Zchlüchtemer Mung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Aatgeber.
Telefon Nr. 65. 4 M , Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
M 80.
Samstag, den 5. Oktober 1912.
63. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 6338 K. A. Die Herren Bärgermeister des Kreises, im Behinderungsfalle ihre Stellvertreter lade ich zu einer Besprechung verschiedener allgemein inte- ressierender Fragen auf Mittwoch, den 9. Ok- j-ber d. J. Vormittags 9 74 Uhr in den Saal des Gasthauses „Zum Hessischen Hof" in Schlüchtern hiermit ein. Im Anschluß an die Versammlung findet auf mehrfachen Wunsch ein gemeinsames einfaches Mittagessen statt. Trockengedeck 1,50 Mark.
Schlüchtern, den 2. Oktober 1912.
Der Königliche Landrat gez.: Valentiner.
J.-Nr. 6370 K-A. Am Samstag, den 26. Oktober 1912 Nachmittags 3 Uhr findet in Schlüchtern im Hotel „Zum Stern" eine Generalver- sammlung der
Simmentaler Rinderzuchtgenossenschaft statt, zu welcher hiermit alle Genossenschaftsmitglieder eingeladen werden. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.
Tagesordnung.
1. Abhörung der Jahresrechnung pro 1910.
2. Jahresbericht und Rechnungsablage für 1911.
3. Milch- Kontrollverein betr.
4. Verschiedenes.
Schlüchtern, den 3. Oktober 1912.
Der Vorsitzende der Rinderzucht-Genossenschaft: Valentiner.
J.-Nr. 488. R. K. Einladung zur General- dsrsamutlrrng des
Männervereins vorn Roten Kreuz, Zweigverein Schlüchtern
für Mittwoch, den 9. Oktober, nachm. 2*/2 Uhr im Saale des Gasthauses „Zum Hessischen Hof". Tagesordnung:
1. Jahres- und Kassenbericht.
2. Aufnahme neuer Mitglieder.
3. Bewilligung einer Beihülfe zur Entsendung kranker Kinder in die Heilanstalt Orb.
4. Bewilligung von Unterstützungen an mehrere Hilfsbedürftige.
5. Verschiedenes.
Schlüchtern, den 3. Oktober 1912.
Der Vorsitzende des Rote-Kreuzvereins:
Valentiner.
Roman von M. von Bünau.
«
„Dummes Zeug. Verwöhnt wird der Bengel.Kommt der nicht bald weg, wird überhaupt nichts aus ihm. Ich Mach' der verdrehten Geschichte bald ein Ende."
„Wenn Du eine Unterkunft für ihn weißt, bin ich einverstanden, da ich selbst doch auch bald von hier fort will."
„Du willst von hier fort? Wohin denn, wenn ich fragen darf?" Grünwald goß sich Eau de Cologne auf sein Taschentuch. „Willst auch was haben, Kleine?"
Sie hielt mechanisch ihre Hände hin. „Vater, ich will Krankenpflege lernen."
„Du? Du pflegst ja schon alle Leute im Dorf krank • • Pardon, wollte sagen gesund."
„Ich verstehe so gut wie nichts, außer dem bißchen, das ich dem Doktor absah. Ich will aber gründlich in einem Krankenhause ausgebildet werden."
»Hat Dir Doktor Borchers den Blödsinn in den Kopf gesetzt?"
„Nein. Es ist auch kein Blödsinn. Mir ist das Nichts- <un schrecklich. Zucker und Tee heransgeben, Kaffee aufbrühen, hinter Mama her in der Speisekammer 'rum- lanfen und die Einmachtöpfe besehen .. das füllt mein Leben nicht aus."
«Hättest längst Deinen eigenen Hausstand haben kön- üen, dumme Dirn'."
,„Als Wingens Frau? Ich wußte, daßdaskommen würde. Aber wenn mir das bis zum jüngsten Tage vorgehalten wird, ich heirate ihn doch nicht."
„Brauchst Du auch nicht. Er wird Dich garnicht mehr haben wollen. Er findet genug andere."
„Gewiß. Es gibt viele alberne Gänse in der Welt, bre sich für einen Frauentitel, seidene Kleider und Schmuck Erkaufen." -' - '
„Nun hör mal zu, mein Kind 1" Sein Gesicht wurde
Informationen
Die Lage auf dem Balkan.
Irgend welche Meldungen, die auf eine weitere Verschärfung der Lage auf dem Balkan hindeuten würden, liegen an Berliner maßgebender Stelle nicht vor. Vor allem ist hier von dem Beginn der Feindseligkeiten nichts bekannt. Die Mobilisationsanordnungen der Türkei können als ein die Lage verschärfendes Moment nicht angesehen werden, da sie eine unausbleibliche Folge des Vorgehens der Balkanstaaten sind und die Türkei sie nur zu Defensivzwecken getroffen hat. Es gilt als sicher, daß die Türkei eine Kriegserklärung ihrerseits nicht beabsichtigt.
Die Geldfrage.
In Berliner politischen Kreisen legt man dem Umstände, daß sich schon heute die Geldfrage bei den Entschlüssen der Balkanstaaten stärker in den Vordergrund drängt, eine wesentliche Bedeutung bei. Es kann als sicher angesehen werden, daß keiner von den Balkanstaaten bei irgend einer der Großmächte unter den jetzigen Umständen mit einem Anleiheversuche Erfolg haben würde. Der Fehlschlag der Bemühungen Bulgariens und Serbiens, in Paris einen Kriegskredit eröffnet zu erhalten, ist ein so völliger gewesen, daß er zu weiteren Versuchen in dieser Richtung unmöglich ermuntern kann.
Italien und die Türkei.
Von dem von einigen Blättern genieldeten nahen Bevorstehen eines Friedensschlusses zwischen Italien und ber] Türkei ist, wie unser Berliner Vertreter erfährt, in hiesigen diplomatischen Kreisen nichts bekannt. Man nimmt allerdings an, daß die Türkei im Falle des tatsächlichen Ausbruches eines Krieges mit den Balkanstaaten sich beeilen wird, Frieden mit Italien zu schließen. Italien seinerseits dürfte nicht gewillt sein, aus eigenem Antriebe aus der Lage, die für die Türkei durch einen Krieg auf dem Balkan geschaffen würde, Nutzen zu ziehen, indem es die Friedensbedingungen erschwert.
Das serbische Ultimatum.
Daß die Türkei in ihrer Antwort auf das serbische Ultimatum wegen der Durchfuhr oder der Rückbeförderung des für Serbien bestimmten Kriegsmaterials nur die Durchfuhr verweigert, wird in Berliner politischen Kreisen dahin gedeutet, daß die Pforte auf eine Hinauszögerung dieser Angelegenheit hinarbeitet, bis eine Entscheidung über die den Angelpunkt der gegenwärtigen Krisis bildende Stellungnahme Bugariens erfolgt ist. Wiederholt wird hier versichert, daß ein gemeinsames Ultimatum der, Balkanmächte in der mazedonischen Frage nicht vorliegt.
Schwester in einem Spital zu werden, die laß Dir vergehen. Das paßt mir nicht für meine Tochter, daß sie alte Weiber kämmt, Handwerksburschen wäscht und Dielen scheuert. Basta, und nun fang nicht wieder davon an. Du kannst meinetwegen hier im Dorf die Leute besuchen, lieber wär' mir's aber, Du tätest es ohne Doktor. Ich finde es nicht passend, ivenn Du mit ihm herum- ziehst. Borchers ist ein anständiger Mensch, aber man weiß doch nie bei solchen Leuten, ob sie nicht auch einmal aus der Rolle fallen und taktlos werden. Daß Du ihn zu heute Mittag eingeladen hast, war auch überflüssig. Das überlaß ein andermal Deiner Mutter. So und nun gib mir einen Kuß, wir müssen gehen."
Dina wandte das Gesicht unmutig zur Seite. Der Kuß des Vaters streifte nur flüchtig ihre Stirn.
„Kleiner Trotzkopf!" Er faßte sie unters Kinn. „Beinah glaub ich auch, der Wingen wär' nichts für Dich gewesen, viel zu weich."
„Die reinste Milchsuppe!" Dina zuckte verächtlich mit den Schultern. Sie ging dem Vater voran in den Salon ihrer Mutter.
Ein Bild der Behaglichkeit! In dem großen Kamin loderte ein HellesFeuer. Zuckender Schein lief über die goldenen Rahmen der Bilder, glitzerte in den Prismen des venezianischen Kronleuchters.
Hulda und ihr Mann, Graf Riembeck, die ganze vier Tage getrennt gewesen waren, saßen aneinandergeschmiegt auf einem kleinen Eckdiwan unter einer schützenden Palme. Ellenbach mußte seiner Frau gleichfalls von dem mit dem Schwager unternommenen Ausflug erzählen.
Beide Herren waren Gutsnachbarn und seit zwei Iah- ren mit Dinas Schwestern verheiratet, die in Abwesenheit der Gatten meist sofort das Elternhaus aufsuchten.
Sie kamen überhaupt, ivenn es irgend ging, jede Woche nach Zandow heraus. Bruno berichtete von der Enten- inad Frau Grünwald sprach mit Berthold, ihrem Jung- ten. Es war ein munteres Geschwirr von Sprechen und
Der Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten.
Dem bereits erfolgten offiziösen Dementi der Meldung, daß die Zusamnienberufung des Bundesratsaus- fchuffes für auswärtige Angelegenheiten wegen der Lage auf dem Balkan bevorstehe, kann, wie unserem Berliner Vertreter an zuständiger Stelle erklärt wurde, hinzugefügt werden, daß von einer solchen Zusammenberufung bisher auch nicht im Entferntesten die Rede gewesen ist.
Deutsches Reich.
— Die Zahl der versorgungsberechtigten Kriegsveteranen aus dem Jahre 1870/71 beträgt nach neueren Feststellungen jetzt 600 Feldwebel, 2600 Unteroffiziere und 22170 Mannschaften, die im Durchschnitt 66 Jahre alt sind. Die Versorgungsgebührnisse für Offiziere belaufen sich auf 11 070 000 Mark, für Unteroffiziere und Mannschaften auf 13 347 000 Mark, an Hinterbliebene aller Gattungen werden zurzeit 5 514000 Mk. Beihilfen gezahlt.
— Der Segen der Arbeiterversicherung. Der Segen der sozialen Gesetzgebung wird recht drastisch illustriert durch einen Bericht, den Superintendent Steinmetz auf der letzten Bezirkssynode in Hann.-Münden erstattete. Aus diesem Bericht sei Folgendes mitgeteilt. Die Inspektion Münden hat 21 ländliche Gemeinden, die zusammen 9221 evangelische Einwohner haben. Diese 9221 Personen zahlen an Staatssteuern jährlich 18 579 Mark. An Renten aus der Unfall-, Alters- und Jn- Validengesetzgebung werden aber an Einwohner dieser 21 Gemeinden nicht weniger wie 43 939 Mark gezahlt, also mehr als das Doppelte, was diese Gemeinden an Steuern aufbringen. In einzelnen Gemeinden ist das Verhältnis von Renten zu Steuern außervrdentLch ibrachfinswert. Da ist z. B. das kleine Dorf Dahlheim mit 137 evangelischen Einwohnern. Diese bringen zusammen mit Staatssteuern auf 92 Mark. Die Renten aber betragen fast das Zwanzigfache, nämlich 1746 Mark. In Laubach werden von 106 Einwohnern 64 Mark Steuern gezahlt und fast der achtfache Betrag, nämlich 468 Mark kommt zur Auszahlung. Die Gemeinden Lippoldshausen und Giershausen mit zusammen 1133 evangelischen Einwohnern zahlen an Staatssteuern 1573 Mark. Die dort zur Auszahlung gelangenden Renten aber erreichen eine Höhe von 5868 Mark. Die Lage der alten Leute, die man früher als eine Last unbequem empfand und deren Tod oft genug herbeigesehnt wurde, ist dadurch eine ganz andere geworden. Jetzt werden sie geradezu auf Händen getragen, weil ihre Rente eine nicht mehr zu entbehrende Einnahmequelle bildet. So wirken die Renten nicht nur bessernd in materieller, sondern auch in idealer Weise.
Der Doktor stand unbeachtet und etwas verlegen zwischen all diesen nahen Verwandten. Er empfand seine Anwesenheit hier selbst als lästig für die übrigen und wünschte sich weit fort in seine Studierstube an den Schreibtisch oder gu seinen paar guten Bekannten am Biertisch in seinem Stammlokal, wo er nach einem arbeitsvollen Tage gern saß, rauchte, auch wohl einen Skat spielte. Erst bei Dinas Eintreten klärte sich sein Gesicht auf.
Grünwald begriißte den jungen Arzt flüchtig undwandte sich dann sofort zu seinen Schwiegersöhnen, die er noch
nicht gesehen hatte.
Dina gab Borchers mit besonderer Freundlichkeit die Hand. Sie bemerkte, wie die Schwestern Blicke tauschten. Das reizte sie erst recht, herzlich zu ihm zu sein. Sie fragte nach dem Befinden des Kindes im Schulhaus«. Borchers verlor seine Befangenheit und gab klaren Bescheid. Erst der Eintritt des Dieners machte ihrer Unterre-, duna ein Ende.
Obgleich Borchers schon einige Mal in Zandow ge- e hatte, fiel ihm heute die feudal«
umers von neuem als ordentlich
nehm auf. Das schöne, alte Silber auf der langen, mit Blumen geschmackvoll dekorierten Tafel, der Kammerdiener in schwarzem Anzug, zwei Diener in reicher Livree, die vielen Hirschgeweihe, Rehkronen und alten Familien- bilder an den Wänden, die stattliche Gestalt des Hausherrn, die eleganten Söhne, die kostbaren Toiletten der
l des vor-
Damen.
Wie durch einen Weltenraum den übrigen entrückte fühlte er sich.
Dina saß ihm gegenüber. Auch sie kain ihm anders vor, in ihrem weißen, schimmerndenKleid mit den roten Blumen im Gürtel. Heute morgen, als sie in ihrem schlichten, dunklen Kleid und großer, weißer Schürze vor ihm land, glitt ein flüchtiger, himmlisch schöner Traum durch eine Seele, ein Traum, der i^m jetzt, ihrer eleganten Er« cheinuna und reichen Umgebung gegenüber, wie Wahn« in»vorkam. ,, ... » . , . .. 190,18*