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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr.«».

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen. lMe<»iea*l,ÄÄ finden in der Schlüchterner <1Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches,

J.-Nr. 4232. Ich mache im Interesse der Be' völterung wiederholt darauf aufmerksam, daß die Sprech­stunden bei dem Landralsamte, der Einkommensteuer- Veranlagungskommission und dem Kreisausschuß auf Dienstag und Freitag, vormittags 9 bis 12 Uhr festgesetzt sind.

Schlächtern, den 5. April 1911.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

J.-Nr. 2006 K -A. Diejenigen Herren Bürgermeister der Landgemeinden, welche mit Erledigung meiner Kreisblatt-Verfügung vom 22. März d. Js. J.-Nr. 1631 K.-A. betreffend Rückstände in den Gemeinde­kassen, noch im Rückstand sind, werden hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.

Schlächtern, den 7. April 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.

Sozialdemokratische Zwangsherrschaft.

Dem rücksichtslosen Zwange, der willkürlichen Gewalt verdaukts die Sozialdemokratie ihre Herrschaft über ein Millionenheer von Zeitungslesern. DerGenosse" muß das Parteiblatt lesen, in seiner Wohnung muß das Bild irgend eines Führers Zeugnis ablegen für seine zielbewußte Gesinnung; er darf seiner Neigung in künstlerischer wie literarischer Beziehung ebensowenig folgen, wie er in der Wahl seines Arbeitsverhältnisses selbständig sein darf. Der Arbeiter gilt in der Sozi­aldemokratie als Mensch nichts, nur sein Beitrag wird geschätzt, er selbst ist Stimmvieh für die ehrgeizigen Führer und eine Zahl in der willenlosen Masse. Tag­täglich wird auf ihn eingeredet, sich der sozialdemokra-

Mittwoch, den 12. April 1911.

kratischen Partei anzuschließen und das Parieiblatt zu abonnieren. Häufig bewahrt den Mann der gesunde wirtschaftliche Sinn seiner noch nicht von der sozial­demokratischen Frauenbewegung berührten Gattin vor dem offenen Anschluß an die Umsturzpartei. Die Frau hat oft die Erfahrung gemacht, daß die sozialdemo­kratisch organisierten Männer ihre freie Zeit in Ver­sammlungen zubringen, sich zu Bierbankpolitikern aus­bilden, Gewohnheitskrakehler werden und sich dem Familienleben entfremden. Auf diese vernünftige Frau sucht jetzt die Sozialdemokratie mit dem gleichen Agim- tionsterror einzuwirken, wie sie ihn gegen die Männer angewandt hat. Jeden Sonntag ziehen die deutschen Suffragetten von Haus zu Haus und werben für die sozialdemokratische Frauenbewegung und ihre Presse. Die Tribüne" zu Erfurt veröffentlicht einenMahn- ruf an die Arbeiterfrauen", der sich durch sein schlechtes Deutsch ebensosehr auszeichnet wie durch die Anmaßung, die Sozialdemokratie als die Vertreterin der Arbeiter­interessen hinzustellen und den bürgerlichen Blättern die Abonnenten abzujagen. Der Zwangsaufruf schließt mit einer Reimerei, die einesFranz" imVorwärts", eines Edgar Steiger imStmplicissimus" würdig ist oder dem Briefkasten desKladaradatsch" entstammen könnte:

Ein armer Mann mir nicht gefällt, Der bürgerliche Blätter hält. Erkenne sie, o Proletar, Dir droht von ihnen nur Gefahr! Und so was nur sächlich kann man es ausdrücken will Bildung verbreiten!

Deutsches Reich.

Am Sonnabend feierte das Württembergische Königspaar das Fest der silbernen Hochzeit.

Das preußische Herrenhaus erledigte am Donners­tag zunächst den Landwirtschaftsetat. Beim Eisenbahn­etat warnte der Direktor der Deutschen Bank v. Gwinner vor der Einschränkung der Ausgaben für Betriebsmittel und Bahnunterhaltung, gespart aber sollte bei den Monumentalbauten werden. Den höheren Beamten wäre statt mit prunkhaften Dienstwohnungen viel besser mit einer angemessenen Mietsentschädigung gedient. Eisenbahnminister v. Breitenbach bestritt, daß am un­rechten Orte gespart worden wäre. Allen Anforderungen des Verkehrs sei vielmehr Rechnung getragen worden. Bei den Hochbauten werde sich nicht viel sparen lassen, und den Eisenbahndirektionspräsidenten könne man doch

62. Jahrgang.

WW«WW«M»MIM!W»HM'.....UMI' IM nicht eine spartanische Lebensführung zumuten. Beim Bauetat wurde im wesentlichen über den Nord-Ostseekanal und den Großschiffahrtsweg BerlinStettin gesprochen. Beim Kultusetat sprach Graf Aork v. Wartenburg über die Borromäus-Enzytlika und den Antimoder- nisteneid. Er halte es nicht für richtig, daß evangelische Kinder in Deutsch und deutscher Geschichte von Herren unterrichtet werden, welche die Grundsätze der Enzyklika Pascendi in sich ausgenommen haben. Am Freitag antwortete Kardinal-Fürstbischof Dr. v. Kopp auf dir Ausführungen des Grafen Dort v. Wartenburg. Durch den Eid sei nichts neues eingeführt worden und es handle sich um eine rein kirchliche Angelegenheit, in die sich der Staat nicht einzumischen habe. Vielleicht sei es angemessen gewesen, die Einführung des Eides der Staatsregierung vorher mitzmeilen. Diesen Aus­führungen trat Professor Dr. Küster aus Marburg entgegen. Kultusminister v. Trott zu Solz berief sich auf seine und des Ministerpräsidenten Rede im Ab- geordnelenhause, die katholischen theologischen Fakultäten seien zunächst aufrechtzuerhalten, man werde abwarten und hoffe, daß sich keine weiteren Schwierigkeiten er­geben werden. Die Regierung werde die Würde und das Interesse des Staates mit Entschiedenheit vertreten. Die weitere Debatte bot nichts Bemerkenswertes.

Die Kaisermanöver im Herbst 1912 werden in der Provinz Hessen-Nassau abgehalten werden, und zwar wird das 11. Armeekorps gegen ein bayerisches Armeekorps manöverieren. Die Schlußgefechte werden in der bayerischen Rhön vor sich gehen.

Das Zentralkomitee der preußischen Landesvereine vom Roten Kreuz wird am 16. Juni für ganz Preußen einen Kornblumentag veranstalten, dessen Erträge zur Bewilligung freier Brunnenbadekuren an hilfsbedürftige Kriegsveteranen, zum^weiteren Ausbau der bestehenden Veteranenheime vom Roten Kreuz usw. verwendet werden sollen. Sämtliche Organisationen werden in den Dienst dieser Aufgabe gestellt werden. Der Vater­ländische Frauenverein hat seine Beteiligung zugesagt.

Die zunehmende Ausbreitung der Industrie auf dem Lande und die damit in Verbindung stehende Ansiedlung gewerblicher Arbeiter in ländlichen Ortschaften gibt deui Minister v. Breitenbach Anlaß, die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Verhütung der dabei leicht sich ergeben­den Mißstände zu lenken. Namentlich müsse das Ent­stehen vielgeschossiger Mietskasernen aus gesundheitlichen Gründen verhindert werden. Solche Massenquartiere für Arbeiterfamilien entständen meist dort, wo das

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 21

Fräulein Lenchen, warum so schweigsam?" fragt Thie­lecke mit seiner allgemein bekannten Schmeichelstimme. Ich glaube, nur Herr Major Anders kann Ihren Mund zum Plaudern bringen."'

Wieso denn, Herr Doktor?"

Nun, es entspinnt sich doch allabendlich solch ange­legte Unterhaltung zwischen Ihnen und unserem liebens­würdigen Hausherrn, daß ich fast glauben muß, Sie spa­ren Ihre ganze Beredsamkeit nur für diese Stunden auf."

Ja sind Sie denn an den Abenden immerzu Hause?" fällt Frau Klinger, übrigens ganz harmlos ein.

Doktor Thielecke errötet unwillkürlich bei dieser Frage, weil er sich entlarvt glaubt. Denn tatsächlich ist er immer um dieser Unterhaltung willen so früh aus dem Restau­rant, wo er sein Abendessen einnimmt, heimgekehrt. Das sowohl im Scherz, wie im Ernst gleich geistsprühende Geplauder Lenchens, fesselt sein Interesse derart, daß ihm das heimliche Lauschen förmlich zur angenehmen Ge­wohnheit geworden ist.

O ja, ich bringe die Abende am liebsten zwischen meinen vier Wänden zu," versichert Thielecke. Die Abende. Er hat recht. Von den Nächten könnte er das allerdings nicht immer behaupten, aber danach ist er ja nicht gefragt worden.

Also so sagen Sie doch wenigstens, was Sie den­ken, Fräulein Lenchen?"

Nehmen Sie ihren Kanarienvogel auch mit ins Bad ?"

An den haben Siegedacht?O,DukleinerGlückspilzl" entgegnet der junge Mann halb bedauerlich.

Dabei legt sich ihm aber doch ein wohliges Gefühl ums Herz, denn er denkt: wer sich so um die Haustier­chen kümmert, dem kann der Besitzer auch nicht ganz gleichgültig sein.Ueber die Zukunft meines kleinen Jutz bin ich eigentlich selbst noch nicht recht im klaren. Ich

wollte ihn in das Wirtshaus schicken, wo ich speise: aber ich fürchte, er wird dort dem Tabakqualm ausgesetzt und das liebt der kleine Spitzbube nicht. Sogar ich darf nicht in dem Zimmer rauchen, wo er logiert. Gleich plustert er sich ärgerlich und sieht mich mit bösen Aeuglein an."

Aber . . aber, da wird er Ihnen doch gewiß krank, Herr Doktor." Lenchen blickt bei diesen Worten mit einem schüchternen Aufschlag ihrer schönen Augen zu Thielecke empor, während eine leichte Röte in ihr Gesicht gestie­gen ist.

Der Doktor ahnt nun mit auffteigender Freude, wo sie hinaus will, aber er traut sich doch nicht ohne wei­teres mit der Sprache heraus. Frau Klingers reserviertes Schweigen hält ihn davon zurück. Mit traurigem Ton­fall erklärt er:Nicht nur krank, ich fürchte, er stirbt mir, bis ich Wiederkehr. Und der liebe, kleine Kerl ist mir so ans Herz gewachsen."

O, das wäre aber doch zu traurig! Nicht, Mama? .. Hm!.. Möchten Sie dann nicht lieber mir seine Pflege anvertrauen?"

Nun ist es heraus. Und Lenchen ist, von Purpurröte übergoffen, wunderschön anzuschauen in ihrer kindlichen Verlegenheit.

Frau Doktor Klinger blickt zwar ein wenig verwun­dert, fast unwillig auf ihr Töchterchen. Lenchens Antrag erscheint ihr höchst überflüssig, denn wenn sie nur an das Gequieke des Gelblings denkt, so zucken ihr unwill­kürlich die Kopfnerven.

Die beiden jungen Leute aber bemerken diesmal die hochgeschwungene Nase der gnädigen Mama nicht. Thie­leckes blitzende Augen überfluteten Lenchens junge Schön­heit förmlich mit Bewunderung.

Ei, das ist ja eine entzückende Güte, Fräulein! Wirk­lich, wirklich! O, Du mein lieber Jutz! Hast Du aber ein enormes Glück! Da möchte man doch selbst gleich zum Kanarienvogel werden."

O," lachte das Mädchen schämig.Aber mit der Verpflegung, da müssen Sie mich ein wenig unterrichten."

Ja, ja, ja, natürlich! Futterkörner hab ich in Hülle und Fülle und was sonst das Kerlchen gebraucht." Und umständlich setzt er der aufmerksam Zuhörenden die Art der Behandlungsweise auseinander.

Werd' ich schon machen. Nun hab ich auch das ge­lernt. Ich habe nie Zimmervögel besessen, sonst wär ich nicht so unwiffend in der Sache."

Doktor Thielecke schüttelt dann Lenchen dankend die Rechte, nochmals versichernd, wie sein Prinzlein unter dieser beneidenswerten Pflege gedeihen werde.

Und dann .. dann müssen die beiden Augenpaare doch von einander lassen, denn der Anstand verlangt, daß der Doktor seinen ohnehin über Gebühr ausgedehn­ten Besuch beende.

Bitte, nur nicht zu zürnen, gnädige Frau," spricht Thielecke, während er sein Haupt zum Kuß auf Frau Klingers weiße Hand beugt,daß ich mir erlaube, einen kleinen Gast in Ihr idyllisch stilles Heim zu schmuggeln."

Aber Frau Mathilde versichert nun ganz gütig, daß er ihr willkommen sei. Eigentlich zum heimischen Er­staunen Lenchens, die sich auf eine nachträgliche Moral­pauke gefaßt hielt. Wahrscheinlich hat die Mama in einer ahnungsvollen Anwandlung schon ein wenig weiter hin­ausgeblickt als das unerfahrene Lenchen, dessen Wünsche allerdings über den Moment nicht hinausgehen. Dafür aber liegt in ihren Augen der heiße Wunsch: Verweile noch, Du bist so schön!

Umsonst! Noch einige getauschte Worte und Blicke., und die hinter Doktor Thielecke zufallende Türgardine schließtden ersten, seligen Liebestraum Lenchen Klingers ein.

Die Nähstunden bei Frau Hipper nehmen ihrer: re­gelmäßigen Verlauf. Die Schülerinnen, auch diejenigen, die am Tage der Differenz zwischen Agnes Hollmann und Lenchen abwesend waren, haben zwar, als sie von der Sache erfuhren, alle für die Gekränkte Stellung ge­nommen, da die hochmütige und eigentlich unverträg­liche Agnes bei niemand recht beliebt ist, aber im Grunde taten sie dies doch nur zurückhaltend. , 182,18*