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Schüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich I Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 65.

Mittwoch, den 16. August 1911.

62. Jahrgang.

Steuerhinterziehung.

Aus den Zeiten des Kampfes um die Reichsfinanz­reform entsinnt man sich wohl auch noch der Frage der Steuerhinterziehung. Besonders gegen die Erb­schaftssteuer wurde als Argument immer wieder vor­gebracht, daß sich bei ihr der mobile Besitz der Steuer leicht entziehen könne, während der immobile Besitz die Rolle des zuverlässigen Zahlers zugewiesen bekam. Diese Teilung der Berufsklassen inbezug auf ihre Ehr­lichkeit in der Steuerzahlung scheint aber doch nicht ganz zu stimmen. Es ist leider so, daß die Menschen in allen Berufen, auch in der Landwirtschaft, sich kein Gewissen daraus machen, den Staat nach Möglichkeit zu betrügen. Ja, man hat vielfach gar nicht das Gefühl dafür, daß es sich hier um einen Betrug handelt, und es bedarf noch einiger Erziehung in sozialer Richtung, daß alle Bürger es auch mit diesen finan­ziellen Pflichten ernst nehmen lernen. Wozu freilich auch eine notwendige Voraussetzung wäre, daß der Bürger zum Staatsregiment das unbedingte Zutrauen haben könnte, daß die Steuerforderungen wirklich gerecht nach der Leistungsfähigkeit bemessen würden. Was nun die Steuerhinterziehung betrifft, so veröffentlicht über sie Regierungsassessor Buck in der Zeitschrift Verwaltung und Statistik" ein sehr interessantes Zahlenmaterial. Er vergleicht hier die Jahre von 1902 bis 1909 und zeigt, wie mit dem steigenden Wohlstand nicht nur die Steuerleistungen, sondern auch die Wahl der Steuerbeanstandungen und die Summe der hierdurch gewonnenen nachträglichen Einnahmen regelmäßig gestiegen sind. Wenn wir nur die Zahlen des Anfangs- und des Endjahres dieser Stalillit zur Veranschaulichung nebeneinanderstellen, so ergibt sich schon folgendes deutliche Bild: die Zahl der Steuer­erklärungen betrug im Jahre 1902 550 343, die Zahl der Beanstandungen 138 328; der durch die Bean­standungen eingezogene Mehrbetrag 8 382 726. Für das Jahr 1909 lauten dieselben Zahlen 772 943, 190 005 und 11 613 254. Es handelt sich bei diesen Hinterziehern sowohl um Gewerbetreibende wie um Landwirte, die beide sich darauf verlassen, daß man eine zu niedrige Angabe ihres Einkommens gar nicht oder nur sehr schwer nachweisen kann. Wenn sie dann die Bedenken gegen ihre Erklärung mitgeteilt bekommen, erkennen sie stillschweigend die Beanstandung als berech­tigt an. Es ist auf Grund dieser Zahlen wohl anzu- nehmen, daß auch unter den nichtbeanstandeten Steuer-

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 6

Gottlob, sie scheint zu schlafen," denkt Nora, ,ar= mes, liebes Mutti, wie viel hast Du gelitten. Ich darf es Dir nicht zeigen, wie schwer mir die Trennung von Mittenhof fällt, ich will mir Mühe geben, mich in die neuen Verhältnisse hineinzufügen."

Aber trotz dieser mutigen Worte sind die Hellen Mäd­chenaugen naß, und es zuckt um den frischen Mund. Im­mer weiter rast der Zug durch die Nacht, an den kleinen Stationen hält die Bahn nicht an, weiter und weiter dem Reiseziele zu. Die Gegend hat ein anderes Aus­sehen, als die liebliche Berglandschaft, in der Mitten­hof lag; weite Flächen breiten sich vor dem Auge aus, prächtiger Wald, dann Dörfer, kleine Städte, Fabriken mit hohen Essen, aus denen es feurig emporlohte.

Emil.. Otto, Emil.. Otto," denkt Nora und es scheint ihr, als höre sie des Bruders Namen im Rollen der Räder, im Stampfen und Rütteln der Eisenbahn. Der schrille Pfiff der Lokomotive läßt sie zusammenfah­ren. Ist es nicht der markerschütternde Schrei des Va­ters der des Sohnes Schande erfährt?

^"^ "tzd nach verwirren sich ihre Gedanken, der Mond erbleicht vor der anbrechenden Tagesdämmerung, bleierne Müdigkeit kommt über das junge Mädchen, die Lider mit den langen Wimpern decken die Augen, Nora schläft.

Ihre Hände liegen festgeschlossen im Schoß, auf der Stirn liegt eine Schmerzensfalte, bis in den Traum ver­folgt des Bruders tragisches Geschick sie, und sie hört immer wieder seinen Verzweiflungsschrei:Ehrlos ehr­los!"

* *

Das adlige Fräuleinstift lag mitten im Städtchen, das sieben- bis achthundert Einwohner zählte.

Es war früher eine Abtei gewesen, deren linker Flü­

erklärungen noch gar manche unrichtige sind und dem Staate dadurch ein. nach Millionen sich beziffernder Ausfall entsteht, ein Ausfall, der dann natürlich durch Einführung anderer Steuern gedeckt werden muß, sodaß der Steuerhinterzieher schließlich doch nichts gewinnt.

Deutsches Reich.

Zu Mitgliedern des Versicherungsbeirats beim Kaiserlichen Aufsichtsrat für Privatversicherung hat der Kaiser den Generaldirektor der Norddeutschen Hagel- Versicherungsgesellschaft Schelske und den stellvertreten­den Vorsitzenden der Landwirtschaftskammer für die Provinz Pommern Rittergutsbesitzer Freiherrn von Wangenheim auf Klein-Spiegel vom 1. August 1911 ab aus die Dauer von fünf Jahren ernannt.

Kraftwagen und Luftfahrzeuge im Kaisermanöver. Wie gemeldet wird, ist nunmehr bestimmt, daß 45 Mitglieder des Deutschen Freiwilligen Automobilkorps mit ihren Kraftwagen am Kaisermanöver teilnehmen. Ferner ist die Zuteilung von Lastkraftwagen für Be­förderung von Lebensmitteln usw. vorgesehen. Die Garde-Kavallerie-Division erhält eine Kolonne von 9 Armeelastzügen, während der 18. Kavallerie-Brigade, die zum 9. Armeekorps gehört, 5 Armeelastzüge über- wiesen werden. Was die im Kaisermanöver zur Ver­wendung gelangenden Luftfahrzeuge betrifft, so ist die Zuteilung von 2 Militärschiffen auf die Parteien vor­gesehen, und ebenso werden Flugzeuge herangezogen werden. Nähere Bestimmungen über die Luftschiffe und die Flugzeuge stehen noch aus. Von den Ver­kehrstruppen werden 12 Eisenbahnkompagnien zum Aufbau der Luftschiffhallen kommandiert werden. Die transportablen Luftschiffhallen sind etwa 100 Meter lang, 24 Meter hoch und 20 Meter breit. Als Zelt­träger dienen Mannesmannstahlrohre, das Dach der Hallen ist aus Segeltuch gefertigt, das wasserdicht im­prägniert ist. Der Aufbau der Hallen kann innerhalb 24 Stunden erfolgen; ihre Konstruktion bietet vor allen den Luftschiffen bei ihrer Unterbringung und Ausfahrt hinreichenden Schutz.

Zum erstenmal ist in diesem Jahre dem Jugend- wandersport in Preußen durch die Militärverwaltung eine bemerkenswerte Unterstützung zuteil geworden. Es werden nämlich den Jugendwanderklubs, ferienreisenden Schulklassen, Jünglingsabteilungen usw. zum Ueber« nachten Räume in den Kasernen und Mannschafts­baracken zur Verfügung gestellt, wenn Privatlogis nicht mehr zu haben sind. Die Unterkunft selbst ist frei,

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gel durch eine Feuersbrunst vor oielenJahren zerstört worden ivar, während der Mittelbau und die rechte Seite erhalten blieben. Die mannsdicken, festgefügten Mauern trotzten Zeit und Wetter, üppig wuchernder Efeu um- rankte sie, und die Bogenfenster mit den kleinen Schei­ben blitzten freundlich im Sonnenschein, als die neue Aebtissin, die Freifrau von Ebenstedt. mit ihrer Tochter in T. ankam. Sie hatten den Schnellzug verlassen und die Klingelbahn benutzt, die sie einige Stunden später zum Ziel ihrer Reise brächte. Seltsam genug erschien den beiden Damen die Kleinstadt mit den alten Häu­sern und schlecht gepflasterten Straßen. Offenbar wußte man von ihrer Ankunft, denn überall erschienen neu­gierige Gesichter an den Fenstern, und einige der alten Fräuleins hatten es sich nicht nehmen lassen, auf dem Bahnhof zu erscheinen, um ihr Oberhaupt sofort zu be­grüßen.

Die Stifterin der wohltätigen Anstalt war eine Frei­frau von Anken, geborene Gräfin Rönig gewesen; sie hatte die alte Abtei gekauft und ihr großes Vermögen angelegt, von den Zinsen wurde der Haushalt bestritten. Achtzehn arme adlige Fräuleins im Alter von fünfzig bis achtzig Jahren waren die Nießlinge, die Aebtissin mußte Witwe sein; auch sie mußte zum Adel gehören, um die Oberleitung des Stiftes zu übernehmen.

Ein hübscher Garten und Park gehörten zur Abtei, die mit vielem Komfort eingerichtet war. Es fehlte nicht an Dienstboten, jede Stiftsdame hatte zwei Zimmer, die ihr zur Benutzung übergeben waren; im großen Speisesaale vereinten die Mahlzeiten die Hausgenossin­nen, die auch sonst freundschaftlich untereinander ver­kehrten. Das Wappen der Ankens zierte die schweren silbernen Bestecke, es war auf den hohen Stühlen aus Eichenholz geschnitzt, es prangte oberhalb des Portales in Stein gehauen, es flatterte über dem Metalldach des Stiftes mitten auf der grünen und weißen Fahne.

Heute hatten alle die alten Fräuleins große Toi­lette gemacht, um ihr neues Oberhaupt würdig zu errw-

nur für die Gewährung von Bettwäsche, Handtüchern, Seife u. dgl. ist eine kleine Entschädigung zu zahlen. Von den Mannschaftsküchen und Unteroffizierkasinos wird Abendkost und Kaffee bereitwilligst geliefert, oft ohne Vergütung zu fordern. Im Königreich Sachsen wurde die Benutzung von Kasernenräumen durch jugend­liche Wanderer durch kriegsministeriellen Erlaß genehmigt. In Preußen ist den Garnisonverwaltungen resp. Truppenkommandos anheimgestellt, hierzu die Genehmi­gung zu erteilen, wenn es sich um Schülervereinigungen oder Vereinigungen nationaler Natur handelt, und wenn dienstliches Interesse dem nicht entgegensteht.

Zum Streik im mitteldeutschen Braunkohlenrevier wird aus Meuselwitz gemeldet, daß die streikenden Berg­arbeiter, welche bereits drei Monate im Lohnkampfe stehen und erneut beschlossen, den Streik fortzuführen, die Arbeiterausschüsse nochmals auf die Werke entsandt haben, um Verhandlungen einzuleiten. Die Unter­nehmer haben auch dieses Mal alle Forderungen abge- lehnt. Die Bergarbeiter haben vielfach während der Ernte bei den Landwirten Beschäftigung gefunden.

Ein Beitrag zum Kapitel Fleischteuerung ist eine Mitteilung in einem Börsenblatte, in der es heißt: Trotz der hohen Fleischpreise hat die 1897 errichtete Firma Vogt u. Wolf, A.«G. in Gütersloh, welche die Wurst- und Fleischwarenfabrikation betreibt, in dem engen Rahmen ihres Betriebes verstanden, das verhält­nismäßig kleine Aktienkapital von 1 Million Mark recht gut zu verzinsen. Die bisherigen Dividenden stellen sich wie folgt: 10, 12, 14, 14, 14, 12, 11, 7, 11, 12, 14, 13 und für das letzte, am 31. Juli ab- gelaufene Geschäftsjahr 15 Prozent." Diese Mit­teilung spricht für sich und bedarf keiner besonderen Zusatzbemerkung.

In Braunschweig haben sozialdemokratische Messerstecher Polizeibeamte verwundet. Nach einer sozialdemokratischen Versammlung kam es zu einem scharfen Zusammenstöße zwischen Versammlungsteil­nehmern und der Polizei. Letztere mußte wiederholt von ihren Gummischläuchen Gebrauch machen. Zwei Kriminalbeamte wurden durch Messerstiche verletzt. Leider entkamen die Täter.

Die sozialdemokratische Poesie war auch bei der sogenannten Friedensdemonstration der Berliner Sozial- demokraten in der Hasenheide vertreten, wo nicht nur Postkarten, sondern auch Lieder verkauft wurden. Ein solches Lied kostete 5 Pfennige und umfaßte 5 Strophen. Es seien folgende Strophen mitgeteilt:

fangen, mit gespannter Neugier reckten sie die Hälse, und die Frage:Wie wird sie sein?" beschäftigte alle Gemüter.

Die jüngst verstorbene Aebtisssin hatte sich keiner Lieb« erfreut; sie war launisch und streng gewesen, hatte ihr« besonderen Schützlinge gehabt und war gegen die min­der Bevorzugten oft ungerecht gewesen. Es ist natür­lich, daß bei so vielen zusammenlebenden alten Damen zuweilen Meinungsverschiedenheiten entstehen, die Aeb- tissin ist verpflichtet auszugleichen und zu schlichten. Ge­rade Eugenik von Ebenstedt mit ihrem freundlichen We­sen und liebenswürdigen Charakter eignete sich für dies« nicht leichte Stellung, zu der es viel feinen Takts be« durfte. Als die Freifrau, auf ihre Tochter gestützt, den kurzen Weg vom Bahnhof bis zur Abtei zu Fuß zurück«, legte, gefolgt von den Stiftsfräulein, da flüsterten dies» untereinander; sie tauschten ihre Eindrücke über Mutter und Tochter aus.

Ich finde, daß unsere neue Aebtissin ein sehr liebes, angenehmes Gesicht hat," sagte Fräulein von Rosen, nur sieht sie furchtbar traurig aus."

Die Tochter ist reizend, ich schwärme schon für sie; solch schöne Augen hat sie; ich finde sie süß!" rief da» kleine, verwachsene Freist äulein Büngen, die immer irgend einen Menschen hatte, den sie heiß verehrte.

Es war Frau oon Ebenstedt gestattet worden, Nora im Stift bei sich aufzunehmen; die Aebtissin hatte vier hübsche Zimmer im unteren Stock für ihre ausschließ­liche Benutzung. Hier richteten sich die Damen ein, und als noch einige der lieben alten Möbel aus Mittenhof ankamen und ihren Platz neben denen des Stiftes fan­den, sah es recht wohnlich in den hohen, hellen Räu­men aus. Nora war keine Natur, die sich leicht Nieder­drücken ließ; sie machte in Gedanken einen Strich unter ihr bisheriges Leben und war entschlossen, der Gegen­wart die besten Seiten abzugewinnen. Jetzt im Hochsom­mer hatte sie keine Aussicht, Klavierstunden zu erhal­ten ; sie hoffte zuversichtlich darauf. sobald das Schul- semester anfing 187,1$*