Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
? 74. Samstag, den 16. September 1911. 62. Jahrgang.
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Die Zeit rückt näher,
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Verlag nnd Redaktion der „Schlüchterner Zeitung".
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Deutsche Fortschritte in Aegypten.
In Kairo ist kürzlich eine deutsche Hypothekenbank eröffnet worden, nachdem es in längeren Verhandlungen gelungen war, die deutsche und ägyptische Gesetzgebung über Aktiengesellschaften in Einklang zu bringen. Die Gründung wird zweifellos zur Folge haben, daß das deutsche Kapital noch mehr als bisher im Pharaonenlande Anlagen suchen wird- Die letzten Jahre zeigen die deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit Aegypten in ständigem Wachstum. Während 1884 Englands Anteil noch 527,5 vom Tausend des ägyptischen Außenhandels und der Deutschlands nur 2,5 vom Tausend betrug, ist der englische Anteil im Jahre 1910 auf 404 vom Tausend zurückgegangen, der deutsche auf 80,5 vom Tausend gestiegen. Im Jahre 1887 war Deutschland an der ägyptischen Einfuhr mit 3 vom Tausend, England mit 398 vom Tausend beteiligt. 1910 war England auf 310 vom Tausend zurückgegangen, Deutschland auf 54 vom Tausend gestiegen. Die deutsche Bevölkerung Aegyptens vermehrte sich in den letzten zehn Jahren um 44 Proz., die englische in der gleichen Zeit um 5 Proz- Vom 1. Oktober an wird Deutschland in Aegypten über eine täglich erscheinende Zeitung in deutscher Sprache verfügen, und diese, die „Aegyptischen
Nachrichten", ist eben amtliches Publikationsorgan der ägyptischen Regierung geworden, während das einzige englische Tageblatt Aegyptens sein Erscheinen eingestellt hat. Das angesehene ägyptische Blatt „Progrös" begrüßt die Fortschritte der Deutschen freudig. „Deutsche Kolonisation hat noch nie die Rechte eines Volkes geschmälert, bei dem sie eingekehrt ist, sondern sie hat es allezeit gefördert auf dem Wege des Fortschritts und der Zivilisation."
Der landwirtschaftliche Notstand.
Es war vorauszusehen, daß die Sozialdemokratie und ihre bürgerlichen Helfershelfer den Versuch machen würden, den infolge der langanhaltenden Dürre dieses Jahres in weiten Gebieten unseres Vaterlandes eingetretenen oder zu erwartenden landwirtschaftlichen Notstand im parteipolitischen Sinne auszunutzen, obwohl man sich ein frivoleres und gemeineres Treiben kaum vorstellen kann. Natürlich wird bei der bekannten landwirtschaftsfeindlichen Gesinnung der Sozialdemokratie und ihrer linksliberalen Verbündeten nicht etwa von der Not der Landwirte gesprochen, die doch vornehmlich und in erster Linie zu leiden haben, sondern wie gewöhnlich ganz einseitig das Konsumenteninteresfe des großstädtischen Industriearbeiters gellend gemacht. Ja, der „Vorwärts" bringt es sogar schon fertig, das Gespenst der Hungersnot an die Wand zu malen. Der Wunsch dürfte hier der Vater des Gedankens sein. Der Sozialdemokratie wäre es natürlich sehr erwünscht, die Erbitterung, die ihr bei der Marokkoangelegenheit offenbartes antinationales und " vaterlandsfeindliches Wesen in den weitesten Kreisen, insbesondere auch innerhalb der Arbeiterschaft, hervorgerufen hat, abzulenken und zu übertäuben durch einen paffenden Agitationsstoff, und ein solcher wäre natürlich um so leichter gefunden, je weiter« Umfang und je größere Schärfe die Teuerung der Lebensmittel annähme. Hoffentlich aber wird ihr durch ihre Rechnung noch ein dicker Strich gemacht. Unsere Regierung tut jedenfalls das denkbar Mögliche, um den Notstand zu mildern und der Landwirtschaft und damit dem gesamten Volke über die schwere Zeit hinwegzuhelfen.
Der Kaiser hat bereits ausgesprochen, wie sehr ihn die dem Lande aus dem Mißwachs dieses Jahres drohende Not beschäftige, und den Reichskanzler und Ministerpräsidenten beauftragt, alle im Bereiche staatlicher Möglichkeit liegenden Maßregeln zur Abhilfe des Notstandes zu ergreifen. Die Staatsregierung beschloß,
sobald die Futternot einen gefahrdrohenden Umfang annahm und erkennbar war, daß auf eine wesentliche Besserung nicht mehr zu hoffen sei, die sofortige Einführung von Notstandstarifen, und sie sucht auch durch eine Reihe anderer Maßregeln fördernd einzugreifen. So hat das Ministerium für Landwirtschaft angeordnet, daß im laufenden Etatsjahr Waldftreu aller Art aus den Staatsforsten, ferner Torf zu Streuzwecken sowie Gras und Futterlaub an Privatpersonen zu einem Preise abgegeben werden sollen, der bis auf ein Drittel der Taxsätze zuzüglich der etwa aufgewendeten Werbungskosten ermäßigt werden kann. Die Gewährung der Waldstreu usw. hat sich hauptsächlich auf die kleineren, unbemittelten Grundbesitzer und Pächter zu erstrecken. Größere Besitzer und Pächter werden wegen der beschränkten Leistungsfähigkeit des Waldes nur ausnahmsweise berücksichtigt werden können.
Ferner wird auf die bereits früher allgemein erteilte Ermächtigung verwiesen, „in Notjahren die Waldweide mit einem über die festgesetzte Höchstzahl hinausgehenden Eintrieb von Rindvieh und Schweinen zu gestatten," das Vieh der Waldanwohner, soweit die Rücksicht auf die Forstwirtschaft die Ausübung der Waldweide überhaupt angängig erscheinen läßt, nach Bedarf zu dieser Nutzung zuzulassen, auch das nach Monaten zu berechnende Weidegeld nach eigenem Ermessen bis auf ein Drittel der taxmäßigen Sätze zu ermäßigen.
Außerdem werden alle weiteren Möglichkeiten, um den durch die Dürre gefährdeten Interessen mit augenblicklichen praktischen Maßnahmen zu Hilfe zu kommen, im Schoße der Staatsregierung eingehend erwogen. Es steht daher zu hoffen, daß es dem einmütigen und uneigennützigen Zusammenwirken aller berufenen staatlichen und volkswirtschaftlichen Kräfte gelingen wird, dem Lande über die Folgen dieses verhängnisvollen Sommers hinwegzuhelfen.
Deutscher Reich.
— Der Kaiser ist aus dem Manövergelände zurückgekehrt und Mittwoch abend 7 Uhr im Neuen Palais eingetroffen.
— Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin ist vom Kaiser zum General der Kavallerie ernannt.
— Ihren 19. Geburtstag beging am 13. September die einzige Tochter des Kaiserpaares, Prinzessin Viktoria Luise von Preußen.
— Die Ankunft des Ingenieurs Richter in Jena erfolgte am Dienstag um 12’/* Uhr auf dem Weimar-
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 16 „Und darf ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie von mir dachten?" fragte Klingberg mit unterdrückter Erre» ■ einig.
„Daß Sie ein ganzer Mann sind," gab Nora schnell 1 zurück; „damit ist alles gesagt."
„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein." Der Direktor ß verneigte sich ehrerbietig. „Soll ich es Ihnen sagen, daß K muh ich stolz bin auf meine Vorfahren, die einem alten ß Patriziergeschlecht aus Nürnberg entstammen? Väter- I licherseits bin ich mit den Fuggers verwandt, und meine ; Mutter stammte in direkter Linie von dem Bürgermeister Pretorius ab, der seinerzeit eine Rolle in der Geschichte L Nürnbergs spielte. Auch meine Ahnen sind Ehrenmän- . ner gewesen, die ohne das „von" ihren Namen würdig N getragen. Ich zog es vor, einen anderen Adelsbrief zu 2 Löwinnen; die Arbeit verleiht ihn, mein gnädiges Fräu- Hochaufgerichtet stand der Fabrikherr da, stolz in seiner kernigen Männlichkeit und Kraft. Nora war so ganz Weib, unwillkürlich fühlte sie sich von Klingbergs Persönlichkeit gewonnen. Wie anders war er als der Weick- Hling drüben in Mon Varsange, wie anders als die mei- Men, die bisher ihren Weg gekreuzt. Sie sprachen nicht mehr, sie gingen stumm nebeneinander, ein Zauber webte ,M um beide und hielt sie süß umfangen.
Ä Da schlug es acht Uhr von der Fabrik, der sie sich genähert hatten; das junge Mädchen erschrak.
s .. „So spät schon," rief sie; „ich muß eilen, sonst verspäte ich mich. Und ich bin tüchtig hungrig," fügte sie lachend hinzu, „nichts erscheint mir im Augenblick so löte der duftende Kaffee, die frischen Brötchen und die goldgelbe Butter, die auf der Veranda in Mon Varsauge meiner warten."
< reiche Materialisten wir doch alle sind!"
Sie lachte herzlich.
„Wenn Sie gestatten, rudere ich Sie über den See, gnädiges Fräulein," sagte Klingberg höflich, „dann sind Sie in der halben Zeit drüben und können schneller Ihren Hunger befriedigen."
Auch er lackte, zum ersten Mal, seit Nora ihn kannte; sie bemerkte, wie sehr es das ernste Gesicht verschönte, wie weiß die Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart schimmerten, wie fröhlich die Augen blickten.
Bald darauf kletterten sie den ziemlich steil abfallenden Abhang hinunter, der zum Ufer des Sees führte.
„Bitte, stützen Sie sich fest auf mich," sagte Klingberg und bot Nora die Hand.
Sie tat es ohne alberne Zimperlichkeit, das gefiel ihm wieder. Unten angekommen, löste der Fabrikdirektor das weiße, schlanke Boot von der Kette, und es schoß, von seinen kräftigen Ruderschlägen getrieben, über die glatte Fläcke.
„Morgen erwarten wir in Mon Varsange Besuch," sagte das junge Mädchen, „dann wird es bunt hergehen ; ich fürchte, ich werde nicht mehr solche köstliche Morgenpromenaden machen können. Ich nahm mir vor, sie in Zukunft zu wiederholen, ich habe es so sehr genossen."
„Und ich hätte nie gedacht, daß mir dieser traurige Erinnerungstag so schöne Stunden bringen könne," sagte Klingberg, „ich danke Ihnen dafür, mein Fräulein."
Sie landeten eben.
Freimütig hielt Nora ihm die Hand hin, die er ehrerbietig drückte.
„Leben Sie wohl, Herr Klingberg," sagte sie freundlich, „nun muß ich eilen."
Trotzdem stand sie noch ein Weilchen und blickte ihm lächelnd in das ernste Gesicht; dann sprang sie elastisch an das Ufer und war unter den tief überhängenden Bäumen verschwunden. Klingberg stand im Boot, sich auf das Ruder stützend, und sah der weißen, schlanken Gestalt sinnend nach.
„Offen und wahr, furchtlos und sich selbst treu," dachte er und ruderte langsam über den See heim.
„Fräulein Nora, woran denken Sie? Ich habe Sie bereits zweimal angeredet, und Sie hören nicht. Liegt es in Ihrer Absicht?"
Der Sprechende ist Felix, er hält einige wundervoll«, frisch geschnittene Rosen in der Hand und ist vom Scheitel seines künstlich gelockten Haares bis zur Spitze seiner zierlichen Gehwerkzeuge wie aus einem Modekupfer geschnitten: großkarrierter englischer Anzug, grüne Riesenkrawatte, blau und weiß gestreifte Wäsche, gelbe Schuh« und rotseidene Strümpfe, kurz, er ist kolossal fein.
Gigerl, denkt Nora gelangweilt und blinzelt durch die halbgeschlossenen Lider auf die in allen Regenbogenfarben spielende Erscheinung des „Knaben", wie sie m Gedanken den Sohn der Fürstin bezeichnet.
„Sie haben mich aus meinem Nachmittags schläfchen geweckt," sagt sie und tut, als unterdrücke sie ein Gähnen, obgleich ihr nichts ferner liegt; „schade!"
„Sie haben nicht geschlafen," versetzt Felix ärgerlich, „ich habe Sie schon lange beobachtet, Sie lagen im Schaukelstuhl mit weit offenen Augen; erst als Sie mich kommen hörten,schloffen Sieschnell die goldbraunen ..
„Sterne," vollendete Nora lachend.
„Ja, das wollte ich sagen!" ruft Felix und sinkt neben seiner schönen Gastin in einen bequemen Gartenstuhl.
„Glauben Sie, daß braune Sterne hübsch wären?" fragt Nora mit der Schelmerei, die ihr oft in den Adern prickelt.
Felix sieht verblüfft darein. „Am Himmel nicht, aber wohl in ihrem Gesicht," entgegnet er ziemlich einfältig. „Woran dachten Sie, als Sie so träumend emporblick- ten ?"
„An Sie," antwortete Nora trocken. Tatsächlich hatte sie den „Knaben" mit Klingberg verglichen, dem ganzen Mann. 187,18*