Ichliichtemer Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 83. , ?V Telefon Nr. 83.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
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Zum Reformationsfest.
Dein Wort ist unsers Fußes Leuchte, Auf unserm Wege ist's ein Licht;
Wenn wir in seinem Scheine wandeln, So fehlen wir des Lichtes nicht.
Ihr Pilger, die ihr schweren Herzens Durch Wüstenei und Wildnis reist, Folgt nur vertrauensvoll den Pfaden, Die euch das Wort der Wahrheit weist.
Es ist das Wort euch doch nicht ferne, Zu euer« Füßen leuchtells ja, Und wenn ihr treulich darauf achtet, So bleibt es euch beständig nah;
Kein Dunkel gibt's, das es nicht lichtet, Kein Schatten ist, der ihm nicht weicht, Auch ist kein Stern am weiten Himmel, Der nicht vor seinem Glanz erbleicht.
Wohlan, wir ziehn im Licht des Wortes, Wir wollen keinen Hellern Schein.
Nur fröhlich weiter! Denn wir werden Schon auf dem rechten Wege sein.
Du aber leuchte, Licht von oben, Mir freundlich jetzt am dunkeln Ort, Und wenn einst meine Augen brechen, So leuchte mir im Herzen fort!
Die türkischen Niederlage«.
Der bei Plewna erworbene Ruhm des türkischen Heeres, äußerst zähe in der Abwehr zu sein, ist dahin. Was sich bisher bei Adrianopel im Osten, bei Koma- nowo und Uesküb im Westen, und bei den thessalischen Pässen an der griechischen Grenze ereignet hat, zwingt zu dem Schluß, daß die Führung auf türkischer Seite schlaff und nachlässig und die Manneszucht der Truppen gelockert ist. Die Niederlage bei Kirk-Kilisse wird auf. die Meuterei eines Redif- (Landwehr-) Regiments zurückgeführt, das mehrere Tage im strömenden Regen keinen Proviant hatte und sich den Rücktransport mit einem Eisenbahnzug erzwäng. Bei Kumanowo scheint das ganze Uesküber Armeekorps aufgerieben worden zu sein. Ebenso wie hier und bei Kirk-Kilisse shaben die Türken auch in den Kämpfen mit dem griechischen Heere einen großen Teil ihrer Feldbatterien verloren. Die Sorglosigkeit der Führung zeigt sich namentlich darin, daß die Truppen vielfach ausgehungert und ermattet ins Feuer kamen.
Europa hatte anderes von der Widerstandskraftcher Türken erwartet. War doch auch in den letzten Jahren unter dem jungtürkischen Regiment ernsthaft an der Verbesserung der Heereseinrichtungen gearbeitet worden. Gleichzeitig aber litt der militärische Geist außerordent-
Samstag, den 2. November 1912.
lichen Schaden durch das Eindringen der Politik in das Offizierkorps. Noch der letzte Kabinettswechsel wurde auf Verlangen der über diejjBehandlung des albanischen Aufstandes und über strenge Anordnungen des Kriegsministers mißmutigen mazedonischen Offiziersliga vollzogen. Durch die jungtürkischen Ideen war die ohnehin nicht geringe Neigung der Osmanen zum Hochmut ge» steigert worden.
Noch ist im Osten die Entscheidungsschlacht nicht geschlagen. Eine Anzahl frischer Armeekorps der Türken steht bei Dimotika an der Maritza und hinter dem Ergenefluß. Täglich gehen Verstärkungen dieser Korps aus Konstantinopel ab. Die Türken wären noch immer in der Lage, die mit kühner Offensive in breiter Front von Norden her vorrückenden bulgarischen Scharen zu durchbrechen oder ihnen wenistens hartnäckig Stand zu halten. Große Verstärkungen können die Bulgaren nicht mehr heranziehen, ihr Ausgebot aller tauglichen Leute war von Anfang ^.Ätiel schneller und stärker als bei den Türken. Es fragt sich aber, in wie weit, der Eindruck der bisherigen Niederlagen zu kräftigem Widerstände antreibt oder die bei ihnen zutage getretene Demoralisation noch steigert. Wahrscheinlich wird der vom Gefühl der bisher bewiesenen militärischen Ueber« legenheit beflügelte Vormarsch der Bulgaren die Zeit bis zur entscheidenden Feldschlacht abkürzen.
Deutsches Reich.
— Der Kronprinz ist am Dienstag infolge Fehl- tretens seines Pferdes bei einer Schleppjagd mit dem Pferd zu Fall gekommen und hat sich einen Bluterguß im rechten Arm, sowie Verletzungen im Gesicht und am Kopfe zugezogen. Er mußte in die kronprinzliche Villa in Danzig gebracht werden und ist unter diesen Umständen leider verhindert, an den Beisetzungsfeierlichkeiten für die Prinzessin Rupprecht von Bayern in München teilzunehmen. Das Befinden des Kronprinzen ist jedoch durchaus befriedigend. Anstelle des Kronprinzen wird als Vertreter des Kaisers Prinz Eitel Friedrich an den Beisetzungsfeierlichkeiten in München teilnehmen. Die Abfahrt erfolgte am Mittwoch abend 10 Uhr 50 Minuten vom Anhalter Bahnhof.
— Anläßlich der Taufe des Erbgroßherzogs von Weimar stiftete der Großherzog von Sachsen 100000 Mark für Zwecke der Landeswohlfahrt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am Sonnabend die Besprechung der Fleischteuerungsinterpellationen. In die Debatte griff auch der Minister des Innern von Dallwitz ein, um sich mit aller Entschiedenheit gegen die freie Einfuhr des argentinischen Fleisches zu wenden und den Vorwurf zurückzuweisen, daß die Regierung die schwierige Fleischversorgung von
63. Jahrgang.
den eigenen Schultern auf die der Städte abzuwälzen versucht habe. Er betonte im Gegenteil, daß es ge- radezu Pflicht der Stadtgemeinden sei, den minder bemittelten Bürgern bei der Beschaffung ihres Fleischbedarfs behiflich zu sein und meinte, daß die pessimistische Auffassung von der Zwecklosigkeit der Regierungsmaßnahmen angesichts des bereits erfolgten Sinkens des Preises unberechtigt sei. Landwirtschaftsminister v. Schorlemer verteidigte die Regierung gegen den Bor- wurf der Untätigkeit und stellte fest, daß die Regierung in der inneren Kolonisation bisher viel geleistet habe. An eine Aenderung des § 12 des Fleischbeschaugesetzes werde nicht gedacht und die Regierung werde keiner Maßnahme zustimmen, welche die Viehproduktion der deutschen Landwirtschaft in Frage stellt.—Am Montag wurde das Schleppmonopol auf dem Rhein-Weser-Kanal und dem Lippekanal beraten. Der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach skizzierte das Gesetz. Ein einheitlicher Schleppzwang sei notwendig geworden, um Ordnung in die Verkehrsverhältnisse zu bringen. Der Entwurf bilde eigentlich nur eine Ergänzung des § 18 des Wasserstraßengesetzes und stelle einen sehr wesentlichen Teil des Kompromisses dar, unter dem das ganze Gesetz zustandegekommen ist. Er betonte sein Wohlwollen für die Gegner des Schleppzwanges, die selbstverständlich Schaden erleiden würden. Die Regierung sei aber bereit, unter angemessenen Bedingungen die westfälische Transportgesellschaft, die hauptsächlich betroffen werde, zu übernehmen. Der Entwurf wurde einer besonderen Kommission überwiesen, worauf noch Petitionen erledigt wurden.
Xustottd.
— Der Präsident des englischen Ackerbauamts Runciman nahm in einer Rede in Porkshire bezug auf eine kürzlich von Lord Roberts gehaltene Rede, in der dieser einen Krieg zwischen England und Deutschland als unvermeidlich erklärt hatte. Runciman führte aus, es gebe nichts für England, um dessentwillen es in den Krieg ziehen müßte. Da es von allergrößter Bedeutung sei, niemals die öffentliche Meinung aufzureizen und niemals Mißstimmung zu erregen, bedauere er die Rede Lord Roberts tief. Roberts habe sich um sein Vaterland große Verdienste erworben, aber damit leiste er seinem Lande keinen Dienst, wenn er in einer öffentlichen Versammlung etwas sage, was tatsächlich auf die Erklärung Hinauslaufe, daß der Krieg zwischen England und Deutschland unvermeidlich sei. Runciman schloß: Ich glaube nicht, daß dieser Krieg unvermeidlich ist, und meine, eine Aeußerung wie die des Lord Roberts ist nicht nur beklagenswert und schädlich, sondern auch gefährlich, wenn sie in Deutschland Widerhall
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 16
Mamas Salon ganz auSgeräumt, in der Mitte der Stube der Christbaum, eine herrlich ebenmäßig gewachsene Tanne, die bis zur Decke ragt, Papa und ich suchten sie immer selbst int Walde aus, von oben bis unten ist sie mit Lametta, weißer Watte und silbernen Sternen geschmückt. In allen Ecken des Zimmers stehen unsere Tische mit den Geschenken. Die Brüder in hrer Ferienstimmung fini) ausgelassen lustig. Wir singen Weihnachtslieder, essen Pfefferkuchen, machen kleine, in zahllose Papiere verpackte Ueberraschungen auf. Ja, der Weihnachtsabend zu Hause war schön! All die dankbaren, frohen Gesichter de^ Dorfleute und Dienstboten, die die Eltern reichlich beschenkten, und mein Frederle jubelnd über sein Spielzeug!
Ich konnte es nicht ändern, wie ich an den armen Jungen dachte, stürzten mir die Tränen aus den Augen. Ich habe ihm sehr viele Spielsachen geschickt. Ich vermute, die Frau Rektor verteilt sie unter alle Kinder. Sie schreibt mir, Frederle sei gesund und munter, aber er lerne schlecht und wäre recht oft ungezogen. Sie versteht gewiß nicht, das gute Kind zu behandeln.
Ein Paket aus Zandow fand ich auf meinem Platz. Mama schickt mir wollene Unterjacken und wollene Strümpfe, da ich doch jetzt nichts anderes brauchen könne, selbstgebackene Pfefferkuchen und Konfekt.
Sie schreibt nur ein paar Worte. Sie hat viel zu tun, doppelt viel, weil ich nicht mehr da bin und helfe.
Von Papa keine Silbe und von den Geschwistern nicht einmal einen Gruß. . t
Wie heiter wird es heute Abend in Zandow roteber zugehen! Jetzt verdirbt ihnen ja niemand mehr die Ver- stimmung. Nun könnt ihr mich entbehren, ich kann es auch.
Meine warmen Sachen schenke ich den Amien, di?
Pfefferkuchen und Bonbons kommen in den Kindersaal. Ich will nichts habenvonHause. Wennihrmirkeinfreund- liches Wort mehr sagen wollt, so laßt es eben. Geht euren Weg, laßt mir mein selbstgewähltes Schicksal. . ..
Einer denkt an mich, wenn ich auch zu Hause vergessen bin. Borchers schreibt mir. Am ersten Weihnachtstag be- kam ich seinen Brief. Er hat durch unseren jungen Assistenzarzt hier, mit dem er bekannt ist, von mir gehört. Der scheint mein Lob in allen Tonarten zu singen. Borchers schreibt sehr lieb und gut. Er bittet mich, ihn mit ein paar Worten zu benachrichtigen, wie es mir geht und ob meine Gesinnung die gleiche geblieben sei. Ich habe ihm sogleich wieder geschrieben, daß ich mich als seine Braut betrachte und nach Ablauf dieses Jahres seineFrau werden will.
Ich zweifle nicht daran, recht gewählt zu haben. Aerzte und Schwestern loben mich und rühmen meine Begabung zur Krankenpflege. Die Sache selbst interessiert mich mehr wie je. Ich leide hier nur unter dem Zwang. Doch das liegt an den notwendigerweise strengen Regeln des Hauses. Als Borchers Frau wird das natürlich anders sein. Ich träume oft davon, ein Krankenhaus mit mehreren Freibetten zu gründen und mit Borchers Hilfe ganz nach meinen Ideen zu leiten.
Ja, gewiß, ich wählte das rechte, das meiner Natur und Beaulagung nach notwendige, ja einzig mögliche Leben für mich. . ..
Borchers Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Er schreibt sehr glücklich. In seinem Berufe habe er gute Erfolge Der Chefarzt wolle sich bald zurückziehen, er müsse ihn oft vertreten und hoffe, später ganz in seine Stelle hinaufzurücken. Auch eine Trauernackricht teilte er mir mit. Sein Vater ist gestorben. Die Mutter ist zu ihm gezogen. Fast zu bemütig erwähnt er das mit den Worten: „Ich weiß, meine geliebte Dina, daß die alte Frau Dich vielleicht genieren wird, aber was soll ich tun ? Ich kann sie so billiger erhalten, sie ist auch so rührend beschAdey und ban^r, bei injr fein zu dürfM"
Nun, ich will das arme alte Weiblein gewiß nichtj verdrängen. Sie kann meinetwegen sich in der Wirrschaftz nützlich machen, denn ich werde natürlich viel zu tun ha»- ben.
Nachdem ich mich mit Borchers ausgesprochen habe^ „hört unsere Korrespondenz vorläufig wieder auf. Wirf haben doch beide keineZeit zum Briefschreiben, und alleLj Nötige ist zwischen uns jetzt auch ausgesprochen und er«? ledigt....
Der Schnee vergeht. Ueber den braunen Aeckern liegt ein grünlicher Schimmer, die frisch aufkeimende Saat. Von; allen Zweigen tropft es. „Wenn Sturm dem Frühling; nicht den Pfad bereitet." „
Hier in unseren Räumen sehen wir nur Schmerz unb^ Elend, kleinmütiges Verzagen, oft auch ein groß und stolz Sigenes hartes Geschick, manchmal möchte ich meine e gen Himmel strecken, klagend, anklagend über aBB den Jammer, der mich umgibt. Und oft, ich schäme mich( fast, es zu schreiben, möchte ich mir die Augen zuhalteri und fortlaufen, weit, weit fort in den Wald hinein, was die silbergrauen Kätzchen an den Weiden hängen und die, weißen Anemonen durch das tote braune Laub schimmern, wo die Erde wieder jung und schön, so hoffnungsvoll ist.
Heute bekam ich endlich einmal einen Brief von Feo- dore, den ersten und sieben Monate bin ich bald hier. Bei Riembecks wird ein Baby erwartet. Der Jubel ist groß. Mama fährt alle Tage zu Hulda. Den Brüdern geht eS gut. Papa stöhntüberschlechte Ernteaussichten. Feodores kleines Mädchen läuft schon ganz sicher und spricht mehrere Worte. Viel klüger bin ich durch den Brief nicht ge- worden.
In unserem Anstaltsgarten blüht und grünt es. Schwester Johanna geht oft mit verweinten Augen herum, werk die Oberin sehr reizbar ist. Ich versuche sie zu trösten. Sie ist nur dankbar dafür, aber helfen kann man ihr nichts alles gleitet an ihrem müden „Das ist nun einmal soA