Einzelbild herunterladen
 

SchlüchternerAitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. <*5. vierteljährliche Beilage:Unsere ßeimat". Telefon Nr. «S.

Erscheint Mitttvoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 63.

Mittwoch, den 9. August 1911.

62. Jahrgang.

Tätigkeit -er preußischen Gewerbegerichte.

Am Ende des Jahres 1910 bestanden in Preußen 587 Gewerbegerichle, darunter 321 Jnnungsschieds' geriete und 10 auf Grund der Landesgesetze zur Ent­scheidung gewerblicher Streitigkeiten berufene, schon vor Einführung des Gesetzes vorhandene staatliche Gewerbe- gerichle. Von der Gesamtzahl der Gewerbegerichte ohne die Jnnungsschiedsgerichte, die im folgenden nicht mit einbegriffen sind bestanden nach derStatist. Korr." Ende 1910 5 in Ostpreußen, 9 in Westpreußen, 1 im Stadtkreise Berlin, 34 in Brandenburg, 10 in Pommern, 9 in Posen, 37 in Schlesien, mithin in den östlichen Provinzen zusammen 1"5; auf die westlichen Provinzen entfielen insgesamt 161, und zwar 22 auf Sachsen, 14 auf Schleswig-Holstein, 21 auf Hannover, 36 auf Westfalen, 14 auf Hessin Nassau und 54 (ein schließlich der 10 königlichen Gewechegenchi ) ,u die Rheinprovinz, während in Hohenzollern Gewe begerttt fehlen.

Bei den gemäß aer §§ 1 und 2 eructrehn 251 Gewerbegerichten waren im Berlin jihre (ennLileftliL der aus den Bo jagten stammend'n) 60 548 Re ts streitigkeiten anhängig, davon 14 309 ode fast ein Viertel allein in Berlin, und zwar auf Klage der Arbeiter 57 479, auf Klage der Arbeitgeber 2863 und auf Klage zwischen A'beiiern beweiben Arb itgebers 206. Bei den 5 Berg-Gewerb geliebten waren von den Arbeitern 1312 und von den Unternehmern zwei Klagen anhängig. Bei den 10 fra ulichen Gewe be- gerichten im Rheinlande waren von Arbeitern 12 127, von Arbeitgebern 991 und zwischen Arbeitern des gleichen Arbeitgebers 11 Rechlsstreuigkeiten anhängig. Im Durchschnitt entfielen demnach auf ein Gewerbe, geriet der ersten Art 241 Rechisstreiugkeiien die Höchstzahl erreichte Berlin, während 5 Geliebte über Haupt nicht in Tätigkeit traten, auf ein Berg Gewerbegericht 263 und auf ein königlich, s fünfmal so viel, nämlich 1313 Streitigkeiten.

Von der Gesamtzahl der Klagen wurden im Be­richtsjahr erledigt durch Vergleich 29 659 = 39 6 Proz., durch Verzicht 2654 = 3,5 Proz., durch An er, kenntnis 938 1,3 Proz., durch Versäumnisurteil 8012 10,7 Proz., durch andere Endurteile 12 258 = 16,3 Proz., und auf sonstige Weise 18 607 = 24,8 Prozent; 2863 oder 3,8 Proz. aller Streitigkeiten blieben im Jahre 1910 unerledigt.

® Einigungsaml wurden die Gewerbegerichte in 123 Fällen angerufen, und zwar zweimal seitens der B^awmtm^^ro^^

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach.

4

Der Zug, den die Freifrau und Nora benutzten, ging erst um halb zwölf Uhr in der Nacht. Absichtlich hcitien die beiden Damen den Tag ihrer Abreise verschwiegen sie fürchteten sich, ihre Nachbarn und Bekannten auf dem Bahnhof zu sehen, jene Teilnahme zu empfangen die so oft in unzarter Weise ein trauriges Herz verletzt So stand nur der alte, treue Kutscher Fritz auf dem Bahn­steig und winkte den Fortreisenden ein wehmütiges Le­bewohl zu.

Es war eine herrliche Sommernacht. Mittenhof stand in der Blüte des blauen Flieders, und die Welt schien doppelt soschön wie imWinter.Hell strahlte das silberne Mondlicht hernieder. Es fiel auf das Antlitz der Hei­matlosen, ließ das ergraute Haar der Freifrau weiß er-

und spiegelte sich in den Augen des jungen Mädchens. Sie waren allein in dem Damenabteil. Eng u'^mandergeschmiegt saßen sie da, Hand in Hand, und wr» tn ^S- He hatten das Herz zu voll für Worte.

^^,^^..F^kiherr nach jahrelangem Leiden die Au­gen geschlossen, hatte die Zukunft dunkel vor seiner Gat« tm gelegen. Mitleidige Verwandte hatten sich zwar er« boten, bie Verminten aufzunehmen, aber es erschien Eugeme von Ebenstedt unmöglich, das Brot der Ab­hängigkeit zu essen, und auch der selbständige Charakter Noras empörte sich gegen eine solche Zumutung.

Da begab es sich, daß in X. die Stelle der Aebtisstn im adligen Fräulemstift frei wurde, man trug sie Enge nie an, und sie willigte ein, dieses Amt zu übernehmen das ihr eine Zuflucht und ehrenvolle Arbeit unter Stan­desgenossen bot. Nora besaß ein schönes, musikalisches Talent, sie hoffte Klavierstunden zu geben, ebenso eng­lischen und französischen Unterricht zu erteilen, da sie beide Sprachen beherrschte. So bauten sie sich aus den Trümmern ihrer bisherigen Existenz ein neues Leben

Arbeitgeber, 44 Mal seitens der Arbeitnehmer und 77 Mal von beiden Teilen. Eine Vereinbarung kam zu stande in 40, ein Schiedsspruch in 31, weder eine Ver­einbarung noch ein Schiedsspruch in 6 Fällen.

" Deutsches Reich.

Ankunft des Kaisers auf Wilhelmshöhe. Pünkt­lich 8 Uhr 45 Min. lief Sonntag früh der aus sechs Salonwagen bestehende kaiserliche Extrazug auf Bahnhof Wilhelmshöhe ein. Zum Empfang des Kaisers hatten sich Prinzessin Viktoria Luise und die Prinzen Oskar und Joachim eingefunden. Außerdem waren erschienen der Kommandierende General von Scheffer-Boyadel und der Oberpräsident der Provinz Hessen-N-ssau, Hmgstenberg. Der Kaiser, der die Uniform der Posener Jäger zu Pferde trug, entstieg sofort dem Zuge, be= größte seine Kinder und zog dann die zu «einem Emp na e s ine enen Herren in ein kurzes Gespräch, "ooann erwlate in Automobilen die Fahrt nach dem Schlosse Auf der Fahrt zum Schloß Weißenstein onrbe br K.iis r von bem sehr zahl« eich eJbieneneu Publikum uürmr ch be,, üßt. Am Emaana zum Schloss e-wa lere die K iferin ihren G mihl. Sofort nab bei Einfuh i stieg auf dem Schlosse die Kaiserstankarte hob Minags 1 Uhr fand im Schlosse große Früh stufst sei statt.

Vo ii Besuch der Zareniamilie in F ledberg wird man lautKonfeklionär" im Kmort Nauherm wenig meiken, denn die Z irin wird die Kur in Nauheim diesmal nicht gebrauchen, da man im Schloß Friedberg neben ihrem Schlafzimmer ein bisher fehlendes Bade- z'mmer eingerichtet Hai, in das die Thermalbäder von Nauheim aus direkt geleitet werden. Im Friedberger Schloß sind schon feit Monaten Handwerker und Archi- tekien tätig, um Neubauten und Veränderungen vor- zunehmen, da die Raume, die dort der russischen Kaiser­familie zur Verfügung stehen, ziemlich beschränkt sind. So wird jetzt ein Flügel angebaut, um Zimmer für die Töchter des Zarenpaares zu gewinnen. Der Thron­folger wohnt in einem großen Zimmer, das sich un­mittelbar neben der Wohnung des Zaren befindet, und im ersten Stockwerk des Friedberger Schlosses wird die großherzoglich hessische Familie während der Dauer des Zarenbesuches Aufenthalt nehmen. Auch Prinzessin Heinrich von Preußen wird in Friedberg erwartet.

Nach demStatist. Jahrbuche für das Deutsche Reich" ist die Einwohnerzahl des Deutschen Reichs um die Mitte des laufenden Jahres auf rund 65 400 000 SKM»»»»LM»M««0MkM8M-Mr»?VM

in Gedanken auf. Nora war keine Natur, die den Kopf hängen ließ, trotz der Abschiedsstimmung blickte sie mu­tig vorwärts in die Zukunft.

Als reiches Mädchen geboren, jung und schön, aber arm, blutarm, welche Gegensätze. Ist es möglich, sie aus- zugleichen?

'Mutti, Du mußt Dich ausstrecken und zu schlafen versuchen," sagte das junge Mädchen und achtete der Einwände nicht, welche die Mutter dagegen erhob.

Schnell war aus Kissen und Decken ein Lager be­reitet, und Frau von Ebenstedt mußte der Tochter nach­geben, wie sie es immer tat. Nora beugte sich über die Mutter und küßte sie.

Mein goldenes Altchen," sagte sie in einer bei ihr seltenen weichen Regung,wir wollen Gott danken, daß wir beide uns noch haben, Du sollst sehen, es wird in T. ganz nett werden."

Ich hoffe es auch, mein Kind, aber ich fürchte, es wird Dir im Stift und in der Kleinstadt nicht gefal­len, Du liebst das Landleben und seine Freiheit," sagte die Freifrau etwas ängstlich.

Dasselbe hatte Nora auch schon gedacht, aber sie wollte es nicht eingestehen, deshalb schüttelte sie den Kopf und meinte:Mache Dir keine Sorgen, Mutti, ich habe den besten Willen, den Dingen die rosigste Seite abzugewinnen."

Nun versuche auch Du zu ruhen," bat die Freifrau, Du mußt mübe sein, mein Liebling, das Auflösen un= fere§ Haushaltes hat große Anforderungen an Deine Kräfte gestellt, wenn mang jung ist, findet man im Schlaf leicht Ruhe und Vergessen."

Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer begleitete die letzten leise gemurmelten Worte.

Ich werde mich später ausstrecken, Mutti, die Som­mernacht ist so schön, die Gegend ist wie von Silber« schimmer umwoben, ich möchte noch etwas am Fenster sitzen und träumen."

Es ist eine Weile ganz still in dem kleinen Abteil,

geschätzt worden. Die Schätzung ist auf Grund der bisherigen Bevölkerungszunahme erfolgt. Nach dem vorläufigen Ergebnis der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1910 betrug die Bevölkerungsziffer rund 64 900 000 Personen. Es würde sonach eine Zunahme von rund 500 000 stattgefunden haben.

Die Erhebungen des preußischen Kultusministe­riums über die für die Jugendpflege bestehenden Organi­sationen, im Mai begonnen, find inzwischen zum Abschluß gelangt, so daß die Uebersichten über den gegenwärtigen Stand der Jugendpflege in den einzelnen Provinzen nunmehr vorliegen. Nach Maßgabe der Entwicklung der Jugendpflege werden den einzelnen Provinzen zwecks Durchführung des bekannten Ministerial- erlasses aus dem vorhandenen Staatsfonds entsprechende Beihilfen zur Verfügung gestellt werden. Es wird allerdings auch angenommin, daß die Städte und Kreise in Würdigung der großen Bedeutung einer freien, in« tensiven und umf ssenden Gestaltung der Jugendpflege Mniel zur Erfüllung dieser Aufgabe bereitstellen. Zahl- reive Siädte hob n in dieser H nsichl bereits Beschlüsse gefaßt.

In den Verhandlu gen über Mrrokko, die in Berlin zwlsch.n dem französischen Bonchafter Cambon und dem Staarssek etär des Auswärtigen Amtes v. Kiderlen Waechter gerührt worden, hat eine Annäherung über den prinzipiellen Standpunkt stattgefunden. Die Ausarbeitung im einzelnen erfordert jedoch eine ein­gehende Prüfung, mit der zurzeit die zuständigen Reichsressorts befaßt sind. Das Ergebnis wird dann durch den Reichskanzler dem Kaiser zu unterbreiten sein.

Eine Finanzstatistik in der ..Statistik des Deut­schen Reichs" bringt Angaben über die Schuldenlast des Reichs und der Bundesstaaten für das Rechnungs­jahr 1910. Die gesamten fundierten Reichs- und Staatsschulden beliefen sich auf 19 285 Millionen Mk. gegen 17 573 Millionen Mk. im Jahre 1909, 16 573 Millionen Mk. im Jahre 1908, 16 386 Millionen Mk. im Jahre 1907, 15 691 Millionen Mark im Jahre 1906, 15 205 Millionen Mk. im Jahre 1905 und

13 112 Millionen Mk. im Jahre 1901. Die Steige­rung war also mit 1712 Millionen Mark im letzten Jahre erheblich größer als in einem der voraufge­gangenen Jahre; ihr Maximum hatte sie vorher im Jahre 1909 mit genau einer Milliarde Mark gehabt. In den neun Jahren seit 1901 hat sich die Schulden­last um 6173 Millionen Mark, also um mehr als 6 Milliarden Mark oder 47 Prozent erhöht. Das Reich

Nora hofft, daß die Mutter schlummert, da hört sie sie weinen. Im Nu ist sie bei ihr und kniet neben ihr nieder.

Was ist Dir Muttt, mein liebes Mutti?"

Emil Otto," sagt Eugenik von Ebenstedt, und dieser Name erklärte der Tochter den Kummer der armen Frau. Was ist es, da« der einzige Bruder verbrochen? Sie weiß es nicht, man hat es ihr nie gesagt. Gern erführe sie es endlich. Eine große Scheu hat sie stets jurüdk gehalten, danach zu fragen, Nora weiß nur, daß sie noch ein kleines Mädchen war, als Emil Otto das Eltern­haus verließ. Der Bruder war viele Jahre älter als fit, mit großer Liebe hingen die Geschwister an einander, bie beiden einzigen Sprossen der freiherrlichen Ehe. Sie siehl den großen, bildhübschen Jüngling vor sich, wie er zu den Ferien heimkehrt; er hebt das Schwesterchen jubelnd auf die Arme und eilt mit der leichten Last durch bie Flucht der Zimmer zu dem Vater, der damals noch rü­stig war, zu der Mutter, deren dunkles Haar noch feine Silberfäden zeigte. Wie stolz ruhten des Freiherrn Au­gen auf dem Sohn und Erben, wie strahlte der Frei­frau Antlitz voll Liebe jedes Mal, wenn Emil Otto in Mittenhof war.

Nun trägt er die bunte Studentenmütze eines Korp» in Bonn, eine häßliche Narbe verunstaltet seine Stirne über die das lockige Haar in dichten Ringeln fällt.

Nora," sagt Frau von Ebenstedt,glaubst Du, datz ich Emil Otto noch einmal wiedersehe?Sein letzter Brief war aus Südaftika. Er weiß nicht, daß sein Vater auf dem Sterbebette ihm vergeben hat."

In den Augen der Tochter liegt eine so bange Frag«, daß die Mutter sie beantworten muß.

Du hast bisher nicht gewußt mein Kind, weshalb Dein Bruder die Heimat, Eltern und Dich meiden mußte; ich will es Dir heute mitteilen, heute, wo rote die geliebte Scholle verlassen, die Eure Wiege trug, heutig wo wir einem neuen Leben entgegengehen."

Tu es nicht, Muttt," bittet Nora,e< wird Dich aufregen, später, ein anderes Mal." 187,18*