Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 39.
Mittwoch, den 17. Mai 1911.
62. Jahrgang.
Die auf Mittwoch, den 17. d. Mts. anberaumte Generalversammlung des Rote-Kreuz-Vereins ist auf: älittw«^, den 24. Mai,
Nachmittags 2'/, Uhr verlegt worden.
Schlüchtern, den 15. Mai 1911.
Der Vorsitzende des Rote-Kreuz-Vereins: gez. Valentiner, Landrat.
Deutsches Reich,
— Heute Dienstag wird in London das Denkmal der Königin Viktoria enthüllt. Das Kaiserpaar wird der Feierlichkeit mit beiwohnen und ist mit der Prinzessin Viktoria Louise gestern vormittag bereits in London eingetroffen. Der Kaiser soll, wie es heißt, mehrfach Gelegenheit gewonnen haben, zu erklären, daß sein Besuck ein rein privater sei. Es verlautet deshalb weiter, daß er während der ganzen Festlichkeiten, die bis Sonnabend dauern sollen, in Zivil zu erscheinen gedenke. Die manchmal gut unterrichteten „Reynold New-Papers" kündigten aber gleichzeitig an, daß dies den Kaiser nicht hindern wird, sich mit mehreren bedeutenden Männern zu unterhalten, wenn auch die Namen dieser Männer wahrscheinlich nicht in der Presse bekannt gegeben werden würden. Das Blatt fügt etwas geheimnisvoll hinzu, daß diesen Unterredungen vielleicht größere Bedeutung zukomme, als anderen, die -der Kaiser in dieser Woche haben wird. Das sind natürlich Prophezeiungen die jeder realen Unterlage entbehren.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung mit den §§ 340—350, welche die Vorschrift über die Kassen- organe enthalten. Abg. Graf Westrap (kons.) besprach in längerer Rede die sozialdemokratische Mißwirtschaft in den Krankenkassen. Abg. Ledebur (Soz.) erging sich in geradezu unerhörten Zwischenrufen, die ihm einen Ordnungsruf eintrugen. Staatssekretär Dr. Delbrück verlangte für die verbündeten Regierungen das Recht, auch in die Selbstverwaltung einzugreifen. Von einer Entrechtung der Arbeiter sei keine Rede; die verbündeten Regierungen wollen nur eine Sicherheit dagegen schaffen, daß die Einrichtungen der Kassen zu
politischen Zwecken mißbraucht werden. An praktischen Beispielen schlagend waren auch die vorzüglichen Ausführungen des Ministerialdirektors Caspar, der den Sozialdemokraten ein langes Sündenregister vorhielt. — Am Freitag wurde die Beratung bis § 412 fortgesetzt. Die Sozialdemokraten und auch die Fortschrittliche Volkspartei stellten wieder allerlei Anträge, die aber sämtliche abgelehnt wurden. Die Kommissionsbe- schlüsse über die Vorstandswahlen wurden mit großer Mehrheit bestätigt. Die Bestimmungen über die Anstellungen der Kasfenbeamten wurden ebenfalls nach den Kommissionsbeschlüssen bestätigt. Die Dienstanord- nung wurde glatt mit 255 gegen 53 Stimmen angenommen. Ferner wurde ein Antrag Schulz angenommen, wonach das Nähere über das Verfahren bei Entlassung eines Beamten wegen Vergehens gegen die Dienstordnung durch kaiserliche Verordnung geregelt werden soll. Die Bestimmung über die Drittelung der Beigeordneten wurde ebenfalls angenommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag eine große Reihe von Anträgen und Petionen. Unter anderem wurde ein Antrag des Abg. Varenhorst (frkons.) auf Förderung der Bienenzucht, der im ganzen Hause so viel Anklang fand, einstimmig angenommen. — Am Freitag wurde die zweite Lesung des allgemeinen Zweckverbandes erledigt. Zur Aufbringung der Verbandsumlagen wurden Anträge der Mehrheit angenommen, wonach die Regelung der Beitragspflicht nach dem Interesse der Beteiligten an den Aufgaben des Zweckverbandes zu erfolgen habe, und daß bei der Unterverteilung der Verbandslasten auf Gutsbezirke die landwirtschaftlichen Dienstboten nicht zu rechnen sind. Angenommen wurde auch ein Antrag der Mehrheit, die Mitglieder des Verbandsausschusses dem Disziplinarverfahren zu unterstellen. Damit war die zweite Lesung erledigt.
— Die Reichtagskommission für den reichsländischen Verfassungsentwurf hat in der Gesamtabstimmung das ganze Verfassungsgesetz mit 13 gegen 12 Stimmen abgelehnt Nachdem die Sprachenparagraphen, welche von der Reichspartei beantragt worden waren, durch Mchrheits- beschluß beseitigt worden waren, enthielten sich die Nationalliberalen bei der Schlußabstimmung der Stimmabgabe. Die Kommission wird entweder noch einmal beraten oder an das Plenum berichten, und es besteht immerhin die Möglichkeit, daß der Verfassungsentwurf dennoch zur Verabschiedung gelangen wird.
— Durch die Verkehrssteuern (Stempelsteuern, Erb
schaftssteuer) wurden nach chem vorläufigen Einnahmeergebnisse des Rechnungsjahres 1910 insgesamt 269,2 Millionen Mark aufgebracht. Damit wäre der Etats» ansatz erheblich überstiegen. Dieses Ergebnis ist wesentlich daraus zurückzuführen, daß von den durch die Finanzgesetzgebung des Jahres 1909 erhöhten und neu eingeführten Verkehrssteuern der Effektenstempel und der Grundstückumsatzstempel schon jetzt die auf sie gesetzten Erwarten voll erfüllt haben. Der Effekten- stempel hat die Einnahme des Rechnungsjahres 1908, des Vorjahres der Finanzreform, bereits um etwas mehr als den für d'en Beharrungszustand geschätzten Mehrertrag von 20 Millionen Mark überschritten, und der Grundstücksumsatzstempel hat gegen den für den Beharrungszustand geschätzten Ertrag von 50 Millionen Mark 2,8 Millionen Mark mehr gebracht. Auch der Talonstempel hat im letzen Viertel des Rechnungsjahres 1910 eine beachtenswerte Aufwärtsbewegung gezeigt. Es haben, gegenüber einer Solleinnahme von 3 47 7 000 Mark in den ersten 9 Monaten, für die letzten drei Monate (Januar bis März 1911) allein 5 945 000 Mark zum Soll gestellt werden können, ein Beweis, daß ein abschließendes Urteil über die finanzielle Wirkung dieser noch im Uebergangszustand begriffenen Steuer zurzeit nicht gefällt werden kann.
Auslanö.
— Im englischen Unterhause fragte Dillon Sir Edward Grey, ob seine Aufmerksamkeit auf den Aufruf gelenkt worden sei, den der Häuptling der Beni Mter Kai Akka an die Nationen gerichtet habe, ob Sir Edward Grey die diplomatischen Vertreter Englands in Marrokko anweisen werde, über die Wahrheit der in jenem Appell enthaltene Behauptungen sorgfältige Erhebungen anzuftellen, und ob die Regierung, wenn sich die Behauptung als wohlbegründet erweisen sollten, ihren ganzen Einfluß aufwenden werde, um zu verhindern, daß europäischen Truppen zur Unterstützung eines solchen Regimes verwendet würden. Sir Edward Grey erwiderte schriftlich, die britische Regierung kenne die Mißbräuche in Marokko vollkommen, und sie habe stets ihren Einfluß dem Bestreben gewidmet, sie abzu- stellen. Irgendein europäisches Einschreiten, außer zur Verhinderung von Mißbrauchen, stehe nicht in Frage, und jedes Vorgehen der britischen Regierung werde sich im Einklang befinden mit den Verpflichtungen, die sie durch das englisch-französische Abkommen von 1904 übernommen habe.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 33
In dem gediegenen, kostbaren Speisezimmer wurden Thieleckes verschiedene, von ihm sehr geschätzte Leckerbissen serviert, während die Hausfrau, eine bequeme Dicke, ihm dabei erzählt, wie unmenschlich viel Geld sie täglich für den Betrieb der Oekonomie ausgeben müssen, da die Arbeiter von Tag zu Tag teurer und natürlich schlechter würden. Das war nämlich das ständige Thema Frau Holl- manns, die in ihrem verwaschenen Morgenkleid sich doch mit solch behäbiger Sicherheit in dem Komfort ihres Hauses bewegte.
Auch der Chef der Firma hatte einen Sprung herauf gemacht, „um nach Agnes zu fragen und einen Bissen Wurst in den Mund zu stecken." Er war schmal und lang wie seine Tochter und auch so intelligent, (fast raffiniert), was man von seiner Ehehälfte durchaus nicht behaupten konnte, obs ihr an gesellschaftlicher Routine auch gar nichtfehlte. Thielecke erzählte, während er ein Gläschen Sherry schlürfte, daß er nach Malmen- dorf hinaus müßte, und, nachdem seine für die Krankenbesuche aufs Land abonnierte Mietskutsche wegen Erkrankung eines Gauls nicht verfügbar sei, er das ihm für diesen Zweck unangenehme Rad benützen müßte.
„Aber, keine Spur, Doktor! Heute, wo jede fünfte Minute ein Spritzer niedergeht, mit'n Rad? Absolut nicht. Der Wagen soll sofort zu Ihrer Verfügung stehen. Machen Sie keine Geschichten!" wehrte Herr Hollmann des Doktors schwachen Protest ab. „Sie wissen doch, meine Schimmel haben nichts zu tun."
Fünf Minuten später saß Dr. Thielecke tatsächlich in der blau ausgeschlagenen Halbschaise des Kaufmanns, und die Renner griffen aus, als ob sie den Boden gar nicht berührten. , , ,
Er paßte so gut hinein, der feine Mann in den fernen Wagen. Behaglich schlägt er die Beine übereinander
und yinbet sich die Trabuka an, die er sich als Magen- schluß, aus Hollmanns Zigarrenkasten entnommen hatte. Eineigen Wohlgefühl überkam ihn, während er an Feldern und Wäldern vorübersausend, die reine Luft des jungfräulichen Lenzes in tiefen Zügen einatmet. Dem war Tatsache: der Anblick und Genuß des Reichtums wirkte berauschend auf den Ungewohnten. Und Doktor Thielecke hatte das Gefühl, als ob er davon nicht werde loskommen können.
Es war eine ärgerliche Geschichte, dachte er; denn ich spiele ein doppelt Spiel. „Hahaha! Na, kommt Zeit, kommt Rat."
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Nun hat der holde Mai seinen Einzug ins Land gehalten und mit ihm sind herrliche Tage und milde gekommen. Alle Gärten und Obsthalden, die die Stadt Müh- lenberg in Hülle und Fülle umkränzen, stehen mit schneeiger Blüte überschüttet. Hochragende Fliederbüsche, die schier bei keinem Hause fehlen, überzrehen sich von Tag zu Tag reicher mit ihren rötlichvioletten Blüten; daß das ganze Städtchen ein einzig Duften erfüllt. In den Straßen werden täglich ganze Körbe Maiglöckchen zum Verkauf ausgeboten. Dieses Frühlingsleben und weben, das an der Menschenseele rüttelt mit Zaubergewalt.
Auch die Umgebung des Major Anderschen Hauses, Hof und Park, sind in diesem Jahre schöner als je erblüht. Oder beucht es nur Lenchen so? An jedem erstehenden Morgen entdeckt sie neue Wunder, und an jedem sinkenden Abend neue Schönheit. Denn das Glück rieselt über sie und die Seligkeit der Liebe, wie die Blüten der Fliederbüsche, unter denen sie sich, wenn sie ihr schweres Tagewerk vollbracht, mit Doktor Thielecke und dem unermüdlich Wache haltenden Major Anders zusammen- finden.
Er merkt, wie es steht zwischen den beiden und möchte gewiß gerne ihre Hände ineinanderlegen, schon Lenchens wegen, die er so hoch schätzt. Denn was die tragen und leisten kann, trotz ihrer Kindlichkeit, hätte er von dem
im üppigsten Wohlleben erwachsenen Mädchen nie erwartet.
Er bewundert sie. Und darum |roiH er sie beschützen. In erster Reihe vor einer Erklärung. Denn er traut Doktor Thielecke, trotzdem er die heiße Liebe in seinen Augen flackern sieht, die Charakterstärke, das arme Mädchen zu seinem Weibe zu machen, nicht zu. Dazu ist er zu sehr Lebensästhetiker.
Das aber ahnt er nicht, der feine Beobachter, daß nur diese Liebe Lenchen die Kraft verleiht, das Schwere zu tragen , das auf ihr ruht. Daß sie ohne dieses durchsonnende Gefühl vielleicht schon zusammengebrochenwäre. Denn Frau Mathildes, von selischer und organischer Kränklichkeit zusammengeschrumpfter Körper scheint nur noch ein Gefäß voll Launen zu sein.
An jedem Tage ergießen sich die Bäche der Bitterkeit über des Mädchens unschuldiges Haupt, das stillschweigend an der surrenden Nähmaschine sitzt und neben diesen häuslichen Wetterentladungen oft genug auch Nörgeleien und maßlose Anforderungen derKunden über sich ergehen lassen muß. 182,18*
Dabei kann Lenchen, trotz rastloser Arbeit, kaumden al* lernotwendigsten Anforderungen des Hausbedarfes gerecht werden. Vormittags, so zwischen neun und zehn Uhr, hört man gewöhnlich Tillitantes schmetterndeStimme in der Küche. Sie besorgt jetzt die täglichen Einkäufe für die Verwandten mit ihren eigenen zusammen, da die Aufwärterin in diesem Punkte sich nicht als ganz reell erwies.
Um diese Zeit also kommt die Tante abliefern und daß sie in der Regel etwas mehr abgibt als ihre Pflicht ist, das kommt Lenchens schmalem Beutelchen sehr zugut.
Und wenn Frau Römer dann die Schwägerin im besten Fahrwasser findet, den Jammer ihres elenden Daseins an ihrem Kinde auszulassen, dann macht sie ihr den Standpunkt, und nicht gerade mit Sammetpfoten klar. Sie erklärt ihr wer Schuld an der Sache, und nicht wert sei eine Tochter zu haben, die zum Dank für das ewige Räsonieren, ihre Gesundheit für die Mutter auf arbeite.