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SchlüchtemerMuH

mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. <»5. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.' Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.

M 20. Samstag, den 8. März 1913. 64. Jahrgang.

3« Kaiser Wilhelms des Großen Gedächtnis.

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Einen erhebenden Gedenktag begeht heute das deutsche Volk. 25 Jahre sind heute verflossen, seit unser alter Heldenkaiser Wilhelm I. die Augen zum ewigen Schlummer schloß. Und wenn wir auch diesen Tag in stiller Wehmut begehen müssen, so dürfen wir doch dabei gedenken einer großen, erhebenden, ruhmreichen Zeit für Alldeutschland, die mit dem Namen Wilhelms I. unlösbar verbunden ist und heute fast in allen Phasen in glorreichen Bildern an unserm Geiste vorüberzieht. Das Andenken an den ruhmgekrönten Sieger von Königgrätz und SedW, an den greisen Vater des Vate'landes sicht noch zu lebendig im Volksbewußtsein, als daß es^T wäre, die Züge dieses tief sympa­thischen HrldenöitveS noch schärfer Herauszumeißeln; es möge nur an ein Wort Heinrich v. Treitschkes er­innert sein, der von dem Unvergeßlichen sagte:An seiner schlichten Größe war nichts blendend, nichts rätselhaft, außer der fast übermenschlichen Lebenskraft des Leibes und der Seele. Alle konnten ihn verstehen, nur nicht der Hochmut der Halbbildung, allen, den Geistreichen wie den Einfältigen, konnte die stärkste Kraft seines Charakters, die unwandelbare Pflichttreue, zum Vmbilde dienen." Und weiter:Als er dahin- ging, da war allen zumute, als ob Deutschland ohne ihn nicht leben könne, obwohl wir doch seit Jahren das Ende schon erwarten mußten."

In unser aller Erinnerung ist es noch, wie der neunzigjährige Heldenkaiser, als ihn bereits der Todes­engel umschwebte, bis zum letzten Atemzüge die hohen Tugenden bewahrte, die ihn zum verehrungswürdigsten Fürsten aller Zeiten gemacht haben. Seinem Volke und dem von ihm neu geschaffenen Deutschen Reiche galten seine letzten Sorgen, und noch im Angesichte des Todes belehrte er seinen Enkel, den Prinzen Wilhelm, unsern jetzigen erlauchten Kaiser, über das, was dem Staate und dem Heere not tue. Als ihm dabei seine Tochter, die Großherzogin von Baden, ein­mal bat, er möge sich nicht durch vieles Sprechen er­müden, gab er mit fester Stimme die unvergeßliche Antwort:Ich habe jetzt keine Zeit, müde zu sein!" In diesen in der Sterbestunde gesprochenen Worten drückte sich das ganze Wesen des großen Kaisers aus: seine Schlichtheit und das niemals ruhende Pflicht­gefühl.

Nun schläft der große alte Kaiser in seinen Helden­ehren den ewigen Schlaf, sein Geist aber lebt unter uns fort und wird ewig fortleben im Herzen unseres

Mröotene Wfade.

Kriminalroman von Otto Viehofer. 5

Da tauchte in dem roten Fackelscheine blinkend mit einem Male auf der Helm des Gendarmen. Der war nicht allein gekommen, der Amtsvorsteher war sein Be­gleiter. Grüße wurden ausgetauscht, Worte der Empö­rung gewechselt und dann folgte der eingehende Bericht des Oberinspektors. Kopfschüttelnd hörte der Amtsvor­steher ihn an, und tief herabgebeugt hatte er sich, als der Berichtende auf die Blut- und Wagenspuren sowie auf die Fußtapfen hinwies.

Und mit einem Male richtete der Amtsvorsteher sich wieder auf und machte sich einige Notizen. Dann, rings den Kreis der Herren tioch kurz streifend, zum Inspek­tor:Das ist brav gewesen von Ihnen, Eisele! Sie ha­ben solch vorzügliche Maßnahmen getroffen, daß auch der gewiegteste Kriminalist es nicht besser hätte tun kön­nen. Bei Gott, mir bleibt an Ort und Stelle keine Ar­beit mehr übrig. Das nächste und einzigste für mich ist nun, auf schleunigstem Wege die zuständige Staatsan­waltschaft zu benachrichtigen. Ich werde sofort telepho- nieren."

Der Amtsvorsteher wandte sich an den Gendarm: Und Sie, Müller, bleiben hier und bewachen diesen Ort mit zwei Mann, die Ihnen der Herr Oberinspektor zur Verfügung stellen wird, und zwar so lange, bis Ihnen eine andere Order wird. Und falls Neugierige kommen sollten: kein einziger passiert den Weg hier, ohne daß er einen weiten Bogen so wie die Herren da um diese Stelle machte. Und etwaigen Verdächtigen passen Sie ordentlich aufs Fell! Verstanden?"

Jawohl, Herr Amtsvorsteher."

Und was Sie anbetrifft, meine Herren," wandte sich der Amtsvorsteher nun an die Rittergutsbesitzer,so dürfte wohl einer oder der andere von Ihnen das Bedürfnis haben, der Frau Baronin in so schwerer Stunde ein

Volkes, wie in demselben die Dankbarkeit, die Ver­ehrung und Liebe zu Kaiser Wilhelm I. nie erlöschen werden. Die Eigenschaften, die ihn zierten, und die weltgeschichtlichen Erfolge, die er erreicht, werden ihn dem deutschen Volksbewußtsein für ewige Zeiten als das höchste Ideal eines deutschen Kaisers vorschweben lassen. Was er uns in ernster Linie gelehrt, das sind frommer Sinn, Bescheidenheit, Demut, Liebe zum Vaterlande, Pflichttreue bis zum letzten Atemzüge. Diese Lehren zu beherzigen, tut heute doppelt not.' Aber er hat nicht nur gelehrt, er hat auch gegeben, und was er uns als heiliges Vermächtnis hinterlassen hat, das ist das auf blutiger Wahlstatt fest zusammen- geschmiedete Deutsche Reich, das ist ein großes, schönes, mächtiges Vaterland.

So erhebt sich aus der großen Zeit der Wieder- aufrichtung des Reiches noch immer strahlend und ver« ehrungswürdig die Gestalt seines ersten Kaisers. Mit dem Heimgänge dieses einzigen Fürsten war die größte und herrlichste Zeit abgeschlossen, die Deutschland jemals erlebt hat. Das Hauptwerk hat Kaiser- Wilhelm I. getan; was er uns hinterlassen hat, ist die Aufgabe, sein Werk zu erhalten und zu befestigen. Halten wir daher fest an der großen Errungenschaft, die unser Vaterland durch Einheit und Macht dem Heldenkaiser verdankt, und lassen wir uns durch die Erscheinungen der Gegenwart, durch den Lärm der Reichsfeinde und Revolutionäre und durch das inter­nationale Geschrei politischer Schwarmgeister nicht den Blick auf Deutschlands Größe trüben! Und wenn wir heute mit Stolz auf die große Zeit Kaiser Wilhelms I. zurückblicken, so blicken wir auch zugleich mit voller Zuversicht in die Zukunft. Was der erste Kaiser ge­schaffen hat, wird auch fernerhin bestehen, und das deutsche Volk wird sein Ansehen und seinen Einfluß im Völkerreigen zn behaupten und das heilige Vermächt­nis, das er uns hinterlassen hat, zu erhalten und zu nutzen wissen jetzt und in fernen Zeiten.

Ein Nationaldenkmal haben die deutschen Fürsten und Stämme dem Neubegründer des Deutschen Reiches in seiner Hauptstadt errichtet, und aller Reichtum der deutschen Kunst ist aufgeboten worden, dieses Denkmal würdig zu gestalten. Außer diesem erheben sich noch Hunderte von Kaiser Wilhelm-Denkmälern in den deutschen Landen, in allen größeren Städten, an den Ufern des Rheins, auf dem Kyffhäuser und dem Hohenstaufen, in der von ihm zurückgewonnenen Reiche und Grenzfeste Metz. Aber das schönste Denkmal wird das Denkmal der Liebe und Dankbarkeit bleiben, das er selbst in Millionen Herzen sich aufgerichtet hat, ein Denkmal, das sich forterben wird als ein heiliges Ver­mächtnis von Geschlecht zu Geschlecht.

wenig beizustehen. Sie wird des Trostes bedürftig sein. Was mich anbetrifft, so werde ich das später tun, denn jetzt heißt's für mich vor allen Dingen: Her hinter dem Verbrecher die Staatsanwaltschaft auf den Plan!"

Der Amtsvorsteher hatte sich empfohlen, und die Her­ren berieten erst. Schnell waren sie übereingekommen: zwei der Familie des Barons von Paltzow zu aller­nächst Stehende sollten im Auftrage aller der jungen Baronin Trost bringen.

Die beiden betreffenden Herren ritten sofort ab, und im Nu waren auch die anderen verschwunden. Zurückge­blieben an diesem Ort war nur der berufene Hüter der Ordnung und des Gesetzes mit seinen beiden Gehilfen. Schweigend und fröstelnd, zum Teil an einen Baum gelehnt, verbrachten die Drei die langsam schleichenden Stunden. Nur hin und wieder blinkte der Helm im röt­lichen, qualmenden Licht der erneuerten Fackeln. Fast nahm's sich aus wie ein militärischer'Vorposten in Fein­desland.

Die beiden Trostbringer aber hatten ihre Nächsten­liebe vergeblich nach Schloß Trampitz getragen. Die gnä­dige Frau Baronin sei nach der Schreckenskunde sofort in tiefe Ohnmacht gefallen und noch snicht erwacht. Es wäre bereits zum Arzt geschickt worden, hatte Johann, der Diener berichtet. Die beiden Herren hatten ihre Kar­ten abgegeben und waren dann heimgeritten.

4. Kapitel.

Grau und neblig war der Morgen angebrochen. Im kahlen Geäst des Trampitzer Schloßparkes hingen dick und schwer die Tropfen gleich wie Milliarden von Tränen, vergossen um zwei liebe, gute Menschen, die plötzlich vom Erdboden verschwunden waren, als seien sie in den Or­kus gefahren.

Im Zimmer der Baronin lag dieselbe trübe Stim­mung, wie draußen rings in der Natur. Mühsam nur rang sich das graue Tageslicht durch die schweren Vor­hänge der hohen Bogenfenster, und lautlos und still war's

Deutsches Reich.

Der Reichstag begann am Sonnabend mit der Beratung des Marineetats. Abg. Erzberger (Z.) hielt eine sehr flottenfreundliche Rede. Staatssekretär von Tirpitz erkannte die Flottenfreundlichkeit des ZentrumS an, bekämpfte dann die Anträge auf Herabsetzung der Dienstzeit, den Tafelgelderantrag und betonte die Not­wendigkeit, für die neueHohenzollern" die nötigen Mittel zu bewilligen. Abg. Dr. Paasche (natl.) rühmte die glänzende Entwicklung unserer Flotte. Abg. Krahmer (kons.) trat für die Wiederherstellung der von der Butgetkommission gekürzten Etatspositionen ein. Abg. Wiemer (fortsch. Vp.) wünschte eine Ver­einfachung und Vereinheitlichung des Marineverwal­tungsbetriebs. Abg. Hoff (fortsch. Vp.) sprach für Besserstellung der Deckoffiziere und Abg. Herzog (wirtsch. Vp.) sprach sich gegen die zweijährige Dienstzeit der Matrosenartillerie und Marineinfanterie aus. Am Montag trat Staatssekretär v. Tirpitz den Angriffen des Abg. Noske (Soz.) entgegen. Er betonte, daß bei einem nationalen oder internationalen Seemannsstreik die Marineverwaltung allerdings mit ihren Mann­schaften eingreifen werde. Weiter betonte er, daß die Bewilligung von Mitteln für dieHohenzollern" keinen Verstoß gegen die Verfassung bedeute. Abg. Erzberger (Z.) trat ebenfalls den Angriffen Noskes entgegen. In der Einzelberatung wurden die Resolutionen der Budgetkommission angenommen, die eine Verbesserung der Gesamlstellung der Deckoffiziere und die Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die Marineinfanterie und Matrosenartillerie fordert. Abg. Brandes (Soz.) brächte eine Fülle von Beschwerden vor über die ^rbeiterverhältnisse auf den Werften und über die politische Bevormundung der Arbeiter und Angestellten. Staatssekretär v. Tirpitz erwiderte, daß er Friedens­störer in seinen Betrieben unter keinen Umständen dulden könne.

Das preußische Abgeordnetenhaus führte am Sonnabend die zweite Lesung des Bergetats zu Ende. Abg. Leinert (Soz.) behauptete, daß geflissentlich der zuständige Sicherheitsmann dem Kaiser, der kurz nach dem Unglück die ZecheLothringen" besuchte, nicht vorgestellt worden sei, um dem Kaiser die wahren Ur­sachen des Unglücks zu verschleiern. Diesen Aus­führungen trat Handelsminister Dr. Sydow scharf entgegen. Er bezeichnete ein verbotswidriges Schießen mit Dynamit auf der dritten Sohle der Grube als die Ursache der Katastrophe. Auch die strengste Kont­rolle könne da nichts helfen; in diesem Fall sei die Unglücksstelle sogar 20 Minuten vor der Katastrophe vom Betriebsführer revidiert worden. Der zuständige Sicherheitsmann sei nicht geflissentlich vom Kaiser

mer ein paar leise, gedämpfte Worte, und ebenso ge­dämpft und leise ließen sich auf dem dicken Teppich dann und wann ein paar Schritte vernehmen. Es war der Hausarzt Doktor Birkner, den man gestern abend hatte herbeigerufen und der, in Anbetracht des Zustandes der Baronin, die ganze Nacht an ihrem Bette verweilt hatte.

Doktor Birkner hatte eine schwere Arbeit hinter sich. Seine Bemühungen, die Baronin ins Bewußtsein zurück-, zurufen, waren anfänglich gänzlich ohne Erfolg gewesen. Erst nach wiederholten starken Einspritzungen unter jedes­maliger Steigerung der Dosis hatten die Baronin um Mitternacht endlich die Augen aufgeschlagen gehabt. Da aber hatte sich nun ein neues Hindernis eingestellt: die Baronin hatte zu toben und schreien angefangen, als wäre sie plötzlich wahnsinnig geworden. Aus dem Bett hatte sie heraus gewollt und in einem fort geschrien:Wo ist mein Mann wo ist der Baron? Gebt mir meinen Mann wieder!" Mit vieler Mühe nur hatte da der Arzt die Tobende bändigen und in ihrem Bett zurückhalten können. Da war dann das letzte und einzigste Mittel ge­kommen: starke Beruhigungs- und Schlafmittel. Und jetzt erst, da der Tag angebrochen, hatte die Baronin, nach einem tiefen, erquickenden Schlafe wieder die Augen geöffnet.

Und da war nun für den Arzt die erste Bedingung: die Erwachte vorläufighinwegzutäuschenüberdas Schreck­liche, das ihr der zweite Inspektor, trotz der Belehrung Eiseles, in so ungeschickter und schonungsloser Weise über- bracht hatte. Nein, jetzt durfte das entsetzliche Unglück, das über ihr prächtiges Schloß hereingebrochen war, der Baronin auf keinen Fall zur Gewißheit werden. Erst später, wenn ihre Nerven vollkommen beruhigt, dann wollte er selber ihr nach und nach das Schreckliche offen­baren. Nur er allein der Arzt, und kein Unberufe­ner. 197,18*

Nun, gnädigste Frau Baronin, das war doch auch noch ein Schläfchen, nicht wahr? Sehen Sie, so war's MM!° »ü>j!tg!Kffi«.«** a««Y I