SchluchtenmZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. IDocfycnbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
32 96. Samstag, den 30. November 1912. 63. Jahrgang.
An unsere Leser!
Wir machen unsere verehrten Leser darauf aufmerksam, daß wir uns, durch das stete zunehmen unseres Leserkreises veranlaßt sahen, von heute an, als Anerkennung hierfür unserer Zeitung ein wöchentliches „illustriertes Sonntagsblatt" beizufügen.
Es ist dies ein Beweis, daß unsere Zeitung in Nah und Fern gern gelesen wird und hoffen wir, daß-sich ^.«lferit' Abonnentenzahl durch dieses Unternehmen noch mehr vergrößern möge, da sich der Abonnementspreis hierdurch nicht erhöht hat.
Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Amtliches.
Bekanntmachung.
Für die Dauer meines vom 4. bis einschließlich 31. Dezember d. J. währenden Urlaubs ist durch Verfügung des Herrn Regierungs-Präsidenten in Cassel vom 23. d. Mts. A. III. 6699 der Bausekretär Persing vertretungsweise mit der Verwaltung des Königlichen Hochbauamts in vollem Umfange beauftragt worden.
Gelnhausen, den 28. November 1912.
Der Vorstand des Königlichen Hochbauamts: Milster. Regierungsbaumeister.
Advent.
Stimmt an im hellen Chöre Ein Festlied zum Advent!
Tut auf die Herzenstore, Wer die Verheißung kennt! Nun kommt auf diese Erde Der hehre Gottessohn, Daß sie zur Stätte werde Für seinen Königsthron.
Er kommt, um uns zu füllen Mit hoher selber Lust. Er kommt, den Schmerz zu stillen In wunder Menschenbrust.
Er kommt für die Gemeinde Als Freund und Bräutigam. Er trägt den Haß der Feinde Als stilles Opferlamm.
Er kommt, am Kreuz zu sterben,
Bis in den Tod getreu.
Auf daß von dem Verderben Die Menschheit ledig sei.
Er glänzt im milden Lichte
Dem, der ihn liebt und ehrt, Bis er zum Weltgerichte Einst flammend wiederkehrt.
Das neue Postscheckgefetz.
Der dem Reichstage zugegangene Entwurf eines neuen Postscheckgesetzes regelt in 12 Paragraphen die Kontoeröffnung, die Stammeinlage, die Unverzinslich- keit des Guthabens, die Gut- und Lastschriften, die Gebühren, die Portofreiheit in Postscheckangelegenheiten, die Auskunstserteilung, die Aufhebung des Kontos, die Gewährleistung der Postverwaltung, die Bestimmung über die Postscheckordnung, die Sonderbestimmung für den inneren Verkehr in Bayern und Württemberg und endlich das Inkrafttreten des Gesetzes. Der Hauptzweck des Gesetzes ist die Vereinfachung des Postscheckverkehrs und die Entlastung des Kontoinhabers.
Die Stammeinlage betrug bisher 100 Mk. Hat diese Höhe auch manches für sich, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß nicht geringe Kreise des Mittelstandes die dauernde Festlegung einer solchen Summe immerhin als beschwerlich empfinden und es deshalb vorziehen, sich vom Postscheckverkehr fernzuhalten. In deren Interesse soll nun die Stammeinlage auf 50 Mk. herabgesetzt werden. Diese Stammeinlage Muß auf jedem Konto gehalten werden, so lange es besteht. Außer ihr werden dem Konto die mittelst Zahlkarte eingezahlten Beträge und die von einem anderen Postscheckkonto überwiesenen Beträge 'gutgeschrieben. Der Kontoinhaber kann wie bisher jederzeit über sein Guthaben, soweit' es die Stammeinlage übersteigt, in beliebigen Teilbeträgen durch Ueberweisung auf ein anderes Postscheckkonto oder mittels Schecks verfügen.
Bei der Bemessung der Gebühren ist geplant, die Zuschlaggebühren in Wegfall kommen zu lassen. Dabei durfte natürlich die bei der Schaffung des Postscheckverkehrs festgesetzte Richtlinie, daß der neue Dienstzweig keine Schädigung für die Reichskasse zur Folge haben dürfe, nicht unberücksichtigt bleiben. Man erkannte mehr und mehr, daß dem Tarif Mängel anhafteten, und fast allgemein wurde die bei Einzahlungen mittels Zahlkarte vorgeschriebene Zuschlagsgebühr als den Interessen des Publikums ebensowenig wie denen des Postscheckverkehrs zuträglich angesehen. Bisher mußte auch der Inhaber die Gebühr für die Zahlkarte entrichten, während bei anderen Geldübermittelungen diese
zu Lasten des Absenders gehen. Die Folge war, daß weite kaufmännische Kreise, so namentlich die des Buchhandels, in denen diese Art der Abrechnung der üblichen Anschauung von der Gebührenbelastung bei Geldanweisungen widersprach, sich vom Postscheckverkehr fernhielten. Noch mehr aber schreckte ab, daß es Schwierigkeiten machte, die Höhe der Gebühr in jedem Falle vorher genau zu berechnen.
Bei einem Verkehr, der in alle Kreise dringen soll, ist aber ein einfacher und übersichtlicher Tarif unerläßlich. Es soll daher bei Einzahlungen statt der bisherigen Grundgebühr von 5 Pf. für je 500 Mk. oder einen Teil dieser Summe plus einer Zuschlagsgebühr von 7 Psi, falls der Kontoverkehr eines Inhabers jährlich mehr als 600 Buchungen erfordert, eine Einheitsgebühr von 10 Pf. festgesetzt werden ohne Rücksicht auf die Höhe des Betrages. Diese Gebühr wir nicht mehr der Kontoinhaber zu entrichten haben, sondern der Einzahler, genau also, wie es beim Postanweisungsverkehr ist. Sache der Jnteressenkreise wird es sein, sich über die Verrechnung dieser Ueberweisungs- gebühr zu einigen, und es ist kaum unwahrscheinlich, daß eine solche Einigung bei der geringen Höhe der Gebühr auch für große Beträge ziemlich leicht zu erzielen sein wird.
Bewährt haben sich die Gebühren für Auszahlungen und Ueberweisungen. Sie sind daher beibehalten worden; nur besteht die Absicht, die feste Gebühr bei Auszahlungen und die Ueberweisungsgebühr im voraus bei der Abgabe der Formularhrfte zu erheben. Die für die Sendungen in Postscheckangelegenheiten vorgesehene Portofreiheit ist dahin zu verstehen, daß der Kontoinhaber nur für seine Sendungen an das Postscheckamt Porto zu tragen hat. Alle anderen sein Konto betreffenden Sendungen sind portofrei.
Deutsches Reich.
— Die vergangene Woche brächte den Bußtag und damit einen Anlaß zu innerer Einkehr und ernster Selbstprüfung. Gerade in den gegenwärtigen Zeitläuften ist eine solche Selbstprüfung für den Einzelnen wie für das ganze Volk von nöten, denn vielleicht ist die Stunde nahe, wo die Frage entschieden wird, ob der rechte Geist unser Volk beseelt. An Zeichen für den Ernst der Situation, in der sich augenblicklich die politische Welt befindet, fehlt es wahrlich nicht. Aus den Wetterwolken im Orient zucken Blitze, die ganz Europa in Brand zu setzen drohen. Noch schützen starke Mächte den Frieden, und unter ihnen ist wohl die stärkste das feste Bündnis, das nun schon seit mehr als drei Jahrzehnten die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche in Treue vereint zu gegenseitigem Schutze-
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 26
Ein heimatliches Gefühl überkam sie, als sie das große, lang gestreckte Stiftsgebäude vor sich liegen sah. Die Schwester, die sie durch ihr kleines Guckloch erspähte, machte ihr rasch auf. Sie freute sich herzlich, Dina wieder zu sehen. Die Frau Oberin sei leider ausgegangen, aber sie wolle die Bestellung gern ausrichten und zweifle nicht, daß die Einladung mit Freuden angenommen werden würde.
„Schwester Anna, ich bin ja hier im Stift bekannt. Darf ich noch einmal zum Abschied durch die Zimmer gehen, in denen ich so lange gepflegt habe?" bat Dina. »Ich möchte auch gern einigen-Armen etwas schenken."
„Aber gewiß, Schwesterchen, ich darf wohl noch so mgen, gehen Sie, wohin Sie wollen! Jeder wird sich freuen, Sie zu sehen."
Dina zögerte noch. „Haben Sie viele Klassenkranke?" fragte sie halblaut.
„Eskönnten mehr sein. VieleZimmer sind noch frei.“
„Ist Nummer vierzehn belegt?" . .
, „Nummer vierzehn?" Die Schwester holte ein Register hervor „Nein, Nummer vierzehn ist nicht besetzt.
„In d^m Zimmer habe ich lange Zeit einen Kranken gepflegt. . damals in der Scharlachepidenn». Ich darf es wohl mal ansehen?"
„Gewiß, gehen Sie nur überall hin."
Dina stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Ihr Herz klopfte laut. Leise drückte sie die Tür von Nummer vierzehn auf. Es sah unwähnlich aus in dem unbenutz- ten Raum. Die Stühle zusammengeschoben, das Bett zugedeckt, obgleich peinlich sauber wie immer, machte alles einen ödou, verlassenen Eindruck. Beide Fenster standen äffen. Der Wind wehte die weißen Mullgardinen bald gingus, bald hinein ins Zimmer. Von dem Kasernenhof .gkrchs»t» w^u-spf^ lgute Kommandos he-
fehlender Stimmen. An jedem Fleck, an jedem Möbel hingen Erinnerungen. Dina strich die Kissen des Bettes glatt, wie wenn der schwer Leidende noch wie einst darin läge.
Vom Turm schlug es zwei Uhr. Sie erschrak. Mit einem Seufzer ivandte sie sich ab und ging zur Tür hinaus.
Schwester Johanna, abgearbeitet und in Eile w'e immer, begrüßte sie sehr herzlich. Sie hatte freilich nur wenige Minuten übrig. „Gott segne Sie, Schwesterchen!" sagte sie gerührt beim Abschied. „Möchten Sie ein reiches Glück finden!" ■
Dina dankte fast unhörbar. Ihre Lippen zuckten.
Nun war sie durch das ganze Haus gegangen. Die Oberin war immer noch nicht zurück. Ihre Zeit lief ab, sie mußte den Rückweg antreten.
Als sie zur Haustür hinausgehen wollte, prallte sie fast mit einem Offizier zusammen, der im Begriff stand, die Klingeltzu ziehen. Es war der Leutnant von Bredow.
Dina sah ihn eine Sekunde fassungslos an. Sie wußte nicht, ob es Einbildung oder Wahrheit sei, daß er plötzlich vor ihr stand. Ihre Gedanken hatten sich so lebhaft mit ihm beschäftigt, daß sie eine Traumgestalt vor sich zu sehen meinte.
Bredow faßte sich zuerst. ®r ließ die Klingel los und streckte Dina die Hand hin. „Ich irre mich also nicht. Gestern abend war ich meiner Sache nicht ganz sicher. Die Toilette verändert doch sehr, trotzdem wußte ich es, Sie waren es, meine gütige Pflegerin, die nur damals entschwand, ohne daß ich ihr danken durfte."
Dina stieg die Stufen herab. Sie wandte sich links und betrat den Anstaltsgarten. Bredow blieb an ihrer Seite.
„Warum verließen" Sie mich damals so rasch? Ich weiß noch nicht einmal, wie ich Sie nennen darf. Sie waren verlobt, sind vielleicht jetzt schon verheiratet?" fragte er.
Dem ruhigen Ton der Worte hörte man die atemlose Spannung nicht an, mit dererihre Antwort erwartet^
„Nein." Es schien Dina unmöglich, mehr wie diese i eine Silbe hervorzubringen.
Sein Gesicht leuchtete auf. „Und darf ich jetzt erfahren, ! wem ich meine Gesundheit, mein Leben verdanke?"
„Ihrer guten Natur und Gottes Güte, Herr von Bre» f dow." Stürmisches Herzklopfen erstickte ihre Stimme fast.
„Wollen Sie mir immer entschlüpfen? Wissen Sis, daß ich mich eben bei der Oberin melden lassen wollte, nur um endlich ihren Namen zu erfahren?"
„Mein Name? Was kaun Ihnen daran liegen, den zu wissen? Es ist übrigens durchaus kein Geheimnis, i Ich heiße Dina von Grünwald."
„Dina von Grünwald!" wiederholte er langsam. „Ha» : ben Sie mich gestern nicht erkannt, oder wollten Sie mich
j nicht kennen?"
„Ich habe Sie erkannt. Herr von Bredow und mich | an Ihrem Glück gefreut. Sie sind auf der Hochzeitsreise i mit Ihrer jungen Frau hier?"
„Auf der Hochzeitsreise? Ich? Mit meiner jungen Frau?" Er sah sie maßlos erstaunt an. „Ich bin ja gar nicht verheiratet." , 100,18
„Sie sind nicht verheiratet." Dina blieb stehen. Ihre I Augen hefteten sich auf sein Gesicht. „Si# waren doch ! damals verlobt, als ich Sie pflegte? Sie bekamen täg» । lich Briefe, erwarteten die Post mit zitternder Ungeduld, und einmal fiel eine Photographie hin, das reizende Bild eines blonden Mädchens, das Original war gestern mit Ihnen im Restaurant. Ich sah damals die Photographie. Einer Ihrer Kameraden hob sie auf und fragte, wer eS sei. Da antworteten Sie: „Meine kleine Braut." Sie sprach so schnell, daß Bredow ihr kaum folgen konnte.
Ein leichtes Lächeln flog um Bredows Mund. „Das wird alles so gewesen sein. Eveline Zürnstein ist meine Cousine, und im Scherz nannte man sie in der Familie, da sie viel in unserem Hause verkehrte, und immer fast unzertrennlich von mir war, meine kleine Braut, obwohl von Heiraten zwischen uns nie die Rede war. Sie ist mir lieb wie eine Schwester, aber auch nur rote eine solche." ' «.*—'•'**- --«-to«^—*-«!»-■ -*-««»“'»-^“---“"'OÄtseSGsÄi