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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 36.

Amtliches,

Landespolizeiliche Anordnung, betreffend die Bekämpfung der im Kreise Gelnhausen aufgetretenen Maul- und Klauenseuche.

Meine landespolizeiliche Anordnung vom 1. d. Mts. A III. 1501 b betreffend die Bekämpfung der im Kreise Gelnhausen aufgetretenen Maul- und Klauen­seuche, Amtsblatt Nr. 14, S. 105/6, wird hierdurch, wie folgt, abgeändert:

Zu dem Sperrgebiet im § 1 treten folgende Straßen in der Stadt Orb:

Ludwigstraße, Savoystraße, Faulhaberstraße Aue­straße, Salmünsterstraße, Bahnhofstraße bis Hotel Mädler und Quanzstraße.

Zu § 3: Es ist das Verladen von Vieh auf der Bahnstation Bad Orb verboten.

Zu dem Beobachtungsgebiet im § 4 treten folgende Orte:

Der übrige Teil von Orb mit Hof Altenburg, ferner Wirtheim, Kassel, Lanzingen, Villbach, Lettgenbrunn, Pfaffenhausen, Oberndorf, Burg« joß und Meines.

Der § 7 erhält als Zusatz:

Der Hausierhandel mit Klauenvieh im Kreise Gelnhausen ist auf die Dauer von 2 Monaten ver­boten." (A III. 1980).

Cassel den 25. April 1911.

Der Regierungspräsident.

J. A.: Niemöllerl

J.-Nr. 2544 K. A. Wie aus dem Amtsblatt der Landwirtschaftskammer hervorgeht, werden auch in diesem Jahre Stutfohlen durch die Landwirtschasls- kammer in Belgien und im Rheinland angekauft und unter den Landwirten des Regierungsbezirks versteigert. Da die Anmeldefrist noch in dieser Woche abläuft, ersuche ich, etwaige Bestellungen spätestens bis zum 6. d. Mts. bei mir zu machen. Ich bemerke noch, das wahrscheinlich auch diesmal zu den Ankaufskosten Kreisbeihülfen gewährt werden.

Schlüchtern, den 2. Mai 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses. Valentiner.

J.-Nr. 2560 K. A. Zur Aufstellung einer Nach- weisung über die Stenerverhältnisse der Gemeinden für das Etatsjahr 1 9 0 9 ersuche ich die Herren Bürger- WUhbwiliumi inhem iimuim iii' n. i< i»iwjK»wwaffsg><Ma^^

Samstag, den 6. Mai 1911.

Meister des Kreises, mir bis spätestens 1 5. M a i d. J s. anzuzeigen, wieviel Naturaldienste Hand- und Spanndienste getrennt nach Tagen berechnet, im Jahre 1909 in Ihrer Gemeinde geleistet worden sind.

Bei Nichteingang einer derartigen Anzeige wird angenommen, daß in der betreffenden Gemeinde im Jahre 1909 Hand- und Spanndienste nicht geleistet worden sind.

Schlüchtern, den 4. Mai 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.

Die Steuerbelastung in Deutschland.

Auch heute noch wird von der Sozialdemokratie und teilweise auch vom Liberalismus geflissentlich der Glaube genährt, daß die Steuerzahler in Deutschland schon jetzt von Abgaben überlastet werden, die auf unproduktiven Ausgaben und indirekten Steuern fußen, und daß nament­lich in England ins rge der ausfallenden Nahrungsmittel­zölle der dortigen Bevölkerung große Vergünstigungen erwiesen werden und gerade in Deutschland das Ver­hältnis der direkten Steuern zu den indirekten besonders drückend sei. Und doch erbringt ein Vergleich zwischen der deutschen Belastung und der anderer Kulturstaaten den gegenteiligen Beweis. Denn an Gesamrsteuerlasten ergeben sich pro Kopf der Bevölkerung ohne Kirchen­steuern für Deutschland vor der Reichsfinanzreform 48,17 Mk, nach derselben 55,17 Mk., in Frankreich dagegen 82,70 Mk., England 95,80 Mk. u d Amerika 80,80 Mk- Für Frankreich wiegt die hohe Belastung bei der immer mehr zurückgehendenBevölkerungszunc-hme besonders schwer. An Besitz und Aufwandssteuer ent­fallen ferner in Deutschland (immer pro Kopf der Be­völkerung berechnet) im Jahre 1907 29,17 Mk, heute 31,28 Mk., in Frankreich 40,10 Mk., in England 61,80 Mk. und in Amerika 50,40 Mk., an Verbrauchs­steuern in Deutschland vor und nach der Reichsfinanz­reform 19 resp. 23,85 Mk., in Frankreich, der Hochburg des Sozialismus, 42,60 Mk., in England 34 Mk. und in Amerika 30,40 Mk. Besonders England wird von mancher Seite wegen seiner Mittelstands- und arbeiter- freundlichen Steuerpolitik immer hoch gepriesen, nnd doch ist kein wahres Wort daran, entweder beruht ein solches Vergleichsergebnis auf einer absichtlichen Täusch­ung oder Unfähigkeit, statistische Zahlen richtig zu lesen. Viermal so viel Verbrauchssteuern als in Deutschland treffen in England auf den Kopf der Bevölkerung. Auch England hat ja bekanntlich eine Finanzreform im vergangenen Jahre durchgemacht. Da ergeben sich nun

62. Jahrgang.

für die bisherige Gesamtsteuerlast in England 4107 Millionen Mark, in Deutschland 3001 Millionen Mk. oder pro Kopf der Bevölkerung 95,80 Mk. und 48,17 Mark; nach der Reform in England 4359 Millionen Mark, in Deutschland 3446 Millionen Mark, d. h. 101,53 zu 55,09 Mk. pro Bevölkerungskopf. Außerdem gibt es in England eine große Anzahl Besitzsteuern, die nur dem Namen nach Besitzsteuern, in Wirklichkeit aber indirekte Steuern sind, und auch als solche wirken, z. B. die sogenannten Lokalsteuern, die den Pächter und Mieter, nicht aber den Besitzer treffen. Nach genauen statistischen Berechnungen entfallen nach der Reichsfinanzreform in Deutschland auf den Kopf der Minderbemittelten (drei Viertel der Gesamtbevölkerung) an direkten Steuern 21 Mk., auf den Kopf der Bemittelten dagegen 153,50 Mark. In Deutschland bringen die tragfähigen Schultern 35 Prozent, in England 28 Prozent der Gesamtsteuer- rate auf. Das zeigt doch deutlich, daß wir in Deutsch­land inbezug auf die Steuerbelastung der unteren und mittleren Klassen weit hinter England zurückbleiben.

Deutscher Deich»

Die kaiserliche Familie verließ Montag mittag gegen 1 Uhr an Bord derHohenzollern", der sich der KreuzerKönigsberg" und das DepeschenbootSleipner" anschlossen, Korfu. Die Korsioten, die für die Uebernahme der Ausgrabungen dem Kaiser außerordentlich dankbar sind, bereiteten ihm auf der Fahrt vom Achilleion zum Hafen und beim Anbordgehen in Korfu stürmische O-anonen. Gegen 11 Uhr hatte sich der Kaiser noch zum letzten Male zu den Ausgrabungen begeben, wo von der Ostfront des Tempels der Altarplatz in einer Länge von drei und einer Breite von sechs Metern freigelegt wurde. Beim Abschieds ließ der Kaiser den Arbeitern abermals 100 Mk. überweisen. Gegen mittag holte die Kaiserin in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise ihren Gemahl von der Ausgrabungsstätte ab, worauf das hohe Paar dem König von Grichenland einen Abschiedsbesuch abstattete. Der Kaiser äußerte, daß es ihm in diesem Jahr besonders schwer falle, Korfu zu verlassen, wo er die Erholnng, welche er suchte, in so reichem Maße gefunden hätte. Die kaiser­liche Familie trifft Mittwoch nachmittag in Genua ein, von wo sie sich am Donnerstag nach Karlsruhe begeben hat. Mit welchem Eifer der Kaiser die Ausgrabungen auf Korfu unterstützt, geht daraus hervor, daß er, wie dieTgl. Rosch." meldet, persönlich dem kaiserlichen archäologischen Institut ständig eingehende Berichte über

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 29

Und das Bewußtsein, daß er sich der Möglichkeit, Len- chen zu besitzen, eigentlich beraubt hat, läßt ihn ihre Schönheit mit traurigen Augen genießen.

Sie bemerkt sein bedrücktes Wesen und fragt:Ih­nen fehlt heut etwas, Herr Doktor. Hab ich recht?"

Sie haben recht, Fräulein Lenchen," erwidert Thie­lecke säst bitter. Daß Sie das übrigens bemerken, trö­stet mich wenigstens ein wenig. Mitgefühl, und zwar Ihr Mitgefühl, ist ja immerhin Balsam auf meine Wunde. Kein heilender zwar; doch ein lindernder."

Lenchen ist ganz erstaunt und erschreckt. So hat sie Thielecke, den immer hochgemuten, noch nie reden gehört. Was bedeutet das? Sie kann es nicht verhindern, daß ihr die Augen ein wenig feucht werden, als sie ihn ansieht und verwundert spricht:Daß ich Sie so reden höre, Herr Doktor..! Oder haben Sie jemand teueres verloren?"

Noch nicht. Oder eigentlich gar nicht besessen, und doch., auch verloren." Dann nach einem großen Blick ihrerseits:Lassen Sie mich, Lenchen lassen Sie mich. Ich bin heute ein verzweifelt wehleidiger Geselle. Lassen mich."

Dabei preßt er ihre Hand fest in der seinen, daß sie sie kaum spürt, und sie soll ihn lassen. Und immer so leidenschaftlich traurig blickt er in ihre Augen, daß ihr Herz in dem knappen Kleide zum Zerspringen hämmert.

In kindlich vorwurfsvollem Ton spricht sie die Klage aus:Ich hatte mich so gefreut auf heute, und jetzt machen Sie mich ganz traurig!"

Siedendheiß fährt es Thielecke zu Herzen. Liegt nicht ein bewußtes Geständnis in dieser holden Klage? Sie hatte sich so gefreut. Gewiß nicht auf Rüger und Wet­ter. O nun heißt es: hinein in das tollste Menschenge­wühl. Und lachen, lachen und schwatzen, ob auch mit zuckendem Herzen. Sonst blicht das lodernde Gefühl

durch die zusammengepreßten Lippen und dann, dann..: Vater und Mutter daheim, in dem schuldenbelasteten Besitz, warten, daß er ihnen eine reiche Schwiegertoch­ter zuführen soll.

So ist die Geschichte. Doch, Eile mit Weile. Also wippt er mit den Fingern und schlägt einen anderen Ton an: Launen, Fräulein Lenchen. Männerlaunen! Wissen Sie, die sind gräulich. Fort mit Schaden. Fröhlich woll'n wir sein."

Die Militärkapelle spielt eben einen rauschenden Wal­zer, und feurig saust das schöne Paar mitten unter das lustige Volk. Lachend und scherzend, aber ihre Hände trennen sich nicht. Einmal, noch einmal. Morgen kann man ja dann wieder vernünftig sein.

Agnes Hollmann aber ist in einem von zwei muti­gen Rennern gezogenen Schlitten unter tönendem Schel- lengeklingel soeben vomEisplatz abgefahren. Jhristdas blöde Hinundhergeschiebe" übern Kopf zu dumm, erklärt sie.

Mehrere Offiziere hängen sich lachend an das stolze Gefährt. Unbarmherzig' klopft ihnen Agnes auf die an der Rampe fassenden Finger.Fort, fort! Ich mag keine Begleitung. Die Menschen sind mir zu dumm. Fort, fort!"

Und der Kutscher erhält den Auftrag, weit hinaus zu fahren, auf das freie Feld, wo man kein Menschen­gesicht sieht, nur Schnee und Eis.Vorwärts, den Tod will ich um mich haben."

Die so schnöde entlassenen Kavaliere aber springen lachend zurück auf den Eisplatz. Sie wissen schon wo dasGoldfüchslein" der Schuh drückt.Na fürchte Dich nicht, grünäugige Hexe; sitzen bleibst Du auf keinen Fall." Solche und ähnliche Witze schwirren durcheinander, wäh­rend Agnes aus dem Bereich der Menschen gekommen, den ganzen kostbaren Kleiderbesatz von dem Schoß her- unterreißt und zum Schlitten hinauswirft.

Nur der verfluchte Fetzen ist schuld, daß es heute so gekommen ist.

Ach Mütterchen, goldigschön war's heute auf der Eisbahn! Goldigschön!" versichert dagegen Lenchen ihrer Mama daheim in dem wohl durchwärmten kleinen Schlaf­gemach.

Aengstlich und verwundert streichelt Frau Klinger ihres Kindes erglühte Wangen.Aber ich begreife Dich nicht, Herz; wie kannst Du nur so sprechen? Goldig schön .. und es ist bitter kalt draußen. Du kannst Dir den Tod holen, wenn Du Dich bei dieser Temperatur so heiß läufst." Und im klagenden Ton fortfahrend:Ich hab einen halben Korb Holz verbrennen müssen, bis ich das Schlafzimmer einigermaßen warm gemacht. Und wenn die Kälte so anhält, müssen wir noch in dieser Woche stisches kaufen. Und das Geld .. ist zu den Vor­bereitungen für das Christfest aufgegangen."

Mit gesenktem Haupt steht Lenchen inmitten deS Zim­mers und steckt nachdenklich die Hutnadel in daS nied­liche Barett, in dem sieIhm" so gut gefallen hat. Geld .. Holz .. Ach Armut, Not! Bleigewicht an den Flügeln der Jugend.

Und die Schweigende gewahrt, wie das goldige Lich^ das nur jetzt alles um sie herum erfüllt, langsam oer- finkt, und die schweren Schatten des Lebens, der All­tagssorgen sich allgemach ausbreiten.

Mit einem tiefen Aufseufzen legt sie ihren EiSlauf- staat in den Kasten. Diesem schönen, glücklichen Tag, der übrigens wie alles, wozu Frau Mathilde das letzte Wort spricht, für Lenchen mit einer Dissonanz endete, sollte nun eine Reihe sehr trüber folgen. Frau Klinger erkrankt» an Influenza, die bei ihrer schwachenKonstltution recht gefährlich erschien. Natürlich wurde der alte Hausarzt Doktor Buntrock zur Behandlung zugezogen; und er brächte die Patientinnach vier Wochen auch wieder glück­lich auf die Beine. Als ein wahres Skelett wankte und schlotterte die Rekonoaleszentin, wenn möglich noch ner- oöser geworden, im Hause herum. Ihre Klagen fanden von Morgen bis zum Abend kein Ende; und schwer und traurig durchlebten die beiden Frauen den Winter. 182,18*