mit amtlichem AreisblatL. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
»M 36. Samstag, den 3, Mai 1913. 64. Jahrgang.
Amtliches.
Kreis-Viehverstcherungs Anstalt
Nach Prüfung der vorläufigen Abschlußergebnisse für das Rechnungsjahr 1912— */4 12—31/3 13 —, ist zur Deckung der Ausgaben die Erhebung folgender Prämien für das zweite Halbjahr erforderlich:
I. Rindviehversicherung: 60 Pfennig (anstatt 70 Pfennig in den letzten Jahren) von 100 Mark Versicherungssumme.
II. Pferdeversicherung: 1 Mark von 100 Mark für Pferde, welche nur im Landwirlschaftsbetrieb verwendet werden und 1V» Mark von 100 Mark für Pferde der Gewerbetreibenden, Beamten, und solcher Landwirte, die nebenbei noch Lohnfuhren leisten (wie bisher.)
Die Einzahlung und Ablieferung der Prämien an die Kreiskonimunalkasse dahier muß bis spätestens zum 17. Mai d. Js. bewirkt sein
Die Herren Bürgermeister wollen diese Bekanntmachung den Herren Orlsvertretern zur Kenntnis vorlegen lassen und dieselben in den örtlichen GeschMen im Interesse der Viehbesitzer tunlichst unterstützen, denn nur durch die kostenfreie Verwaltung der Anstalt und durch die dankenswerte Mitarbeit der Ortsvertreter usw. kann die Anstalt mit so geringen Prämien ihre wohltätigen Aufgaben erfüllen.
Schlächtern, den 24. April 1913.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
MtfiW Reich.
— Ein Attentat auf den Kaiser? Während der Anwesenheit des 'Kaisers in Metz gelangte an das Pariser Polizeipräsidium ein anonymer Brief des Inhaltes, daß von Reims drei Anarchisten abreisen würden, um ein Attentat auf den Kaiser in Metz zu unternehmen. Dieser Brief wurde von Paris nach Berlin telegraphiert und gelangte von da an das Polizeipräsidium in Metz. Derjenige, der das Attentat ausführen wollte, wäre ein großer starker Mann mit energischem Kinn und Bart ä la Guillaume. Obwohl das Ganze von der Polizei als eine Vorspiegelung falscher Tatsachen oder als ein schlechter Witz angesehen wurde, betraute man ein starkes Polizeiaufgebot mit Nachforschungen. Der „Anarchist" wurde aber nirgends bemerkt. — Man weiß nicht recht, ob diese Meldung wirklich den Tatsachen .entspricht oder nur dem Hirn eines Phantasten entsprungen ist. Jedenfalls werden Ermittelungen angestellt, deren Ergebnis uns erst davon unterrichten kann, ob der Kaiser tatsächlich der Gefahr ausgesetzt war, einem Anschlag zum Opfer zu fallen.
Mröotene Ufade.
Kriminalroman von Otto Viehofer.
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Zumal seit dem Augenblick, da Spiegels telephonische Nachricht ins Schloß gelangt war, daß er den Doppel- mörüer gefangen hätte, hatte sie sich vollends aufgerafft und wollte den kommenden Dingen ruhig und gefaßt entgegensehen. Gleich hatte sie da ihren Hausarzt heimfahren lassen. „Doktor," hatte sie zu ihm gesagt, „Doktor, hat man mir nicht meinen geliebten Gemahl wie- dergebcacht, so ist es doch wenigstens gelungen, den zu ergreifen, der ihn mir nahm, der mein Liebstes auf Erden, meinen einzigen Egon, mir raubte. Und ob ich den kalten Körper je wiedersehe oder nicht: Ich spreche nun mit dem berufenen Rächer: „Die Rache ist mein!" Ja, mein ist die Rache, und ich will stark sein, will fortan helfen klären, was noch zu klären ist. Des ruchlosen Täters Haupt soll fallen unterm Henkerbeil, soll's sühnen, — und das ist's, was mir mein Gleichgewicht nudergwt!
„Die gnädige Frau Baronin läßt bitten, Herr Kommissar."
Johann öffnete die Tür zum Gemach der Baronin, und Kriminalkommissär von Behlow verschwand hinter der schweren, seidenen Portiere.
Drinnen in dem luxuriösen Gemach fiel sein scharfes Auge auf eine schlanke, hohe, doch üppige, jinige Gestalt, deren schöne, dunkle Singen fest und ruhig auf ihn gerichtet waren.
Mit sicherem Schritt tarn die Baronin auf chu zil, und ihre weiche Stimme, in der noch deutlich der schmerz nachzitterte, kam ihm zuvor: „Sie sind gekommen, Herr Kriminalkommissär von Behlow, um auch zu hören, «der, wie es in Ihrer Amtssprache heißt, zu verhören uver die Vorgänge bei der Ermordung meines Gemahls und EMes seiner treuesten Leute, des Kutschers?"
— Der Reichstag erledigte am vergangenen Sonnabend eine Reihe von Petitionen, sodann in meist dritter Lesung eine Abänderung des Besoldungsgesetzes, das Veteranengesetz, das Schutztruppengesetz, die Literaturkonvention mit Rußland und dem-größten Teil des Etats. Beim Etat des Auswärtigen Amts bestätigte Staatssekretär von Jagow das unveränderte Festhalten der Großmächte an der Forderung, daß Skutari geräumt werde. Der Militäretat beschwor neuerdings eine sozialdemokratische Rede zum Fall Krupp herauf. Der Kriegsminister von Heeringen nahm in aller Kürze Stellung zu ihr wie zu einigen weiteren Angriffen. Die heiß umstrittenen Kommandanturen wurden trotz lonservativer Warnungen auch in dritter Lesung abgelehnt. Am Montag wurde der Etat in dritter Lesung gegen die Stimmen der sozialdemokraten und Polen angenommen; der Reichstag vertagte sich hierauf bis zum 27. Mai. Vor Beginn der Sitzung verwahrte sich Graf Westarp (kons.) in einer entschiedenen Abwehrerklärung dagegen, daß er mit einem unlauteren Kalenderunternehmen in Beziehung stände. Beim Justizetat rief das Bestreben der Sozialdemokraten, ihre Presse gegen den Vorwurf der Gotteslästerung zu verteidigen, eine lebhafte Debatte hervor, in der der Unterstaatssekretär Wahnschaffe einen besonders krassen Fall sozialdemokratischer Gotteslästerung zur Sprache brächte. Einen weiteren Fall berichtete Graf Westarp (kons.) aus der „Zittauer Volkszeitung". Beim Postetat wurde die Ostmarkenzulage abgelehnt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus genehmigte am Sonnabend eine Reihe kleinerer Vorlagen und nahm dann den konservativen Antrag Strosser an betr. den Erwerb des Grundstücksblocks in der Nachbarschaft des Abgeordnetenhauses. Der Entwurf betr. Abänderung des Gesetzes über die Eisenbahnunternehmungen (v. 3. 11. 1838) wurde in der Kommissionsfassung angenommen. Ebenso fanden mehrere Anträge zur Abänderung des Kommunalabgabengesetzes nach längeren Ausführungen von Dr. Hahn (kons.) die Billigung des Hauses. Am Montag wurde das Eisenbahnanleihegesetz in zweiter Lesung genehmigt und eine große Reihe von Bahnwünschen und Petitionen entgegengenommen.
KManS.
— London. Montenegrinische Nachgiebigkeit? Eine Information des Reuterschen Bureaus besagt: Obwohl über die dem montenegrinischen Delegierten Popowitsch anvertraute Mission Stillschweigen bewahrt wird, glaubt man, daß die ihm telegraphierten Anweisungen derart sind, daß sie einen Ausgleich (Arrangement) möglich machen. Als ein erheblicher Fortschritt wird der Um
dazu übergeheu, mögen Sie mir gestatten, einiges vor- auszuschicken."
„Nun, und
„Im Aufträge des die Untersuchung führenden Richters, des Herrn Landgerichtsrats Schiverdtmann, spreche ich Ihnen gnädigste Frau Baronin, hiermit dessen tiefste Teilnahme aus. Der Herr Untersuchungsrichter W außerordentlich bedauert, daß er innerhalb der Mauern dieses Schlosses schalten und walten mußte, ohne vorher der Herrin seine Aufwartung machen zu können. Und ich, gnädigste Frau Baronin, schließe mich dem Herrn Untersuchungsrichter an."
„O, Herr Kommissar, ich danke dem Herrn Untersuchungsrichter und auch Ihnen, aber Sie haben doch nur Ihre Pflicht getan, Ihre heiligste Pflicht, die dahin führte, daß Sie den Mörder meines Mannes und dessen Kutscher der Gerechtigkeit auslieferten. Sehen Sie, das hat mich geheißen, mein Krankenlager zu verlassen, das hat mich Ihnen zur Verfügung gestellt. Wäre dem nicht so gewesen, wahrlich, ich unterläge heute noch dem fürchterlichen Gedanken, das Liebste verloren zu haben, und kein Gegengewicht — keine ausgleichende Sache zu finden I Und nun bitte, nehmen Sie Platz und fragen Sie."
Die Baronin hatte auf den Sessel vor ihrem Schreibtisch gewiesen, und sie selbst plazierte sich in einer Fen- ftcnrifdie.
Kriminalkommissär von Behlow hatte sein Aktenstück auf den feingeschnitzten Schreibtisch niedergelegt, setzte sich so, daß er mit halber Front der Baronin zugekehrt war nahm einen Federhalter zur Hand, und kamt fing er an: „Gnädigste Frau Baronin, Ihr Herr Gemahl hatte für den Unglücksabend um neun Uhr im Hotel „Kronprinz" in der Stadt mit anderen Herren eine wichtige Sitzung verabredet?"
"Wollte er unbedingt daran teilnehmen, also auch bei schlechtem Wetter?" '
stand betrachtet, daß Montenegro selbst habe durch, blicken lassen, daß es bereit sei, Skutari zu verlassen, und daß die Ausdrücke seiner am Samstag vormittag bei den Mächten eingegangenen Antwort eine gemäßigtere Haltung zeigten.
— Die Balkanfrage ist in ein neues und zwar recht gefährliches Stadium getreten. Oesterreich-Ungarn hat, unterstützt von Deutschland und Italien, bei der Botschafterkonferenz in London ernste Schritte getan, um die Mächte zu weitergehenden Maßnahmen für den Fall zu veranlassen, daß Montenegro sich der Forderung widersetzt, Skutari zu räumen. Bis jetzt hat die Donaumonarchie aber nur den „diplomatischen" Erfolg gehabt, daß die Mächte sich einmütig dafür erklärt haben, daß Skutari dem künftigen Albanien einverleibt werden soll, daß also König Nikita die Stadt und Festung wieder herausgeben muß. Damit ist aber Oesterreich begreiflicher Weise nicht zufrieden, und es hat angekündigt, daß es seinen Interessen auf eigene Faust Geltung zu verschaffen wissen werde. Damit ist zweifellos ein militärisches Vorgehen gegen Montenegro gemeint, so daß die Möglichkeit eines bewaffneten Zusammenstoßes zwischen Oesterreich Ungarn und Montenegro vorhanden ist. Wenn sich die übrigen Balkan- staaten mit Montenegro solidarisch erklären, so können sich daraus unabsehbare Komplikationen ergeben, zumal die Stellung Rußlands in diesem Falle recht zweifel- haft erscheint. Die Einnahme Skutaris durch die Montenegriner hat durch die Feststellung, daß der Kommandant der Festung Effat Pascha mit seinen Truppen nach Albanien gezogen ist, um sich dort zum unabhängigen Fürsten ausrufen zu lassen, ein merk- würdiges Nachspiel erfahren, das nicht dazu dient, die Situation auf der Balkanhalbinsel zu vereinfachen. Die Skutariangelegenheit drängt zur Entscheidung, und die nächsten Tage werden wohl schon Klarheit über die weitere Entwicklung der Dinge bringen.
— Die Friedenshoffnung in der Türkei darf äußerst zuversichtlich genannt werden. Ein Mitglied der türkischen Friedensabordnung erklärte, daß man, solange die Note der Mächte der Pforte nicht überreicht sei, nicht einmal wisse, ob es nötig sein werde, Friedensabgeordnete nach London zu senden, da die Friedenspräliminarien anscheinend nur Punkte von untergeordneter Bedeutung enthalten würden, während die Haupt- fragen den Verhandlungen der Mächte oder der Finanzkonferenz in Paris vorbehalten seien.
— Als Fürst von Albanien soll Essad Pascha sich haben ausrufen lassen. Der Korrespondent des „Temps" erfährt aus Cetinje, daß der König von Montenegro bei den der Uebergabe vorausgegangenen Verhandlungen mit Essad Pascha einen Vertrag abgeschlossen habe, der
Natur, was er sich einmal vorgenommen, ja, was er zu» gesagt hatte, das führte er auch durch, das hielt er unbedingt."
„Und Johann, der Diener, hatte Auftrag erhalten, Punkt achteiuviertel Uhr den Wagen vorfahren zu lasten, und er geleiete den Herrn Baron dann auch zum Wagen?"
„Jawohl, und ich selbst geleitete meinen Mann noch bis auf den Korridor hinaus."
„Und wie war der Herr Baron gekleidet?"
„Nun, er trug einen nagelneuen, dunklen Rockanzug, und zum Schutze gegen das Unwetter einen ebenfalls nagelneuen, dunklen Mantel, aufs Haupt gesetzt hatte er sich einen schwarzen Filzhut, den er sich des Sturmes wegen tief ins Gesicht gerückt hatte. Denn der Wind wirbelte sehr auf der Freitreppe."
„Führte der Herr Baron oder der Kutscher keinerlei Waffe mit sich, um einen etwaigen unvermuteten Angriff von sich abzuwehren?"
„Auf keinen Fall, denn mein Mann pflegte — ausgenommen er ging auf die Jagd — so etwas nie zu tun. Und was den Kutscher anbetrifft, so weiß ich von meinem Mann, daß er niemals auch nur eine Waffe besessen hat."
„Ich danke einstweilen, gnädige Frau Baronin!"
Der Kommissar beugte sich über den Schreibtisch, um das Gehörte erst niederzuschreiben.
Und nach etwa zehn Minuten, während der die Baronin mit gedämpftem Schritt ein paarmal den Salon durchmessen, fuhr er fort zu fragen: „Und nun, gnädige Frau Baronin, sagen Sie: Hat der Herr Baron irgend welche Feinde gehabt, ich meine außer diesem Polen?"
„O, Herr Kommissar, wie sollte mein Mann Feinde haben, wenn er selber jeden Menschen nur als Freund behandelte I"
„Auch nicht — wieder abgesehen von dem Polen — unter dem Gutspersonal?" 197,18*
„Nein, nur der allein, den Sie schon gefangen haben, fand den Mut zur Auflehnung gegen seinenHerrn — ge«