Schlüchterner Zeitung
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
mit amtlichem Kreisblatt.
Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 72.
Samstag, den 9. September 1911.
62. Jahrgang.
Marokko.
Am Montag sind die Besprechungen zwischen dem Staatssekretär v. Kiderlen Waechter und dem französischen Botschafter wieder ausgenommen worden. Ihr Ergebnis muß man in Ruhe und Geduld abwarten. Wir nehmen an, daß auch weiterhin noch das Stillschweigen gewahrt werden muß, das so vielen Leuten auf die Nerven fällt. Es ist daher Gelegenheit, zu zeigen, daß wir nicht nur im Kriege in Deutschland die guten Nerven haben, von denen der Kaiser gesprochen hat. Die Tage erwartungsvoller Spannung werden zweifellos noch kräftig zur Beunruhigung des Publikums ausgenutzt werden. Denn für trübe Machenschaften ist niemals bessere Zeit, als wenn wichtige Entscheidungen der Auswärtigen Politik schweben. Der Run auf die Stettiner Sparkasse, von dem die Zeitungen melden, hat augenscheinlich in solchen frivolen Ausstreuungen seine Ursache gehabt. Es wäre die größte Torheit, sich von diesem Beispiel anstecken zu lassen und den Baissiers in die Tasche zu arbeiten, die auf die Furcht spekulieren. Also Ruhe und Geduld in dem Bewußtsein, daß die Leitung unserer Politik in guten Händen ist!
Durch unser Volk geht gegenwärtig ein sehr kräftiger nationaler Impuls. Davon kann man sich überall im Lande überzeugen. Für unsere Staatsmänner bietet diese starke und männliche Haltung des Volkes einen festen Rückhalt. Nur der Sozialdemokratie war es vorbehalten, sich in Widerspruch mit dem allgemeinen Empfinden zu setzen und unter dem Vorwand einer Friedensdemonstration erneut zu zeigen, daß in nationalen Fragen kein Verlaß auf sie ist. Der Abg. Ledebour hat es. wieder fertig gebracht, den Massenstreik als Mittel zur Verhinderung eines Krieges zu empfehlen. Wenn es also nach ihren Führern geht, sollen die Sozialdemokraten dem eigenen Volke in den Rücken fallen, wenn über Sein oder Nichtsein entschieden wird. Wir haben keine Sorge, daß dieses Rezept jemals zur Anwendung kommen wird. Auch in der überwiegend großen Zahl unserer Arbeiter steckt trotz aller sozialdemokratischen Verhetzung soviel gesunder Sinn, daß sie in solchen Zeiten zum Vaterlande stehen werden. Selbstverständlich würde aber der erste Versuch im Sinne der sozialdemokratischen Parteiführer mit eiserner Faust niedergeschlagen werden. Daß solche Erörterung in Zeiten der Spannung von sozialdemokrattschen Rednern überhaupt gemacht werden, zeigt klar, wie groß und
Hesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach.
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Gestern hatte Nora geholfen, das Programm zu entwerfen, und sie freute sich auf die fröhlichen Stunden mit den Gleichaltrigen, denn die Jugend der umliegenden Gutsbesitzer sollte ebenfalls nach Mon Varsange kommen, wo es immer besonders unterhaltend war.
„Hoffentlich ist Felix durch seine Pflichten als Wirt weniger in meiner Gesellschaft," dachteNora, „ich finde ihn auf die Dauer doch recht langweilig. Diese Selbstüberhebung reizt mich zum Widerspruch; er hält sich für unfehlbar und man merkt es ihm an, daß er das verhätschelte Schoßkind des Glückes ist. Ich möchte wissen, wie das Muttersöhnchen sich benehmen würde, wenn die Notwendigkeit an ihn heranträte, auf eigenen Füßen zu stehen, aus eigener Kraft eine Stellung im Leben zu erringen. Einer geistigen Arbeit ist er nicht fähig uno die weißen, aristokratischen Hände könnten nicht' derb zupacken, um das tägliche Brot zu verdienen."
Noras Gedanken schweiften zu dem fernen Bruder, der in hartem Ringen um die Existenz viele Jahre zu-
"och ein anderes Bild drängte sich in ihre stille Betrachtungen. Warum sah sie plötzlich den Fa- kMkbefi^r so deutlich vor sich, warum verglich sie das männliche, kluge Gesicht, die stahlkräftige Gestalt Kling- berg^. mit dein blondrosigen Antlitz und der zierlichen Figur des Furstensobnes, dessen schlaffe Haltung ihr auf- gewlllu war. Am liebsten rekelte Felix sich in den weißen Sessel, und dabei rauchte er unablässig. Einmal hatte die Fürstin etwas ungeduldig bemerkt: „Aber Felix Du läßt Dich gehen, ich sehe Dich immer in dieser halblie- genden Stellung."
„Pardon, Mama," hatte er lachend entgegnet, was willst Du unser Geschlecht hat mehr Nerven als Mark im Körper."
Nora war ein Mädchen, das viel und mit Verständ
unüberbrückbar die Kluft zwischen deni Bürgertum und der Sozialdemokratie ist. Die Sozialdemokraten sorgen selbst dafür, daß immer wieder die Illusionen von der Bündnisfähigkeit der Sozialdemokratie ad absurdum geführt werden.
Was ist uns 3fnH
Spanien ist entschlossen, demnächst in Südmarokko ebenfalls praktische Politik zu machen, indem es den etwa 100 Kilometer von Agadir südlich belegenen Küstenplatz Jfni mit einer Kompagnie Soldaren zu besetzen gedenkt. Es gibt glaubhaft an, hierzu durch eine (bisher nicht ausgenutzte) Vertragsklausel vom Jahre 1860 berechtigt zu sein. Zunächst hat sich ob dieses Vorhabens der Spanier die französische Presse entrüstet, während die französische Regierung mit einer bestimmten Stellungnahme noch zurückhält. Aus gutem Grunde. Denn das liegt in der ganzen verzwickten Situation, in die sich Frankreich durch seine Mißachtung des Algecirasvertrages begeben hat, begründet. Erst muß Frankreich mit Deutschland, von dem es eben dieses Vertragsbruches wegen diplomatisch „belangt" wird, wegen Marokko überhaupt im Reinen sein, um dann sein Wörtchen auch mit Spanien zu „plaudern". Vorher ist nichts zu wollen. Führen die jetzt zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Verhandlungen dazu, daß die Franzosen in der Tat eine (wenigstens von uns nicht mehr anzufechtende) Vorherrschaft in Marokko erlangen, so wird der Zeitpunkt für Frankreich gegeben sein, der Frage der Besetzung von Jfni durch Spanien mit einiger Berechtigung näherzutreten.
Vom deutschen Standpunkt ist zu sagen: Gewiß kann es uns nicht ganz gleichgültig sein, ob Spanien sich in Jfni festsetzt. (Nebenbei bem^kt, würde Jfni, bauten es die Spanier zum Seehasen aus, der un« mittelbare Konkurrent Agadirs sein, da dieses dann durch Jfni für den Handel ganz ausgeschaltet werden könnte, es sei denn, daß auch Agadir wieder als Hafen eröffnet würde.) Indessen ist die Frage für uns zurzeit in keiner.Weise als eine „brennende" anzusehen, sie bildet nur eine Begleiterscheinung mehr bei den großen Entscheidungen, die durch das Vorgehen Frankreichs in Marokko zur Erörterung gestellt worden sind. Deutschland würde — was nach dem oben Gesagten ohne weiteres einleuchtet — nur dann ein unmittelbares Interesse an Jfnis Okkupation haben, wenn es jemals die Absicht gehabt hätte, Agadir für sich (als festin Besitz) zu besetzen. Territorialbesitz ist aber wie nÄMSsESttßasQ^^sgs^t^-ss^^^
nis las. Auch nach dem stillen $., ivo es nur eine mittelmäßige Leihbibliothek gab, ließen die Freifrau und ihre Tochter sich von auswärts gute Bücher kommen, so gingen beide mit der Zeit mit. Außerdem besaß das Stift eine schöne Sammlung von Werken aller Klassiker, und die zeitgenössischen Schriftsteller wurden jährlich zugekauft, eine ansehnliche Geldsumine war von der freundlichen Stifterin zu diesem Zweck bestimmt. Die Freifrau von Anken hatte nicht allein für das leibliche Wohl ihrer Schützlinge sorgen wollen, sie wünschte auch, daß es den Damen nicht an geistiger Speise mangele.
Sie wußte sehr wohl, wie einseitig die Bewohner einer kleinen Stadt häufig iverden, und sie hoffte es zu vermeiden, daß die Stiftsftäulein in diesen Fehler verfielen.
Dieses letzte Jahr hatte Nora innerlich gereift; sie hatte über viele Dinge nachdenken gelernt, und die Arbeit, die sie freudig erfüllte, festigte ihren Charakter, der bei aller Weiblichkeit ein energischer wurde.
Felix las fast nie, höchstens seichte französische oder sehr realistische, deutsche Bücher, alle gediegene Literatur fand er langweilig, so war auch dieses Gesprächsthema ausgeschlossen.
Eine Amsel flötete süß tiefer im Walde. Nora sprang von der Rasenbankauf und folgte dem Rnfe des Vogels. Hier hörte der Park auf, und der urwüchsige schattige Wald begann, der sich bis weit nach Osten erstreckte. Nur ein schmaler Fußpfad zweigte sich nach links ab, das junge Mädchen verließ ihn jedoch bald und pflückte die Blumen, die weiter im Dickicht wuchsen. Wie hohe Säulen ragten die Stämme der Tannen empor, dazwischen Eichen und Ahorn, der Boden war bedeckt mit wehendem Farn und Moos. Einen großen Strauß sammelte Nora, ordnete die Blumen geschmackvoll neben den feinen Gräsern und freute sich, wie hübsch es ihr gelungen war. Immer weiter schritt sie ohne auf den Weg zu achten, die Poesie des Waldes hielt ihre Seele umfangen. Sie be-
wiederholt erklärt worden ist, seitens Deutschlands Frankreich gegenüber niemals beansprucht werden. Und zurzeit haben Deutschland wie Frankreich um vieles wichtigere, großzügigere Dinge mit einander auszu- machen. Sollten sich Frankreich und Spanien hinterher um Jfni zanken, nachdem wir unseren Marokkohandel befriedigend abgeschlossen haben, so könnten wir mit einiger Freude von der Art, die die reinste sein soll, zusehen. An solchen Anlässen zum Streit wird es ja ohnehin in den kommenden Jahren in Marokko bei den einst so intimen Schwesternationen nicht fehlen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf Mittwoch abend 8 Uhr 5 Min. mit dem Sonderzug von Kiel kommend auf der Fürstenstation Wildpark ein. Zum Empfang hatte sich Ihre Majestät die Kaiserin eingefunden. Die Majestäten begaben sich ins Neue Palais.
— Der deutsche Kaiser hat den Prinzen Georg von Bayern, der sich gegenwärtig auf Einladung des Kaifers in Kiel befindet, a la suite des 2. Seebataillons gestellt. Der Kaiser hat dem Prinzregenten hiervon telegraphisch Mitteilung gemacht.
— Prinz Oskar von Preußen, der fünfte Sohn des deutschen Kaiserpaares, wird vom 1. Oktober ab die Vorlesungen der Kriegsakademie in Berlin besuchen. Dies entspricht dem eigenen Willen des jungen Prinzen, der in militärischen Dingen eine außerordentliche Streb- samkeit an den Tag legt und als ein hervorragend tüchtiger und diensteifriger Offizier von Vorgesetzten und Kameraden gerühmt wird. Vermutlich wird der Prinz zunächst nur als Zuhörer die Kriegsakademie besten, dann aber auch das vorgeschriebene Examen ablegen.
— Erzherzog Franz Ferdinand ist am Mittwoch um 9 Uhr 5 Min. von Kiel abgereist. Der Kaiser geleitete seinen hohen Gast zur Bahn. Die im Hafen liegenden Kriegsschiffe salutierten. Die Verabschiedung war überaus herzlich. Der Kaiser kehrte sodann an Bord der „Hohenzollern" zurück.
— Der Chefredakteur des „Reichsboten", Herr Pastor a. D. Engel, ist in Berlin gestorben. Die Beerdigung fand heute Freitag statt.
— Spende des türkischen Thronfolgers für die Berliner Armen. Der türkische Thronfolger Prinz Jussuff Jzzedin hat dem Berliner Magistrat 4000 Mk. überweisen lassen, mit der Maßgabe, diesen Betrag an
trat eine kleine Lichtung, die prächtigsten Bäume standen im Halbkreise um den Platz.
„Wie? Was ist das?"
Leise hatten die Mädchenlippen es gerufen.
Vor sich sah sie etwas Weißes schimmern, ein Marmorkreuz. Wer war hier begraben? Sie trat näher und erblickte einen grünen Hügel, zu dessen Häupten daS Wahrzeichen unseres Christenglaubens. In goldenen Buchstaben schimmerte es auf dem schneeigen Grunde: „Dolore Klingberg, einundzwanzig Jahre alt."
„Die Frau des Fabrikherrn," dachte Nora erschüttert, „sie war gerade in meinem Alter, als sie starb."
Lange blickte das junge Mädchen tief bewegt auf das einsame Grab; inmitten der sommerlichen WaldeS- pracht ergriff es sie, hier den Ort zu finden, wo ein junges Wesen den ewigen Schlummer schlief. Unterhalb deS Namens stand: „Dein Wille geschehe."
Den Spruch hatte der Mann wohl in bitterer Qual gesprochen, als ihm der Tod sein Liebstes entrissen nach einjähriger Ehe. Die dunklen Augen hatten zuweilen etwas unendlich Schwermütiges, ein großes Leid lag in ihren Tiefen.
Nora trat näher; sie löste die eiserne Kette; die an den vier Granitpfosten das Grab umgab; eine Bank stand neben dem grünen Hügel. Hier mochte der Witwer zuweilen sitzen, wenn sein arbeitsreiches Tagewerk vollendet, hierher brächte er sein mutterloses Kind, dessen weiches Händchen haltend, ein Stück des geliebten Weibes. Nora kniete nieder und legte ihren Strauß auf den Rasen, der die sterbliche Hülle deckte; ihre Augen waren voll Tränen, sie fühlte sich seltsam bernegt. Ein leises Geräusch ließ sie aufsehen. Hinter einem dicken Eichenstamm trat Klingberg hervor, erhielt einige wundervolle Rosen in der Hand. Wie gebannt blieb das junge Mädchen in der knienden Stellung. Würde er ihr zürnen, daß sie ihm an diesem für ihn heiligen Ort zuvorgekommen? Nun war er dicht neben ihr, er lehnte an einem der Granitpfosten und blickte zu ihr nieder. 187,I8e