Einzelbild herunterladen
 

Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mit isblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

3» 32

nstag, den 22. April 1911.

WWWWWM«W«WU>WWWWWWW^MMMWWWWWM

62. Jahrgang.

werden Bestellungen auf die

Schlüchterner Zeitung

Mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner IlOUR ALU Zeitung den meisten Erfolg, da sie die grötzte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches.

J.-Nr. 2155 K.-A. Bekanntmachung

In Gemäßheit des § 82 der Kreisordnung bringe ich aus der am 8. April d. Js. stattgehabten Kreis­tagssitzung Nachstehendes zur öffentlichen Kenntnis:

L Vor Eintritt in die Verhandlung machte der Vorsitzende dem Kreistag Mitteilung von dem Ableben des Kreistagsabgeordneten, Bürgermeisters Löffert in Bellings und widmete dem Verstorbenen anerkennende Worte. Die Versammlung ehrte das Andenken des Verblichenen durch Erheben von den Sitzen.

II. JmWeiteren gedachteHerr Landrat Valentiner des Tages, an dem vor 25 Jahren die neue Kreisordnung Geltung erlangte, durch welche die Selbstverwaltung der Kreise mittelst Schaffung des Kreisausschusses erst im eigentlichen Sinne eingeführt wurde. Er feierte hierauf den Herrn Kreisdeputierten Berta als den einzigen Herrn, welcher vor 25 Jahren und seitdem ununter­brochen ^dem Kreistag als Mitglied angehört hat. Dem sehr warmen Danke, den Herr Valentiner Herrn Berta für seine in diesem langen Zeitraum dem Kreise geleisteten vielfachen und hervorragenden Dienste aus- sprach, fügte Redner den Wunsch hinzu, daß Herr Berta noch lange dem Kreise Schlüchtern in seinen jetzigen Eigenschaften als Kreisdeputierter, als Mitglied des Kreisausschusses, des Keistages sowie als Kommunal- landtags- und Provinziallandtagsabgeordneter erhalten bleiben möge.

Der Platz des Gefeierten war mit einem Blumen­strauß geschmückt.

III. Hierauf wurde in die Tagesordnung einge­treten und folgendes beschlossen:

l. Die Kreiskommunal-, Kreiskrankenkassen- und

Kre- msstn-Rechnungen wurden als aDgeyori edlem

und folgt festgestellt:

Kreissparkaffencechnung pro 1909/10: E nnahme . . 1 312 508,75 Mk.

Ausgabe . . . 1 272 843,79

Bestand 39 664,96 b) Kreiskrankenkassenrechnung pro 1909/10: Einnahme . . . 42 705,73 Mk. Ausgabe ... 41 924,96

Bestand 780,77 Mk. c) Kreiskommunalkassenrechnung pro 1909/10: Einnahme . . . 326 392,61 Mk.

Ausgabe . . . 293 239,91

Bestand 33152,70 Den Rendanten wurde Entlastung erteilt.

2. Als Vertrauensmänner zur Auswahl der Schöffen und Geschworenen für 1912 wurden neu gewählt: Schöffe Alter in Bellings, Stadtkämmerer Karl Zehner in Soden.

Die übrigen bisherigen Vertrauensmänner wurden für 1912 wiedergewählt.

3. Als Schiedsgerichtsmitglieder in Kreisviehver­sicherungssachen wurden gewählt:

Gutsinspektor Preiß-Vollmerz, Bürgermeister Simon-Gundhelm, Bürgermeister Blum-Sterbfritz.

4. Als Mitglieder der Kreis - Ersatzkommission (Mannschafts- und Pferdemusterung) wurden neu gewählt:

1. Bürgermeister Zirkel«Züntersbach als stellvertretendes Mitglied der M a n n s ch a f t s Musterung.

2. Oberleutnant Roth-Ahlersbach als stellvertretendes Mitglied der Pferde Musterung.

Die übrigen bisherigen Mitglieder wurden wieder­gewählt.

5. Der ^Kreistag nahm von den Verhandlungen mit dem Bezirksverband bezüglich der Uebernahme der Durchlaßneubaukosten bei Oberzell Kenntnis und beschloß, die Baukosten mit 750 Mk. auf den Landwegebauetat zu übernehmen.

6. Zum Neubau des Weges Sterbfritz-Neuengronau wurde die Aufnahme einer weiteren Anleihe von 11 250 Mk. zu 47 Zinsen und U/2% Abtrag der Vorlage gemäß einstimmig beschlossen.

7. Der Kreishaushaltsetat pro 1911/12 wurde auf eine Einnahme und Ausgabe von 183 500 Mk. fest­gestellt.

Der Vorschlag des Kreisausschusses, die Kreishaus­haltslehrerin als Kreisbeamtin vom 16. November 191 l ab anzustellen, wurde angenommen.

8. Der Kreistag erklärte sich prinzipiell damit ein- N verstanden, daß der von der Stadt Schlüchtern geplante Straßendurchbruch von der Fuldaer- nach der Garten­straße aus Mitteln des Kreisverbands unterstützt wird.

IV. Nach Schluß der Verhandlungen begab sich der Vorsitzende mit sämtlichen anwesenden Herren in das Sitzungszimmer des Kreisausschusses. In diesem ist seit einigen Tagen ein geradezu sprechendes Bildnis des langjährigen früheren Landrats, Geheimrats Roth an hervorragender Stelle angebracht. Es ist von Herrn Bürgermeister a. D. Berta in Oelfarben gemalt und ein hoher Beweis von dessen künstlerischem Können. Er hat es dem Kreise in höchst dankenswerter Weise zum Geschenk gemacht. Vor diesem Bilde gedachte der Kgl. Landrat in Beziehung auf das Eingangs erwähnte Jubi­läum der Kreisordnung des Herrn Geheimrats Roth als desjenigen Landrats, welcher seinerzeit die ausgedehnte Selbstverwaltung im Kreise Schlüchtern mit hervorragen­dem Geschick eingeführt hat. Wenn der Kreis Schlüchtern in stärkerem Grade als wohl sonst eine fruchtbare Beteiligung von Laie: an der Kreisverwaltung durch Heranziehung zu Kreiskommissionen aufweist und wenn er sich mehrerer segensvoller Kreiseinrichtungen, wie die Kreissparkasse, die Kreisviehversicherung, die Kreis­armen« und Krankenverwaltung erfreut, die wiederum nur durch die Heranziehung von gewählten Mit­arbeitern aus dem Kreise gedacht werden können, so ist dies hauptsächlich der Einsicht und Weitsicht des Herrn Geheimrats Roth zu verdanken. Dieser und der zahl­reichen übrigen Verdienste des Genannten gedachte angesichts des Bildes Herr Landrat Valentiner mit rühmenden Worten. Alsdann übernahm er das Gemälde mit herzlichen Worten des Dankes für den Geber in die Obhut des Kreisausschusses.

Als nach Schluß des Kreistages ein gemeinsames Mittagsmahl die meisten der Erschienen vereinigte, gedachte der Vorsitzende in einem Trinkspruch der noch lebenden Herren, welche, wenn auch nicht wie Herr Berta dem Kreistag 25 Jahre lang ununter­brochen, so doch jenem denkwürdigen 1. Kreistage nach Einführung der Kreisordnung angehört haben. Dies sind Herr Fabrikant Romeiser in Steinau, Herr Uhr­macher und Kreisbrandmeister Orth in Schlüchtern, Herr Landwirt Vögler in Heubach und Herr Land- und Gastwirt Kohlhepp aus Schwarzenfels. Redner

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 25

Frau Klinger hüllt sich bei dieser mutigen Rede ihres Mädchens, mehr ungläubig als überzeugt aussehend, in ihr weiches Schafwolltuch, denn der Herbst hat kühle Tage gebracht. So starrt sie mit den mehr als je dun- kelumrandeten Augen in die gelbwerdenden Kastanien- bäumevorihrenFenstern.

Da klopft es, und Frau Hauptmann Gersten, gefolgt von ihrem Burschen, der ein PackLeinwand trägt, über­schreitet, Veilcheuparfüm ausströmend, die Schwelle.

Ah, also hier haust Du jetzt, meine liebe,. liebe Ma­thilde! Wie lang ich Dich nicht gesehen habe."

Guten Tag, liebe Brnnhilde, guten Tag. Ja seit dem Tode meines teuren Mannes habe ich die Wohnung noch nicht verlassen, erklärt Frau Klinger in dem tie­fen Tonfall der trauernden Witwe, indem sie den Be­such auf den Divan nötigt und sich selbst neben Frau Ger sten plaziert.

O,Du Arme! Doch nicht krankheitshalber. Danke lie­bes Fräulein Lenchen, danke. Bemühen Sie sich nicht; der Bursch soll den Packen wo niederlegen. Hier auf den Stuhl, ja?"

Bitte, ja, gnädige Frau." Und Lenchen nimmt dem Soldaten, der jedenfalls ihren ersten Verdienst in Hän­den hält, das Paket ab und legt es auf den Stuhl.

Nicht krank, liebe Brunhilde," fuhr Frau Klinger auf,das heißt eigentlich, krank bin ich überhaupt im- mer, aber nicht kränker als ichs den Umständen ange­messen sein muß. Aber der Schmerz um den Ver­storbenen bannt mich ins Haus. O ich werde diese teu­ern Mauern, in denen mein Gatte so viele Jahre seinen Beruf ausgeübt hat, vor meinem Tode überhaupt nie mehr verlassen."

Du arme Gute!" flötet Frau Hauptmann teilnahms­voll.Also darum begnügt Ihr Euch mit diesem en- |

gen Heim, weil es Euch durch die Erinnerung geweiht ist. Ja, das kann ich begreifen."

Lenchen hört schweigend diese hochgeschraubten Re­densarten an, denen beiderseits die volle Aufrichtigkeit fehlt. Mit Herzklopfen wartet sie auf den ersten Auftrag. Angst und Freude hält bei ihr die Wage.

Und endlich rollt Frau Gersten den Leinwandpacken auf und ersucht Lenchen, wenn die Annonce in der Wo- chenchronik ernst gemeint, ihr aus dem Batist da ein halb Dutzend Nachtkamisols herauszuschneiden.

Mit hochroten Wangen nimmt Lenchen der zierlichen, unruhigen Frau Maß und notiert mit zitternden Hän­den die Zahlen in ein eigenes für diesen Zweck gekauf­tes Büchlein.

Nachdem sie das Arrangement der Spitzen um Aer' mel und Kragen besprochen hatten, fragt die Auftrag- geberin das Mädchen nach dem Preis der Jacken.

Lenchen, die sich von Frau Hipper, auf Tillitantes Anordnung eine Preisliste hat aufsetzen lassen, sucht sich die Nachtröcke heraus; steht dann ängstlich und unschlüs­sig, ob der geforderte Betrag der Dame nicht zu hoch erscheinen werde, obwohl die Liste mit Rücksicht auf eine Anfängerin zusamniengestellt ist. Endlich nennt sie stot­ternd und von Blut übergossen eine viel kleinere Summe, so daß Frau Gersten ihre schwarzgefärbten Augenbrauen, sie trägt sie zu blondem Haar, etwas verwundert in die Höhe zieht. Allerdings, ist sie Diplomatin genug, nichts weiter merken zu lassen; sie ermähnt Lenchen sehr freund­lich, die Sachen nur recht hübsch zu machen, da sie den geforderten Preis unbeanstandet zahlen werde.

Wie froh die beiden sind, als diese erste Kundin die Türe hinter sich geschlossen hat. Mama sieht ganz leidend aus und stöhnt:Ach, Lenchen, mir ist schlecht zum Er­brechen!"

Ei, Mamachen, Du hast vielleicht mittags zu viel Kirschenkompott gegessen. Soll ich Dir etwas Soda auf­lösen?"

Ach nein, ach nein! Aber schau, das ist so schrecklich ! Und unter hysterischem Schluchzen, daS ihr mageres Ge­sicht förmlich verzerrt, schreit sie:O, das macht mich krank, das macht mich krank. Hättest Du doch etwa» anderes ergriffen, Lenchen, das macht mich krank!"

Das ist das erste Mal; und es ist doch garnicht» geschehen, was Dich so auftegen kann," beschwichtigt da» Mädchen die Mutter.

Nichts geschehen? Wie hat unS die Frau von oben herab behandelt."

Das bildest Du Dir ein, ganz gewiß. O, wie soll ich dann .. Du nimmst mir ja gleich von Anfang all« Freude."

Und als sie ihr, nun ebenfalls verweintes Gesicht an» Fenster gelehnt, geht gerade Dottor Thielecke vorüber; der jedenfalls soeben von seiner nach der anstrengenden Badepraxis nach Italien unternommenen Erholungs­reise zurückgekehrt sein muß.

Von freudigem Schreck erfüllt, kauert Lenchen blitz­schnell auf das in der Fensternische stehende Hokkerl nie­der, sich vor der Mutter hinter der undurchsichtigen Gar­dine verbergend.

Das nur verdrießt sie, daß er sie wieder mit Trä­nen in den Augen gesehen hat. Und doch das jauch­zende Glück im Herzen: Er ist wieder da. Wieder da, und mit ihm der Sonnenschein, und alle Nachtkamisol bedürftigen Hauptmannsfrauen sind verweht und ver­gessen.

Wie herzig er seinen Hut geschwenkt hat, mit froh- lockendem Gesicht, das, von der Reise gebräunt, ihr noch hübscher erscheint als vorher. Vielleicht hat er gar nicht gemerkt, daß ich verweint war; so in der Geschwindig­keit und hinter Glas. Ob er wohl noch heute nach Jutz- chen kommen wird? denkt sie und fiebert fast vor Auf­regung. 182,18*

Wer ist da soeben vorübergegangen?" fragt Mama von ihrem Ruhedivan im Hintergrund des Zimmers. '