Ichluchlkmer Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heilnat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 58.
Samstag, den 22. Juli 1911.
62. Jahrgang.
Amtliches.
Bullenkörung
Ich mache wiederholt darauf aufmerksam, daß nur solche junge Bullen zur Körung zugelassen werden, welche das Alter von 14 Monaten zurückgelegt haben. Schlächtern, den 17. Juli 1911.
Der Landrat. J. B.: B e r t a.
Bekanntmachung.
Persönliche Auskunft in baupolizeilichen Angelegenheiten wird nur in den Sprechstunden Dienstag und Freitag vormittags von 10—12 Uhr erteilt.
Gelnhausen, den 10. Juli 1911.
Der Vorstand des Königl. Hochbauamts Michael, Königlicher Baurat.
Vom ländlichen Genossenschaftswesen.
Auf dem Genossenschaftstage des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften am 13/14. Juli d. JS in Hannover ist es zwischen dem Vertreter der Preußischen Zentral • Genossenschaft-kasse und dem Generaldirektor der Landwirtschaftlichen Zentral» Darlehnskasse zu Auseinandersetzungen über die Gründe der endgültigen Lösung des Geschäftsverkehrs beider Kassen zueinander gekommen. Der Generaldirektor der Zentral-DarlehnSkasse.bezeichnete die in den Artikeln der „Berl. Korrelp." gegebene Darstellung deS Sach- verhaltS als unzutreffend.
DaS Direktorium der Preußischen Zentral Genossen- schaslskasse hält die mehrfach»n Erklärungen in der „Bert. Lorresp." in vollem Umfang« aufrecht unu^uv eine Darstellung des Sachverhalts auf Ärnnd des amtlichen AktenmaterialS dem GesamrauSschuß der Zentral-GcmssenschaftSkass« in einer für die zweite Hälfte des MonatS September in Aussicht genommenen Sitzung Vorleben und sodann der Oeffentlichteit übergrben.
Alle beteiligten Kreise werden somit zu einer eingehenden objektiven Prüfung Gelegenheit haben.
Deutsches «eich.
— Im Charlottenburger Mausoleum wurden am Mittwoch, am.Tode-tag bet Königin Luise, im Austrage des Kaisers sieben Lorbeerkränz«, entsprechend der Zahl der Kinder der Königin, niedergeleg».
— Die Trauung der Luisen Brau'paar«. In der Sterbestunde der Königin Luise fand am Mittwoch vormittag nach altem Brauch die Trauung der Luisen-
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denke«. 68
„Woher weißt Du denn da-, kleine Weisheit?"
„Die Minute hat mir« erzählt, sie sagte, Sie waren in der ganzen Welt."
„So, so."
Während das Zwiegespräch munter fortlief, war Doktor Thielecke, von Erna unbemerkt, nach Hause und in den ©arten gekommen. Er sah und hörte nun zu fei« i nein grenzenlosen Erstaunen, wie Klein Erna von dem ««sährlichen Standpunkt eines wackeligen GartenmöbetS 5' i ab ganz kordial mit feiner einstigen Flamme plan« | Berte.
Der gereifte Mann war anfangs recht verdonnert 1 und fühlte sich der Situation durchaus nicht gewachsen. I Nach den Ereignissen der vergangenen Jabre mußten sie sich doch »remd sein unb ignorieren, und da stand das unschuldige Kind auf dem Tisch unb warf Bon- «on« hinüber, die unter Lachen und Scherzredeir aufge- | sangen wurden.
| Und dieses wohlklingende verhaltene Organ der Frau, | Die er an die zehn Jahre nicht gesehen hatte, es packte | merkwürdigerweise auch jetzt noch am Gemüt.
IEbEN Augenblick konnte ihn das Kind bemerken, und | banne Run also, dann sollte der Zufall walten; wenn | nur Erna nicht herunterstel.
| . --AA d"S ist ja der Papa!" rief diese plötzlich in | Heller Freude.
„Du, Du Erna, Du!" Du fällst mir!" rief der Dok- | Mit Einem Sprung war er beim Tisch unb breitete, k "'"'s vergessend, die Arme aus, um seinen kleinen Mb« • von einzusammeln.
Aber Erna entgegnete, mit dem Selbstbewußtsein eines ■ einzigen Kindes, das recht gut weiß, wie hoch es sich tarieren darf: „Oho, Väterchen, eher spring ich nicht, bis Du | ""* meinen Wunsch gewährt hast."
Brautpaare in sder Potsdamer Garnison • Kirche statt, die von der Stiftung,Luisen-Denkmal^ ausgestattet werden. Es waren diesmal sieben Paare, die unter Glockengeläute und Orgelklang vom Hofprediyer Richter zum Altar geleitet wurden, wo bereits die Mitglieder des Familienrats der Stiftung sich versammelt hatten. ^Eine große Zahl Andächtiger wohnte der Feier bei.
^4 — Die Erweiterungsbauten am Kaiser Wilhelm- Kanal sind bis jetzt infolge der ungünstigen Witterung der letzten Monate sehr rüstig vorgeschritten. Die Arbeiten sind insgesamt an 22 Stellen ausgenommen worden, so daß die Erweiterungsbauten in kürzerer Zeit, als erwartet wurde, beendet sein werden. Trotzdem die Arbeiten am Kanal stellenweise großen Schwierigkeiten begegneten, ist durch diese Arbeiten eine Störung des Schiffsverkehrs nicht eingetreten. Die im Bau befindlichen Schleusenanlagen werden die größten der Welt sein.
— Der Kölner Erzbischof Dr. Fischer hat einen Hirtenbrief erlassen, nach dem die Kinder im siebenten Lebensjahre zur Kommunion geführt werden sollen.
— Die Betriebseinnahmen der preußisch-hessischen StaatSbahnen haben im Monat Juni 1911 gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres im Personenverkehr 12,6 Millionen Mark gleich 23,63 Prozent, im Güterverkehr 4,6 Millionen Mark gleich 4,26 Prozent insgesamt mit Einschluß der Mehreinnahmen auS sonstigen Quellen 18 Millionen Mark gleich 10,66 Prozent mehr betragen. Bei der Beurteilung deS Ergebnisses ist zu berücksichtigen, daß da« Pfingstfest in diesem Jahr in den Juni, im vorigen Gaur in den Mai gefallen ist.
— Ein japanischer Major aU Spion verhaftet. Die Verhaftung .eines japanischen Major- wird von dem bayerischen Truppenübungsplatz Hammelburg i. d. Rhön gemeldet. Wie das „Fränkische Bolksbl." mit« teilen kann, wurde auf diesem Truppenplay durch einen Posten ein japanischer Major, der dem ArtiUeri«- Reserveregiment ungeteilt worden war, dabei betroffen, wie er nachtS zwiichen 1 und 2 Uhr mit einer Blendlaterne die neuen Rohrrücklausgeschütz« untersuchte. Er wurde durch den Posten festgenommen.
— Die traurigen Folgen sozialdemokratischer Kindererziehung zeigt ein auS Hamburg gemeldeter entsetzlicher Vorfall. Der im 13. Lebensjahre stehende Schulknabe Hoffmann auS Alirahlstedt und fein jüngerer Bruder, die Zeitungen auStrugen und von ihren Eltern mit sozi aldemokratischen Ideen verhetzt wurden, hatten schon öfter gegen andere Kinder Drohwor«« auagestoßen, „sie
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„Na, so sprich ihn aus, Menschenkind, ich hatte doch schor« lange auf den ganzen Pakt vergessen."
„Wirst Du aber auch ganz bestimmt ja sagen ?"
„Also, wenn Du nicht gerade verlanns«, daß ich den Kirchturrll von MUHlenberg auf den Kopf stelle«! soll ..."
„Ach waS geht «nich Dein Kirchlurm an. Nein, «rein! Aber ich will so gerne zu Frau Major in die neue Näh- schule gehen."
Helene Ander-, die sich bis nun bloß als schweigende Zuhörerin der Unterhaltung, köstlich unterhalten hatte, mar jetzt, da zu ihrer größten Verwunderung ihre eigene Person in den Mittelpunkt gezogen mürbe, gezwungen auS der Neutralität herauSzutreten.
So rief sie, nach einer kurzen Pause der Ueberivin- dung, mit fester Stimme über die Hecke: „Herr Nachbar, Doktor Thielecke, ich grüße Sie als alten Bekannten über diese grüne Scheidewand hinüber, um Ihnen gleichzeitig zu versichern, daß Ernas Wunsch durchaus nicht einem geschlossenen Komplott sein Leben verdankt. Ich bin selbst höchlichst erstaunt über diesen Geburtstagskuchen."
Doktor Thielecke, über dessen Gesicht zu Beginn der Anrede Helenes ein jäher Farbenwechsel gehuscht war, feilte sich mit einem elastischen Aufschwung auf bm Tisch und erwiderte, inden! er die noch immer «vie eine kleine Fee in der Höhe balancierende Erna mit schützenden Armen umfängt, mit beherrschter Stimme: „Ich nehn«e Ihren Gruß freudigst entgegen, gnädigste Frau Nachbarin, Sie als neu gewonnene Heiinatsgenossin mit großer Genugtuung wiedergrützend. Ihrer letzten Versicherung betreffs meines kleinen Mädi bedurfte es aber gar nicht. Ich kenne meinen Nachwuchs und weiß sehr wohl, welches originelle Gespinust in diesem krausen Köpfchen wuchert."
Erua bearbeitete unterdessen ganz ungeduldig ihres Vaters leichtergrauten Kopf. Diese Unterhaltung war ihr zu hochtrabend, und sie wollte ihren Geburt-tag mal richtig habe».
„3a ja," erklärte der Doktor, „das ist alles recht gut
wollten es den Gymnasiasten schon besorgen, den reichen Leuten, die so gute Kleider trügen." Als das 15« jährige Dienstmädchen Kirsch sich bei einer solchen Gelegenheit der ihr anvertrauten Kinder annahrn und die .Burschen zurückwies, wurde sie von den beiden Brüdern überfallen. Der ältere stieß ihr ein Messer in den Hals, so daß das junge Mädchen nach kurzer Zeit tot zu Boden sank.
Austand.
— Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich, die inkognito auf der Insel Wight weilen, unternahmen aus der Kaiserjacht „Meteor' eine Segelfahrt. Am Abend fuhren die hohen Herrschaften im Automobil nach Ostborne, wo sie das König EduardS-ErholungS- heiin für Offiziere besuchten.
- Noch immer flackern in Amsterdam die Unruhen des Seemannsstreits wieder auf. Zwei Militärrad- sahrer, die am DienStag abend einen Laftkarren begleiteten, wurden von Leuten au« dem.Publikum belästigt. Als eine Abteilung von Polizeibeamten nnd Gendarmen den Radfahrern, deren Räder zerschlagen wnrden, zu Hilfe kam, wurde sie mit Steinen beworfen. Ein Gendarm, der am Kinn verwundet wurde, gab mehrere Schüsse ab, wodurch ein Mädchen an der Schulter verwundet wurde. Die Polizeibeamten zogen blank und zerstreuten die Menge.
— Die Obstruktion im ungarischen Abgeordnetenhaus« dauert unentwegt fort. Die Bestrebungen, die beiden Gruppen der Unabhängigk«il«partel zu vereinigen, werden fortgesetzt, und eS scheint, daß sie zu einem EZolge führen meröen. Dr« Vereinigung fall auf der Basis eines Wahlprogramms erfolgen, da« für da» geheime und direkte Wahlrecht in den Städten eintritt.
— Nach einem in London ein getroffenen Telegramm au« Teheran soll vollständige Anarchie in Bersten herrschen, man müsse jetzi jede Hoffnung aufgeben, daß Persien in der Lage sein werde, mit moralischer Unterttüyung GroßdritanienS und Rußland« wieder Ordnung in die Verwaltung bei Landes zu bringen und Frieden und Ordnung herzustellen.
— Die Unruhen in M^rrko scheinen wieder auszu- leben. Bei den in Puebla und an einigen benachbarte» Orten erfolgten Zusammenstöße« zwischen den Regierung-truppen und ben Anhängern Madero« sind im ganzen 135 Personen getötet worden. Die größten Verluste an Meuschenlebt» waren in ber Nahe von Lovadonga zu verzeichnen, wo die streikenden Ange-
und schön; aber Frau Major nimmt so klein« Dinger gar nicht in ihre Nähschule auf."
Nun blickte Erna mit einem ganz vertrauten Blick zu der lächelnden Helene hinüber, die freilich bestätig« mußte, daß dieser Fall gegen die Statuten verstoße.
„Aber wir werben ja einen Ausweg sinken. Ich werbe mit Erna eine Abteilung für Puppennäherinnen «öff« nen. Wird da- schön fein, Kleine, wenn Du für Deine Puppe ein feinet Hemdlein nähst?"
„Ach nein, Frau Major, nicht für die langweilige Titzi, die braucht« ja auch so klein und dann ist man gleich fertig. Ich will ein Hemd machen für die Wiesen« bame, die wir neulich im Zirkus gesehen haben, damit ich lange, lange daran arbeiten muß."
' lieber diesen diplomatischen Einfall der Kleinen herzlich lachend, verabschiedete sich Helene von ihrer jüngsten Schülerin und deren Vater, während Ema eifrig versicherte, daß sie schon alles im Neceffair habe: „Schere, Fingerhut, Zwirn und Nadeln. Alles, alle-, bloß bie Leinwand muß noch gekauft werden."
„Aber nur recht weiche, Herzchen, damit Deine kleinen Fingerchen leicht hinein können."
Sein kleine- großes Mädchen auf dem Arm tragend, schreitet Thielecke der Veranda zu, in der der Abendtisch für die kleine Familie gedeckt war.
„Also bist Du nun zufrieden mit Deinem Geburtstag ?" fragte er Ema, ihre «veiche Wange zärtlich küffend.
„O ja, großinächtig zuftieden, kleiner Papa. Und ich habe Dich wirklich ganz, ganz gern."
„Ach schau, wahrhaftig? Nein, was Du eine gnädige Tochter bist." 182,18*
Nach diesem Tage entwickelte sich ein ganz bescheidener und zurückhaltender Verkehr zwischen den Nach- bargärlen. Der Doktor hatte fein Töchterchen mit beut Riesenhemd selbst übergeben und trat nun manchmal durch die Hinterpforte in den Park, um sich von dem Fleiße Erna- zu überzeugen, ober lieber noch von ihren originellen Etnsäll«n erzählen zu lassen.