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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Areisblatt.

Telefon Nr. 65.

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1/7 Pfg.

X 94 Samstag, den 23. November 1912. 63. Jahrgang.

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Amtliches.

Aufgebot!

Das auf den NamenKrankenpflegestation zu Elm" ausgestellte Einlagebuch unserer Kasse Nr. 8470 ist an­geblich verloren gegangen. Der etwaige Besitzer dieses Einlagebuchs wird hiermit aufgefordert, seine vermeint­lichen Ansprüche binnen 3 Monaten bei uns geltend zu machen, widrigenfalls nach Ablauf dieser Frist das obige Sparbuch gelöscht wird und die Krankenpflegestation Elm ein neues Einlagebuch über das Guthaben erhält. Schlächtern, den 14. November 1912.

Die Direktion der Kreissparkasse: Pfalzgraf.

Zum Totenfest.

Totenfest! Die Glocken klingen Heut so traurig und so bang;

Von Vergeh« und Todesringen

Spricht zu uns ihr dumpfer Klang.

Von den Heißgeliebten allen,

Die wir schon zur Ruh gebracht,

Von den Tränen, die gefallen,

Von der eignen Todesnacht.

Alles, was wir um uns -sehen,

Reichtum, Schönheit, Glück und Macht,

Alles, alles muß vergehen

In der dunklen Todesnacht.

Keiner ist ihr noch entgangen,

Keiner wird ihr je en-gehn;

Denn vom Tod sind wir umfangen,

Seit wir einst das Licht gesehn.

Aber über Grab nnd Sterben

Strahlt ein ew'ges Morgenrot:

Wer da glaubt, kann nicht verderben,

Christus ist des Todes Tod

Jesus lebt, und mit ihm leben,

Die ihm gläubig hier vertraut,

Und er wird den Seinen geben,

Was kein Auge noch geschaut.

Totenfest! Die Glocken klingen

Ernst mir und doch freudenvoll,

Weisen mich von ird'schen Dingen

Hin auf das, was werden soll.

Kreuz und Krankheit, Not und Klage

Währt gottlob nur kurze Zeit,

Und dem Leiden dieser Tage

Folgt die sel'ge Ewigkeit.

* *

*

Der letzte Sonntag des Kirchenjahres ist den Toten geweiht, ein wehmütiger Gedenktag. Mit ernsten Ge­

sichtern, Blumenkränze tragend, eilen Tausende auf die stillen Friedhöfe, wo so viele große und kleine Gräber sind, manches schon längst umsteint und umwachsen, manches noch ganz frisch, erst kürzlich aufgeschüttet. Da stehen sie, gedenken und sinnen, klagen und weinen, bald lauter, bald leiser. Ein Hauch der Vergänglich­keit weht, und wie kalter Schauer geht's durch die Menschenbrust: Erde zu Erde, Staub zum Staube! Aber schon schweben wundersame Trostgedanken ins Herz. Hier ruhet in Gott! so beginnen die Grabin­schriften, und die zahlreichen Kreuze reden auch eine beredte Sprache, erinnern sie doch an den Mann mit der Dornenkrone am Kreuze, an den Heiland, der starb und auferstand.

Die christliche Totenfestpredigt gipfelt in dem einzig­artigen Bekenntnis:Als die Sterbenden und siehe, wir leben!" Es ist ja ein bitteres Wort, das Wort vom Sterben. Das natürliche, lebendige Leben hat ein Grauen vor dem Tode. Wie ein rauher, brutaler Eingriff wird es oft empfunden, und die Ungewißheit über Tag und Stunde macht es nicht besser. Und doch wird auch hier der Philosoph Kant recht behalten; Den Tod fürchten die am wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat." Es kommt bloß darauf an, was man als wertvoll erachtet. Immer nur das Ich be­tonen und je nach Neigung allen erdenklichen feineren und gröberen Genüssen frönen, das gilt heutzutage als eine recht kluge, moderne Lebensauffassung, und hat doch seinen Stachel, sein Unbefriedigtsein. Gerade am Totensonntag sollte man auf Gellerts schlichte Mahnung hören:

Lebe, wie du, wenn du stirbst, Wünschen wirst, gelebt zu haben;

Güter, die du hier erwirbst,

Würden, die dir Menscher, gaben, Nichts wird dich im Tod erfreun, Diese Güter sind nicht dein.

Der christliche Glaube sagt uns, daß nur das Leben Wert und Glück hat, das sich in der göttlichen Liebe geborgen weiß und danach handelt.

Und dazu gehört nicht zuletzt das rechte Verhalten zu unsern Mitmenschen. Es gibt eine Trauer, die schmerzlicher ist als die andere, wenn nämlich so ein Grab kurz und einschneidend spricht:Zu spät!" Ein schönes Dichterwort sagt:

Ein mächtiger Vermittler ist der Tod;

Da löschen alle Zornesflammen aus.

Der Haß versöhnt sich und das schöne Mitleid Neigt sich, ein weinend Schwesterbild, mit sanft Anschmiegender Umarmung auf die Urne.

Muß denn aber erst der Tod seine ausgleichende Macht üben ? Kann nicht schon vorher ein wenig Nach­

giebigkeit und Milde sein? Möchte doch FreiligrathS ernstes Mahnwort mehr beherzigt werden:

O lieb', solang du lieben kannst,

O lieb', solang du lieben magst!

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst.

Das Auseinandergehen am Sterbelager, wenn treue Liebe Jahre hindurch das einigende, lebendige Band war, das tut ja auch herzlich weh, aber es ist dann eine verklärte Trauer; und wenn obendrein die christ­liche Auferstehungshoffnung hinzukommt, da findet sie auch den letzten und tiefsten Frieden.

Am Totenfest soll aber auch das alte Psalmgebet in neutestamentlichem Geiste verstanden und zur Richt­schnur genommen werden:Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden!" Darum mögen die Totenfestglocken auch fürs Leben läuten, für ein gewissenhaftes und gesegnetes Christenleben!

Deutsches Reich.

Das preußische Abgeordnetenhaus führte am Sonnabend die zweite Lesung des Wassergesetzes zu Ende. Eine lebhaftere Debatte entwickelte sich über einen nationalliberalen Antrag, wonach für die Mit- benutzuna von Entwässerungsanlagen außer der Ent­schädigung auch schon vorher eine angemessene Sicher­heit zu leisten ist. Der Antrag wurde angenommem, ebenso ein Antrag, der ein Sonderprivileg für die hannoverschen Städte hinsichtlich der Wasserpolizeibe­hörden schafft. Ein Antrag Engelbrecht (frkons.), wo­nach die Wasserpolizei für den Kaiser-Wilhelm-Kanal und den angrenzenden Teil der Elbe auf den Leiter der Reichsbehörde zur Verwaltung des Kanals über­tragen werden kann, fand ebenfalls Annahme. Eine längere Debatte gab es dann noch über das dem Ge­setz angefügte Verzeichnis der Wafferläufe erster Ordnung. Zahlreiche Abggeordnete begründeten An­träge, einzelne Wasserläufe noch in dieses Verzeichnis aufzunehmen, doch wurden diese Anträge nur soweit berücksichtigt, als die Kommission sich dafür ausgesprochen hat. Zum Schluß wurden noch mehrere Resolutionen und Petitionen zu dem Gesetze erledigt. Darauf ver­tagte sich das Haus bis zum 3. Dezember.

Das Einjährigenzeugnis für Stenographiekennt­nisse hat ein Sohn des in Chemnitz wohnhaften städtischen Reviergärtners Jrmschler, der in Berlin als Telephonstenograph angestelltist,aufGrund desKünstler- Paragraphen" erhalten. Es dürfte dies der erste der­artige Fall sein.

Wegen Aufreizung zum militärischen Ungehorsam und zur Gewalttat hat das Schwurgericht Ulm den früheren Redakteur der sozialdemokratischenFreien

Eigene Wege.

Roman von M. von Bünau. 23

Bravo! Das ist das vernünftigste Wort, das ich seit Jahren von Dir hörte!" lobte Berthold.Zieh Dich auch gefälligst anständig an, daß ich mit Dir Staat ma­chen kann."

Dina hatte sich rasch umgezogen. Sie drehte sich lang­sam vor dem Bruder herum.Bist Du so zufrieden?"

Donnerwetter, Mädel! Höchst schick, dies hellgraue Tuchkleid. Die schwarze Pelzboa und der große Hut mit den Federn, erste Klasse! Ist das Dein Reisekleid?"

Ach bewahre." Dina streifte rasch ihre Handschuhe über.Das ist mein Visitenkleid. Ich wollte es gar nicht so elegant haben, aber Mutter bestand darauf."

Na, ein anständiges Schneiderkleid gehört doch zur Aussteuer!" verteidigte sich Frau von Grünwald.

Nu aber vorwärts, meine Damen!" Berthold gab seiner Mutter den Arm. Der Portier pfiff eine vorüber- fahrende Droschke heran. Nach kurzer Zeit hielten sie vor einem hellerleuchteten, eleganten Restaurant.

In dem großen Saal, den sie betraten, standen viele kleine, zierlich gedeckte Tische. Berthold steuerte auf einen Eckfisch zu, aber der Kellner wehrte ab.Der Tisch ist bestellt, mein Herr. Die Herrschaften wollen nach dem Theater hier speisen. Sie müssen auch gleich kommen."

Gut. Dann also dieser daneben."

Gewiß, der ist frei. Belieben die Herrschaften warm speisen?"

Bringen Sie nur die Karte." ,

Der Kellner tänzelte davon. Dina schlug ihren Schleier zurück. Mit Interesse sah sie sich in bem eleganten Raum um. Seit einem Jahr war ihr auch nicht der kleinste Le- bensgenuß nahe gekommen. Darum lag heute ein eige­ner Reiz für sie darin, dem großstädtischen Treiben hier zuzusehen. Sie besah eingehend, ebenso wie ihre Mut- tz^ die auch nur selten von Zqndvw fortkam, die schicken

Damen, die eleganten Offiziere, die aus- und eingingen. Der Duft der Speisen, des Weins, das aufdringliche Par­füm einer Anwesenden lagen schwer und schwül in dem angenehm durchwärmten, hellerleuchteten Saal.

Berthold schenkte den Champagner in die spitzen Glä­ser. Die Flasche mit dem Sekt fror in einem eisgefüll- ten Kübel, den der Kellner neben ihn auf einen kleinen Tisch stellte. Dina wurde ganz übermütig durch den un­gewohnten Weingenuß. Berthold befand sich gleichfalls in gehobener Laune; Frau von Grünwald freute sich an der Einigkeit und harmlosen Ausgelassenheit ihrer bei­den Kinder. Sie ließ sich ihre Hammelkotelettes mit Kräu­tersauce vortrefflich schmecken und bemerkte mit mütter­licher Genugtuung, daß jeder neu hereinkommende Herr das hübsche Gesicht Dinas unter dem schwarzen Feder­hut mit großer Aufmerksamkeit ansah.

Eine kalte Zugluft drang durch die weit geöffnete Tür von der Straße herein. Der Kellner riß gerade auch die Außentür diensteifrig auf. Ein Offizier, ein Herr in Zivil und eine junge Dame kamen zusammen herein und steuerten auf den bisher leer gebliebenen Tisch los. Die Danie in heller Theatertoilette ließ sich ihren ele­ganten Abendmantel abnehmen. Mit quecksilberiger Le­bendigkeit wandte sie sich bald zu dem einen, bald zum anderen der sie begleitenden Herren. Ihr niedliches, ro­siges Gesicht mit den lockigen, hellblonden Haaren kam Dina bekannt vor; sie wußte nur nicht gleich, wann und wo sie die junge Dame gesehen haben mochte. Der Herr in Zivil studierte eifrig die Speisekarte und schien sich in immer größere Unschlüssigkeit hineinzulesen. Der junge Offizier,' eine auffallend hohe, schlanke Gestalt, der der elegant dunkelgrüne Attila wie angegossen saß, drehte Dina den Rücken zu. Sie konnte nur seine hochgedrehten Schnurrbartspitzen, einen Teil seines schmalen, dunklen Kopfes sehen. 'Durch das Geschwirr der Stimmen hörte sie ein kurzes, etwas hartes Lachen, den wohlbekannten Klang einer tiefen Stimme.

Sie fuhr zusammen. Ihr Atem ging rasch.Berthold,

wir wollen die Plätze wechseln!" bat sie plötzlich.Ich sehe von hier aus in den Spiegel mir gegenüber.. das mag ich nicht."

Berthold überließ ihr seinen Stuhl. Von ihrem jetzi­gen Sitz aus konnte Dina den Nebentisch und das Pro­fil des Offiziers genau sehen. Er beugte sich gerade vor und sagte der jungen Dame leise ein paar Worte. Es war Henning von Bredow! Die Dame mit dem rosa Hut, die ihn anlächelte, mußte wohl seine junge Frau sein.

Es war fast, als ob Dinas Blick eine magnetische Gewalt hätte. Bredow wandte sich plötzlich auch nach ihr um und sah ihr gerade in die Augen. Er zuckte überrascht zusammen.

Was hast Du denn?" fragte die Dame. Sie nahm dabei dem Herrn in Zivil die Speisekarte fort.

Nichts," antwortete Bredow langsam.Eine Aehn- lichkeit frappierte mich."

Ich iverde das Essen lieber selbst bestellen. Ihr ver­steht das nicht." Die junge Dame zog ihre Handschuhe aus, ein paar reizende, kleine, weiße Hände mit vielen blitzenden Ringen, an dem vierten der rechten glänzte ein breiter Trauring, falteten sich über der dichtbeschriebenen Karte.Also erster Gang, Krebssuppe. Die esse ich näm­lich für mein Leben gern. Henning, zu Hause bestelle ich auch immer nur das, was ich gern esse."

Natürlich, Evel. Aber Heinz, was sagst Du zu dieser Tyrannei?" Der blonde Herr zuckte lächelnd die Schul­tern.Du kennst sie doch noch besser wie ich."

Dinas merkwürdig scharfes Gehör vernahm deutlich jedes Wort des neckenden Gesprächs.

Trotzdem Bredow sich eingehend mitderjmigen Dame unterhielt, kehrte sein Blick immer wieder zu Dinas Ge­sicht zurück. Als sich einmal ihre Blicke wieder kreuzten, machte er eine Bewegung, als wenn er aufstehen und auf sie zugehen wollte. Er mußte sie erkannt haben, wollte sie gewiß begrüßen, ihr seine junge Frqu vorstel­len, die ihr womöglich gar noch danken sollte. Nein, baS koMt« sie nicht ertragen. 190,18*