mit amtlichem Areisblatt.
Telefon Nr. 65.
MlhtMer Zeitung
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «s.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 71.
Am Sedantage.
Hell klingen heut die Glocken Und künden Ehr' und Ruhm, Sie jubeln und frohlocken Von Sieg und Heldentum.
Die alte deutsche Klage
Ums em'ge Vaterland,
Sie ward am Sedantage
Auf ewig fortgebannt.
Die Zeiten sind vergangen
Da noch im Berge tief,
Von Zaubernacht umhangen,
Der deutsche Kaiser schlief;
Ein Klang von Waffenklirren
Drang in des Berges Nacht,
Da ist aus Traumeswirren
Der Kaiser jäh erwacht.
Ein Morgen, sonnenprächtig,
Zog übers deutsche Land,
Und herrlich, groß und mächtig
Das deutsche Reich erstand.
Im Schlachtensturm geboren
Ward eine neue Zeit,
Und Deutschland, siegerkoren,
Steht da in Herrlichkeit. —
Laßt Gott uns heute danken
Aus tiefstem Herzensgrund,
In Treue ohne Wanken
Werd' unsre Liebe kund!
Gott lasse uns den Frieden; Doch kommt ein neuer Krieg, Sei uns von Gott beschieden Ein froher Sedansieg!
Hermann H a a s c -Gelnhausen
Vorstehendes Sedan-Gedicht mußte Raummangels wegen zurückgestellt werden
Gesühnt.
Roman von G. o. Schlippeubach.
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„Das also war sein Söhnchen, die mutterlose Waise. Jetzt erschien auch eine alte, kleine Dame im Garten und rief des Kindes Namen: „Emil Otto, wo bist Du? Emil Otto!" Ich zuckte zusammen. Seltsam berührte es mich, hier den Namen des Bruders zu hören. Wie kam der Direktor darauf, seinen Jungen so zu taufen? Welch eigener Zufall. Felix sagte wie- der sehr hochmütig: „Ich finde es höchst unpassend, wenn Bürgerliche ihre Kinder solche Namen führen lassen, hinter denen ein „von" stehen müßte. Wie klingt es: „Emil OttoKlingberg«! Ich weiß, daß viele von unseren Adels- geichlechtern diesen feudalen Doppelnamen tragen. Auch in Ihrer Familie kommt er häufig vor, Baronesse." — «Ich denke, daß Namen Allgemeingut sind," entgegnete
Ziemlich scharf, „der Kaiser heißt ebenso gut Wilhelm wie Tausende feiner Unterthanen." — „Sie haben eine republikanische Ader; ich muß es zu meinem Be- ?"**Ä^ Felix ärgerlich. — „Ich glaube versetzte ich lachend ; „Sie werden sich daran, ’tonrntpT-^m^ ~~ "Niemals!" rief er ärgerlich und ÄJ^ ich gleichfalls tat. Wir ka-
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• x°b nachlässig zwei Finger an seine Müde "fid ich neigle den Kopf, vielleicht etivas tiefer als sonst "dinh ist, aber ich wollte meines Begleiters u'naezoaen- hett gut machen Der Rest des Tages verging mit Leu. nrs Spielen, wobei mein Gegner und ich entdeckten dak 'v,r uns ebeilbürtig sind und es manchen heißen Strauß ü^fflegespalme zwischen uns geben wird Am Abend L'L Tante Heloise vorwielen. Felix bläst etivas Kornett und malträtiert das Instrument. dem er falsche
Mittwoch, den 6. September 1911.
Das Handwerk.
Der in Düsseldorf abgehaltene Handwerks- und Gewerbekammertag, auf welchem das neue preußische Herrenhausmitglied, Obermeister Plathe, die Begrüßungsansprache hielt und feststellte, daß zwischen Handwerk, Industrie und Handel kein Gegensatz bestände, sondern daß diese drei Erwerbsstände treu zusammenhielten, hat in seinem Verlauf einen erfreulichen Unterschied zu den voraufgegangenen Veranstaltungen dieserArt erkennen lassen. Die Düsseldorfer Tagung sah davon ab, an den Staat mit formulierten Forderungen zur Unterstützung des Handwerks heranzutreten, wie das auf den früheren Handwerkskammertagen fast regelmäßig geschah, und begnügte sich mit einer Formulierung ihrer Wünsche an die Gemeinden. Und was hier empfohlen ward, ist sorgfältiger Beachtung wert, da die Erfüllung der vorgetragenen Wünsche zu einer Besserung der Lage des Handwerks in der Tat beizutragen geeignet ist. Man wünscht in der Hauptsache nicht mehr Hilfe von außen her, sondern ist bemüht, Maßnahmen herbeizuführen, die eine innere Kräftigung und Erstarkung des Handwerks gewährleisten. In dieser Beziehung verdienen namentlich drei Vorschläge hervorgehoben zu werden: Die Mitwirkung der Volksschulen bei der Lehrstellen- vermittlung, die Errichtung von Fortbildungs- und Fachschulen tinb die Schaffung guter Gewerbemuseen. Der an erster Stelle erwähnte Vorschlag ist ohne alle Umstände und Kosten zu verwirklichen und stellt einen großen Erfolg in Aussicht. Bei der Wahl des Berufes sollte die Schule gehört werden; die Jungen selber haben vielleicht zu diesem oder jenem Handwerk Neigung, sie wissen aber nicht, ob sie gerade für das bevorzugte Fach die erforderliche Geschicklichkeit besitzen, ob ihre körperlichen Kräfte dafür ausreichen rc., auch die Eltern befinden sich darüber häufig genug im Unklaren. Der Lehrer aber kennt jeden seiner Schüler ganz genau; er hat nicht nur Gelegenheit genommen, seine geistigen Fähigkeiten festzustellen, er besitzt auch die beste Einsicht darin, welchen Beruf jeder die Schule verlassende Junge sich erwählen sollte. Diese Kenntnis des Lehrers muß im Interesse des Handwerks weit mehr ausgenützt werden, dessen Entwickelung und Gedeihen ganz wesentlich von der Güte seines Nachwuchses abhängt. Es ist hier nichts wichtiger, als daß der rechte Mann auf den rechten Platz gestellt wird. Bei der Fülle der verschiedenartigen Anlagen wird es mit Hilfe der Schule in wirksamster Weise möglich sein, jedem Haudwerks- zweige die brauchbarsten Rekruten zuzuführen.
Töne entlockt. Ich glaube, außer gut zu Pferde zu sitzen ist sein Können meist stümperhaft. Ach ja, eins vergaß ich, ersoll auch famos „tanzen", das verriet er mir noch. — Tante Heloise war sehr gut zu mir, ich habe sie in diesen ersten vierundzwanzig Stunden schon lieb gewonnen.
Geschlafen habe ich herrlich nach der Reise und all den neuen Eindrücken, selbst den Pfiff des Stahlwerkes habe ich am Morgen nicht gehört, obgleich die Fenster offen standen. Ich schließe,. Muttchen. Grüße alle meine lieben, alten Freundinnen im Stift, Dich herzt innig Deine Dich liebende Tochter Nora. Bitte, schreibe mir bald und teile mir mit, ob Emil Otto nicht geschrieben hat; er ist jetzt in Europa, sein letzter Brief war ja aus Paris. Mutti, wir werden ihn wiedersehen."
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Aus dem Briefe Noras sind wir über die Personen ihrer Umgebung und ihre Eindrücke orientiert. In ihrer frischen, freimütigen Art hatte sie sich bald zurecht gefunden und erfaßte alles mit Lebhaftigkeit. Die Fürstin Degenhart war eine gute und kluge Frau, die Einladung war ihrerseits nicht ganz ohne Hintergedanken gewesen, sie wünschte ihren Sohn baldmöglichst zu verheiraten. Felix' unfertiges Wesen, sein Mangel an Charakter hatten ihn zuweilen zu dummen Streichen verleitet, die Mutter hielt es für besser, wenn er eine vernünftige Frau bekam, die ihn leitete. Nora paßte dazu. Daß sie arm war, störte die Fürstin Heloise nicht, schon in den wenigen Stunden im Stift hatte sie das junge Mädchen ins Herz geschlossen, und jetzt gewann sie sie mit jedem Tage lieber. Die Mutter Felix' war eine etwas exzentrische Dame, die leicht entflammte und sich immer einen phantastischen Plan zurechtlegte, den sie dann verfolgte.
In der ersten Woche waren die beiden jungen Leute ganz aufeinander angewiesen, und Nora fing an, die Sache etwas langweilig zu finden. Felix „raspelte Süßholz", wie man zu sagen pflegt, das heißt, er gefiel sich in unglaublich faben Schmeicheleien und legte seine I
62. Jahrgang.
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Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man über die Unerläßlichkeit der Fach- und Fortbildungsschulen viele Worte machen. Die Gegenwart stellt an jeden Angehörigen des praktischen Erwerbslebens ganz andere Ansprüche als die „gute alte Zeit"; sie fordert auch von dem Handwerker, daß er zugleich Kaufmann ist, kalkulieren und Buch führen kann und auch im gesellschaftlichen Leben seinen Mann steht. Im hohen Maße wünschenswert ist es, daß dem Verlangen nach Schaffung guter Gewerbemuseen in ausgedehntem Maße entsprochen werden könnte. Die Geschmacksbildung ist für den Handwerker ein außerordentlich wichtiges Moment, und sie könnte gerade durch Gewerbemuseen aufs beste befördert werden. Auch sollte die Berücksichtigung der Fachliteratur nirgends versäumt werden. Aus diesen hauptsächlichsten Forderungen des Handwerkertages geht klar und deutlich das Bestreben des Handwerks hervor, sich selbst zu heben. Dieses Verlangen war Jahrzehnte lang weniger hervorgetreten, weil weit und breit die Meinung bestand, das Handwerk habe in unserer Zeit der fabrikmäßigen Massenherstellung und der Warenhäuser keine Existenzmöglichkeit mehr. Diese Resignation ist heute nicht mehr vorhanden; man ist sich heute wieder voll bewußt, daß das Hanwerk unersetzlich ist und durch keine noch so widrige Zeitströmung ausgeschaltet werden kann.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat sich am Sonntag abend kurz nach 11 Uhr mittels Sonderzuges von Wildpark aus nach Kiel zu den Manövern begeben.
— Kaisermanöver 1912. Die nächstjährigen Kaisermanöver werden, wie das amtliche Torgauer Kreisblatt meldet, in der Torgauer Gegend stattfinden. Nach deren Abschluß wird der Kaiser zur Erinnerung an die Schlacht bei Torgau ein Denkmal Friedrichs des Großen einwechen. Die Sammlungen für das Denkmal haben bisher etwa 13 000 Mark ergeben.
— Leutnant Mackenthun hat am Donnerstag auf dem Flugplatz Johannistal ein neues Militärflugzeug ausprobiert, das von den Albatros-Werken gebaut wurde und mit einem hundertpferdigen Argusmotor ausgerüstet ist. Es besitzt alle für Ueberlandflüge nötigen Instrumente, die sehr übersichtlich angeordnet sind. Bei den Probeflügen wurde eine sehr große Geschwindigkeit erzielt. Gegen 7 Uhr abends trat Leutnant Mackenthun mit einem Offizier an Bord den Flug über den Grüne- Wald und dem Wannsee nach Döberitz an, wo die Offiziere vor dem Schuppen glatt landeten.
Bewunderung so offenkundig zu Tage, daß es das junge Mädchen anwiderte. Lieber war es ihr, wenn sie sich zankten, wenn man so das leichte Wortgeplänkel nennen darf, das zwischen ihnen stattfand. Alle Tage ein kleines Gefecht und eine darauffolgende Versöhnung, abwechselnd. Krieg und Frieden.
Klingberg hatte Nora nicht mehr nach jenem ersten Mal wiedergesehen, er kam nicht nach Mon Varsauge, obgleich die Fürstin ihn sprechen wollte. Statt dessen schrieb er ihr.
„Ich weiß gar nicht, was meine Mutter immer mit ' dem Schmied zu tun hat," räsonierte Felix.
Dasselbe fragte Nora sich.
Eines Morgens war sie schon um sechs Uhr aufgestanden und beschloß, einen Gang durch den Wald zu machen. Erst gegen neun Uhr wurde der Kaffee getrunken. Felix war ein rechter Langschläfer; er fand es un- möglich, so früh das Bett zu verlassen. Es gab ja so wie so allzuviel Stunden, die man am Tage totschlagen mußte.
Nora hatte ein offenes Auge und Herz für die Dia» tur; sie bewunderte und verstand sie. In Mittenhos war ' sie durch eine liebliche, hügelige Gegend verwöhnt.
Ihr Elternhaus lag sehr schön zwischen Wald und Wasser; floß doch ein breiter Fluß durch das blühende Land. Vor zwei Jahren hatte sie die Rheinreise gemacht; und kam voll Begeisterung heim.
Es war ihr heißer Wunsch, einst noch mehr von der ? schönen Gotteswelt zu sehen, von der sie bisher wenig? kannte.
Im Park war es um diese frühe Stunde schon (e*. bendig, die verschiedensten Vogelstimmen gaben Früh- konzert, der Tau der Nacht funkelte auf den Farcen und Säumen. Das junge Mädchen setzte sich auf eine Bank und atmete tief und wohlig die reine Luft. Heute war der letzte Tag der Stille, morgen erwartete die Fürstin den Besuch der Nachbarfamilien, und Felix plante aller*, leiVergnügungen, Picknicks, Tennisturniere,Bootfahrten auf dem See usw. 187.18*