Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich I Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
.M 89.
Amtliches.
Ich mache wiederholt darauf aufmerksam, daß nur solche junge Bullen zur Körung zugelassen werden, welche das Alter von 14 Monaten zurückgelegt haben. Schlächtern, den 2. November 1911.
Der Königliche Landrat: __Valentiner.____
J.-Nr. 6188 K.-A. Die nächste Bt ^e«kör«ttg findet am 11. November nicht in Schlächtern, sondern in Sterbfritz statt.
Schlächtern, den 3. November 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Neues Palais bei Potsdam. Der Kaiser begab sich am Freitag vormittag nach Döberitz, um an der Hubertusjagd teilzunehmen.
— Der Aufenthalt des deutschen Kronprinzenpaares in Danzig-Langfuhr hat für die westpreußische Ostsee- Metropole und ihre weitere Umgebung bereits einen Aufschwung des gesellschaftlichen Lebens zu Folge gehabt. Augenblicklich stehen im gesellschaftlichen Programm des östlichen Hofes die Jagden obenan. Größere höfische Festlichkeiten, die für den Winter vorgesehen sind, sollen im Olivaer Schloß abgehalten werden. Die Söhne des Kronprinzenpaares haben die Luftveränderung sehr gut überstanden, die kleinen Prinzen sind bereits Lieblinge des Danziger Publikums geworden.
— Eine außerordentliche Viehzählung findet auf Anordnung des preußischen Landwirtschaftsministers am 1. Dezember d. Js. statt, um Grundlagen zur Beurteilung der Fragen zu erhalten, ob der Bestand an Vieh für eine hinreichende Fleischversorgung der Bs- völkerung genügt. Die Zählung findet in sämtlichen Gemeinden des Königsreichs Preußen fta.h Für jeden Stall, indem Vieh untergebracht ist, ist eine Zählkarte auszufüllen, die von ehrenamtlichen Zählern im Hause des Viehbesitzers abgegeben und nach Ausfüllung wieder abgeholt wird. Mit der Prüfung des Zählmaterials sind die Kreisbehörden betraut; die Zusammenstellung der Ergebnisse für das Königreich erfolgt durch das Statistische Landesaml. Die Veröffentlichung der vorläufigen Hauptergebnisse ist bis Mitte Februar zu erwarten.
— Ueber die Fideikommisse in Preußen im Jahre 1910 wird in den vorläufigen Auszählungsergebnissen folgende Aufstellung gemacht. Es sind im Berichts,
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Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippeubach.
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Gerade gegenüber der Jnjel Edsborg, die mitten in dem Götaelf liegt, erhoben sich etwas tiefer ins Land hinein die trutzigen Mauern Mörenholms. Das festgefügte Schloß war nur noch von der alten Gräfin Alwine Mören bewohnt, ihr ältester Sohn lebte in Stockholm mit seiner Familie. Er bekleidete ein Hofamt und fand selten Muße, die Mutter zu besuchen. Das Gut war Majorat, und während der Erbe desselben reich war, erhielten die jüngeren Geschwister nur eine geringe Summe, einige Tausend Kronen, mit denen sie sich zufrieden ge- ben mußten. Adolf Mören, der dritte Sohn der Gräfin, hatte in Deutschland seine Existenz gesucht, ßwir haben lhn als den Vater der Komtesse Alwina in Mon Var- sange kennen gelernt. Bis vor zwei Jahren war die Greisin recht rüstig gewesen, und oft hatte sie ihren Sohn in Deutschland besucht, neuerdings fesselte ein böses Gichtleiden die alte Dame an den Rollstuhl. Da be- schshß denn Adolf nach Schweden zu reisen und da seine schöne Tochter der besondere Liebling der Großmutter begleitete Alwina den Vater. Sie war einmal • ?™ Morenholm gewesen, in der Erinnerung f * s § ihrer Ahnen, wie ein Märchen wob w J-e sandte das Brausen des mächtigen ■ ^ füllte wieder, wie es sie packte, hatte das kleine Mädchen dagestanden, die Au- L -?"s das großartige Schauspiel geheftet, vor / ^st^yeele ^ Furcht und Bewunderung Tief ''" Herzen lebte ihr die Liebe zum Lande der Vorväter, deshalb begrüßte die Komtesse den Vor- S"r Rege mit einem so lebhaften Jubel, daß die Ihrigeu sie verwundert ansahen.
"Man sollte gar nicht glauben, mein Kind, daß Du . sur gewöhnlich so ruhig bist," sagte Graf Mören. indem
Mittwoch, den 8. November 1911.
jähre 17 Fideikommisse mit einer Gesamtfläche von 22323 Hektar und einem Grundsteuer-Reinertrag von insgesamt 219028 Mk. errichtet worden; 74 Erweiterungen bestehender Fideikommisse eingeschlossen, beläuft sich der Gesamtzugang auf 24977 Hektar mit 236521 Mark Grundsteuer-Reinertrag. Aufgelöst wurden 2 Fideikommisse mit zusammen 1128 Hektar und 9237 Mark Grundsteuer-Reinertrag; rechnet man 88 Verkleinerungen von Fideikommissen hinzu, so ergibt sich ein Gesamtabgang von 2798 Hektar mit 40844 Mark Grundsteuer-Reinertrag. Hiernach beträgt für 1910 der Mehrzugang an Fideikommissen 15, an Fideikom- mißfläche 22179 Hektar mit 195677 Mark Grund- steuer-Reinertrag. Im ganzen stieg damit bis Ende 1910 die Zahl der Fideikommisse auf 1251, ihr Gesamtumfang auf 2401743 Hektar, d. i. 6,89 Prozent der Staatsfläche (gegen 6,82 Prozent Ende 1909), und ihr Grundsteuer-Reinertrag auf 29054250 Mark, d. i. 6,54 (Ende 1809 6,49) Prozent des für den gesamten Staat ermittelten.
— Die Ehrung eines verstorbenen Soldaten durch die Kaiserin. Mit einer schlichten Feier wurde der Denkstein am Grabe des Gefreit"» Ussat von der 2. Kompanie der Potsdamer Unteroffizierschule, den die Kaiserin dem Toten auf dem Neuen Friedhofin Potsdam hat setzen lassen, tnthüllt. Ussat war vor etwa 2 Jahren im Dienst schwer verunglückt und dann im Oktober v. I. gestorben. Durch Hofprediger Schmidt war die Kaiserin von dem Vorfall unterrichtet worden, und die hohe Frau beschloß, dem jungen Soldaten einen Denkstein setzen zu lassen. Zu der Feier hatten sich der Kommandeur der Unteroffizierschule, Oberstleutnant von Eberhardt, sowie zahlreiche Offiziere und eine Abordnung der Kompanie des Verstorbenen eingefunden.
— Ueber die dem Ausnahmetorif für Futter- und Streumittel zugrunde liegende Absicht hat der Minister der öffentlichen Arbeiten auf eine Anfrage der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft folgende bemerkenswerte Antwort erteilt. Zu der Erstellung des Ausnahmetarifs für Futter- und Streumittel haben lediglich das Interesse der Allgemeinheit an der Erhaltung des deutschen Viehbestandes und die Lage der Viehhalter Anlaß gegeben. Die Frachtermäßigung ist deshalb ausschließlich den — landwirtschaftlichen wie nicht landwirtschaftlichen — Verbrauchern von Futter- und Streumittel zugedacht, damit die Folgen der ungünstigen Futterernte für die Viehhaltung gemildert werden. Der Tarif selbst drückt diese Absicht dadurch aus, daß er nur auf Sendungen
MMMBB>BMjaat>.gMMB,>WBWIWMIMt|lwllMh>l|BtMI>|l|l , WIWIWI er zärtlich das goldblonde Haar der Tochter streichelte. „Du bist im stande, sehr warm zu fühlen, nicht wahr?"
Die Lider senkten sich schnell über die noch soeben leuchtenden Augen des jungen Mädchens und sie schüttelte etwas ärgerlich den Kopf. „Ach nein," versetzte sie kühl, „es ist nur dieFreude, Großmama wiederzusehen, weiter nichts, lieber Vater, ich bin schon wieder ganz vernünftig."
„In Deinen Jahren spielt gewöhnlich die Vernunft keine allzu große Rolle," entgegnete Mören lächelnd. „Es ist das Vorrecht der Jugend, sich leicht hinreißen zu lassen, dem Impuls des Augenblickes zu folgen."
„Ich finde es richtiger, nach Prinzipien zu handeln, , lieber Vater," lautete Alminas Einwand. „Ich hoffe, ich werde dieser Ansicht treu bleiben, erst muß man den Verstand zu Rate ziehen, dann erst das Herz."
Mißbilligend folgte des Grafen Blick der schlanken Mädchengestalt, als sie durch eine Zimmerflucht schritt. Hätte er gewußt, was ihr Inneres bewegt, er hätte vielleicht ein ernstes Wort mit der Tochter gesprochen. Gestern abend war Graf Lenner in Kreibach gewesen, er mußte als Reserveoffizier zu den Herbstmanövern, und es stand bei ihm fest, daß er nachdem seine Werbung um die Komtesse Mören anbringen wollte.
„Immer korrekt," dachte er, „es paßt so am besten, ich trete als Bräutigam an Alwinas Seite, sobald ich meiner Dienstzeit genügt. Es wäre übereilt, schon jetzt zu sprechen, wo wir uns gleich trennen müßten. Nur leicht sondieren will ich das Terrain, obgleich ich keinen Augenblick daran zweifle, daß sie meine Frau wird, sie ist zu verständig, um nicht die Vorteile einzusehen, die sich ihr durch ihr „Ja" bieten. Eigentlich liebe ich sie nicht, aber ich bewundere sie, und kein anderes Mädchen paßt so gut zur Gräfin Lenner wie diese schöne, stolze Erscheinung. DerFamilienschmuck wird sich königlich auf ihrem weißen Halse und in den Wellen ihres goldblonden Haares machen, man wird mir zu meiner Wahl Glück wünschen." 1
62. Jahrgang.
mit überwiesener Fracht (Zahlung der Fracht durch den Empfänger) angewendet werden kann. Hierbei macht es keinen Unterschied, ob die Sendungen aus Abschlüssen herrühren, die vor oder nach dem Inkrafttreten des Tarifs und zwar wie handelsüblich einschließlich Fracht getätigt sind. Es hat insbesondere die Absicht fern gelegen, dem Handel durch Zuführung eines nachträglichen Gewinnes etwaige Konjunkturschäden tragen zu helfen, auf deren Ersatz alle anderen Erwerbszweige dann den gleichen Anspruch erheben könnten. An der Tarifgrundlage hat sich durch die Neuausgabe des Tarifs vom 22. September d. Js., die auch die Sendungeu von Händler zu Händler einbezog, nichts geändert. Die unbeschränkte Freigabe der Sendungen von Händler zu Händler ist lediglich auf die zahlreichen Vorstellungen von Handelskammern und Einzelfirmen erfolgt, daß der Ausschluß der an Händler gerichteten Sendungen die Kalkulation erschwere, sodaß der Handel nicht in der Lage sei, die Ermäßigung den Verbrauchern wirklich gut zu bringen. Verweigert nunmehr ein Teil der Verkäufer den Verbrauchern überhaupt die Ermäßigung, so verstößt dies sowohl gegen die Absicht des Tarifs wie auch insbesondere gegen die Begründung mit der die Verallgemeinerung vom Handel selbst erbeten worden ist. Es möchte zunächst abzuwarten sein, ob nicht die nötige Aufklärung genügen wird, um die fraglichen Handelskreise im wohlverstandenen eigenen Interesse zu einem Aufgeben einer derartigen grundsätzlichen Weigerung zu bewegen.
— Ueber die Lebensmittelteuerung hat der frühere Sozialdemokrat Richard Calwer eingehende Untersuchungen angestellt und dabei ausgerechnet, daß die animalischen Nahrungsmittel im August 1911 billiger ge< < Wesen sind als im August 1910. Die Preise der vegetabilischen Nahrungsmittel haben eine kleine Steigerung erfahren; aber auch sie sind billiger gewesen als im Jahre 1909 und im Jahre 1907. Ferner wird in der „Emder Zeitung" mitgeteilt, daß der Preis für fette Schweine in Jever zurzeit 41 und 42 Mark für den Zentner Lebendgewicht betrage. In einer Anzeige desselben Blattes empfiehlt ein jüdischer Händler das Pfund Schinken zu 65 Pfg., Schulter- und Mittelstück zu 60 Pfg., Speck zu 55—65 Pfg., Köpfe und Füße zu 20 Pfg. — Sind das Teuerungspreise?
— Eine bemerkenswerte Feststellung hat kürzlich in der „Frankfurter Zeitung" der freisinnige Reichstagskandidat Arbeitersekretär Erkelenz gemacht, der über die Lebensverhältnisse in England schrieb - „Wie der deutsche
Warum tauchte ein anderes Gesicht in seiner Erinnerung auf: große, dunkle Augen, ein zierliches Per- söncheu, gerade der Gegensatz der Komtesse Mören, seine Jugendliebe, die Tochter eines pensionierten, armen Offiziers, die Lenner vor zwei Jahren kennen gelernt und die er seitdem zu vergessen bemüht war.
„Unsinn," brummte er verdrießlich, „das hätte noch gefehlt. Laura ist ohne gesellschaftliche Stellung und dann die vielen, kleinen Geschwister, der kränkelnde Vater, nein, nein, ich muß es mir aus dem Sinn schlagen. Liebe ist in der Ehe Nebensache, wenn sich Mann und K:«m nur achten können, wenn die äußeren Verhältnisse über- einstimmen, mehr braucht man nicht zum Heiraten, ich weiß, Alwina dentt darin wie ich."
Als Graf Lenner sich am Abend empfahl, ruhte die weiße, kühle Hand der Komtesse einen Augenblick länger als sonst in der des Bewerbers. Sie hatte seine leise Andeutung verstanden und sie so aufgefaßt, daß er Grund hatte zu hoffen. Er wußte, daß Alwine sich schon jetzt für gebunden hielt. Nach sechs Wochen kehrte sie aus Schweden zurück, dann waren die Manöver b«. endet, in Frack und weißer Binde erschien der allen willkommene Freier in Kreibach, die Eltern erteilen ihren Segen, und er war mit dem reichen und vornehmen Mädchen verlobt. In einigen Wochen war dann die Hochzeit, das junge Paar macht die obligate Reise nach Italien, im Frühjahr kehrten sie zurück, um auf der eigenen Scholle zu leben. Später mußte sich die schöne, junge Gräfin selbstredend am Hof vorstellen lassen. Wie stattlich würde sie in der Courschleppe aussehen, die Fa- milienjuwelen im blonden Haar. Lenner lächelte zufrieden. Alles korrekt, das ganze Leben nach diesem Prinzip geregelt, so war es recht. Und mitten in diesen stol- zenZukunftsträumen hörte er eine weiche Mädchenstimme, die mit verhaltenen Tränen sagte: „Leben Sie wohl, Graf Lenner. Gott segne Sie!"
Das war damals vor drei Jahren gewesen, als er Laura zum letzten Mal gesehen. 187,18*'