleihebedarf Preußens und des Reiches nicht durch die ausländischen Emmis- sionen beschränkt werden dürfe, und erklärte, daß der Hansabund keine politische, sondern nur eine wirtschafts- politische Organisation sei, und daß für den Minister weder die Möglichkeit, noch der Anlaß zur Auflösung der dem Hansabunde beigetretenen Handelskammern vorliege. Abg. Grunenberg (Z.) lobte die Finanzreform, und Abg. Rahardt (frkons.) besprach Handwerksfragen.
— Die Einnahmen der Reichpost- und Telegraphenverwaltung betrugen in den ersten zehn Monaten des laufenden Etatsjahres 591 Millionen, die der Reichs- Eisenbahnverwaltung 109,1 Millionen Mark. Beide Reichs-Betriebsverwallungen haben damit einen Ueber- schuß gegen den Voranschlag erzielt, die Post um 13, die Eisenbahn um 7 Millionen Mark.
— Das neue Militärluftschiff „M. 4" das auf der Werft des Luftschiffer-Bataillons erbaut worden ist, wird voraussichtlich mit seinen Probefahrten im Laufe dieser Woche beginnen. Der Ballon, der rund 10 000 Kubikmeter Wasserstoffgas faßt und 96 Meter lang ist, wurde schon gefüllt und mit den Auftakelungsarbeiten ist schon begonnen worden. Das neue Militär-
Amtliches.
J.-Nr. 1067 K.-A. Dem bei dem Bauer und Müller Theodor Heil in Sannerz in Dienst stehenden Knecht Anton Gärtner aus Weiperz ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 27. Februar 1911.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
Valentiner.
~ Deutsches Reich.
— Der Aufenthalt des Kaisers in Wilhelmshaven wird vom 5. bis 7. März dauern. Der Kaiser, der auf dem Flottenflaggschiff „Deutschland" Wohnung nimmt, wird der Vereidigung der Marinrekruten am 5. März beiwohnen, die neuen Werft- und Hafenanlagen, den seiner Vollendung entgegengehenden Linienschiffsneubau von „Ostfriesland", sowie den noch auf der Helling befindlichen Ersatzbau für den kleinen Kreuzer „Kondor" besichtigen und auf einer Fahrt nach Helgoland sich von den Fortschritten der Arbeiten zur Befestigung der Insel und des Hafenbaues überzeugen.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend die Beratung des Militäretats fort. Der Abg. Gans Edler Herr zu Putlitz (kons.) wandte sich gegen den Luxus in der Armee. Abg. Golheim (fortschr. Vp.) erhob Klagen über angebliche Zurücksetzung der jüdischen Einjährigen, worauf Kriegsminister v. Heringen erwiderte, daß er das durchaus nicht billige. Eine allgemeine Verfügung sei nicht nötig, sie würde auch keinen Erfolg haben. Es bleibe nichts übrig, daß man in jedem speziellen Falle eingreife. Das habe er im vorigen Jahr versprochen und das verspreche er auch heute noch. Gegen Soldatenmißhandlungen werde unnachsichtlich eingeschritten, es geschehe aber auch alles, um das Vertrauen zwischen Offizieren und Mannschaften aufrecht zu erhalten und zu fördern. — Am Montag drehte sich die Debatte noch immer um die jüdischen Soldaten, für die sich die Abgg. Schöpslin (Soz.) und Kopsch (fortsch. Vp.) ins Zeug legten. Die von den genannten Herren vorgebrachten Anklagen wurden vom Kriegsminister v Heeringen und dem sächsischen Bundesratsbevollmächtigten Oberst V. Salza engergisch und mit größtem Erfolg zurückgewiesen, so daß die von den beiden Abgeordneten zu Elefanten aufgeblasenen Mücken in nichts zusammen- sanken. Eine von der fortschrittlichen Volkspartei eingebrachte Resolution, nach der die Besetzung des Offizier-
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora DenkeS. 6
Das magere, stark gepuderte Gesicht zeigt unter dem zarten weißen Schleier einen leisen Anhauch von Farbe. Und das kleidet die ein schwaches Parfüm ausströmende Dame sehr gut. Mit innerem Behagen läßt sie sich von den Vorübergehenden anstaunen, denn sie ist sich bewußt, das Urbild einer vollendeten Dame zu sein.
Etwas verwundert betritt die Heimkehrende das Vorzimmer zu ihrer Wohnung. Denn daß ihr weder Len- chennoch das Stubenmädchen begrüßend entgegenkommt, um ihr Kragen und Schirin abzunehmen, das ist doch merkwürdig."
Da hört sie im Schlafgemach ihres Mannes Stimmen ertönen, männliche und weibliche. Neugierig durch- schreitet sie das Speisezimmer, wo auch der Kaffeetisch nicht wie sonst gedeckt ist, und öffnet rasch die anstoßende Tür. Da erblickt sie Dr. Buntrock über ihren in Fieberröte erglühten Gatten gebeugt und das arme Lenchen mit rührend gefallenen Händen, die angstgroßen Augen an dem ernsten Gesicht des untersuchenden Arztes hängend. Ein Blutwelle schießt der nervösen Frau wie ein Feuerstrom in dieSchläfen und taumelnd fällt siederdurch die entgegengesetzte Tür eintretenden Marie in die Arme.
„Mütterchen, auch Du, auch Du! Jetzt bin ich ganz verlassen!" Lenchen schreit es auf, und unter strömenden Tränen wirft sie sich vor das Ruhebett auf die Knie, wohin der hinzueilende Doktor die ohnmächtige Frau hat gleiten lassen.
„Aber Lenchen! Meine Kleine. .ganz verlassen ?! Der alte Onkel Anders ist doch auch noch da!" Mitleidig zieht der Major, der im anstoßenden Zimmer Klingers Kutscher die Anleitung zum Eiszerkleinern erteilt und den schmerzlichen Ausruf Lenchens gehört hat, diese empor.
»Kopf hoch.. na aber.. Kopf hoch'.Jetzt noch wa-
luftschiff übertrifft die anderen unstarren Miluar-Lllft- schiffe sowohl an Größe als auch an Tra straft erheblich. Der Auftrieb wird 11 000 Kilogramm betragen. Das Luftschiff hat zwei Gondeln und sinn 20 Personen fassen. Die Höhensteuerung wird nicht durch Ballonnetts sondern wie bei „M. 3" durch dynamnche Wasserver- schiebung und außerdem wegen der G öße des Luftschiffs auch durch Flächensteuerung bewirkt.
— Bei der Reichstagsersatzwahl in Jmmenstadt- Lindau, dem südlichsten Wahlkreise des Deutschen Reichs, erhielt Emminger (Z) 11 856 Stimmen, Thoma (lib.) 10 588 Stimmen und Goelzer (Soz.) 3808 Stimmen. Es finden Stichwahl statt zwischen Emminger und Thoma. Bei der Wahl im Jahre 1907 siegte der verstorbene Zentrumsabgeordnete Schmid. Es erhielten damals bei der Hauptwahl der Zentrumsabgeordneie 12 013 Stimmen, der Nationalliberale 10 633, der Sozialdemokrat 1999 Stimmen. Bei der Stichwahl erhielt Schmid 13 836 Stimmen, der Nationalliberale 10 831 Stimmen. Beide bürgerlichen Kandidaten haben also einen kleinen Rückgang ihrer Stimmen zu verzeichnen, die Sozialdemokraten eine wesentliche Zunahme.
— Eisenbahnbeförderung von Leichen. In neuerer Zeit werden die zur Beförderung von Leichen dienenden Metallbehälter vielfach am Kopfende mit einer eingekitteten Glasscheibe versehen. Hierdurch soll die Möglichkeit geschaffen werden, am Bestattungsorte festzu- stellen, daß die Leiche nicht verwechselt worden ist. Solche Behälter entsprechen indes nicht den Vorschriften im § 44 Abs. (3) der Eisenbahnverkehrsordnung wo ein widerstandsfähiger, luftdicht verschlossener Metallbehälter gefordert wird. Verschluß und Material der Metalleinlage müssen im Interesse öffentlichen Gesundheitspflege eine Gewähr dafür bieten, daß auch bei Unfällen, wo sich der Verschluß des äußeren Holzsarges leicht lösen kann, der Austritt von Gasen oder flüssigen Seitenteilen wirksam verhindert wird. Ein Metallbehälter mit eingekitteter Glasscheibe genügt dieser Forderung nicht.____
Ausland.
— Die Abreise des Kronprinzen von Bombay. ' Der deutsche Kronprinz hat am Samstag den Hafen von Bombay an Bord der „Arabia" um 2 Uhr 15 Minuten unter dem Salut der Batterien verlassen. Vor seiner Abreise richtete er an den König von England folgendes Telegramm: „Ich vermag zwar
ren Sie doch so tapfer. Ein bißl Ohnmachtbei der Mama geht schon wieder vorüber. Da, sehen Sie, sie schlägt die Augen auf."
„O Gott, o Gott.. was .. was .." stammelte Frau Klinger, sich mit der rechten Hand unaufhörlich die Stirne reibend, „was..?" Dann plötzlich angstvoll: „Mein Mann .. Herr Doktor, was ist mit meinem Mann?"
„Beruhigen Sie sich, Gnädigste! Der arme Kollege ist nun allerdings erkrankt; aber das kann eben auch einem Arzt passieren. Na, es wird schon besser werden. Bitte, nehmen Sie meinen Arm, liebe gnädige Frau, ich führe Sie in Ihr Gemach. Sie finb ein wenig schwach für diese Atmosphäre."
„Ja, Frau Doktor, es ist bester so," wendet sich auch Major Anders der hilflos um sich blickenden Frau zu.
„Aber um Gotteswillen, was ist das nun so plötzlich?" fragt diese, den Arm Doktor Buntrocks ergreifend.
„Wahrscheinlich ist eine Lungenentzündung im Anzüge. Ja, eigentlich bestimmt. Doch wir werden der Sache schon Herr werden. Ja, ja."
„Mamachen," fragt das inzwischen wieder gefaßte Lenchen. „Wir werden die Tillitante doch auch verständigen lassen, nicht wahr? Das ist doch unsere Pflicht."
„Auch .. ja, ja, Du hast recht; freilich. Es ist ja seine Schwester. Marie soll gehen. Aber bitte, sage, daß ich jetzt sehr, sehr leidend bin. Sag ihr das. Lenchen. Ich kann noch nicht mit ihr sprechen, es geht über meine Kräfte."
„Weine nur nicht, Mama, das schadet Dir, und es wird bald wieder alles gut sein. Und an Tillitante richte ich das schon aus!"
„Mein mutiges Mädchen, wenn ich Dich nicht hätte!" und unter hysterischem Schluchzen umarmt die schwache Frau ihr Töchterchen und läßt sich dann von Doktor Buntrock auf ihr Zimmer geleiten. .
Der arme Klinger liegt unterdessen, seiner Lieben und Sorgen entrückt, auf dem eisernen Patentbett und stößt
immer wieder die rotseidene Decke fort, die Lenchen ihm geduldig zurechtrückt.
Seine Lippen mur mein beständig vor sich hin. Die Augen hält er geschlossen. Und Lenchen sucht doch so sehnsüchtig diese treuen, blauen Vateraugen, die ihrem bisherigen Leben Halt und Sicherheit gegeben haben.
Es ist so schwer für ein Kind, sich denjenigen schwach und hilflos zu denken, auf den man gewöhnt ist sich zu stützen, in dessen troststarke Seele man überzeugungs- voll alles Leid und Wehe auszugießen pflegt. Furchtbar niederschmetternd wirkt der Anblick eines von Krankheit gebrochenen Vaters auf das Kindergemüt. Die Mutter kann es sich schon eher in Schmerzen und Schwachheit jammernd vorstellen.
So ergeht es nun auch Lenchen, die, da der Major abberufen wurde, einsam am Krankenbette ihres Vaters steht.
Da werden die Türgardinen rasch auseinandergeschlagen und Tillitante, eine kleine, korpulente und kurzatmige Dame, füllt den Rahmen aus. „Grüß Dich Gotz mein Kind. Herr des Himmels!"
Man sieht, daß die Frau den Weg bis zu ihres Bruders Wohnung im hastigsten Tempo gemacht hat. Sie ist blaurot im Gesicht, und heftige Atemstöße unterere* chen ihre aufgeregt hervorsprudelnden Reden.
„Herr Gott! Hab' ich das nicht immer gesagt? Da liegt er richtig." . t o _ ., , ,
Dann aus Krankenbett tretend und das Taschentuch an die Augen gepreßt: „Mein Goldbruder! Ja, Mensch ist Mensch!"
„Aber Tillitante!" sagt Lenchen, die der Tante ge- wohnheitsmäßig die Hand geküßt und von ihr einen Kuß auf die Stirn erhalten hat, „der Vater hat sich doch nur heute bei der Ausfahrt zu den Patienten verdorben!"
„Ja, ja.. heute!" Und unter konvulsivischem Schluchzen/ wobei ihre Gesichtsmuskeln sich zuckend bewegen: „Heute und gestern und .. jahrelang!" 182,18*