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Wchtenm Mum

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die Heine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 94.

Totensonntag.

Treues Denken an die Toten

Ist mehr, als ihr Grabmal kränzen.

Liebe fragt nicht nach Geboten, Liebe gleicht dem stillen Glänzen

Der Gestirne, die da oben Unentwegt gehn ihre Bahn.

Leid, von Gottes Trost umwoben, Zieht die Seele himmelan!

Totensonntag! An den Grüften Halten wir Gedächtnisfeier.

Ach, die Liebe möchte lüften

Den geheimnisvollen Schleier,

Der uns trennt von jenem Leben

Und von der verklärten Welt, Doch nur Glaube kann uns heben.

Uebers dunkle Gräberfeld.

Totensonntag! Schwer hernieder

Sich die Nebelwolken neigen,

Aber helle Glaubenslieder

Durch die Wolken aufwärts steigen.

Kein Sturm kann zurück sie schlagen, Auch der Sturm des Todes nicht, Weil wir's jauchzend singen, sagen:

Jesus unsre Zuversicht!

Totenfest.

Die Totenfestglocken läuten. Was ihr eherner Mund redet, ist die alte Wahrheit, daß jede Blume welkt, daß auch der Mensch nur eine flüchtige Er­scheinung in dem großen Getriebe der Zeit ist. Wir lassen an uns vorüberziehen den großen Zug des Todes; die Jahrtausende durchschreitet er, alt und jung, reich und arm, Fürsten und Bettler wandern in seiner Mitte. Unerbittlich geht der Tod durch die Lande. Auch an unsere Tür hat er gepocht, und Vater oder Mutter Bruder oder Schwester, Gatte oder Kind mußten Abschied von uns nehmen und mitwandern ins unbekannte Land. Wie lange wird's währen, dann nähert sich uns der unheimliche Zug noch einmal, um uns selbst abzuholen und einzureihen in die Scharen vergangener Geschlechter. So alt der Zug des Todes, so alt auch die Klage des Menschengeschlechts! Der Trieb zum Leben ist jedem Menschen eingepflanzt, des­halb ist der Tod sein Feind und sein Klageruf so er­schütternd. Welch ein Maß von Tränen, welch eine

Samstag, den 25. November

Summe von Schmerz wird auch heute am Totenfest aus der Tiefe der Gräber geweckt in den noch Leben­den, unermeßlich und doch nicht ausreichend, den Tod zu besiegen!

Die Menschen an den Gräbern trauern alle, sie weinen alle, und doch ist es nicht derselbe Schmerz, sind es nicht die gleichen Tränen. Wieviel Tränen der Verzweiflung werden vergossen! Diese armen Menschen setzen eine gebrochene Säule auf das Grab ihrer Entschlafenen, selbst gebrochen und zerknickt; sie haben keine Hoffnung und kennen an Gräbern nur die eine Melodie:Kein Jenseits gibt's, kein Wiedersehn!" Wie viel Gewohnheitstränen sind an Gräbern zu finden, Tränen, die weiter nichts sind, als der Ausdruck einer augenblicklichen, vorübergehenden Rührung. Das sindTotenfesttränen", die sich gar bald verlieren und keinen Wert haben. Es gibt aber auch heilige Tränen, hervorquellend aus echter, treuer Liebe; sie sind kein Schleier, der die Seele in Nacht versetzt. Glückliche Menschen, die am Totenfeste durch Tränen über Tod und Grab Hinwegschauen in das Land der Hoffnung, wo es ein Wiedersehen und keinen Tod mehr gibt! Diese Hoffnung stammt von Gott und erfüllt uns mit göttlicher Freudigkeit bei aller Trauer!

Doch damit haben wir noch nicht genug; denn es gibt am Totenfest noch einen andern Kummer, das ist der Schmerz über die eigene Hinfälligkeit. Ob wir im Getriebe des Lebens es auch oft vergessen, das Toten­fest erinnert uns mit unerbittlicher Härte daran, daß man auch uns einst zur Ruhe bettet. All unser Streben hat dann ein Ende, all unser Besitz bleibt hier, auch uns wird man beweinen und einst vergessen. Der Tod drängt uns die Frage auf: Wozu alle Mühe und Arbeit auf dieser Erde? Aus manchem Herzen ringt sich die verzweifelte Antwort los: Alles ist eitel! Nie geboren zu sein ist das Beste, der Tod ist das größte Uebel in der Welt! Was soll unsere Antwort am Totenfest sein? Nicht Verzweiflung, sondern ernster Kampf; es gilt, den Tod zu überwinden! Das ist frei­lich nicht leicht! Blose Resignation ist kein Sieg, sie läßt uns in der Sterbestunde im Stich. Unser Kampf wider den Tod sei vielmehr ein Ringen nach Gott, der das Leben ist! Wer Gott sein eigen nennt, hat den Tod überwunden; das Leben ist für ihn lebenswert, denn es hat sittliche Aufgaben, der Tod verliert für ihn seine Schrecken, denn er ist ihm der Eingang zu neuem Leben.

Mit Gott triumphieren wir mitten im Tode! Mag

62. Jahrgang.

das Totenfest uns auch manche Wunde aufreißen im Blick auf Gräber, beim Gedanken an unser Ende immer noch klingt es so sieghaft durch alle Totenklage: Gott lebt: Schreiben wir es uns doch über Gräber und ins Herz: Gott lebt! damit wir getrost werden in Tränen und nur noch ein Ziel kennen: durch Leben und Tod hin zu Gott!

Deutsches Deich.

Der Kaiser, Fürst und Fürstin Fürstenberg und die gesamte Jagdgesellschaft unternahmen am Mittwoch vormittag einen Ausflug in Automobilen bei gutem Wetter nach der Burg Hohenzollern. Dort wurde das Frühstück genommen, zu dem auch der Fürst von Hohen­zollern mit Tochter und Gefolge geladen waren. Die Rückkehr erfolgte nachmittags 4 Uhr.

Die Kaiserin hat am Dienstag einem höherem Beamten ihres Hofstaates, der in der Charitöe in der Klinik liegt, dort einen Besuch abgestattet. Ihre Majestät besuchte dann noch in Begleitung ihrer Schwester der Herzogin Adelheid von Schleswig-Holstein Glücks­burg und des Prinzen und der Prinzessin August Ml- helm die Ausstellung Alt-China im Hohenzollern-Kunst- gewerbehaus.

Der Reichstag erledigte am Sonnabend das Schiffahrtsabgabengesetz bis auf einen kleinen Rest, wo­bei sich die Debatte um Dinge drehte, die mit der Vor­lage gar nichts zu tun hatten. Bei der Abstimmung wurden alle Anträge mit Ausnahme des auf die Aller bezüglichen Antrages, den die Regierung akzeptierte, ab­gelehnt. Eine Erledigung der ganzen Vorlage vereitelte der freisinnige Abg. Gothein, indem er unter Hinweis auf die schwache Besetzung des Hauses und die von ihm eingebra^uu wichtigsten Anträge die Absetzung der noch ausstehenden Artikel forderte und für den Fall eines Widerspruchs die Beschlußfähigkeit den Hauses be­zweifelte. Da die Beschlußunfähigkeit des Hauses außer Zweifel stand, mußte man, um die Sitzung nicht vor­zeitig zu Ende gehen zu lassen, Herrn Gothein Folge leisten. Das Haus trat dann in die zweite Lesung der Gewerbeordnungsnovelle betr. Lohnbücher, die Fort­bildungsschule usw. ein. Eine Anzahl Anträge der Sozialdemokraten gegen verschiedene Bestimmungen der Vorlage wurde abgewiesen und die zweite Lesung er­ledigt. Dann vertagte sich das Haus auf Montag, den 27. November.

Der hessische Landtag der 58 Abgeordnete gegen 50 des alten zählt, setzt sich nach den nunmehr er-

Hesichnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 36

Ihre jungfräuliche Herbheit hat sich bisher stets ge­gen die Beeinträchtigung ihres freien Willens gesträubt, etzt scheint es ihr, als müßte alles so sein, wie es be- tininit. Eine Müdigkeit kommt über sie, der sie nachgibt, ie schläft fest ein. Sie weiß nicht, daß Tom White hin und wieder nach seiner Patientin sieht, daß die ernsten Augen lange auf ihren klassisch schönen Zügen ruhen, auf der schlanken Gestalt und den weißen Händen, die hilflos wie die eines Kindes zu beiden Seiten des Kör­pers liegen.

Ausgeschlafen?" fragt White mit einem fröhlichen Ton, als Alwina zwei Stunden später erwacht. Sie gähnt herzhaft und will aufstehen.

Liegen geblieben," befiehlt er,so, dieses Kissen un­ter den Kopf ist eine Vergünstigung, die ich Ihnen ge­statte."

Er schiebt ein Luftkissen unter das blondeHaupt, wo­bei er es leicht emporhebt.

Denken Sie, daß ich ein Krankenpfleger bin, Kom­tesse," sagt er lachend,auf der Reise schwinden die stren­gen, gesellschaftlichen Regeln, denen wir uns sonst skla­visch beugen, da tritt oft nur der Mensch dem Menschen gegenüber, was ich immer für einen Vorteil halte."

Wie ist jetzt die See?" fragte Alwina.

Sie geht noch hoch, doch wird sie sich gegen Abend beruhigen," entgegnet White zuversichtlich,wir werden eine schöne Fahrt haben, übrigens kommen wir ja in eltngen Stunden in Kopenhagen an. Jetzt aber müssen «le essen, ich werde etwas bringen."

Nach fünf Minuten war er wieder da, er trug ein Tablett, auf dem verschiedene Butterbrote und salzige Fische den Appetit reizten.

Alwina wollte sich erheben, er wehrte ihr.

»Bitte, liegen zu bleiben, ich werde Sie wie einen

Rekonvaleszenten füttern," befahl er wieder und nahm neben dem Sofa Platz, ihr jeden Bissen in den Mund schiebend, mit fast frauenhafter Sorgfalt.

Wenn mich Lenner sähe," dachte sie abermals, wie sie es bereits gestern getan.

Sie haben wieder frischere Farben," bemerkte White, ich bin mit Ihnen zufrieden."

Auch Graf Mören kam bald darauf und sah sich nach seiner Tochter um, er hielt es denn doch nicht län­ger in der dunrpfen Kajüte aus. Alwina saß jetzt auf einem Schiffsstuhl im Freien und neben ihr der Fremde mit den weißen Haaren.

Lieber Vater," sagte die Komtesse mit leichter Be­fangenheit,erlaube, daß ich Dir Herrn Tom White vorstelle, er hat mich freundlich gepflegt, ihm verdanke ich es, daß tch nicht krank geworden bin."

Die beiden Männer reichten sich die Hand. Mören sprach einige Worte des Dankes, und der Fremde und er unterhielten sich längere Zeit, gegenseitiges Wohlgefallen an einander findend. Während der übrigen Fahrt bot sich keine Gelegenheit zu einem nochmaligen Alleinsein Whites und der Komteffe, nach und nach legte sich der Sturm, und die Reisenden erschienen auf dem Verdeck.

In Kopenhagen landete man bei ziemlich ruhiger See. In der Unruhe, der Ankunft und der Sorge um das Gepäck sah Alwina White erst, als sie an Land wa­ren und in einer Droschke davonrollten.

Ich hätte ihm doch danken müssen," dachte Alwina, als sie den höflichen Gruß des Fremden erwiderte, er hatte den Filzhut abgenommen, und sie sah sein Haar schimmern, als der Wagen an ihm vorbeifuhr.

Ob wir uns noch im Leben wiedersehen?" fuhr eS ihr durch den Sinn.Wenn er es will, wird es ge­schehen."

Er mußte nicht wollen, denn sie trafen sich nicht in den zwei Tagen, die sie in der dänischen Königsstadt blieben. Wahrscheinlich war er gleich weiter gereist.

Seltsam, Alwina fühlte sich enttäuscht und etwas,

I nur ein klein wenig verstimmt. Hatte er in dem kurzen Sturm schon eine solche Macht über ihr kühles Herz gewonnen, daß sein Fernbleiben ihre Laune beeinflußte?

Pah, welch ein Unsinn. Das war ja ganz unmög­lich, ganz undenkbar!" so dachte Komtesse Mören ärger­lich.

In Gothenburg blieben der Graf und seine Toch­ter nur einen Tag, es zog den Sohn zur Mutter nach dem alten Schloß an der Götaelf. Ein Jugendfreund Adolfs lebte in Gothenburg, und er suchte den alten Junggesellen auf, während Alwina allein durch die Stadt streifte.

In dem öffentlichen Garten, der das Theatergebäude umgibt, besitzt Gothenburg ein erhabenes Kunstwerk, eS ist die bekannte bronzene Gruppe MolinsDie Rin­ger". In Stockholm ist nur eine Kopie vorhanden. Je­der, der dieses Meisterwerk zum ersten Male sieht, ist davon ergriffen. So war es auch Komteffe Mören, welche die Abbildungen dieser Ringkämpfer gesehen und nun bewundernd auf die Gruppe zuschritt. Ihr Fuß stockte, da .. da stand Tom White ganz im Anblick der herr­lichen Schöpfung Molins versunken.

Ja, er mußte es sein, das weiße Haar, die straffe Haltung, das leicht erhobene Haupt konnten nur dem jungen Greise" gehören, so nannte sie heimlich den Fremden, der heute einen hellen Anzug statt der Touri­stenkleidung trug.

So leicht Alwinas Schritt war, sein scharfes Ohr hatte ihn gehört, er wandte den Kopf und sah sie kom­men. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie fliehen, als erlaube er es nicht. Langsam kam sie näher, bis sie vor ihm stand. Und dann hielt sie ihm lächelnd die Hand hin. Sie begrüßten sich wie gute Bekannte, die sich freuen, sich wiederzusehen. White deutete auf die Gruppe und fing an, über sie zu sprechen, die Runenschrift auf dem Sockel erklärend.

Sehen Sie, gnädiges Fräulein, so verteidigten die alten Wickinger ihre Ehre," schloß Tom White. 187,18*'