Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 6». Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
3« 95. Mittwoch, den 29. November 1911.
Wie CrUtärungeNädes Reichskanzlers von Bethmann Hollweg über das deulsch-französischeAbkommen.
Meine Herren! Zur Beurteilung der Ihnen vorliegenden Abmachungen wird es zunächst von Wert sein, die letzte Entwicklung der marokkanischen Frage und einiges Wesentliche aus den getroffenen Abmachungen vorzutragen.
Die Vorgeschichte.
Die Akte von Algeciras war bestimmt, die Selbständigkeit Marokkos aufrecht zu erhalten, um das Land zugunsten des Handels aller beteiligten Mächte wirtschaftlich zu entwickeln. Es zeigte sich bald, daß eine wesentliche Voraussetzung hierzu fehlte: ein das Land tatsächlich beherrschender Sultan, imstande, die vorgesehenen Reformen durchzuführen. Auch der Sultan Hafid vermochte es trotz seiner persönlichen Eigenschaften nicht: er geriet immer mehr in fremde Abhängigkeit und wurde deshalb von den Stämmen seines eigenen Landes immer lebhafter befehdet.
Dies führte zu immer größerem Einfluß Frankreichs; denn von den vier Mächten, welche seit den 70er Jahren vertragsmäßig Militärmissionen am Hofe des Sultans unterhielten, hatte sich nur die französische Mission durch- zusetzen vermocht. Ebenso war Frankreich seit langem der Geldgeber Marokkos. Die Lage des von feindlichen Stämmen bedrängten und in Fez eingeschlossenen Sul« tans wurde schließlich so prekär, daß Frankreich den Mächten erklärte, es müsse für das Leben und Eigentum seiner am Hofe des Sultans befindlichen Offiziere und der europäischen Kolonie ernste Besorgnisse fcgsii. Frankreich erklärte deshalb, Truppen nach Fez schicken zu wollen, um die Europäer nach der Küste zurück- zuführen.
Wir hatten keine so bedrohlichen Nachrichten aus Fez und erklärten deshalb, daß fremde Hilfe für unsere Kolonie nicht erforderlich sei. Da wir aber natürlich keine Garantie für das Leben der anscheinend bedrohten Franzosen übernehmen konnten, erhoben wir keine Einwendungen. gegen den Zug nach Fez zur Zurückführung der bedrohten Franzosen nach der Küste. Wir knüpften aber daran den ausdrücklichen Vorbehalt, den wir auch öffentlich bekanntgaben, daß wir uns unsere Handlungsfreiheit vorbehielten, sobald die französische Expedition den angegebenen Zweck überschreite, und dies auch dann, wenn das Hinausgehen lediglich eine Folge der sich aus der Expedition ergebenden äußeren Umstände sein sollte. (Hört, hört! rechts.)
Hesührrt.
Roman von G. v. Schlippenbach.
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„O, ich finde es schon!" rief Alwina. „In meinen Augen ist die Ehre alles, ohne sie ist das Leben nichts!"
Es zuckte eigentümlich über das Gesicht Whites.
. „Was tut man heutzutage, um seine Ehre, die vielleicht befleckt war, rein zu waschen?" fragt er mit sonderbar schwerer Betonung.
„Nun, man steht mit der Pistole in der Hand seinem Gegner gegenüber und schlägt sein Leben in die Schanze," versetzte Almina schnell; wenigstens sind das die üblichen Begriffe."
White lachte bitter.
„Und wenn die Satisfaktion verweigert wird?" fragte er bitter. „Wenn man die Heimat verläßt und durch die Arbeit seinen Namen von etwaigen alten Flecken säubert, wenn man als Jüngling gestrauchelt und als Mann wiederkehrt, sturmgeprüft und mit dem Bewußt- Rechtes gegangen zu sein, darf man ^ Haupt frei'erheben und jedem offen begründet hat^?" nI§ ^r, der seine Ehre neu und besser
den Sprecher an, dessen gesteigert, dessen Auge flammte, und der dastand mit stolz erhobenem Haupte, die Rechte mgrnuuug geballt. 7
„Sie sind ein beredter Anwalt derjenigen, die auf der Lebensbahn enteisten." sagt sie hochmütig Gewiß räume ich es Ihnen ein, daß die Arbeit vieles gut macht, immerhin bleibt ein Tropfen Gift nach wenn ein Mensch etwas gegen die Ehre getan. Wir vergeben so schwer und verurteilen so leicht."
Tom White steht abgewandt da, seine breite Brust arbeitet, und es dauert ziemlich lange, bis er sagt: „Sie haben recht, niemand ist grausamer als der Mensch ge- pen ■ den Menschen. Wir sind wie Raubtiere gegen ein?
Dies traf, wie vorauszusehen zu. Frankreich schaltete vermöge seines allmählich absolut gewordenen Einflusses auf den geretteten Sultan ziemlich unbeschränkt als Herr im Lande. Damit war die Voraussetzung der Algecirasakte — ein selbständiger Sultan — hinfällig. Es ist zwar eingewendet worden, der Sultan habe ja die Franzosen selbst zur Hilfe gerufen; aber ein Herrscher, der fremde Truppen zu Hilfe ruft, der sich nur auf fremde Bajonette stützt, ist nicht mehr der selbständige Herrscher, den die Algecirasakte zur Voraussetzung hatte. Wir gaben dies zu erkennen und legten Frankreich eine Verständigung nahe, wobei wir natürlich Frankreich die Initiative zuschoben. Nur in allgemeinen Umrissen deuteten wir unser Programm dahin an, daß wir bereit seien, der durch die veränderten Verhältnisse bedungenen veränderten französischen Stellung Rechnung zu tragen, daß wir aber dafür genauere Garantien für die uns zugesicherte Gleichheit auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, insonderheit bei öffentlichen Unternehmungen, verlangen müßten, daß wir außerdem Kompensationen für diejenigen Rechte fordern müßten, die sich Frankreich vorherige Verständigung mit uns über Buchstabe ^' inn der Algecirasakte ■ inaus zugelegt hatte.
Agadir.
Wir erhielten zunächst keine positiven Vorschläge aus Paris, während sich die französische Militärmacht in Marokko immer mehr ausbrc itete und sich allmählich die Fiktion festzusetzen begann, nicht nur in Frankreich, sondern auch bei den anderen Mächten, als handele Frankreich infolge eines europäischen Mandats. Als daher deutsche Interessen infolge der Ereignisse in Marokko bedroht erschienen, entsandten wir ein Kriegsschiff nach Agadir. Die Entsendung dieses Schiffes hatte zunächst den Zweck Leben und Eigentum unserer Untertanen zu schützen. Sie war aber gleichzeitig eine deutliche Kundgebung unserer Berechtigung und unseres Willens, unsere Untertanen in Marokko ebenso gut selbständig zu schützen wie Frankreich die seinigen, so lange letzteres sich nicht anderweitig mit uns verständigt haben würde. Dieser Zweck der Entsendung unseres Schiffes und ihre Beschränkung auf diesen Zweck ist unmittelbar vor Eintreffen des Schiffes den Mächten durch unsere bei ihnen beglaubigten Botschafter und Gesandten kundgegeben worden. Es ist also eine unwahre Behauptung, wenn in der Presse, in der fremden Presse, die Schiffsendung nach Agadir als eine Provokation und als eine Drohung dargestellt wurde. Wir
ander und zerfleischen uns, wenn auch nicht körperlich, so doch seelisch-geistig, was schlimmer ist."
„Wie bitter Sie das sagen. Haben Sie denn so düstere Erfahrungen gemacht?"
„Wer macht sie nicht?" sagt er in leichterem Ton, „aber wir sind da auf ein Thema gekommen, das wir lieber nicht weiter ausspinnen wollen. Darf ich mir die Frage erlauben, gnädiges Fräulein, ob Sie hier längere Zeit zu bleiben gedenken? Leider muß ich schou morgen Gotheuburg verlassen."
„Auch wir reisen morgen nach Mörenholm zu meiner Großmutter," antwortete Alwina ziemlich kurz, denn wozu brauchte dieser Fremde sie auszuforschen.
Er fragte nicht, in welchem Teile Schwedens Mörenholm lag, er begleitete sie noch ein Stück und verabschiedete sich beim Museum, wo Graf Adolf seine Tochter bereits erwartete.
Nach kurzer Fahrt auf bem Bergstrom am Nachmittage des folgenden Tages hatten die Reisenden ihr Ziel erreicht.
Alwina hielt noch immer den Kopf in die Hand gestützt, während die Erinnerung an die letzte Zeit sie erfüllte. Sie wollte es sich nicht eingestehen, daß der Anblick Toni Whites sie freudig überrascht hatte, er nutzte nach ihnen angekommen sein. Ob er hier bleiben würde, oder ob er nur eine Nacht drunten im Gasthause Rast hielt? Siewußte uicht, was sie wünschen sollte.
Durch die Stille kam ein Laut zu ihr hinüber, der sie aufhorchen ließ, ein fernes, gewaltiges Brausen, die Stimme des Trollhätta, der Wind trug den Ton herüber. Alwina schauerte, ihr war so eigen 'zu Mute, erivar- tungsvoll, traurig, sehnsüchtig und glücklich, so hatte sie noch nie empfunden. Und das heiße Gesicht der frischen Rachtluft zuwendend, rollte Träne um Träne über ihre Wangen, ohne daß sie sie trocknete, ohne daß sie ihnen wehrte. * *
Seit einer Woche waren Graf Adolf Mören und Al-
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provozieren und bedrohen niemandem, aber wir wahren unsere Rechte, meine Herren, und wir werden uns darin durch niemand beirren oder behindern lassen. (Sehr gut!)
Beginn der Verhandlungen mit Frankreich.
Danach kam es zur Aussprache mit Frankreich. Vom rein formellen Standpunkte aus konnten wir die Wiederherstellung des Status quo ante, d. h. des Statuts von 1906, fordern. Vom theoretischen Standpunkte aus wäre das richtig gewesen. Praktisch war es unmöglich, ohne innere Wirren befürchten zu müssen, Marokko wieder ganz von fremden Truppen zu entblößen. Außerdem wäre die restitutio in integrum nur eine höchst unvollständige gewesen, weil der nachhaltige Eindruck, den das Vorgehen Frankreichs hervorgerufen hatte, auch nach Zurückziehung der Truppen bestehen geblieben wäre. Schließlich wären wir auch nur, und zwar unter für uns ungünstigen Umständen, zu einem Punkt zurück» gelangt, der der Ausgang jahrelanger Reibereien gewesen war, deren Beseitigung von beiden Regierungen gleichmäßig gewünscht wurde. Die Behauptung, daß die Entsendung des „Panther" nach Agadir Lander» werd in Marokko bezweckt hätte, ist unrichtig. Schon durch das Februarabkommen von 1909 war Landerwerbung in Marokko ausgeschlossen. Unser bereits lange vor Entsendung des Kriegsschiffes festgelegtes Programm bewegte sich aus derselben Linie. Die Um richtigkeit der Behauptung wird auch durch die Erklärungen dargetan, welche wir den fremden Mächten unmittelbar vor Eintreffen des Schiffes in Agadir gegeben haben; sie folgt endlich auch aus den Erklärungen, die wir veim Eintreffen des Schiffes durch die Organe der Presse in die Oeffentlichkeit haben gelangen lassen. Es ist in hohem Grade beklagenswert, daß diese unrichtige Behauptung auch bei uns dazu benutzt worden ist, um in unpatriotischer Weise ein Zurückweichenjder Kaiserlichen Regierung und eine Demütigung des Landes zu ton* struieren. Bei den Verhandlungen mit Frankreich war der leitende Gedanke der, daß sich die Unmöglichkeit ergeben hatte, daß die Marokkaner aus eigener Kraft die Ordnung in ihrem Lande herstellten und aufrecht er« hielten, daß es dazu des Eingreifens einer fremden Macht bedürfe. Diese konnte für den überwiegenden Teil Marokkos nur Frankreich sein. Je größer die Freiheit war, die Frankreich hierin erlangte, desto mehr kam es in die Lage, die Bürgschaft und Verantwortung für die Ordnung zu übernehmen. Dagegen haben wir weitgehende und detaillierte Garantien für die Gleichberechtigung des nichtfranzösischen Handels, der nicht-
>H«W«I»MN^»*Mil I1 l WH AIVIIIH^i .lIhlWU'i: H m»MMMMMI wina bei der alten Gräfin, und auch die anderen Kinder waren herbeigeeilt, um die deutschen Gäste zu begrüßen. Das Greisenantlitz mit den milden, blauen Augen strahlte, wenn sie ihre Lieben versammelt sah, sie wußte es wohl, daß es zum letzten Mal war.
Alwina hatte gleich am Tage nach ihrer Ankunft mit Fräulein Elsheim einen Ausflug nach der Insel gemacht, die in der Elf liegend, die Ruinen der alten Edsborg trägt. Einst soll hier eine alte Burg gestanden haben, die Sage darüber greift bis ins Altertum hinüber. Hier sah die Komtesse Tom White wieder, doch tauschten sie nur einen förmlichen Gruß aus, seitdem schien der „junge Alte" fortgereist zu sein, und Alwina wußte nicht, ob sie sich freuen oder betrübt sein sollte. Sie verschanzte sich wieder in ihre gewohnte Kälte und machte sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut, Lenners Gemahlin zu werden. Die kleine Episode auf der Reise hatte doch wahrlich nichts zu sagen, das war ein kurzer Traum gewesen, wie wohl jedes junge Mädchen ihn erlebt.
Die schwedischen Verwandten waren von der deutschen Nichte und Base entzückt, man fuhr auf der Elf zu Boot und besuchte in großer Gesellschaft die schön- gelegenen Punkte der Nachbarschaft. Das Endziel der Reise sollte Stockholm sein. Dorthin wollte Graf Adolf und seine Tochter über den Wettersee, um in der Hauptstadt noch einige Tage zu bleiben, ehe sie über Kiel Heim- kehrten.
Mit der Bahn fuhr die junge Gesellschaft eines Morgens an die Trollhättafälle, die man den Gästen zeigen mußte. Die Ufer der Elf bestehen aus hohen, moosbewachsenen Felsen, die Nadelholz krönt. Die Gotaelf, durch welche der große Wenersee seinen Ausfluß in das Meer sucht, wirft sich über einen Felsen, welcher mit seinen Absätzen eine Senkung von 112 Fuß macht.
Man kann sich daher sehr leicht vorstellen, mit welcher Kraft das Wasser hinabstürzt, wie weit man sein Tosen hören kann 187,18*