Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.«». Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1£ Pfg.
Mttwoch, den 11. September 1912.
63. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Konstanz. Der Kaiser ist mit Gefolge, von Kanonendonner und Glockengeläute begrüßt, Punkt 9 Uhr im Sonderzuge hier eingetroffen. Am Bahnhöfe hatte sich trotz des strömenden Regens eine vieltausend- köpfige Menge angesammelt. Die städtischen Vereine und die Feuerwehren sowie die Schulen bildeten auf dem kurzen Wege vom Bahnhöfe nach dem Hafen Spalier. Am Bahnhöfe waren kurz vor 8 7, Uhr Prinz Max von Baden und der Flügeladjutant des Großherzogs Generalleutnant Dürr eingetroffen. Der Großherzog muß wegen einer schweren Erkältung das i Bett hüten und war dadurch verhindert, den Kaiser | selbst zu empfangen. Hingegen war Großherzogin- Witwe Luise mit ihrem Hofmarschall Grafen Andlaw zum Empfang erschienen. Von den hiesigen staatlichen und städtischen Behörden waren der Landeskommissar Geheimer Regierungsrat Traub, der Amtsvorstand Geheimer Regierungsrat Dr. Belzer und Oberbürgermeister Dr. Weber zum Empfang befohlen. Ferner waren erschienen der preußische Gesandte v. Eisendecher und Graf Hornstein-Binningen. Der Kaiser schüttelte dem Prinzen Max von Baden freundlichst die Hände. Dann begrüßte der Kaiser seine Tante, die Großherzogin Luise, die er herzlichst küßte. Nach kurzer Vorstellung des Gefolges und der anderen anwesenden Herrschaften ging der Kaiser, die Großherzogin-Witwc am Arme sührend, nach dem bereitstehenden Wagen, begrüßt von vieltausendstimmigen Hoch- und Hurrarufen, die sich bis zum Kaiserschiff und bis zur Abfahrt nach der Insel I Mamau fortsetzten. Nachdem der Kaiser den Dampfer „Kaiser Wilhelm" betreten hatte, wurde die Kaiser-' standarte gehißt. Das Kaiserschiff wurde von zwei anderen Dampfern nach der Mainau begleitet. Der Kaiser unterhielt sich lange auf dem Verdeck mit dem Prinzen Max.
— Das bayerische Finanzministerium hat bei der Kammer der Abgeordneten einen Kredit im Betrage von drei Millionen Mark beantragt als erste Rate sür die Mainkanalisation von Hanau nach Aschaffenburg.
— Der Deutsche Juristentag über die Todesstrafe. Die Abteilung für Strafrecht und Strafprozeß des Deutschen Juristentages hat am Freitag nach dem glänzenden Referat des Geheimrats Kahl (Berlin) und dem Korreferat des Oberlandsgerichtsrats Warhanek (Wien), woran sich eine lebhafte Diskussion anschloß, Agende These des Geheimrats Kahl mit 159 gegen 158 Stimmen angenommen: Die Beibehaltung der
Todesstrafe in dem künftigen deutschen und österreichischen Strafgesetzbuch entspricht einer volkstümlichen Rechtsanschauung, die der Gesetzgeber achten muß. Sie ist aber auf die schwersten Fälle von Mord und Hochverrat zu beschränken und nicht als absolute Strafe anzudrohen. Ihre gänzliche Abschaffung ist für den Zeitpunkt vorbehalten, in dem sich die zweifelsfreie und allgemeine Rechtsüberzeugung von ihrer Entbehrlichkeit gebildet haben wird. Die Frage wird der heute statt« findenden Plenarversammlung zur erneuten Beratung und Beschlußfassung unterbreitet werden.
— Plötzlich und unerwartet kommt die Kunde von dem Tod des Präsidenten des Hamburger Senats Bürgermeisters Dr. Burchard, der nach kurzer Erkrankung an Influenza einem Schlaganfall erlegen ist. Der Tod dieses ausgezeichneten Mannes ist für die Hansastadt ein schwerer Schlag. Bürgermeister Dr. Burchard besaß in seltenem Maße die Eigenschaften, die zur Leitung des Hamburgischen Staatswesens erforderlich sind. Mit einer genauen Kenntnis der heimischen Verhältnisse verband er einen weiten Blick für die nationalen und weltwirtschaftlichen Aufgaben Hamburgs. Echte Patrizierwürde befähigte ihn zur weltmännischen und glänzenden Vertretung seiner Vaterstadt bei feierlichen Anlässen. Die verbindliche Feinheit seiner Natur, die der festen Zähigkeit nicht ermangelte, stellte er trotz häufig schwankender Gesundheit völlig in den Dienst der Oeffentlichkeit. Seit vielen Jahren vertrat Dr. Burchard Hamburg im Bundesrat. Der Kaiser beehrte den Verstorbenen mit besonderem Vertrauen. Weit über Hamburgs Grenzen hinaus reicht die Teilnahme %n Hinscheiden dieses tüchtigen Hanseaten und guten Deutschen.
Ausland.
— Durch Verordnung des Gouverneurs ist ein Eisenbahnrat für Deutsch-Südwestafrika zur ständigen Vertretung der Bevölkerung in Eisenbahnverkehrsfragen gebildet worden. Er ist in allen wichtigen Fragen, insbesondere bei der Feststellung oder wesentlichen Abänderung der Fahrpläne und der Tarife zu hören und soll auch sonst dem Gouvernement gutachtlich zur Seite stehen. Er besteht aus acht vom Landesrat auf die Dauer von drei Jahren gewählten Mitgliedern. Den Vorsitz im Eisenbahnrat, der jährlich wenigstens einmal zusammentritt, führt der Referent für Eisenbahnwesen beim Gouvernement. Zu wählen sind je zwei Vertreter der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie,
außerdem ist ein Vertreter der Schutztruppe vorgesehen. Das Amt der Mitgliedschaft ist ehrenamtlich, doch erhalten die Vertreter in den Versammlungen freie Eisenbahnfahrt 1. Klasse.
— Ein französischer Feldzug in Südmarokko steht bevor. Wie die „Agence Havas" aus Rabat meldet, hat General Lyautey ein sofortiges Vorgehen der Abteilung des Oberst Mangin gegen den Prätendenten El Hiba beschlossen, um die in Marrakesch gefangen gehaltenen Franzosen zu befreien, und da die Untätigkeit dem Prestige im Süden schädlich erscheint. Der Aufbruch des Oberst Mangin soll sofort erfolgen. Wie aus Casablanca berichtet wird, ist ein Zuavenbataillon abmarschiert, um Saffi und Mogador zu besetzen.
— Der Kaiser und die Kaiserin von Japan empfingen gemeinsam die Mitglieder des diplomatischen Korps mit ihren Damen. Ein solcher Empfang hat bisher in Japan noch nicht stattgefunden; denn früher hielten die Majestäten getrennte Audienzen ab. Die Diplomaten zogen sodann vor dem Sarge des Kaisers Mutsuhito vorüber. Der englische Botschafter Mac- donald als Doyen des diplomatischen Korps trat vor und verlas eine französische Ansprache, in der er der kaiserlichen Familie das Beileid der Mitglieder des diplomatischen Korps ausdrückte und die Tugenden des verstorbenen Herrschers hervorhob. Sodann legte er namens des diplomatischen Korps einen silbernen Kranz auf dem Serge nieder.
— Die vorläufigen Friedensabmachungen zwischen Italien und der Türkei sollen nach einer in Berlin aus der Schweiz eingetroffenen Depesche festgestellt worden feix.
Lokales und Provinzielles.
Schlächter«, 10. September 1912.
—* Neues Fernsprech-Teilnehmer-Verzeichnis. Das Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen im Ober-Postdirektions-Bezirk Cassel soll im November neu herausgegeben werden. Etwaige Wünsche der Teilnehmer betreffs Aenderung der Namen oder Firmenbezeichnung usw. werden, wie uns mitgeteilt wird, bis zum 25. September bei den Ortspostanstalten entgegengenommen, denen die Fernsprechnetze zugewiesen sind. Soll ein Anschluß im Verzeichnis an zweiter oder dritter Stelle aufgeführt werden, so wird dafür eine besondere jährliche Gebühr von 5 Mark für jede Druckzeile erhoben. Anschlüsse für Gasthöfe usw. werden zweckmäßig unter der Bezeichnung des Gasthofs oder Hotels (statt
Das Geheimnis der MuLen.
Roman von Jenny Hirsch. 71
Diese Reise verlief freudlos genug, Elisabeth hatte keinen freundlichen Blick, kein gutes Wort für mich, und ich gewahrte recht gut, daß sie heimlich Briefe absandte und empfing. Nach der Heimat zurückgekehrt, wollte ich den Beginn der Universitätsferien abwarten, ehe ich wieder nach Berlin ging. Ich hoffte, Heppner, so hieß der Student, würde die Stadt alsdann verlassen haben. Von Kiel aus kam ich mit Elisabeth hierher und nahm eine Wohnung in Malente. Wenige Tage, nachdem wir hier sngekommen waren, erhielt Elisabeth einen Brief von Aer Freundin und ich einen solchen von meinem ältesten Sohn. Sie enthielten dieselbe Nachricht."
„Mein jüngster Sohn, ein braver, aber auch sehr heißblütiger Mensch, war mit Heppner im Cafe Bauer zusammengetroffen, und wahrscheinlich, um den Offizier, der ihn hochmütig übersehen, zu kränken, hatte der Student zu seinen Gefährten von Elisabeth Usedom gespro- chen. Ich glaube kaum, daß es in beleidigender Weise geschehen ist, für meinen Sohn genügte aber schon die Nennung des Namens seiner Schwester, um ihn außer sich zu bringen. Er stürzte auf Heppner zu, nannte ihn einen Lump und schlug ihm ins Gesicht. Anwesende Ka- Meraden meines Sohnes sprangen hinzu, man trennte die Gegner, ehe es zu weiteren Tätlichkeiten kommen konnte, und die Folge war natürlich ein Duell. Beim -weiten Kugelwechsel schoß mein Sohn Heppner in die Brust, so daher augenblicklich tot war, er selbst ist mit einer verhältnismäßig geringen Verletzung an der Schul, ter davongekommen. , ,
Auf diese Nachricht beschloß ich unsere sofortige Ab- reife am nächsten Morgen, und wir packten. Elisabeth war stumm, tränenlos und würdigte mich keines Blickes. Mehrmals lauschte ich während der Nacht an ihrer Tür, .« war alles still, als ich am Morgen nach ihr sah, hatte
sie meine Wachsamkeit getäuscht. Das Zimmer war leer. Auf dem Tisch lag ein Zettel, der nur die Worte enthielt: „Ihr habt getötet, was ich geliebt habe, ich kann und mag mit Euch nicht mehr leben. Sucht mich imKeller- see."
Lydia, die mit steigender Spannung zugehört hatte, konnte hier einen Ausruf des Entsetzens nicht zurückhalten.
Rat Usedom aber fuhr in seinem traurigen Berichte fort: „Ich kannte meine Tochter hinreichend, um zu wissen, daß diese Worte keine leere Drohung enthielten, sondern traurige Wahrheit waren. Zum Schmerze des Vaters gesellte sich nun noch der gekränkte Stolz des Beamten und die Rücksicht auf meine Söhne. Ich fürchtete, es würde ihnen nachteilig sein, wenn es verlautete, daß ihre Schwester eine Selbstmörderin sei. Vielleicht ließ sich das wenigstens verheimlichen. Ich rief meineWirtin, sagte ihr, meine Tochter sei schon voran nach derStation gegangen, um dort ein eiliges Telegramm aufzugeben. Dann ließ ich das Gepäck nach dem Bahnhof schaffen und ging selbst dahin, nahm aber nur eine Fahrkarte nach Eutin und logierte mich im „Kieler Hof" ein, um dort die weitere Entwickelung der Dinge abzuwarten. Die Umstände waren mir außerordentlich günstig. Wenige Stunden nach meiner Ankunft war die ganze Stadt in Aufregung; man suchte nach einem verschwundenen Mädchen mit braunem Haar, wie meine Elisabeth auch besessen hatte, nach Ihnen, Fräulein von Ruffer. Alle Nachforschungen, die Ihnen galten, mußten auch sie lebend oder tot ans Tageslicht bringen, ich brauchte keine Hand darum zu rühren. O, der gräßlichen Tage und Nächte, die ich auf den Wanderungen, die ich in meiner Unrast unternahm, verbrachte I O, des entsetzlichen, niederschmetternden Anblickes, als ich an der endlich gefundenen, grausig verstümmelten Leiche meiner Tochter stand."
„Sie haben sie erkannt?" rief Lydia.
„Auf den ersten Blick."
.Und Sie konnten schweigen?"
„Rings um mich nannte man die Tote Lydia von Ruffer. Vielleicht täuschte ich mich doch. Weshalb vorzeitig meine Schmach verkünden? Ich konnte dann wenigstens noch schweigen, bis Lydia von Ruffer, die in diesem Falle ja leben mußte, zum Vorschein gekommen war."
„Wie schrecklich, wie schrecklich," rief Lydia händeringend, „wußten Sie denn nicht, daß Sie durch Ihr Schweigen die furchtbarste Beschuldigung gegen einen Schuldlosen unterstützten?"
„Ich wußte es, ich kämpste schwer, aber ich unterlag. Mein Stolz blieb Sieger."
„O, das ist unverzeihlich."
„Ich habe schwer gebüßt. Sehen Sie mich an, ich bin ein Fünfziger," antwortete er.
Sie konnte sich trotz ihres gerechten Unwillens des Mitleids nicht erwehren; er hatte das Ansehen eines Siebzigers.
„Ich bin mit nach Hannover gereist und habe auf dem Kirchhof der prunkvollen Bestattung meines armen Kindes beigewohnt," fuhr er fort. „Dann kehrte ich nach Berlin zurück und gab dort vor, meine Tochter sei für längere Zeit zu einer Freundin, die sie in der Pension kennen gelernt, nach England gereist. Man glaubte mir, denn man fand es sehr begreiflich, daß wir uns getrennt hatten; unsere Zerwürfnisse waren nicht unbekannt geblieben. Mit der größten Aufmerksamkeit verfolgte ich dabei die Entwickelung der Dinge in Eutin, soweit die Zeitungen darüber berichteten."
„Und hätten Sie auch geschwiegen, wenn man Püp- lau verurteilt hätte?" fragte Lydia.
„Nein," rief der Ministerialrat aufspringend. „Meine Anwesenheit beider Gerichtsverhandlung gibt Ihnen den Beweis dafür. Wären Sie nicht gekommen, so würde ich, ehe die Geschworenen ihren Spruch gefällt hätten, vorgetreten sein und die Wahrheit bekannt haben."
„In zwölfter Stunde," sagte Lydia vorwurfsvoll; „o, Sie haben eine schwere Schuld auf sich gelten." 191,18*