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SchlSchtemerZeitung

mit amtlichem Areiskatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Smstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 84.

Samstag, den 21. Oktober 1911.

62. Jahrgang.

Der Kaiserin zum Geburstag.

Was noch an Blumen, letzten blassen, In stillen Gärten blüht am Hus,

Will Liebe heut zusammensassn

Zu einem vollen, duft'gen Stuuß.

Weht doch in diesen Herbstesttzen

Ein Hauch des Lenzes lind dann, Gilt es doch, Gruß und Wunsh zu sagen

Dir, vielgeliebte Kaiserin.

Vielleicht gedenkst mit feuchtem Blicke

Du heut und mit bewegtein Sun

Der wechselvollen Weltgeschicke

Und einer andern Königin;

Doch ob ihr Leben von dem Denen,

O Herrin, auch verschieden weit:

Luisen gleich willst Du uns scheiien

In Deiner holden Gütigkeit.

Drum will sich an ihr Bildnis rshen

Das Deine uns an diesem Tag,

Empor schaut zu den edlen Zweien Das Volk mit warmem Herzensschlag;

Und was der andern früh genommen

Ein hartes, widriges Geschick,

Auf Dich mög' es verdoppelt kommen An Segen und an reichem Glück!

So laß die letzten, zarten Blüten

Von nebelblasfer Herbstesflur

An Deinem Ehrentag Dir bieten

Als SiNNblld unsrc^ Wüirsi^ t$ut4-

Dir sagt ihr Hauch, il r sanfter, linder:

Die schönsten Rosen, die Dir glühn,

Die Kinder sind's und Kindeskinder,

__Die Dich umfassen und umblühn.

Zum Geburtstage der Kaiserin.

(22. Oktober).

Die Kaiserin und Königin begeht an diesem Sonn­tag ihr Geburtssest. Das ganze Deutsche Volk bringt der hohen Frau innige Segenswünsche dar, weist doch die Kaiserin in ihrem Charakterbilde viele echt deutsche Züge aus, die ihr die Liebe ihrer Untertanen gewonnen haben. Wir verehren in der Kaiserin die treue Lebens­gefährtin unsers Kaisers, die ihrem Gemahl eine Stätte schönsten Familienglücks geschaffen und ihm eine blühende Kinderschar geschenkt hat.Der Edelstein der

an meiner Seite glänzt," so hat der Kaiser in einer seiner Reden seine Gemahlin genannt. Die Kaiserin ist in der Tat die gewissenhafte Hüterin des Hauses, die mitsorgende Gattin, die hingebende Mutter. Aber nicht nur dieses Wirken und Walten hat ihr die Herzen erobert, sondern auch die Treue, mit der sie am Christentum hängt. Vorbildlich für die gesamte deutsche Nation hat sie ihren Ruhm darin gesucht, dem leben­digen Christenglauben durch Werke der Wohltätigkeit und Mildherzigkeit Ausdruck zu geben. Unter ihrer hohen Gönnerschaft hat eine -umfassende Kranken- und Armenpflege nach einheitlichen Grundsätzen Leben er­halten, und wo es gilt, Tränen zu trocknen und Wunden zu heilen, da steht unsere Kaiserin an der ersten Stelle.

Die hohe Frau hat noch mehr getan. Sie erkennt von ihrer erhabenen Stelle mit schärferem Blick als andere die Abwege, auf denen das verführte Volk dem sittlichen und wirtschaftlichen Elend entgegeneilt, und aus aufrichtigeui Mitleid mit ihm geht sie ihm nach, um helsend und bessernd auf die Volksseele zu wirken und die Irrenden zu retten. Die Kaiserin Auguste Viktoria ist auf diese Weise der Hort des großen Werks der Innern Mission und die Förderin zahlreicher Kirchenbauten und so für die kommenden Geschlechter ein Muster weiblicher Tugenden und königlicher Majestät.

Das Haupt-Liebeswerk der Kaiserin ist der Evan­gelisch-kirchliche Hilfsverein, der allenthalben in den großen Städten und in den Industrie-Bezirken eine soziale und sittliche Hilfe für die arbeitenden Klassen unL inÄrkLLdLrL, die Hübung des, religiösen Lebens be­zweckt. Die Kaiserin zeichnete einfl^iyre Stellung zu dieser Vereinstätigkeit klar mit den Worten:Nach Kräften werde ich bemüht sein, der Arbeit des Glaubens und der Liebe, die in unserm Volke zur Linderung des äußeren und innern Elends bereits geschieht, mich dienend und anregend anzuschließen, um meine Pflicht gegen Gott und Menschen zu erfüllen. Möchte allen verneinenden und zersetzenden Bestrebungen gegenüber unsre gemeinsame Arbeit auf dem Grunde des göttlichen Wortes und in treuer Nachfolge unsers Herrn dazu gesegnet sein, Wunden zu heilen, Barmherzigkeit zu üben, Frieden zu stiften und so das Böse mit Gutem zu überwinden!"

Wenn von irgend einer Fürstin gesagt werden kann, daß sie ihres Verantwortungsreichen Amtes mit Segen walte, so gilt das von der deutschen Kaiserin. Möge

sie auch im neuen Lebensjahre zum Segen werden für alle, die ihr nahe stehen, für das Vaterland und für das Reich! Möge die edle Fürstin noch viele Jahre in der Mitte ihres treuen Volkes weilen, an der Seite ihres erlauchten Gemahls und mit ihm vereint das erhabene Werk weiterfördern, am Glück eines ganzen Volkes zu bauen! In diesem Wunsche wissen wir uns eins mit allen deutschen Herzen.

Die Ausfichten einer Vermittelung

zur Beendigung des italienisch-türkischen Krieges waren so lange günstig, als man annehmen konnte, Italien werde sich mit dem tatsächlichen Besitz von Tripolis begnügen und darein willigen, daß dem Sultan eine Scheinhoheit über die verlorene Provinz verbleibe. Das ist nun nicht der Fall, Italien verlangt die uneinge« schränkte, vorbehaltlose Abtretung des tripolitanischen Gebiets und will nur die religiöse Autorität des Sultans als Kalifen für die Mohammedaner des Landes an­erkennen. Man könnte meinen, der Unterschied sei nicht groß und den Türken könne nichts an einer nur dem Namen nach fortbestehenden Souveränetät gelegen sein, wenn sie doch in der Verwaltung und Gesetzgebung für Tripolis nicht das Geringste mehr zu sagen haben. Aber im Orient gehören auch Fiktionen zu den Reali­täten. Die hohe Pforte weiß, daß, wenn sie nicht wenigstens den Schein rettet, der Friedensschluß schwere Stürme im Innern der Türkei hervorrufen würde.

Die italienische Regierung hat wiederholt versichert, alles vermeiden zu wollen, was den Bestand der Tür­kei erschüttern könne, insbesondere werde sie sich aller Schritte enthalte^, W'Ttr-w^ europäischen Provinzen der Türkei unt vei den andern Bal^anstaaten Unruhe und Verwirrung erzeugen könnten. ^. länger sich der Friedensschluß hinzieht, umso gefährlicher droht die Lage zu werden. In Kleinasien, Syrien, Arabien ist das niedere Volk vom jungtürkischen Einfluß unberührt geblieben. Niemand kann verbürgen, daß es nicht da oder dort zu fanatischen Bluttaten kommt. In Kon­stantinopel selbst ist das jungtürkische Regiment brüchig geworden und ein schwaches Ministerium am Ruder. Um vor Ueberraschungen sicher zu sein, hat die Re­gierung Armeekorps in Mazedonien mobilisiert und Truppen gegen die griechische Grenze vorgeschoben. Wahrscheinlich werden bei dem allseitig herrschenden Mißtrauen nun auch Bulgarien und Griechenland militärische Vorsichtsmaßregeln ergreifen.

Man kann deshalb nur wünschen, daß der an=

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach.

26

Nora erschrak, eine seltsame Täuschung war über sie Abkommen, sie sah die ganze Szene in greifbarer Deut- tlchrert vor sich, die streikenden Arbeiter, die hohe Recken- ßdstalt auf der Freitreppe und sich selbst neben ihr. Ja, w hatte auch siegehandelt, sie hätte nicht anders gekonnt. In den Tod mit ihm, wenn es sein mußte, von seinem Arm umschlungen, an seinem großen, stolzen Herzen ge­bettet, eins mit ihm in Leid und Freude, das mußte selig sein. Mit gesenkten Lidern stand Nora an dem Gitter, stand an der Pforte, die in den Garten hineinführte, ohne es zu merken, war sie dorthin gekommen. Ein anderes Bild tauchte in ihrer Phantasie auf. Ueber jene Treppe mit den weißen Steinstufen war einige Monate nach dem Streik der Sarg getragen worden, der Kling- bergs junges Weib barg. Er selbst schritt gebeugt hin­terher, dar Haupt tief gesenkt, gefolgt von seinen Ar-

bie mit ihm trauerten. Und in dem Trauerhause k mutterlose Kind, Dolores Vermächtnis an den SShtmer.

ffln/S^ n mir nicht meinen Ball zurückwerfen," sagt etn helles Strmmchen.

ih^n Träumen auf. Da stand jen- ferts des Zaunes ein Knabe, er war in einen weißen Anzug gekleidet, der große Strohhut war weit auf den Hmterkopf geschoben. Zutraulich lächelte der Kleine die Fremde an.

Ja, gewiß kann ich das. Warte, gleich sollst Du Deinen Ball haben," rief Nora, und im nächsten Au­genblick hatte sie das bunte Spielzeug ergriffen hatte die Pforte schnell geöffnet und kniete neben dem Kinde es mit dem linken Arme umfaßt haltend.

Wer bist Du?" fragte der Junge.Wie heißt Du?"

Ich heiße Nora, gefällt Dir der Name?"

»O ja, ich finde ihn sehr hübsch."

Ich weiß, wie Du heißt," fuhr Nora fort.Soll ich es Dir sagen?"

Die großen, dunklen Augen blickten sie erwartungs­voll an, ein reizendes Lächeln spielt um seinen roten Mund.Nun?" fragte er neugierig.

Du heißt Emil Otto Klingberg, nicht wahr?"

Ja, aber Papa nennt mich immerkleiner Mann", das finde ich sehr schön."

Nora kniete noch immer vor dem Knaben und blickte bewundernd in das hübsche Gesichtchen, das von dich­ten, braunen Locken umwallt war.

Ich hätte Dich gleich an der Aehnlichkeit mit Dei­nem Vater erkannt," sagte sie lächelnd,Du bist sein Ebenbild."

O, ich will einmal ebenso groß und stark werden wie er!" rief Emil Otto.Sieh einmal, so .. so groß !"

Er reckte sich auf den Fußspitzen und hob den Arm in die Höhe. Nora legte leicht die Hand auf das Köpf­chen des Kleinen.Möchtest Du nicht allein körperlich sein Ebenbild werden," dachte sie;ein ganzer Mann wie der, dem Du das Leben verdankst."

Komm, Nora, spiele mit mir," schmeichelte das Kind.Da, fange den Ball."

Er warf ihr das Spielzeug zu, sie fügte sich der Bitte des Knaben, und der Jubel Emil Ottos einte sich dem fröhlichen Lachen des jungen Mädchens.

Eine ganze Weile währte das Spiel, Nora ahnte nicht, daß zwei Augen sie beobachteten und jeder ihrer an­mutigen Bewegungen folgten. Hinter dem Fliedergebüsch stand Klingberg, jetzt bemerkte Emil Otto den Vater, er ließ den Ball fahren und eilte mit ausgestreckten Aerm- chen auf den Lauscher zu.

Papa, Papa!" jubelte der Junge.Sie heißt Nora, und ich habe mit ihr Ball gespielt, und ich liebe sie schrecklich. Kann sie nicht immer bei uns bleiben? Das wäre schön."

Der Fabrikbesitzer hatte sein Söhnchen aufgehoben, zögernd, tief errötend stand Nora da, sie war so ver- |

wirrt bei dem unerwarteten Anblick Klingbergs, daß sie ihr Herz laut klopfen hörte. Mit einigen schnellen Schrit­ten war er bei ihr, er setzte den Knaben zu Boden.

Guten Abend, gnädiges Fräulein," sagte er, und es lag ein froher Ton in seiner Stimme.Wie ich sehe, haben Sie mit Emil Otto Freundschaft geschloffen."

Lächelnd streckte Nora ihm die Hand entgegen, ihre goldbraunen Augen leuchten, sie sieht sehr lieblich aus mit den etwas wirren Haaren, den Sommerhut am Arm.

Jawohl," versetzte sie munter,ich war im Kran­kenhaus bei Guste Webell, und als ich hier vorüber- ging, flog Emil Ottos Ball über den Zaun. Ich habe übrigens schon lange, lange den Wunsch gehabt, Ihr Söhnchen kennen zu lernen; schon der Name macht mir das Kind lieb." 187,18*

Klingberg hält noch immer die kleine Mädchenhand in der eigenen kräftigen. Verlegen entzieht Nora sie dem festen Druck. Sie schreiten neben einander dem Hause zu, der Knabe ist vorangelaufen, um der Großmutter sein Erlebnis zu erzählen. Diese tritt der jungen Frem­den kurz vor dem Hause entgegen und begrüßt sie mit einigen freundlichen Worten. Nora ist sofort durch die alte Dame gewonnen, die klein und zierlich ist und ein liebes Gesicht hat, umrahmt von schneeweißen Haaren. Sie hat eine große weiße Schürze um und ein Häubchen auf dem Kopf und sieht sehr mütterlich und gut aus. Es erscheint kaum denkbar, daß der stattliche, große Mann der Sohn der kleinen Frau ist, und es klingt seltsam, wenn sie ihnFritz" nennt, wie sie es immer getan hat. Klingberg sagt gewöhnlichMuttchen". Nora denkt, daß der Schmeichelname in seinem Munde sehr hübsch hingt. Sie sitzen unter dem blühenden Goldregen, Emil Otto spielt mit seinem Reifen, den er über den Kies­weg treibt. Nach einiger Zeit entfernt dasMuttchen,, sich, Klingberg und Nora bleiben allein.,, Ich möchte gern nie Fabrik sehen," sagte das junge Mädchen,als ich an ihr vorbeikam, blieb ich an einem der Gebäude ste­hen und guckte hinein, die helle Glut sah so hübsch aus,"'