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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat^. Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

.N 60Samstag, den 29. Juli 1911, 62. Jahrgang.

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Amtliches.

Am Sonnabend, den 19. August findet in Sterbfritz eine außerordentliche

Vnllenkörung statt. Die auf den 9. September angesetzte Körung in Steinau fällt aus.

Schlüchtern, den 26. Juli 1911.

Der Kgl. Landrat. I. V. Berta.

Zu Bismarcks Gedächtnis.

(30. Juli.)

Wieder jährt sich der Tag, an dem der größte Deutsche, der treue Paladin des großen Kaisers Wil» Helm I. und Erbauer des Deutschen Reichs aus seinem arbeitsreichen Leben schied, aber das Bild Bismarcks wird fortleben im deutschen Volke, so lange es ein Deutsches Reich gibt, und unvergessen wird er bleiben in deutschen Landen, ist er doch eingezogen in die Wal­halla bei Regensburg, in der König Ludwig I. von Bayern den Großen Deutschlands, den Siegern in seinen Kriegen, seinen Führern im öffentlichen Leben, seinen Bahnbrechern im Reiche des Geistes eine Stätte bereitet hat, ihnen zur Ehre, den Zeitgenossen zur An- eiferung, den kommenden Geschlechtern zum ewigen Gedächtnis.Rühmlich ausgezeichneten Deutschen", so lautet des Königs denkwürdiges Vermächtnis,steht sie als Denkmal, und darum heißt sie Walhalla, ar^.d>H deutscher der Deutsche aus ihr trete, besser als er ge- tomilien". Alstreuer deutscher Diener seines Herrn" steht Bismarck in dem Kreise der Genossen Walhallas, dem großen Heldenkaiser zur Seite, im Geiste der Grabschrift, die sein schlichter Sinn sich selbst bestimmt hat.

Dreizehn Jahre sind dahingegangen, seit der eherne Kämpfer, der Neuerwecker unseres Volkes, der Schöpfer des Deutschen Reiches das müde Hanpt zum ewigen Schlummer gebettet hat, aber lichter nur und klarer ragt seine Riesengestalt empor, je mehr der Jahre die rastlos wandelnde Zeit zwischen ihn und die Geschlechter legt, denen er die Pfade bereitet hat, und tiefer nur und eindringlicher tönen die Worte, tönen die Mahnungen nach, die er in jenen großen Stunden für sein Volk geprägt, in denen eine Welt atemlos an seinen Lippen hing. Es hat für den Fürsten Bismarck der Wucht der Denkmale nicht bedurft, die überall in deutschen Gauen sich zu seinem Gedächtnis türmen, um sein Bild in den Herzen lebendig zu erhalten. Als unveräußer­

liches Erbteil hütet der Deutsche von heute das Ge­denken, daß in schicksalsschwerer Stunde Bismarck uns gelehrt hat, uns auf uns selbst zu besinnen, daß sein Genie, sein gigantischer Wille der Sehnsucht der Deut­schen nach nationaler Einigung die verwirklichende Tat bereitet, ihre Kraft in die Bahn erfolggesegneten Han­delns gezwungen hat. Und unabhängig von dem Standpunkte, von dem aus rückschauend der Einzelne den Weg betrachten mag, auf dem Deutschland unauf­haltsam seiner Höhe entgegengeschritten, ist in der Nation das Bewußtsein eingewurzelt, daß sie nie darauf verzichten kann, im Rate der Völker mit der Achtung gehört zu werden, die der gleichberechtigten Stärke ge­bührt, wenn anders das Vermächtnis des großen Kanz­lers in Treue gehütet werdensoll.

Aber gerade in diesem Stählen des Bewußtseins von Generationen offenbart sich die Lebenskraft des Bismarckschen Werkes. Die Ideen, die dem Werden seiner Schöpfung den Weg gewiesen, die ihren fried­lichen Ausbau geleitet, sind heute Gemeingut des deutschen Volkes geworden. Einer heiligen Flamme gleich lodert in allen deutschen Herzen das begeisterte Gefühl für die nationale Würde, glüht der opferbereite Glaube an die nationale Kraft, lebt das Vertrauen, daß der Geist Bismarcks in schweren Stunden seinem Volke nicht minder strahlender Leitstern sein wird als in den Tagen des ruhmvollsten Glanzes.

Und so richten wir am Todestage des großen Kanz­lers im Vollgefühl- ernster Verantwortung den Bl'.ck hinaus in die Zukunft und fühlen uns gestärkt in der Erkenntnis, daß sie kraftvolle nationale Arbeit heischt, daß sie über alles Trennende hin zielbewußtes Zu­sammenwirken in den Fragen gebietet, welche die Nation als Lebensfragen erkannt hat. Der Vergangenheit das treue Gedenken, der Gegenwart das tätige Schaffen, der Zukunft die sorglich prüfende Voraussicht. Gewinnt solch ernsthafte Auffassung von der Bedeutung des heutigen Tages Boden im deutschen Volke, dann erweist es sich des Erbes wert, das sein Bismarck ihm hinter­lassen hat. V

Deutsches Reich.

- Die Rückkehr des Kaisers von der Nordland­reise. Der Kaiser wird programmäßig am Freitag, den 28. ds. Mts. in Swinemünde eintreffen und dort mehrere Tage verweilen. Während des Aufenthaltes in Swinemünde wird der Kaiser eine Reihe von Vor« trägen entgegennehmen, darunter wahrscheinlich auch

den des Reichskanzlers. Von Swinemünde wird sich der Kaiser nach dem Truppenübungsplatz Altengrabow begeben und dort Besichtigungen vornehmen. In Bergen trat, nachdem der Kaiser vormittags noch einen Spaziergang an Land unternommen hatte, die Kaiser­flottille am Dienstag mittag von Ballholmen aus die Heimreise an, wobei dem Kaiser seitens der Bevölkerung und der zahlreichen Sommergäste ein überaus herzlicher Abschied bereitet wurde. Gegen 3 7, Uhr traf die Flottille auf die zu Uebungszwecken in den Gewässern weilende deutsche Hochseeflotte, deren Schiffe nach Ab« gäbe des Kaisersaluts dieHohenzollern" in Killinie passierten. Die Ankunft in Bergen erfolgte um 7 7« Uhr.

Der Kaiser bei der Truppenparade in Mainz. Der Kaiser wird, wie der KorrespondenzHeer und Politik" von militärischer Seite geschrieben wird, nach einer amtlichen Mitteilung am 14. August an der Parade in Mainz teilnehmen Die Parade wird einen ungewöhnlich großen Umfang annehmen, da zwei In­fanteriedivisionen mit acht Regimentern dabei erscheinen werden. Wie mitgeteilt wird, ist bestimmt worden, daß die Jnfanterieregimenter Nr. 80, 81, 87, 88 und die hessischen Regimenter Nr. 115, 116, 117 und 118 daran teilnehmen. Außer diesen acht Jnfanterieregi- mentern werden ein FußartiUerie« und ein Feldartille­rieregiment bei der Parade vertreten sein, nämlich die Artillerie,Regimenter Nr. 3 und Nr. 27, sowie das AcKMieregiment Nr. 63. Außerdem ist das Dra­gonerregiment Nr. 6 dazu kommandiert worden. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die beiden Pio­nierbataillone Nr. 21 und 25, sowie die Unteroffizier­schule zu Biebrich gleicherweise an dem Kaisermanöver beteiligt sein lverden. Der Kaiser kommt am Montag, den 14. August, morgens 8 Uhr von Schloß Wilhelms­höhe bei Kassel, wo er sich am Sonntag aufhalten wird, mit dem Automobil nach Mainz. Am Tage vor­her wird eine große Vorbesichtigung aller an der Pa­rade beteiligten Regimenter stattfinden. Die Parade bildet den Eingang zu den großen Herbstübungen, zu denen die Regimenter am 18. August ausrücken werden.

Keine Verschiebung der Manöver. Wie der Jnf." mitgeteilt wird, wurden im Einvernehmen des Kriegsministers mit dem Landwirtschaftsminister fol­gende Maßnahmen getroffen, um die gefürchtete Ver­breitung der Maul- und Klauenseuche durch die bevor­stehenden Manöver zu verhüten: Es wurde angeordnet, daß die berittenen Truppen im Manöver möglichst nicht

Aus eigener Kraft

Roman von Nora Denkes.

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Während sie einen Strauß zarter lilafarbener Herbstzeit­losen auf einige blutrote Blätter von wildem Weinlaub ordnete, fuhr sie mit warmer Empfindung fort:Und so entzückt mich der Anblick der mich umgebenden Bil­der, daß ich zu jeder Jahreszeit denken muß: Nein, so schön ist es Dir noch nie erschienen. Genau dasselbe habe ich auch heute empfunden, als ich über die, mit die­sen rosigblau gefärbten Kelchen übersäete Wiese ging und die Konturen und Wälder und Berge in das unendliche Aethermeer ragen sah. Weinen hätte ich mögen in der HilflosigkeitdesSchönheitsrausches,dermichüberwältigte."

Darum stehe auch ich hier, gnädige Frau, wo man einen so schönen weiten Ausblick in die Runde genießen kann. Es liegt ein mächtiger Zauber in dieser, die Men­schenseele wie mit unsichtbaren Fäden umspinnenden Schwermutsstimmung."

..Schwermutsstimmung. Ein Wort, das einem das Herz klopfen macht," antwortete Helene. Und da sie beim K^essnen ihrer mit Wildweingeranke umsponnenen Gar- tentur gewahr wurde, daß Thielecke an ihrer Seite ge­blieben war, so bat sie ihn einzutreten, und die beiden

ffch f auf einer der noch im Garten befindlichen Schulbänke bequem.

Und nach dem Schönen," fuhr der Doktor fort:die Wittterstarre, die uns in ihrer stummen Majestät schier größer erscheint, als alles Blühen."

Und die unter ihrer eisigen Hülle den Keim birgt t»m neuen Frühling!" knüpfteHelenelebhaft andes Dok- bors Betrachtungen an.Frühling! Gott, wie mich das durchschauert, noch heut.. in grauen Haaren. Na, mr, lachen Sie nicht. Es stimmt. Aber in der Zeit der ^^'""ölute lauf ich doch mit ihrer Erna in den weiß- vurchflainmten Gründen um die Wette. Das sollen Sie jepen,"

,O, ich glaub's Ihnen aufs Wort," entgegnete Thie­lecke belustigt.

Denn wissen Sie Doktor," fuhr Helene eifrig fort, ich habe mir oorgenoinmen, nie alt zu werden."

Ei, wie wollen Sie denn das anstelle» ? Oder ver­raten Sie Ihr Elixier nicht?"

Aber ja! Ich laß ihn einfach nicht herein, den lau­nischen Kerl mit den Brummfalten. Da laß ich ihn nicht herein," erklärte sie mit dem Finger auf ihr Herz zeigend. Auch wenn ich schon ein kleines graues Mütterchen sein werde, die Augen und das Herz halt ich mir jung. Ueber das andere mag die Zeit ihre Runen ziehen."

Sie sind beneidenswert, gnädige Frau: Heute. So ganz auf sich und in sich beruhend, unabhängig von äuße­ren Glücksbedingungen. Beneidenswert. Glauben Sie aber wirklich, daß sich Ihnen die grauen Tage innerer Leere und Vereinsamung niemals nahen werden? Glau­ben Sie, daß das Blut immer so reich an hochstreben­den Gefühlen in Ihren Adern kreisen wird? Glauben Sie das wirklich? Die Zeit verlangt ihr Recht, Frau He­lene, Sie wird es auch von Ihnen einfordern ?"

Und?" fragte Helene.Und dann? O über die Leere, wenn die Winterstürme um die verhüllten Fenster toben. O über die Leere und Einsamkeit?"

Nun, Sie sind doch nicht einsam, HerrDoktorThielecke."

Nein. Zwei süße Kinderaugen blicken in ein unbe­friedigtes Herz."

Darüber Schweigen, darüber Schweigen!" Fast be­schwörend sprach es Helene, mit abwehrender Handbewe­gung.

Warum Schweigen? Warum? Sehen Sie nicht, daß auch der Herbst Rosen bringt? Und sind sie nicht so zart wie die Knospe des Frühlings? Und nicht ebenso üppig wie die purpursaftigen Kelche des Sommers? Der weiche Goldton der herbstlichen Blüten, wie wohl tut er dem sehnenden Auge und Herzen," sprach Thielecke. Dann plötzlich inbrünstig flehend:Frau Helene, wollen Sie noch einmal eine Rose von mir annehmen?"

Helene Anders war ganz blaß geworden und sprach traurig:O, daß Sie mir in diesen schönen, schönen Herbstfrieden Weh hineintragen müssen!"

Sprechen Sie weiter," ermähnte Thielecke die Etok- kende; aber mit mutloser Stimme.Sprechen Sie weiter!"

Ich will ja sprechen. Aber ich wäre so dankbar ge­wesen, wenn Sie mir's erspart hätten. Nämlich diese Stunde."

Ich dachte, weil Sie sich so auf den Frühling freuen, daß auch in ihrer Seele noch solch ein FrühlingSblühen möglich wäre." Thielecke sagte es, seine Augen fest auf die leichenblasse Frau gerichtet.

Das Blühen .. nein. Das Blühenzweimal;eS ginge gegen die Natur. Lassen mir diese Träume. Vielleicht bin ich auch nicht mehr tauglich für diese Art von Herzens­wärme. Gut und Böse habe ich durchwandert, Achtund Dunkel. Und vielleicht ist's mir, Gott im Himmel, ge­wiß ist's mir nicht leicht geworden. Aber ich habe mich durchgerungen, mit Beten. Aber durch bin ich jetzt. Ich stehe im Licht und nun will ich, aller Bande bar, auf meiner klaren Höhe bleiben."

So. Ein stolzer Standpunkt. Ein stolzer Typus, den Sie da vertreten. Aber glauben Sie an diesen Typus?"

Mein Gott, glauben. Ich glaube ja. Aberschließlich sind wir Menschen doch allesamt nur Taster. Ich bin so friedensdurstig! Nach allem, so friedensdurstig I Lassen Sie mich ruhig hier in meinem Reich und werden Sie .. bleiben Sie mein Freund. Hier meine Hand."

Und hier die meine, Frau Helene. Und die Rose können Sie beruhigt nehmen, als Symbol der Freund­schaft. Ja?"

Ich werde sie zum Andenken an unseren Freund- schaftsbund aufbewahren."

Ich danke Ihnen. Und lassen Sie mir Ihre Hand noch ein wenig. Wir sind ja Freunde jetzt. So. Also, das wollte ich Ihnen nur sagen: Die Hoffnung gebe ich nicht auf: denn ich.. glaube nämlich nicht an ihren Typus.

Ende. 182,18*