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Zchlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Natgeb

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen Losten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 26. August 1911.

62. Jahrgang

Das deutsch-russische Abkommen.

Das bedeutungsvolle Abkommen, das am vorigen Sonnabend in Petersburg von dem deutschen Botschafter Grafen Pourtal^s und dem Vertreter des erkrankten russischen Minister Sasonow, Herrn Nevatow unter- zerchnet wurde, ist von dem überwiegenden Teil der deutschen Presse, als Beweis für die erfreuliche Ent­wicklung der deutsch-russischen Beziehungen seit der Begegnung von Potsdam, mit Genugtuung begrüßt worden. Sowohl die englische als die französische Presse, welcher letzteren angesichts der Marokkoschwierig­keiten der deutsch-russische Abschluß gerade jetzt natürlich besonders ungelegen kommt, versuchen nach Kräften das Abkommen als belanglos hinzustellen, und beweisen damit wohl nur das Gegenteil von dem, was sie be­weisen wollen.

In dem Abkommen selbst ist nur von Nordpersien und der Bagdadbahn die Rede. Damit ist indes nicht gesagt, daß diese Punkte, die in dem Abkommen schrift­lich fixiert worden sind, nun das ganze Ergebnis der Potsdamer Besprechungen bilden. Dieses ist nieder­gelegt worden in der Erklärung des Reichskanzlers im Reichstage vom 10. Dezember 1910, die damals von dem russischen Minister gebilligt worden war. Ein Teil der mündlich getroffenen Abmachungen ist nun­mehr schriftlich fixiert worden.

Was wir aufgeben, ist die Möglichkeit, Verkehrs­konzessionen in Nordpersien zu erlangen. Um etwas zu erhalten, muß man natürlich etwas aufgeben. Praktisch wäre die Erwerbung von Verkehrskonzessionen im Norden wohl schwerlich auch ohne diesen Verzicht in absehbarer Zeit für uns in Betracht gekommen, da solche ohne staatliche Garantie unausführbar sind und eine staatliche Garantie, so wie die Dinge liegen, höchstens von Rußland, gewiß aber nicht von Persien geleistet werden kann. Dagegen erlangen wir die russische Verpflichtung, unsere Bagdadbahn an das russische Bahnnetz anzuschließen. Dadurch wird unserem Handel ein von russischen Transitzöllen unabhängiger Weg nach Nordpersien eröffnet werden. Das ist für unsere wirtschaftlichen Interessen, neben der erneuten Feststellung des Prinzips der wirtschaftlichen Gleich­berechtigung, das wesentliche.

Politisch wichtig und besonders erfreulich ist der Paragraph über die Bagdadbahn. Die russische Re­gierung läßt ihren Widerstand gegen die Bagdadbahn fallen. Wenn man sich erinnert, wie Rußland in dem letzten Jahrzehnt diesem deutschen Unternehmen miß»

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach.

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Seit sich die beiden Frauen nicht gesehen, waren viele Jahre vergangen, sie waren Witwen geworden, und das Leben war nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Im trauten Geplauder vergingen die Stunden, und manche heitere Erinnerung wurde berührt, aber auch manches Schmerzliche.

Gib mir Dein Töchterchen zum Sommer nachMon Varsange", so heißt mein Jagdschlößchen; es liegt im Nadelwalde. Dieser Husten gefällt mir nicht, ich werde Nora gern bei mir haben, und vielleicht könntest Du spä­ter auch mein lieber Gast sein, meine Eugenie."

Die Fürstin brächte die Einladung in herzlicher Weise vor, und dankend nahm Frau von Ebenstedt an. So wurde verabredet, daß Nora nach vierzehn Tagen die Reise antreten sollte, und daß ihre Mutter sie im Juli abholen würde. Sehr zufrieden trennte man sich mit die­ser Aussicht.

Es wird mir wohl schwer fallen, ohne Dich in das fremde Haus zu treten, Mutti," meinte Nora.

Ich bin froh, daß Du Dich in der Waldluft stär­ken wirst, mein Liebling," entgegnete die Freifrau und fugte dann stockend hinzu:Heloise fragte nach Emil ^tto, sie scheint es nicht zu wissen."

Mutti, nach feinein letzten Brief glaubte ich zu schlie­ßen, daß er wiedertonnnt, um in der Heimat zu blei­ben," versetzte Nora.O, Mutti," sie faltete die Hände in ihrer Erregung,wie wünsche ich es!"

Die Freifrau stützte das greise Haupt in die Rechte, und eine große Bangigkeit schnürte ihr das Herz zusain- men.

Man Varsange, 4. Juli.

Mein liebes, liebes Mutti, nun bin ich schon einen

trauisch und feindlich gegenüber gestanden hat, und wie sehr gerade die Bagdadbahnfrage von anderer Seite dazu benutzt worden ist, die deutsch-russischen Beziehungen zu stören, so wird man gerade hierin einen sehr erfreu­lichen Fortschritt und einen politischen Erfolg Deutsch­lands zu sehen haben.

Deutsches Reich.

Der Kaiser hielt in Gaffel bei der Ueberreichung der neuen Fahne für das Gymnasium eine Ansprache, in welcher er die anwesenden Primaner huldvoll be­grüßte und darauf hinwies, daß die alte, von seinen Eltern gestiftete Fahne, die jetzt durch eine neue ersetzt werden solle, der Schule als eine Erinnerung daran bleiben solle, daß aus ihr ein deutscher Kaiser hervor­gegangen sei. Der Kaiser führte ferner aus, daß das Gymnasium besonders das Studium des klassischen Altertums in sein Programm ausgenommen habe. Beim Studium der Antike ar Z. ^m Gymnasium sei nicht auf die Einzelheiten des f^ 2üen Lebens, das von dem heutigen völlig verschs^Atzg^ sondern auf die dem Griechenvolte, mehr vis^ch hxnderen eigene, unserer Zeit ganz fehlende Harnwmc in Kunst, Leben und Philosophie der Hauptwert zu legen, wie Chamberlain in der Einleitung zu seinenGrundlagen des 19. Jahr­hunderts" es treffend dargelegt habe. Der Kaiser empfahl dann das Studium der vaterländischen Ge­schichte, die uns das Elend der jahrhundertlangen Zerrissenheit Deutschlands zeige, und mahnte, beim Eintritt ins politische Leben solle jeder den Blick auf das Ganze richten und nicht durch die Partei einen Vorhang zwischen sich und sein Volk ziehen lassen. Der Kaiser wies weiter angesichts des Nahens der Reife­prüfung auf die Schäden hin, die der Alkoholmißbrauch unserem Volke, nicht zuletzt der akademischen Jugend, bringe, und bezeichnete die überkommenen Trinksitten als ungeeignet für eine Zeit, wo es gelte, Deutschland seine Stellung in der Welt, besonders auf dem Weltmarkt, zu erhalten. Er rühmte die den Alkoholgenuß aus­schließenden Sitten der akademischen Jugend in Amerika, von deren Tüchtigkeit wir uns oft überzeugen könnten, und mahnte, den Körper durch Sport, durch Fechten und Rudern zu stählen, statt danach zu streben, einen Rekord im Vertilgen alkoholischer Getränke aufzustellen. Der Kaiser übergab dann eigenhändig dem Primus Omnium die neue Fahne und sprach dabei die Er- wartung aus, daß dieser es als eine besondere Ehre ansehen werde, der erste zu sein, der sie trage. Der azB3BMaiBCT'BB^jKaBS3äarai^^ ctbi

Tag hier und muß Dir meine Reise und Ankunft be- schreiben. Die lange Eisenbahnfahrt in der Hitze ivar recht ermüdend; in der Nacht habe ich geschlafen und kam gegen elf Uhr morgens auf der Station an. Ich fürchte, ich sah recht verstaubt aus, als mich der Livree­bediente der Fürstin anredete. Sie selbst war im letzten Augenblick verhindert gewesen, mich abzuholen, es werde Besuch erivartet, berichtete der Gallonierte. Ich saß im Wagen und freute mich ivie ein Kind auf die Fahrt durch das blühende Land. Ach, es ist wohl herrlich, wie­der einmal von Vollblutpferden gezogen zu werden, sich in weichen Seidenkissen zurückzulehnen und sich in be­schaulicher Ruhe die Gegend anzusehen. In unserem gu­ten T. gibt es nicht einmal Droschken, und seitdem wir

Nora hat ein

Mittenhof verlassen, hatte ich keine so schöne Equipage bestiegen. Nun genoß ich es um so mehr. Kutscher und Diener in der grünen Livree mit goldenen Wappen­knöpfen saßen mit tadellos gradem Rücken vor mir, und im schlanken Trabe der Apfelschimmel ging es davon. Die Gegend ist wunderhübsch und der Wald unvergleich­lich prächtig. Tief und wohlig atmete ich die würzige Luft ein; nur bedauerte ich, daß ichDich nicht neben mir hatte, mein liebes Mutting. Wieviel herrlicher wäre es gewesen. Mir pochte das Herz doch ziemlich stark, als wir durch die hohe Rüsterallee fuhren, an deren Ende das entzückende Rokokoschlößchen weiß schinimerte. Aber Du weißt, Deine mutiges Herz, deshalb richtete ich mich cwartungsvoll da, als die Kalesche vor dem

auf und saß erwartungsvoll da, als die Kalesche vor dem Hause hielt. Eine alte, freundliche Frau mit großer, weißer Schürze und einem riesigen Schlüsselbund im Gürtel empfing mich; sie stellte sich als die Kastellanin Mon Varsange vor und hieß mich im Namen der Fürstin will­kommen ; dieselbe fei heute gerade mit dem Herrn Fa­brikdirektor Klingberg wegen einer geschäftlichen Ange­legenheit zusammengekommen. Ich wurde auf mein Zim­mer geführt, das eine entzückende Aussicht auf einen Park hat; die Kastellanin sagte mir, daß in einer Stunde das Gabelfrühstück eingenommen werde und die Für-

Direktor antwortete mit dem Dank der Anstalt, der Primus Omnium brächte ein dreifaches Hurra aus den Kaiser aus.

Zur Teilnahme an der Berliner Herbstparade am 1. September werden der König von Sachsen, die Großherzöge von Baden, Hessen, Oldenburg, Mecklen­burg-Schwerin und andere deutsche Fürstlichkeiten eintreffen.

Bestimmungen über den Flottenauslandsdienst im Winterhalbjahr 1911/12 sind jetzt festgesetzt worden. Es sollen demnach 29 Kriegsschiffe der verschiedensten Arten beim Flottenauslandsdienst tätig sein. Insbe­sondere ist eine Vermehrung von vier großen Kreuzern gegen das Sommerhalbjahr 1911 vorgesehen. Es handelt sich dabei um Auslandsreisen der Schulkreuzer Hansa",Hertha",Viktoria Luise" undVineta". Die Auslandsreise dieser vier Schulkreuzer geht teils nach dem Mittelländischen Meer, teils nach den west. indischen Gewässern.

Die Nutzbarmachung der Moore in Preußen ist durch die dankenswerte Initiative des Kaisers in die Wege geleitet worden. Eine Gesellschaft wird die Kul­tivierung und Verwertung der Moore unter Beteilung des Staates nach einem großzügigen Plane in die Hand nehmen. Die Leitung dieser Gesellschaft soll, wie ver­lautet, der Landrat des Kreises Wittlage, v. Räumer, übernehmen. Landrat v. Räumer wird zu diesem Zweck auf mehrere Jahre aus dem Staatsdienste beurlaubt werden. Die Moorverwertungsgesellschaft wird ihren Sitz in Berlin erhalten.

Der Wert des deutschen SpezialhandelS im rei"'n Warenverkehr bestes sich im Juli 1911 auf 765,0 Millionen Mark in der Einfuhr und auf 670,5 Millionen Mark in der Ausfuhr gegen 575,4 Millionen Mark und 599,6 Millionen Mark im Juli 1910, im abgelaufenen Jahresteil auf 5408,3 Millionen Mark in der Einfuhr und auf 4480,3 Millionen Mark in der Ausfuhr gegen 5111 Millionen Mark und 4151,4 Millionen Mark im gleichen Vorjahrsabschnitt.

Ueber die Beschränkung der Wanderlagerbetriebe werden im Herbst lautVoss. Ztg." Beratungen statt- finden, da seitens Preußens Anträge auf Bekämpfung der Auswüchse auf diesem Gebiet vorliegen.

Ingenieur Richter aufgefunden. Aus Saloniki wird gemeldet: Ingenieur Richter ist aufgefunden worden. Er befindet sich wohl und wird über Cosan nach Saloniki gebracht werden. Die Auffindung des deutschen Ingenieurs Richter erfolgte an der griechischen

stin mich vorher begrüßen wolle. Zwischen den Bäumen links vom Hause sah ich hohe Essen und Fabrikschorn­steine emporragen, dicker, schwarzer Qualm drang aus ihnen hervor. Ich hatte auf der Fahrt von der Station kurz vor Mon Varsange bereits diese Wahrzeichen der Industrie bemerkt und bedauert, daß sie die liebliche Landschaft entstellten. Jetzt äußerte ich diesen Gedanken ' laut.Ja, gnädigste Baroneffe, daran ist nichts zu än­dern," meinte die Kastellanin,die Fabrik ist ein Segen für die armen Leute, der Herr Klingberg beschäftigt viele Hundert Menschen in seinem Stahl- und Eisenwerk:" So gehört ihm die Fabrik?" fragte ich.Jawohl, er leitet alles selbst und er ist ein guter Herr, der von seinen Arbeitern vergöttert wird. Mein Sohn ist bei der Gießerei angestellt, der kann nicht genug von seinem Brotherrn Gutes erzählen."Ich hörte fast nicht mehr auf das Geschwätz der Alten, meine Koffer waren ge­bracht, und ich machte mich daran, sie auszupacken. Nach­dem ich mich vom Reisestaub befreit und ein helles Kleid angelegt, hörte ich durch das geöffnete Fenster Stimmen und blickte, hinter der Gardine versteckt, hinaus. Zwei Männer und die Fürstin kamen auf das Haus zugeschrit­ten ; ich erkannte sofort den Sohn Deiner Jugendfreun­din, dessen Miniaturbild sie uns in der Kapsel ihres Arm­bandes zeigte. Felix von Degenhart ist von mittlerer, zarter Gestalt, blond und hübsch, er sieht viel jünger ant als fünfundzwanzig Jahre. Wie ein Hüne erschien der Fabrikdirektor Klingberg daneben, wie stolz er sich trug, man hätte ihn eher für den Fürsten halten sollen. Sie waren ni das Haus getreten; bald darauf klopfte es und die liebe Tante Heloise, so mußte ich sie anreden, begrüßte mich in mütterlicher Art, sodaßich gleich ein heimat­liches Gefühl gewann. Sie fragte nach Dir und meiner Reise und freute sich, als ich mein Entzücken über die Gegend von Mon Varsange äußerte.Sie werden sich hier ganz erholen, Nora," meinte Tante Heloise,doch jetzt kommen Sie; mein Sohn ist sehr gespannt, Sie ken-

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neu zu lernen."