Einzelbild herunterladen
 

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. g».

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die Keine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 66

Samstag, den 19. August 1911.

62. Jahrgang.

Phantasie und Wirklichkeit.

In alldeutschen Blättern geht das Toben über Niederlage und Rückzug der deutschen Regierung weiter. Irgend welche sachliche Begründung ist in den Artikeln nicht zu finden. Im Manuskript einer von dem Vor­sitzenden des Alldeutschen Verbandes herausgegebenen und in Tausenden von Exemplaren verbreiteten Bro­schüre:Westmarokko deutsch" soll die Forderung ge­standen haben, Deutschland müsse, um eine Mittelmeer­macht zu werden, Frankreich den Rhonedistrikt abnehmen. Schade, daß die Stelle vor dem Druck gestrichen worden ist. Sie kennzeichnet recht die phantastische Verwirrung der Köpfe. Nach dem Verzicht auf den Rhonedistrikt hat sich das Verlangen auf das zu einem paradiesischen Siedlungsgebiet ausgemalte Hinterland von Agadir konzentriert. Alle Schätze Golkondas sollen hier ver­einigt sein, während in Wahrheit der Erzreichtum durchaus nicht feststeht und sogar einzelne alldeutschen Autoritäten das ziemlich dicht bevölkerte Land wegen seines heißen Klimas für ungeeignet zu europäischer Ansiedlung erklären. Der Wirklichkeit entnommene hemmende Vorstellungen kommen nicht in Betracht, mögen sie noch so nahe liegen, wie z. B. die, daß es außer Deutschland noch andere gleichberechtigte Alge­sirasmächte gibt, daß ein unveräußerliches-Recht Deutsch­lands auf einen Teil Marokkos durchaus nicht besteht, und daß noch andere, für uns viel vorteilhaftere Mög­lichkeiten einer Lösung der marokkanischen Frage vor- Handen sind als gerade diese.

Inzwischen scheinen die vertraulichen Verhandlungen zwischen dem Staatssekretär v. Kiderlen und dem Bot­schafter Cambon so weit gediehen zu sein, daß bald die technische Ausarbeitung der Einzelheiten und die Redaktion eines Vertrags beginnen kann. Das würde also heißen, daß einmal über die Garantien für die deutschen wirtschaftlichen Interessen in ganz Marokko und dann über die Grenzen des Gebiets, das uns Frankreich außerhalb Marokkos (am Kongo) abtreten soll, eine grundsätzliche E nigung erzielt ist. Ein hiii sches Urteil läßt sich natürlich erst adgeben, wenn die französischen Zugeständnisse wenigstens in den Umrissen bekanntgegeben sind. So viel steht aber jetzt schon fest, daß die deutsche Politik von Anfang an aus guten Gründen nicht auf marokkanischen Gebietserwerb aus- gegangen ist und folglich auch von einem Zurückweichen keine Rede sein kann.

Deutsches Reich.

Der Kaiser als Soldat. Die nächste Zeit wird unsern Kaiser sehr im militärischen Feldlager beschäf­tigen. Am 26. August ist die Parade des 9. Armee­korps bei Altona, drei Tage darauf die Parade des 2. Armeekorps bei Stettin, und anschließend die Flotten- parade bei Swinemünde. Am 1. September findet die Herbstparade des Gardekorps statt. Die Kaisermanöver dauern vom 11. bis 14. September. Der Kaiser beab­sichtigt auch, der großen Festungsubung bei Thorn beizuwohnen, die am 16. September beginnt, 5 Tage dauert und mit dem feldmäßigen Bau einer Vollbahn verbunden ist.

Prinz Heinrich XVIII. Reuß j. L. wurde Dienstag abend im Eisenbahnzuge zwischen Schweinfurt und Würzburg vom Schlage getroffen. Der Prinz war sofort tot. Er ist im Jahre 1847 geboren, war vermählt mit der Herzogin Charlotte zu Mecklenburg, hat drei Söhne die alle Heinrich heißen: Heinrich 37 , 38. und 42.

Die Einnahmen des Reichs an Zöllen, Steuern und Gebühren haben für die ersten vier Monate des laufenden Etatsjahres vom 1. April bis zum 31. Juli rund 466 Millionen Mark betragen, das sind fast 56 Millionen Mark mehr als im entsprechenden Zeitraume des Vorjahres- An diesem Mehrertrage sind besonders beteiligt die Zölle, die Branntweinsteuer, die Zucker­steuer, die Brausteuer, die Zündwarensteuer, die Ziga- rettensteuer, der Emissionsstempel und die Talonsteuer.

Feuerschutzanlagen in Waldungen. Im Extra- ordinarium des preußischen Eisenbahnelats für das Jahr 1911 sind für die Vermehrung und Verbesserung der Vorkehrungen zur Verhütung von Waldbrändeu erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt. Die Eisen­bahndirektionen sind daraufhin aufgefordert, ihre An­träge auf lleberweisung von Mitteln für ihren Direk­tionsbezirk bei der Eisenbahnverwaltung zu stellen. Nachdem inzwischen diese Berichte erstattet sind, hat das Ministerium der öffentlichen Arbeiten die zur Ver­fügung stehenden Summen auf die einzelnen Eisenbahn­direktionen verteilt. Der größte Betrag von 190 000 Mark entfällt auf die Direktion Halle; auf den Bezirk Köln entfallen 33 000 Mark, Altona 24 000, Essen 26 000 Mark usw. Die geringsten Beträge erfordern die Bezirke Erfurt, Kassel und Kattowitz. Die über- wiesenen Mittel sind lediglich für Feuerschutzanlagen auf Haupt, und Nebenbahnen nach Maßgabe der Dring­lichkeit zu verwenden.

Sonderfahrt zur Kaiser-Flottenparade. Der Hauptausschuß für Berlin und die Mark Brandenburg des Deutschen Flotten-Vereins veranstaltet zu der großen Flottenparade, die am 5. September d. J. in Kiel durch den Kaiser abgenommen und zu der die ganze deutsche Kriegsflotte zusammengezogen wird, eine Sonderfahrt, zu der die Mitglieder des Deutschen Flotten-Vereins und, falls der Platz reichen sollte, auch Nichtmitglieder zugelassen werden. Auch Damen können an der Reise teilnehmen. Die Reise wird am 4. Sep­tember mittags von Berlin mittels Sonderzuges nach Kiel angetreten. Der Parade wird auf eigenem Dampfer beigewohnt, hinterher werden Kriegsschiffe sowie die Kaiserliche Werft besichtigt. Am 6. September wird die Rückreise über Hamburg, wo die Hauptsehenswür­digkeiten besichtigt werden können, und nach Friedrichs- ruh, wo ein Besuch des Mausoleums des Fürsten Bismarck stattfindet, angetreten, und Berlin etwa 7»11 Uhr erreicht. Anschluß unterwegs ist möglich. Aus, führliche Programme sind kostenlos von der Geschäfts­stelle des Hauptausschuffes für Berlin und die Mark Brandenburg des Deutschen Flotten-Vereins, Berlin W 35, Schöneberger Ufer 301, zu haben.

Allgemeine Erhöhung der Bahnsteige. Wie verlautet, beabsichtigt die Eisenbahnverwaltung eine Höherlegung der Bahnsteige allgemein durchzuführen. Dir Versuche, die man vereinzelt mit Bahnsteigen ge­macht hat, die 760 Millimeter über der Oberkante der Schienen liegen, haben ergeben, daß sie wesentliche Vorteile für den Verkehr der Reisenden gegenüber den niedrigeren Bahnsteigen bieten, was sich namentlich beim Aus- und Einsteigen geltend macht. _ Es. soll daher bei 9lenanIaAen7^^ 1^ twHHn^feir die Einrichtung derartiger Bahnsteige zur Durchführung gelangen.

Die Polonisierung der preußischen Industrie- provinzen machte durch Einwanderung polnischer indu­strieller Arbeiter im Jahre 1910 wieder bedeutende Fortschritte. Das Anwachsen der Polen läßt sich am besten feststelleu, wenn man zum Vergleich die Zahlen für die früheren Jahre heranzieht. Im Jahre 1890 waren z. B. im Kreise Bochum-Land etwa 4200, im Kreise Recklinghausen-Land 4500 Polen vorhanden. Ihre Zahl stieg im Jahre 1905 auf 17 600 bezw. 28 700. Im Regierungsbezirk Münster vermehrte sich die Zahl der Polen um 642 Prozent, im Regierungs­bezirk Düsseldorf in den letzten Jahren gar um 876 Prozent.

Hesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach.

7

Die Stadt lag recht häßlich, die Gegend war flach und ohne alle landschaftlichen Schönheiten; abgelegen von den großen Verkehrsadern, war X. um Jahre in der Entwickelung zurückgeblieben, ein wahrer Krähwin­kel, in dem man stillvergnügt weiter lebte und über den lieben Nächsten klatschte.

Schneller, als die Freifrau es für möglich gehalten, fühlte sie sich in dem neuen Wirkungskreise heimisch; sie besaß ein großes Anpassungsvermögen und verstand es, würdig zu repräsentieren. Es gab langjährige, bewährte Dienstboten im Stift, die jeweilige Aebtissin hatte nur das Ganze zu leiten, und ihre Anordnungen mußten PU* b^olgt werden. Auch Nora half der Mutter nach Kräften, sie war mit allen den alten Damen gut ihr rosiges Gesicht blickte zu den Türen der k-tiftsdamen hinein, siehatte für jede ein munteres Wort, £V.T und war schon nach vier Wochen der ver- hatschelte Liebling aller. Es sah seltsam aus, wenn das junge, schone Mädchen im Kreise dieser alten, oft schon 8^cke"Menjchen saß, wenn sie mit ihnen vereint die Mahlzeiten emnahm, oder am Abend im Satten inber Ltnbenlaube zwischen Freifräulein Lydia von Büngen T Itt^M Platz nahm. Aufmerksam lau chte Nora den Erzählungen der beiden, die fünfzig J ahre alter waren als pe. 3 a

Wenn Mutter und Tochter allein waren Wracken ! sie letzt oft von Emil Otto die Schranke war gefallen j es tat ihnen gut, von dem fernen Sohn und Bruder 1 zu reden.

Im Herbst erhielten sie einen Brief von ihm der f nach Mutenhof gegangen war, denn der Tod des : Vaters und der Verkauf des Gutes waren Emil Otto noch nicht bekannt. Sein Bries war ans Kimberley da­tiert, wo er seit einigen Monaten lebte. Neugierig prüfte

Nora die vier Seiten, die von einer festen, charakteristischen j Handschrift bedeckt waren. Ein Graphologe hätte ihr Auf- i klärung über das Wesen des Schreibers geben können; ; obgleich das junge Mädchen zu ihrem lebhaften Be- : dauern nichts von dieser Wissenschaft verstand, sagte sie ! sich doch voll heimlicher Freude:Er muß ein ganzer i Mann geworden sein, so schlicht, ehrlich und offen kann : nur einer sich ausdrücken, der den Weg des Rechtes geht, der sich aufgerafft und durch ein Leben voll Arbeit j den Jugendfehl gesühnt hat."

Sie schrieb ihm zugleich mit der Mutter; sie teilten ihm den Tod des Vaters mit und alles, was sich sonst in ihrem Leben ereignet hatte. Zum ersten Male durfte l sich Nora dem Bruder schriftlich nahen, und sie tat es ' aus der Ueberfülle ihres weichen, vortrefflichen Herzens,

Seitdem die Schulen in X. begonnen hatten, be- mühte sich Nora eifrig um Schüler und Schülerinnen. Es j gab da manche Enttäuschung. Ihre Anzeige in dem Ta- gesblatt lautete:Eine junge Dame wünscht Klavierstun- ! den zu geben, auch englische und französische Unterrichts­stunden werden erteilt. Zu erfragen im adligen Stift bei Freifrau von Ebenstedt."

Diese Anzeige wurde lebhaft auf allen Kaffees der Kleinstadt erörtert, und es fanden sich nur Wenige, die daraufhin reflektieren. Durch Fräulein von Büngen, die im Städtchen Bekannte hatte, wurde Nora warm empfoh­len, und einige Familien wünschten sie zu sehen. Die erste Frage war:Welches Konservatorium haben Sie durchgemacht?"

Wenn das junge Mädchen eingestand, daß sie nur im Elternhause bei einer tüchtigen Lehrerin Stunden genommen, dann zuckte man die Achseln und sagte be­dauernd:Ach so, dann können Ihre Ansprüche nicht groß sein."

Man bot ihr ein lächerlich kleines Honorar, das Nora erst entrüstet ablehnen wollte, schließlich aber doch an- i nahm. Mit den englischen und französischen Stunden j

ging es auch nicht viel besser, man war bereits versorgt oder fand es unnütz, eine so hübsche Lehrerin zu engagie­ren, in die sich der erwachsene Sohn verlieben konnte. Oft schreckte auch der vornehme Name die guten Spieß­bürger der Kleinstadt ab. Trotz aller Mühe bekam Nora nur vier Schülerinnen und einen Schüler, den Sohn des Gastwirts zumGoldenen Hirsch", dem sie fron* zösische Nachhilfestunden erteilte. Unverdrossen eilte die schlanke Mädchengestalt bei gutem und bösem Wetter durch die Straßen und Gäßchen des Krähwinkels, und als sie das erste verdiente Geld in den Händen hielt, war sie so glücklich wie noch nie. Etwas von der Be­friedigung kam über sie, die die Arbeit mit sich bringt.

Es fehlte nicht an kleinen Demütigungen und Un­annehmlichkeiten, die das überaus feine Gefühl Nora» verletzten; sie machte die Schule des Lebens burd), lernte sich selbst überwinden und den stolzen Nacken beugen. Nie klagte sie ihrer Mutter vor; in jener Sommernacht, im Eisenbahnabteil, hatte Nora sich das Wort gegeben, der Schwergeprüften viel der reichen Liebe zu geben, die sie in ihrem Herzen fühlte.

Ein großer, köstlicher Schatz lebte da in ihrer jungen Brust und harrte des Glücklichen, der ihn einst heben sollte. Wie schnell legte die Tochter Eugenies die letzte Strecke bis zur Abtei zurück, wie behaglich war es drin­nen, wenn die schwere, eisenbeschlagene Tür sich schloß und trotzige Wärme sie nach dem unfreundlichen Herbst- sturm umfing. Die blanke Kaffeemaschine brodelte, die verschiedenen Türen öffneten sich, alte, gebückte Gestalten huschten durch die langen Korridore, und bald versam­melten sich die Stiftsdamen umdes Lichts gesellige Flamme." Eugenie schenkte den geliebten braunen Trank ein, und der riesige Napfkuchen machte die Runde. ES war der neuen Aebtissin erst nach längerer Zeit gelungen, die etwas spitzen Zungen der alten Damen im Zaum zu halten, der Klatschsucht zu steuern, die so leicht über- hand nimmt. Man las gemeinschaftlich ein gutes Buch und machte dabei Handarbeiten. 187,18?