Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt» Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die Keine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 86.
Samstag, den 28. Oktober 1911.
62. Jahrgang.
Die Berufsbildung des Landwirtes.
Was du erlernt,
im Wissensdrang erworben, Bleibt stets dein eigen
unentwendbar Gut.
Die Notwendigkeit einer Ausbildung der jungen Landwirte in ihrem Fache ist nicht nur in den Kreisen der Landwirte sondern auch bei den Behörden und allen denen, die der Landwirtschaft wohlwollend gegen'berstehen, erkannt worden. Man hat deshalb Lehranstalten errichtet, welche den Anforderungen der Landwirte der Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe in jeder Beziehung entsprechen. Jedem jungen Landwirt ist deshalb Gelegenheit gegeben, sein Bildungsbedürfnis zu befriedigen. Wenn oben gesagt wurde, die Notwendigkeit einer theorethischen Ausbildung des Landwirtes sei in den Kreisen der praktischen Landwirte erkannt, so ist dies nicht ganz richtig ; denn leider ist man nicht in allen Schichten der ackerbautreibenden Bevölkerung von dieser Notwendigkeit überzeugt. Dies beweist unter anderem der geringe Besuch mancher landwirtschaftlichen Lehranstalten. Die Zeit liegt gar nicht so fern, in der man einen jungen Mann, welcher zu nichts anderem zu gebrauchen war, für noch gut genug zum Landwirt hielt. Die Landwirtschaft der früheren Zeit, die im althergebrachten Geleise ihren Gang und Verlauf nahm, stellte allerdings keine hohen Anforderungen an die geistige Regsamkeit des Betriebsleiters. Heutzutage aber bei den total veränderten Wirtschaftsverhältnissen, bei den auf das Höchste gesteigerten Anforderungen, bei dem stark entbrannten Konkurrenzkämpfe sind selbst mittelmäßige Leistungen säum imstande, wirtschaftliche Erfolge in der Landn irtschaft zu erzielen. Es muß also mit Naturnotwendigkeit derjenige Landwirt zugrunde gehen, dem jede Fachbildung mangelt. Wer den Acker richtig bearbeiten und düngen, wer die landw. Nutztiere so erziehen, füttern und pflegen will, daß sie einen Nutzen abwerfen, der muß unbedingt mit den Naturgesetzen vertraut sein, von welchen das Leben der Pflanzen und Tiere beherrscht wird.
Aber auch noch andere Anforderungen und Pflichten warten auf den Landwirt! Derselbe ist auch dazu berufen, im Vereins- und Genossenschaftswesen tätig zu sein. Die Selbstverwaltung mit ihren vielen Ehrenämtern verlangt Landwirte mit besserer Schulbildung. Es muß deshalb an jeden angehenden Landwirt das Verlangen gestellt werden, durch den Besuch einer Fachschule sich die für den Betrieb der Landwirtschaft
erforderlichen Kenntnisse anzueignen. Was den Vätern dieser jungen Leute wegen fehlender Gelegenheit nicht möglich war, ist der jüngeren Generation durch die Fürsorge der Staatsregierung und der Einrichtungen der landw. Körperschaften möglich gemacht. Gelegenheit ist also vorhanden und deshalb sollte auch der gute Wille nicht fehlen. Möge man der so oft an den Landwirt gerichteten Mahnung, sich endlich aufzuraffen, sich mit dem wissenschaftlichen Rüstzeug zu wappnen, auch Gehör schenken. Nur eine sachliche theoretische Ausbildung verbunden mit einer gründlichen praktischen Fertigkeit unserer jüngeren Landwirte kann über die Schwierigkeiten hinweghelfen, die dem Landwirt in seinem Berufe häufig entgegentreten.
Von den verschiedenen landw. Schulen hat keine eine so weitgehende Verbreitung gefunden, als die landwirtschaftliche Winterschule. Während im Jahre 1880 nur 22 Winterschulen in Preußen bestanden, gibt es zur Zeit deren annähernd 200.
Die Verbreitung dieser Schulen in so kurzer Zeit, berechtigt zu der Annahme, daß dieselben dem Bedürfnis des Kleingrundbesitzers, des Bauern am meisten entsprechen. Diese Anstalten sind auch speziell zur Ausbildung der Söhne unserer Bauern bestimmt. Die Opfer an Geld, die der Besuch der Schule verlangt, sind sehr gering. Der Unterricht findet ferner nur während des Winters, also der mehr oder weniger arbeitsfreien Zeit des Jahres statt. Auch dauert die ganze Ausbildungszeit in der Stadt blos 2 Winter- Semester ; deshalb wird der junge Mann den ländlichen Verhältnissen und dem einfachen ländlichen Hauswestn nicht entfremdet. Möchten unsere Landwirte endlich zu der Erkenntnis kommen, daß eine gute Fachbildung das beste Erbteil ist, das sie ihren Söhnen hinterlassen können. Möchten die jungen Landwirte, die es ernst mit ihrem Beruf meinen und darin später Befriedigung finden wollen, dies beherzigen und die günstige Gelegenheit zu ihrer Ausbildung nicht unbenutzt lassen.
Deutsches^eich.
— Prinz Heinrich von Preußen ist am Dienstag abend im Automobil von Wolfsgarten in München eingetroffen und hat seine Reise am Mittwoch im Automobil nach Tirol fortgesetzt.
— Im Seniorenkonvent des Reichstags verlautete, daß die Wahlen zum nächsten Reichstag am 12. Januar 1912 stattfinden werden.
— Der Reichstag erledigte am vergangenen Sonnabend in zweiter Lesung den Gesetzentwurf über die Schaffung eines höchsten Kolonial- und Konsulac- gerichtshofes. Die Bestimmung der Vorlage in der Kommissionsfassung, daß dem Gerichtshof neben vier Richtern auch ein absetzbarer Beamter angehören solle, wurde beseitigt. Die lebhafte Debatte über den Sitz des Gerichts, ob Berlin oder Hamburg, ergab über« raschenderweise, daß nur eine kleine Minderheit für Hamburg eintrat. Es bleibt also bei Berlin. — Am Montag beschäftigte sich der Reichstag mit den Interpellationen des Zentrums, der fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratie über die Teuerung der Lebens- und Futtermittel, die vom Reichskanzler v. Bethmann Hollweg sofort beantwortet wurden. Er wies zunächst unter dem lebhaften Beifall der Rechten die von den Sozialdemokraten verlangte Zollsuspension energisch zurück und wandte sich dann gegen die Uebertreibungen der Presse, die dazu beitrügen, die Detailpreise in die Höhe zu treiben. Dann wies der Reichskanzler auf die Maßnahmen der Regierung hin: Frachtermäßigungen, Unterstützung der kommunalen Bestrebungen, zum Beispiel Erleichterung des Seefischverkaufs. Gerade die Kommunen könnten ein übermäßiges Anwachsen der Detailpreise sintern. Gewiß, unsere Lebenshaltung sei verteuert, aber auch verbessert worden, und von der Verelendungstheorie sei es längst still geworden im Rat der „Genossen". Für ihn sei die entschlossene Festhaltung der bisherigen Wirtschaftspolitik Pflicht gegen das Land, und er werde sich durch keinen Angriff in der Ueberzeugung irre machen lassen, daß 'ch ^amit auf dem richtigen Wege bin.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." DetüffemlitK"3uieii — weiteren Erlaß des Kultusministers, der bezweckt, den Provinzialschulräten die persönliche Einwirkung auf die Lehrerkollegien der höheren Schulen zu ferleichtern. Durch Einschränkung der Revisions- und Verwaltungsberichte sollen die Schulräte Zeit gewinnen, um einmal im Jahr jede Schule zu besuchen und mit dem Lehrerkollegium mündlich Fragen des Unterrichts und der Erziehung zu besprechen und auf Mängel hinzuweisen. Die Reifeprüfung soll den Schulräten nicht mehr als regelmäßiges Mittel dienen, auf die Anstalten hinzuwirken, nm ein Hinarbeiten auf den Erwerb abfrag- baren Wissens zu verhüten.
— Der Großblock für die Stichwahlen in Straßburg ist Dienstag abend abgeschlossen worden. Auf der Grundlage dieses Abkommens zieht die sozialdemo-
Hesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 28
Der Knabe weinte, als Nora ihm Lebewohl sagte, und lief bis zur Gartenpforte mit.
„Ich werde Dir aus X. eine Festung schicken mit vielen Soldaten und einer Kanone," versprach Nora.
Diese verlockende Aussicht tröstete den kleinen Mann, erstand am gußeisernen Zaun und nickte und warf Kußhändchen zu, bis die hohe Gestalt des Vaters und die schlanke Noras verschwanden.
„Ihr Söhnchen hat mein Herz im Sturm erobert," mgle Nora im Weiterschreiten; „ich habe eine große Vor- liebe für Kinder und immer bedauert, keine kleinen Geschwister zu haben; das „lütte Kroppzeug", wie Reuter sich ausdrückt, hat es mir angetan, leider sind in unserem Stift nur alte Kinder."
Sie lachte und schilderte mit Humor, ohne Spur von Bosheit, einige der Stiftsfräulein.
„Ich freue mich schon sehr, die guten, alten Seelen wlederzusehen, auch auf meine Schüler freue ich mich;
Albert macht mich glücklich, ich kenne nie das Ge- fuhl der Langeweile, jede Sache hat doch ihre Lichtseiten." fiarn Charakter sie haben!" sagte Kling- berg, „Ihre Frische berührt angenehm, Sie sind keine unserer moderne Damen die in Ihrem Alter blasiert hnd und an Nichts mehr Vergnügen finden; ich glaube, ltnd me traurig gewesen." Noras Gesicht wurde «^h^fe^ern> und eine tiefe Schmerzensfalte grub sich zwischen ihre Brauen.
„Emil Otto," sagte sie leise, „und Mittenhof. Ja, da habe ich die Schatten des Lebens gefühlt, kalt und schwer hat es mich gepackt. Aber ich habe Mutter zu- nebe Ueberwindung gelernt; es ist gut, wenn man Selbstzucht übt."
Trotzig hob sich der hübscheKopf bei diesen Worten.
1 Mit heimlicher Bewunderung hörte Klingberg zu und
wieder dachte er: „Welch guter Kamerad wird sie einst ihrem Gatten sein, treu und unerschrocken wird sie zu ihm halten in sorge, in Glück und Freude, der Edelstein seines Hauses, der köstliche Schatz seines Lebens."
Er konnte nicht anders, er deutete das an, was ihn bewegte.
Nora lachte hellauf. „O!" rief sie luftig, „ich denke nicht an die Ehe, wahrscheinlich werde ich mit fünfzig Jahren Stiftsfräulein werden; ich denke es mir gar nicht so übel und sehe mein Stübchen schon in Gedanken, den Kanarienvogel im Bauer, die Geraniumstöcke im Bogenfenster, mich selbst mit der Brille auf der Nase, den ewigen Strickstrumpf in den Händen. Können Sie sich nicht vorstellen, wie ich dann aussehen werde?"
Sie lächelt ihn mit reizender Schelmerei und ein wenig, ein ganz klein wenig Koketterie an, die, ihr völlig unbewußt, ihr allerliebst kleidete. Felix hat sich kein einziges Mal eines solchen Blickes rühmen können, so unter den langen Wimpern hervor, daß die goldbraunen Augen förmlich strahlten. Klingberg bleibt sehr ruhig, er beherrscht sich meisterhaft und geht auf Noras Scherz ein, indem er ihr Bild nach dreißig Jahren weiter aus- mahlt. Beide lachen herzlich, und dieses Lachen und Plaudern dauert fort, bis sie in der Fabrik sind.
Mit regem Interesse folgt das junge Mädchen Klingberg von Saal zu Saal; sie lauscht seinen Erklärun- aen und fragt mit Lebhaftigkeit nach diesem und jenem. Im Stahlwerk bleiben sie am längsten, hier werden die feinen Waren verfertigt, die später durch die ganze Welt gehen. In den Polierwerkstätten arbeiten auch Frauen, sogar einige Kinder sind beschäftigt; sie sortieren die angefertigten Gegenstände, helfen bei der Verpackung und gehen den Großen zur Hand.
„Der Herr" wird von allen ehrerbietig gegrüßt, es mischt sich etwas Zutrauliches darein, etwas, das von der Liebe der Leute für den Besitzer der großen Fabrik spricht.
Als Nora und Klingberg wieder ins Freie treten, sehen sie, daß sich mehrere Arbeiter um das Walzwerk versammelt haben, der Aufseher tritt grüßend näher und sagt: „Es ist etwas an dem oberenDeil des Schornsteins in Unordnung, einer der Männer muß hinauf. Wir haben schon am Dach ein Seil befestigt; der David Brenner ist unser bester Kletterer, er wird hinaufsteigen und nachsehen, woran es liegt."
Klingberg erteilte in knappen, klaren Worten seine Befehle, dann trat er selbst hinzu und faßte das her- abhängende Seil mit seinen starken Händen
„Verzeihen Sie die Unterbrechung," sagte er kurz zu Nora. Sie war dicht an seine Seite getreten und hatte ebenfalls das Seil mit ihren zarten Händen gepackt.
„O, ich will auch mithelfen," sagte sie.
Viele rußige säusle griffen zu, seltsam stachen die weißen Mädchenhände dagegen ab. Nora hörte, wie ein alter Arbeiter sagte: „Wenn der Herr anpackt, es ist soviel wie zehn andere, der hat fast allein die Kraft, daß Seil straff zu halten, bis der David oben ist."
Mit gespannter Aufmerksamkeit, klopfenden HerzenS sah Nora dem kühnen Kletterer zu, der in immer schwindelndere Höhe emporklomm.
„Wenn er stürzt, ist er verloren," sagte Nora leise und fühlte, daß sie heftig zitterte. Klingberg bemerkte es auch; sie standen so nahe bei einander, daß er daS Beben derselben empfand.
Da legte er die eigene, kräftige Hand über die der Baronesse Cbenstedt fest und warm.
„Fürchten Sie nichts, sehen Sie nicht hinauf, schlie. ßen Sie die Augen!" befahl Klingberg.
Sie gehorchte ihm, sie lehnte sich an die hohe Männergestalt. Schon die Berührung gab ihr die Ruhe wieder,' und das Blut pulste nicht mehr so wild bis in die Fingerspitzen hinein. 187,18^