mit amtlichem Areisblatt Telefon Nr. 65.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65,
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1Z Pfg.
Mittwoch, den 27. November 1912
63. Jahrgang
Amtliches.
Biehseuchenpolizeiliche Anordnung.
betreffend die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche im Kreise Schlüchtern.
Meine viehseuchenpolizeiliche Anordnung vom 8. d. Mts. - J.-Nr. 13448 — Kreisblatt Nr. 49 — wird hierdurch wie folgt ergänzt:
Zu dem Beobachtungsgebtet im § 20 tritt die Stadt Schlüchtern hinzu.
Schlüchtern, den 23. November 1912.
Der Königliche Landrat. J.-Nr. 14044. J.B.: Berta.
Bekanntmachung.
Der Königliche Rentmeister Schade in Schlüchtern hat unter seiner vollen persönlichen Verantwortlichkeit mit unserer Genehmigung seinen Privatgehilfen
Pappert während der Dauer seiner Erkrankung seiner dienstlichen Vertretung bevollmächtigt.
Cassel, den 21. November 1912.
Königliche Regierung, Abteilung für direkte Steuern, Domänen und Forsten. A.
zu
S. D. Nr. 1039.
Schütze.
Deutsches Reich.
— Der kaiserliche Hofzug, der den Kaiser unb. feine Jagdgäste nach Springe brächte, traf dort am Freitag um 7 Uhr 5 Minuten auf der mit Fahnen in den deutschen und österreichischen Farben reich-
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Hosjagduniform fuhr mit dem Erzherzog Franz Ferdinand zusammen, von den übrigen Automobilen gefolgt, nach dem Jagdschloß im Saupark, wo um 7.45 Uhr die
Abendtasel stattfand.
- Die Düsseldorfer Regierung hat eine Entscheidung erteilt, die für den Kampf, der sich an vielen Orten gegen den Sonntagsunterricht in der Fortbildungsschule wendet, von grundsätzlicher Bedeutung ist. In Wermelskirchen bestanden über die Frage der Abschaffung des Sonntagsunterrichts an der gewerblichen Fortbildungsschule tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen der Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung und den Schuh- und Schäftefabrikanten. Der Regierungspräsident hat diesen Streit jetzt dadurch entschieden, daß er die Genehmigung zur Abschaffung des Sonntagsunterrichts erteilt hat. Die bisher an den Sonntagen stattgefundene Unterrichtsstunden werden auf einen
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Eigene Wege.
Roman von M. von Büncu.
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Wochentag verlegt. Der Regierungspräsident hat dabei angeordnet, daß die Wünsche der Schuh- und Schäftefabrikanten bei der Wahl des für den Unterricht an- zusetzenden Werktages berücksichtigt werden sollen, und daß der Sonnabendvormittag in den Stunden von 6 bis 1 Uhr für die Festsetzung der Unterrichtszeit an der Fortbildungsschule ausgeschlossen wird.
— Nach §§ 225 der neuen Reichsversicherungsordnung sind Betriebskrankenkassen, die vor Inkrafttreten des Gesetzes schon bestanden haben, weiter zu- zulassen, sofern ihre Mitgliederzahl mindestens 100 beträgt, die satzungsmäßigen Leistungen denen der maßgebenden Krankenkasse mindestens gleichwertig sind und ihre Leistungsfähigkeit auf die Dauer gesichert erscheint. Den Zeitpunkt, bis zu dem die Zulassung durch einen Antrag nackzusuchen ist, hat eine Kaiserliche Verordnung auf den 31. Dezember 1912 festgesetzt. Betriebskrankenkasfen, für die ein dementsprechender Antrag bis zu diesem Termin nicht gestellt ist, werden von amtswegen aufgelöst. Eine behördliche oder öffentliche Aufforderung, die Zulassung zu betreiben, erfolgt nicht. Für die Arbeitgeber, die Betriebskrankenkassen eingerichtet haben, empfiehlt es sich, die notwendigen Formalitäten möglichst bald zu erledigen.
— Ist eine Nachnahmesendung ohne ordnungsmäßige Einziehung des Nachnahmebetrags ausgehändigt worden, so leistet die Postverwaltung dem Absender fortan bei Einschreib- und Wertsendungen sowie bei gewöhnlichen Paketen mit Nachnahme für den entstandenen unmittelbaren Schaden bis zum Betrage der Nachnahme Ersatz. Diese Bestimmung, durch welche die Postordnung jetzt ergänzt worden ist, trägt den Wisnicken weiter @reifp_Ißsifytitsi^J--.--
/ Ausland.
— Ueber die deutsch-englischen Beziehungen hat sich in London der Vorsitzende des Liberalen Landesverbandes Sir John Brunner auf dessen diesjährige Tagung ausgesprochen. Frankreich sagte er, ist geographische unser nächste Nachbar, aber nach Rasse, Intelligenz und moralisch steht England Deutschland viel näher als Frankreich. Die Deutschen seien ein kräftiges, männliches Volk wie die Engländer. Er wünsche, daß beide Nationkn zusammengehen. Politisch sei das große Ziel Deutschlands die offene Tür für den Handel auf der ganzen Welt. Das sei auch die britische Politik. Weshalb aber sollen die beiden Nationen nicht von Herzen zusammenarbeiten können? Alle verständigen Kaufleute und Reeder und alle intelligenten Arbeiter in England und Deutschland wüßten, daß ein Krieg zwischen England und Deutschland Verluste oder vielmehr Ruin, Arbeitslosigkeit und
Verarmung in fürchterlichem Maße bedeuten würde. Wirtschaftliches Gedeihen in England könnte schwerlich neben einer schlechten Lage in Deutschland bestehen, und sicherlich könnte es nicht zugleich mit der Vernichtung des Nordseehandels bestehen.
— Einen unerhörten Ausfall gegen Preußen erlaubte sich in Ofen-Pest in der Sitzung der österreichischen Delegation der Pole Bialy, indem er erklärte, daß nicht einmal die Wilden sich so viel Grausamkeiten zuschulden kommen lassen wie die Preußen gegen die Polen. Präsident Graf Merveldt sprach sein lebhaftes Bedauern über diese Ausdrucksweise gegenüber der gesetzgeberischen Tätigkeit eines verbündeten Staates, die den Grundsätzen internationaler Höflichkeit widerspreche, aus. Die Deutschen hatten zunächst einen Ordnungsruf verlangt, aber nach längeren Besprechungen zwischen Deutschen und Polen wurde obige Tadelsform vereinbart.
— Im Balkankrieg dauert der Kampf an der Tschataldschalinie nach Ablehnung der bulgarischen Waffenstillstandsbedingungen durch die Türkei fort. Die Pforte hat sich nur dann zum Frieden bereit erklärt, wenn die Türkei als europäischer Staat und als Balkanmacht erhalten bleibt. Die Griechen haben die Insel Mytilene besetzt; die Serben sind in Florina eingerückt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 26. November 1912.
—* Bei den heute dahier stattgehabten Kreistagswahlen wurden die Herrn Bürgermeister Albrecht und Schlossermeister Leonhard Schäfer wiedergewählt und ^ -^Wö"uLs*B. ffnvDeToÄ ösl Iö.' ü!"WacWK- bach versammelten Vorstände der konservativen Parteien in den Kreisen Gelnhausen und Schlüchtern und die Vertrauensmänner aus dem Kreise Gelnhausen nahmen mit Bedauern Kenntnis von dem Entschluß des Herrn Abgeordneten Pfarrer Meyenschein eine Wiederkandidatur zum Landtag wegen der Steigerung seiner Aufgaben in seinem Hauptamt nicht annehmen zu können. Unter Anerkennung und wärmster Danksagung für die bisher seitens des Herrn-Abgeordneten Meyenschein geleistete rastlose eifrige Tätigkeit, die er nur unter Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit vollbringen konnte, beschloß die Versammlung einstimmig, Herrn Amtsgerichtsrat Hengsberger in Schlüchtern als gemeinsamen Kandidaten für alle rechtsgerichteten Parteien aufzustellen. Die Versammlung richtet an alle rechtsgerichteten Wähler die Aufforderung, sich durch keine noch so verlockende Versprechung von der Förderung der Kandidatur Hengsberger abbringen zu lassen.
SB
Dinabeugte sich plötzlich zu ihrer Mutter „Mama, bitte, laß mich aufstehen und fortgehen. Mir ist nicht wohl. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, Wein zu trinken. Ich habe Kopfweh."
Frau von Grünwald erschrak, als fe Dinas erblaßtes Gesicht sah. „Ja, Kind, wir wollen fort, sonst bist Du morgen krank. Berthold, bitte, bezahleschnell."
Dina zog ihre Jacke an. Sie wandt, absichtlich dem kleinen Nebentisch den Rücken. Als sie zur Tür hinaus wollten rückte Bredow unschlüssig an filtern Stuhl. Er mochte eine leichte Verbeugung vor Dna, die gerade aufgerichtet an ihm vorbeiging.
Sie neigte grüßend ein wenig den topf, ohne ihn anzusehen.
„Kanntest Du die Dame, Henmng?"
„Ich glaube. . ja."
Das hörte Dma noch deutlich.
„Ein hübscher Kerl.. der Husarenoftzrer. Richtiger Rassekopf!" meinte Berthold im Hinausgejen.
„Ob die kleine, blonde Puppe zu chn oder zu dem Zivilisten gehören mag ?"
Frau von Grünwald gähnte. „Wie sol ich das wissen, lieber Junge? Was geht's uns auch «n? ,.
„Sie ist die Frau des Husaren," sage Dina ruhig „Der Offizier ist ein ßeutnant von Breow. Ich habe ihn im Marienstist gepflegt."
„Und jetzt grüßt er Dich nicht 'mal, Ler doch nur so halb? Das hast Du davon, Dina."
„Er hat mich wohl nicht recht erkanntDak war mir auch viel lieber."
Berthold verstand die Antwort nur nu Mühe. „Du bist wohl mübe, Dina," fragte bieDlutter.
: «Ja, sehr müde/
„Nach dem Fingerhut voll Champagner, den Du getrunken hast?" lachte Berthold.
Dina antwortete nicht. Sie sagte im Hotel der Mutter und dem Bruder hastig gute Nacht. Frau von Grünwald wunderte sich über der Tochter eiskalte Lippen und Hände, als sie ihr den Kuß zurückgab.
„^Du siehst aus, wie ein Gespenst, Dina. Schlaf nur ordentlich aus. Morgen mußt Du frisch und vergnüat sein."
„Ja, morgen muß ich vergnügt sein," wiederholte Dina tonlos.
♦ * *
Am andern Morgen erschien Dina viel später wie Mutter und Bruder am Kaffeetisch.
„Ausgeschlafen?" fragte Frau von GrUnwald freund-
sich.
„Dina sieht verkatert aus," meinte Berthold. Blasse Wangen, trübe Augen! O, wie ich den Zustand kenne! Na, ich verdenk Dirs nicht, daß Du den letzten Abend Deiner Freiheit einen Schluck über denDurst getrunken hast."
„Berthold, red« nur i" cherS Hier ist!" lachte Frau ober seine alte Mutter davon denken?"
„Laß ihn nur, Mama!" bat Dina. „Ich höre Bert- Holds Neckereien ganz gern. Das ist so heimatlich .. bald neckt mich niemand mehr."
ES lag mehr im Ton wie an den Worten selber, daß sie Frau von Grünwald und Berthold eigentümlich er» 9rt^U Mutter wischte sich heimlich die Augen. Berthold räusperte sich ein paarmal, ehe er feine Borschlägebetreffs des heutigen Vormittags machte.
.Wir wollen nach Herrenhausen herausfahren, w- gendwo frühstücken und in derEilenriede bummeln, Rei» ter und Rodler bewundern. Borchers kommt doch erst
nicht solchen Unsinn, wenn Voran von Grünwald. „Was soll der
„Das ist eine sehr gute Idee, Berthold," lobte Dina. Aber tut mir den Gefallen und jährt ihr beide allein. Ich möchte heute noch einmal in- Marienstist 8e^M^
mich von den Schwestern verabschieden. Wenn es Dir recht ist, Mama, will ich auch die Oberin bitten, morgen bei meiner Trauung in der Kirche zugegen zu sein und nachher mit uns zu frühstücken. Sie hat mir stets viel Güte bewiesen."
„Gewiß, Dina. Aber Du kannst ihrdas ja schreiben und doch mit uns nach Herrenhausen fahren."
Berthold wollte widersprechen, aber Frau von Grün- wald winkte ihm mit den Augen. Sie wußte schon, man redete Dina am besten nicht in ihre Ideen hinein. Sie glaubte die Seelenstimmung der Tochter genau zu kennen. Das arme Ding grämte sich halb krank über das Zerwürfnis mit dem Vater und den übrigen Geschwistern. Nun, was an ihr lag, daß sich alles bald wieder auSglich, das sollte gewiß geschehen.
„Wenn es mit der Zeit paßt, gehe ich vomStift aus auf den Bahnhof und hole BorcherS und seine Mutter ab," fuhr Dina fort.
Frau von Grünwald nickte. Ihren anderen Töchtern würde sie so etwas sicher nicht erlaubt haben, aber bei diesem Brautpaar war ja alles anders wie bei anderen Menschen, mochten sie sich nun auch noch zu guterletztüber solche kleinen konventionellen Schranken hinwegsetzen.
Dina verabschiedete sich und ging mit raschen L-chrlt« ten durch die Straßen. Sie merkte es nicht daß die Bor- übergehenden ihrer hohen, schlanken Gestalt, die so sicher und elastisch auftrat, nachsahen. Manche starrten ihr so- gar dreist in das hübsche, ernste Gesicht, über das der große Federhut einen leichten Schatten warf. Der frische Wind ließ die letzten gelben Blätter der Linden durch die Luft wirbeln. Dina lachte wehmütig. Ein altes Märchen fiel ihr ein „vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt." Der unzufriedene kleine Baum wünscht sich Blätter von lauter Gold", aber auch die bringen ihm kein Glück, sie werden ihm rasch gestohlen und er steht traurig kahl da. „Erfüllte Wünsche., selbstgeschaffeng Flüche," sagt ein altes Sprichwort. Dina schauerte zusammen. Saftig jingjkroeiter. H ^^
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