Nüchterner Zeitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
JI2 20. Samstag, den 9. März 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
Jr-Nc. 1829 K. A. Am Samstag, den 23.
März Born» 10 Uhr findet in Schlächtern an der Siadthalle eine ZiegenVock-KSrung statt.
Zu dieser sind außer den noch nicht vorgeführten Böcken auch diejenigen Gemeindeziegenböcke vorzuführen, welche von dem Herrn Kreistierarzt angekört sind, aber ein Körzeichen für den Kreis Schlächtern noch nicht besitzen. Die Herren Bürgermeister wollen in Ihrer Gemeinde für möglichste Verb.eitung der vorstehenden Bekanntmachung sorgen. Die Herren Körungskommissionsmitglieder ersuche ich, den Termin wahrzunehmen. Im Falle der Behinderung, bitte ich um rechtzeitige Nachricht, damit für Einberufung eines Stellvertreters gesorgt werden kann.
Das Körregister geht dem Herrn Vorsitzenden der Ziegenbock-Körkommission in den nächsten Tagen zu.
Schlüchtern, den 4, März 1912.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Das Programm der Korfureise des Kaisers hat eine Aenderung erfahren. Der angekündigte Besuch beim König von Italien unterbleibt vorläufig, eine spätere Zusammenkunft ist jedoch nicht ausgeschlossen. Der Besuch des Kaisers in Wien ist auf den 24. März und der Aufenthalt in Pola auf zwei Tage festgesetzt. Die Kaiserin wird ihren Gemahl nicht begleiten, sondern vom 23. März ab in Homburg v. d. H. Aufenthalt nehmen, wo auch die Prinzessin Viktoria Luise erwartet wird.
— Wien. Wie das Fremdenblatt meldet, wird Kaiser Wilhelm am 23. März früh hier eintreffen und den Tag über in Schönbrunn bleiben, wo mittags Familiendiner und abends Hoftafel siatlfinden wird. Am gleichen Abend wird der Kaiser nach Venedig abreisen. Voraussichtlich werden die Prinzessin Viktoria Luise und Prinz und Prinzessin August Wilhelm den Kaiser begleiten.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend die zweite Lesung des Etats des Innern fort, und die Debatte gipfelte in einer Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Sozialdemokraten über die Koalitionsfreiheit und den Schutz der Arbeitswilligen. Graf v. Carmer (kons.) verlangte Maßnahmen gegen das Ueber« handnehmen der Wanderlager, der Warenauktionen des Hausierhandels und des Konsumvereinswesens, und betonte die Forderung des Handwerkerstandes nach end
licher Abgrenzung der Begriffe der Fabrik und Handwerksbetrieb. Ferner trat er für einen größeren Schutz der Arbeitswilligen und verschärfte Strafbestimmungen für Streikvergehen ein, indem er dartat, daß in der Schweiz und in Amerika, Staaten, die sonst wegen ihrer „freiheitlichen Konstitution und Verwaltung" hoch gepriesen werden, weit schärfere Vorschriften zum Schutze der Arbeitswilligen bestehen als in dem des reaktionär verschrienen Deutschen Reiche. — Am Montag wurde die Debatte ganz von der Wirtschaftspolitik ausgefüllt. Nachdem die Abgg. Mumm kchristl.-soz.) und Werner (Resp.) gesprochen, verbreitete sich Staatssekretär Dr. Delbrück in längerer Rede über die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Er sprach zunächst die Hoffnung auf eine weitere, wenn auch langsame Besserung der Konjunktur aus und erkannte die Leistungen der Bank- und Handelswelt, insbesondere auch der Reichsbank, bei Ueberwindung der bekannten Schwierigkeiten im letzten Sommer an. An den neuen Handelsverträgen arbeite das Reichsamt bereits seit Jahren und zwar in dem Sinne, daß eine wesentliche Aenderung des Zolltarifs nicht beabsichtigt sei, daß dagegen an Einzelheiten viel zu bessern wäre. Auch sprach er sich entschieden gegen ein allgemeines Syndikatsgesetz aus, glaubte dagegen, daß im Laufe der Zeit dieses oder jenes Spezialgesetz zur Regelung des Syndikatswesens notwendig sein würde.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Sonnabend mit Initiativanträgen. Ein Antrag des Abg. v. Brandenstein (kons.) auf Revision der Geschäftsordnung, dem sich sämtliche Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokratie anschlossen, wurde der Ge- schästsordnungskommission überwiesen. Die von konservativer und nationalliberaler Seite eingebrachten Anträge auf Regelung des Submissionswesens gingen an die Kommission für Handel und Gewerbe. Die Beratung über einen Antrag der Freikonservativen und des Zentrums auf Erlaß eines Wohnungsgesetzes zur Besserung der Wohnungsverhältnisse wurde abgebrochen nachdem ein Regierungsvertreter erklärt hatte, daß Erwägungen über die Vorlegung eines Wohnungsgesetzes und Bestrebungen, die auf die Herabdrückung der Boden- und Baupreise abzielen, bereits im Gange sind. — Am Montag wurde der Etat der Bergverwrltung beraten, wobei auch die Bergarbeiterbewegung erörtert wurde. Handelsminister Dr. Sydow ging zunächst auf die Frage der Sicherheitsmänner ein; es ließe sich nach zweijährigem Bestehen dieser Institution noch kein ab
schließendes Urteil fällen. Zum Streik im Ruhrrevier sprach er die Hoffnung aus, daß der drohende Kampf vermieden werde. Beim Riesenstreik in England wies er darauf hin. daß auch die in England völlig bestehende Koalitionsfreiheit der Arbeiter schwere wirtschaftliche Erschütterungen nicht zu verhindern vermocht hätte. Die Abgg. v. Brüning (kons.) und Spinzig (frkons.) sprachen gegen die Verhetzung der Arbeiter durch die Sozialdemokraten. In der nun folgenden Einzelberatung verbreitete sich der Abg. Dr. Levy (natl.) ausführlich über die Schädigung, welche die Einwohner von Hohensalza durch die Erdeinstürze erlitten haben.
— Die Auflösung des schwarzburg-rudolstädter Landtags, der in seiner Mehrheit aus Sozialdemokraten besteht, ist erfolgt, nachdem er einen Regierungsantrag auf Abänderung des Wahlgesetzes abgelehnt hatte.
— Im preußischen Kriegsministerium hat man eine Zusammenstellung der Elatsstärke des deutschen Heeres, wie sie nach den Neuformationen durch den jetzigen Etat sich ergibt, gemacht. Danach zählt das deutsche Heer 388 Generäle. Auf Preußen kommen 302, auf Sachsen 27, auf Württemberg 13 und auf Bayern 46. Hinzu kommen zu der Gesamtheit noch 2 Generäle, die beim Reichsmilitärgericht einschließlich des bayerischen Senats tätig sind. Die Zahl der Regimentskommandeure beträgt 688, die Zahl der Stabsoffiziere als Bataillonskommandeure usw. 2399, die der Hauptleute und Rittmeister 6687, die der Oberleutnants und Leutnants 15 519. Wir haben also, da für Preußen, Sachsen und Württemberg noch 177,24 und 21 Offiziere hinzutreten, insgesamt im Deutschen Reich 25965 Offiziere. Die Zahl der Sanitätsoffiziere beträgt 2292, hierzu kommen auf Preußen 1762, auf Sachsen 170, auf Württemberg 89, auf Bayern 271. Die Zahl der Veterinäre beträgt 775. Hiervon kommen auf Preußen 600, auf Sachsen 62, auf Württemberg 28 und auf Bayern 85. Oberzahlmeister und Zahlmeister hat die deutsche Armee 1113. (859, 81, 43, 130.) Armeemusikinspizienten gibt es nur 2, die beide auf Preußen kommen. Werkstättenvorsteher, Materia' ienverwalter werden 7 gezählt, Maschinenmeister 5, Waffenmeister 1039, Sattler 103, Obermusikmeister und Musikmeister gibt es 491, Unterzahlmeister 1237, Hartschiere 92, Schirrmeister 122. Luftschiffobersteuerleute, Steuerleute und Untersteuerleute, Luftschiffobermaschinisten, Maschinisten und Untermaschinisten im ganzen 11, Feldwebel und Wachtmeister werken 5479 gezählt. Vizefeldwebel und Vizewachtmeister 1275, Fähnriche 3999, Unter-
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 10 ’
„Ludolf Pöplaus Schwestern haben Stellen als Kammerjungfern oder Kinderfräulein angenommen," fuhrNoß- witz fort. „Das ist die Familie, in Die Fräulein von Ruf- fer heiraten, die sie uns als Verwandte bringen will."
„Es sind ehrenwerte Leute, Ihr habt aber nicht nötig, sie als Verwandte anzuerkennen, wenn sie Euch nicht gut genug sind."
„Nein, sie sind uns nicht gut genug und wir werden auch Dich von einem wahnsinnigen Schritte zurückzuhalten wissen. Diese sogenannte Verlobung existiert nicht mehr."
„Meine Mutter hat sie gebilligt."
„Sie tat es in ihrer grenzenlosen Schwäche für Dich; wir würden sie gelehrt haben, die Sache mit anderen Augen anzusehen.' Von heute an verbieten wir, Deine Schwester und ich, Dir jeden Verkehr mit jenem Burschen."
„Dazu habt Ihr kein Recht, und ich werde Euch nicht gehorchen," antwortete Lydia.
„Edith, was sagst Du dazu?" fragte Noßwitz und sah seine Frau mit einem herausfordernden Blicke an.
„Volkmar hat recht, Lydia," sagte Edith weinerlich.
„Wie immer," versetzte diese.
„Du kannst uns diese Schmach, dieses Herzeleid nicht antun," sie wurde ganz warm und beredt.
„Es ist keine Schmach," antwortete Lydia und fuhr, die Hand der Schwester fassend, Mit steigernder Wärme fort: „Sieh doch mit Deinen eigenen Augen, Edith, und nicht durch die gefärbten Augen, die ein anderer Dir Vorhalt. Ludolf Pöplau ist brav, gebildet, wir kennen ihn und seine Eltern seit unserer Kindheit."
„Ja, ja," flüsterte Edith, durch dir Worte der Schwester gerührt, setzte aber mit einem scheuen Blick auf ihren Gatten hinzu: „Du mußt jedoch einsehen, daß es nicht angeht, daß es sich nicht schickt, wenn Du heimlich mit Hm zusammentriffst."
„Ich tue das nicht heimlich, wenn Du es aber nicht für schicklich hältst, daß ich ihm allein begegne, nun wohl, so mag er als mein Verlobter hier ins Haus kommen."
„Genug des Unsinns," fiel Noßwitz ein, „ich verbiete Dir, Edith, diesen Menschen überunsere Schwelle kommen zu lassen."
Lydia maß ihn mit einem langen Blick. „Dieses Haus ist auch das meine."
Edith schluchzte. „O Lydia, wie kannst Du so sein? Wir könnten so ruhig, so behaglich hier leben, bringe doch nicht solche unliebsame Störungen in unser Zusammensein."
Lydia sah sie mitleidig an. „Ich will Deine Ruhe und Dein Behagen nicht stören, Edith, Ludolf Pöplau soll dieses Haus nicht betreten, wo man so wenig freundliche Gesinnungen gegen ihn hegt; ich aber werde es mir nicht wehren lassen, ihn zu sehen, bei seiner Mutter, oder wo wir uns sonst zusammenfinden. Merke es Dir, Volkmar, ich treffe mit meinem Verlobten zusammen, nicht heimlich und verstohlen, sondern öffentlich, wie eS mein gutes Recht ist."
Mit diesen Worten hatte Lydia das Zimmer verlassen, und das Ehepaar war in recht unbehaglicher Stimmung zurückgeblieben. Noßwitz hatte getobt und gedroht, Edith geweint und geklagt, daß aus ihrem Leben alle Ruhe und alle Gemütlichkeit zu entschwinden drohe, und dann war einige Wochen lang alles scheinbar im ruhigen Gleise fortgegangen.
Noßwitz, der ein paarmal Ausflüge von zwei bis drei Tagen gemacht, ohne indes in viel besserer Laune heimzukehren, hatte nur gelegentlich durch irgend eine hämische Bemerkung kundgegeben, daß er das Verhalten der Schwägerin im Auge habe, aber seine Taktik insofern geändert, daß er die ganze Angelegenheit mehr als eine Kinderei behandelte, gegen die ernstlich aufzutreten gar nicht lohne. Von ihm aiigestachelt hatte Edith mehrmals versucht, Lydias täglicheeinsame Waldspaziergange zu vereiteln, indem sie die Schwester um deren Begleitung bei denJhrigen bat, aber ihre Trägheit hatte sie ihre List nicht häufig
ausführen lassen; ermattet sank sie nach kaum halbstündiger Wanderung auf eine Bank nieder und gab es auf, mit der unermüdlichen Schwester Schritt zu halten.
In der zweiten Hälfte des Juni war Noßwitz, der einige Tage nach Berlin und Hamburg gereist war, in einer seltsamen, ihm sonst nicht eigenen Erregung zurückgekommen, schweigsam und nachdenklich herumgegangen und hatte endlich Lydia beiseite genommen.
„Ich fürchte, Du wirst mir nicht glauben, Lydia," sagte er ohne lange Vorrede, „aber gesagt muß es endlich werden, Ludolf Pöplau betrügt Dich."
„Das ist nicht wahr!" fuhr das junge Mädchen auf.
„Auf diese Antwort war ich vorbereitet," erwiderte er, „deshalb bringe ich Dir hier die Beweise." Er legt ein Paket Briefe auf den Tisch.
„Woher hast Du dies ?" fragte sie argwöhnisch.
„Sollte Dir das so ganz unbekannt sein?" fragte« lauernd und fuhr, als sie die Augen niederschlug und ein höheres Rot ihre Wange färbte, fort: „Dieselbe Hand, welche Dir anonyme Briefe zusandte, hat solche auch an mich gerichtet. Du hast sie verächtlich beiseite gelegt, ich habe ihnen im Verein mit Deinem Vormund nachgeforscht. Hier hast Du die Resultate. Es ist Ludolf Pü- plau nicht um Dich, sondern um Dem Vermögen zu tun, er tröstet alle unsauberen Elemente auf die Heirat mit Dir. Ich will für jetzt kein Wort weiter mit Dir reden, lies, prüfe und sage Dir dann, wer eS wahrhaftig gut mit Dir meint."
Und Lydia hatte gelesen. Mt glühendem Kopf und trockenen, brennenden Augen hatte sie gelesen, waS ihr das Herz in der Brust sich wenden und ihr warmes Blut zu Eis gefrieren ließ. Ludolf, den sie liebte, dem sie grenzenlos vertraute, den sie für den Inbegriff der Wahrheit, der Treue und Redlichkeit hielt, hatte sie grenzenlos betrogen. An ein Mädchen in Berlin, mit dem er während seiner Studienzeit in Ebersivalde Bekanntschaft ange- knüpfthatteerBriefegeschrieben, welche fürLydiadietiefste Herzenskränkung waren. 191,18*