Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «3. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 40.
Samstag, den 17. Mai 1913.
64. Jahrgang.
Beutschts Reich.
— Zum Regierungsjubiläum des Kaisers im Juni d. Js. sind für die preußische Armee nachstehende Feierlichkeiten geplant: An sämtlichen Standorten finden am Sonntag, 15. Juni, als am Todestage weiland Seiner Majestät des hochseligen Kaisers und Königs Friedrich III., in allen Garnisonkrichen und Militär» gemeinten besondere Gottesdienste statt. Am Montag, 16. sJuni, erfolgt in sämtlichen Garnisonen großes Wecken und große Paroleausgabe. Außerdem werden bei den einzelnen Truppenteilen Appels abgchalten werden. In Berlin findet die große Paroleausgabe 12 Uhr 30 Min. nachmittags im Lichthofe des Zeughauses in Anwesenheit Seiner Majestät und der Prinzen statt. Vor dem Zeughause nimmt eine Ehren - kompagnie des 2. Garderegiments zu Fuß im Paradeanzug mit Fahne, Spielleuten und Regimentsmusik mit den direkten Vorgesetzten Aufstellung. Die militärischen Dienstgebäude flaggen am 16. Juni. Zur Feier des Tages werden die Wachen und Posten den Paradeanzug anlegen und alle Militärpersonen auf der Straße in Helm erscheinen.
— Eine halbamtliche Feststellung in der Cumber- landfrage wird von der „Kölnischen Zeitung" und der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" getroffen. Ein Berliner Blatt hatte sich aus Gmunden melden lassen, die Erweiterung Lüneburgs aus hannoverschem Gebiet entspreche der Wirklichkeit, und Prinz Ernst August werde bei seiner Thronbesteigung den Titel „Herzog zu Braunschweig und Großherzog von Lüneburg" führen. Die beiden genannten Zeitungen erklären diese Mit- teilung als glattweg erfunden.
— Als Abwehr leerer Zeitungsgerüchte veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeiue Zeitung" folgende Erklärung : „Die „Preß-Centrale" verbreitet, Deutschland habe in Wien außerordentlich eindringlich von dem Einmärsche in Montenegro abgeraten, da die russische Regierung der deutschen Regierung die Erklärung abgegeben habe, daß sie einen Angriff auf Montenegro mit der bewaffneten Neutralität, das heißt, mit der Konzentrierung von mindestens 300 000 Mann an der österreichischen Grenze beantworten würde. Wir können feststellen, daß weder hier eine derartige russische Erklärung abgegeben, noch in Wien eine Warnung erteilt worden ist. Die ganze Meldung ist erfunden. Als unrichtig zu bezeichnen ist auch eine Meldung der „Daily Mail", daß der deutsche und der österreichischungarische Botschafter in Konstantinopel von der Unterzeichnung des Friedensvertrages vor Abschluß der Skutarisrage abgeraten hätten."
Instand.
— Für 'e '-"edenskonferenz in London haben die Balkanverbün! dieselben Delegierten ernannt wie für die erste F -enskonferenz. In amtlichen Kreisen wird erklärt, ba^ die bulgarische Regierung jede Aktion, die den Verzögerungen und Verschleppungen ein Ende setzen könne, günstig aufnehmen und ihren ganzen Einfl aufbieten werde, um jedem neuen Ver» schleppungsversuch vorzubeugen, da das Land entschieden einen sofortigen Friedensschluß wünsche.
— Ein Fehlbetrag im französischen Staatshaushalt ist von dem Berichterstatter der Budgetkommission des Senats, Aimou festgestellt worden. Er erklärt, daß das Budget für das laufende .Jahr einen Fehlbetrag von mindestens 200 Millionen aufweist. Für das Budget von 1914 werde dieser Fehlbetrag sich aller Voraussicht noch auf mindestens 360 Millionen beziffern. Deshalb würden zur Herstellung des Gleichgewichts des Staatshaushalts 1914 neue Steuern in Höhe von mindestens 360 Millionen und außerdem für die Bedürfnisse der Kriegsverwaltung eine Anleihe von einer Milliarde erforderlich sein.
— Durch Zusammenstoß bulgarischer Militärzüge verunglückten 150 bulgarische Soldaten tödlich, 200 wurden verletzt. An einem bulgarischen Militärzug von 30 Waggons, der sich auf einer Zweiglinie in der Ria-tung auf Drama (Mazedonien) gewegte, riß aus einem sehr steilen Abhang die Koppelung, und 25 Waggons rollten in voller Geschwindigkeit auf die Station Buk zu, wo sie heftig auf einen Zug von 25 Waggons, die mit bulgarischen Soldaten besetzt waren, .'fffießen.
— Die Balkanfrage geht jetzt, soweit internationale Interessen dabei in Frage kommen, anscheinend ihrer endgültigen Lösung entgegen. Am Mittwoch ist Skutari einem von dem internationalen Blockadegeschwader gestellten Truppendetachement übergeben worden, nachdem es von den montenegrinischen Truppen geräumt war. Auch die Unterzeichnung des Präliminarfriedens wird höchstens noch ein paar Tage auf sich warten lassen, da sämtliche Balkanstaaten bereits ihre Zustimmung zu den Vorschlägen der Mächte gegeben haben. Dagegen gewinnt der Streit der Balkanstaaten unter einander einen immer schärferen Charakter, und zwischen den Bulgaren und Griechen ist es in den letzten Tagen wiederholt zu blutigen Zusammenstößen gekommen.
— König Alfons von Spanien ist heil und unversehrt wieder aus Frankreich nach Madrid zurückgekehrt, dank der umfassenden Vorsichtsmaßnahmen, welche die französischen Sicherheitsbehörden in seinem Interesse getroffen hatten. Es ist jetzt viel die Rede
von einem engeren Anschlüsse Spaniens an Frankreich, bezw. die Tripleentente, aber Bestimmtes weiß niemand darüber.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 16. Mai 1913.
—11 Wichtig für Betriebskrankenkassen. Nach Artikel 21 des Einführungsgesetzes zur Reichsversicherungs- ordnung werden die Betriebskrankenkassen Ende dieses Jahres von Amtswegen aufgelöst, für die nicht bis zum 30. Juni bei dem zuständigen Bersicherungsamt eine mit den Vorschriften der neuen Reichsversicherungsordnung in Einklang gebrachten Satzung eingerichtet ist. Diese Gesetzesvorschrift scheint in den in Betracht kommenden Kreisen nicht allgemein bekannt zu sein. Bei Betriebskrankenkassen werden die neuen Satzungen von den Betriebsunternehmern aufgestellt und eingereicht. Vor der Einreichung sind aber Versicherte darüber anzuhören. Der Verband zur Wahrung der Interessen der deutschen Betriebskrankenkassen mit dem Sitz in Essen hat Mustersatzungen und eine eingehende Anleitung für die Ausstellung der neuen Satzungen wie für die Durchführung der ReichsversicherungS- ordnuilg überhaupt herausgegeben und seinen Mitgliedern übermittelt. Der Verband erteilt in besonderen Fällen auch Auskunft.
—* Die Zahl der in Deutschland vorhandenen Aerzte beziffert der Statistiker Dr. Prinzing-Ulm für das Jahr 1913 auf 33 527. Aus seinen Arbeiten geht hervor, daß die Ueberfüllung des ärztlichen Berufes in weiterem Zunehmen begriffen ist. Mitte 1912 kamen auf 10 000 Einwohner 5,06 Aerzte, eine nach bet bisherigen Erfahrung zwar schon sehr hohe, aber eben noch erträgliche Zahl. Die Erwerbsver- Hältnisse der Aerzte haben sich aber durch die Reichsversicherungsordnung verschoben; durch die Ausdehnung der Versicherungspflicht und die Erweiterung der Versicherungsberechtigung werden besonders auf dem Land der bisherigen ärztlichen Privatpraxis sehr viele zahlungsfähige Personen entzogen unb' der Kassenpraxis zugeführt. In dieser werden aber auch heute noch die Honorare der Aerzte vielfach nach einem Jahres-Kopf- Pauschale berechnet, daß oft nicht mehr als 2 Mark beträgt. In ärztlichen Kreisen sieht man deshalb der Entwicklung der Dinge mit größter Besorgnis entgegen.
—* Am 5. b. Mts. wurde in Schlüchtern und am 13. d. Mts. in Steinan die erste Gesellenprüfung für die Lehrlinge des Metzgerhandwerks seitens der im vorigen Jahre gegründeten Metzgerzwangsinnung für den Kreis Schlüchtern unter dem Vorsitz des Herrn Metzgermeisters L. Kohlepp von hier abgehalten, woran
i, Aeröotme Made.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 30
Nun, und so war denn Herbert Balthasar herbeigeeilt, um an der Stätte deS Verbrechens sein kriminalistisches Können für die Gerechtigkeit in die Schanze zuschlagen. —
„Ja," murmelte er nun vor sich hin, während seine Augen noch immer scharf auf das Grab gerichtet waren, „ja, der Kranz gibt wirklich zu denken. „Für seinen Herrn ließ er sein Leben. — Treue wird belohnt— Auf Erden und dort oben!" Wie gesucht das klingt, wie zusammen- gezerrt die Verse sind, man merkt ordentlich die Absicht dahinter, die Absicht zu verbergen nach innen und zu demonstrieren nach außen. Ha, Frau Baronin, Farce ist dieser Kranz, nichts als Farce. Aber aufschreiben will ich mir die famose Widmung, mein Notizbuch soll sie tragen bis zum gegebenen Moment."
Herbert Balthasar zog sein Notizbnch, schrieb die Verse ein und entfernte sich dann schleunigst oom Kirchhof, darr befürchtete, in feinem Tun hierplötzlich überraschtzu werden.
Draußen nahm er ganz wieder Wesen und Gestalt deS kummervollen Onkels an. Sein Hirn jedoch arbeitete unentwegt weiter, es fing an zu deuteln an den Aeuße- rungen deS Pfarrers, sie zu zerfleischen, kriminalistisch zu verwerten. Die Baronin hätte ein gutes Herz, hatte der et, nur nach der grauenvollen Tat verführe sie mit t Personal rigoroser als früher. Das sei ja auch nur zu erklärlich, denn derjenige, welcher ihr den Gemahl raubte, sei eben ein Mitglied dieses Personals gewesen. Da hegte sie eine starke Antipathie gegen ihre Leute, und nur dem treuen, braven Kutscher Friedrich bewahrte sie ein Andenken über das Grab hinaus. Ja, war das nicht dieselbeKomödie wie mit dem Kranz? Alles gewaltsam herbeigezogen, ein berechnetes Getue der Baronin nach außen, um innen zu verbergen. O, wie war der Herr Pfarrer mit seiner Nur-Erklärung, die er sich t und ihm gegeben, doch auf dem Holzwege, 7" Und dann;
die Baronin hatte ihm, dem „Onkel aus Brüssel", in fast aufdringlicher Weise ihre Gastfreundschaft angeboten.
Bei Gott, wo war es beim sonst Sitte in so hohen Kreisen, sich derart zu interessieren für den entfernten Verwandten irgend eines seiner Domestiken! Klar zu Tage lag auch hier die Absicht: die Baronin wollte ihn in ihrer Nähe haben, sie wollte ihn beobachten, seinen Aus- und Eingang kontrollieren, weil er ihr nicht geheuer vorgekommen, weil sie ganz richtig einen Spion in ihm vermutete. Teufel noch einmal, da hieß es auf der Hut sein, denn die Baronin würde sicher Mittel und Wege finden, ihm in die Karten zu gucken, auch ohne daß er unter ihrem Dache weilte. Der „Onkel ans Brüssel" mußte so echt gespielt werden, daß auch die Baronin zu guter Letzt daran glaubte. Aber ausweichen mußte er ihr vorläufig auf alle Fälle, verbergen vor ihr sein Wesen und seine Sprache, denn es konnte sich ereignen, daß er später einmal, wenn auch unter völlig veränderter Maskerade, ihr doch noch näher treten mußte. Aber eins war unbedingt notwendig: er mußte sich, um ihr nicht auf- zufallen, der staatlichen Kriminalpolizei, die da im Schlosse weilte, vorstellen, denn kollidieren würde er mit der auf alle Fälle. t ,
Und da war ihm das Glück hold: gerade als er am Gesträuch hinter der Schloßmauer angelangt war, begegnete ihm ein Herr, dem er ohne weiteres ansah, daß er ein höherer Geheimpolizist sei.
„Verzeihung, mein Herr," sprach er ihn an und lüftete artig seinen Hut, „habe ich vielleicht die Ehre, den hier die Untersuchung führenden Herrn Krumnalkomnus- sar vor mir zu haben?"
„Jawohl, mein Herr, von Vehlow ist mein Name.
Ohne seinen Namen zu nennen, zog der Privatdetektiv ein steifes Papier aus seiner Brusttasche, und reichte es dem Kriminalkommissär hin.
„Bitte, informieren Sie sich," sagte er nur.
Kriminalkommissär von Behlow nahm das Papier, unb plötzlich weiteten sich seine Augen. Denn obenan auf
dem Papier sah er die Photographie eines bartlosen, ziemlich schlanken Mannes, und darunter las er: „Vorstehende Photographie stellt den Privatdetektiv Herbert Balthasar aus Berlin dar. Es wird ersucht, bem Vor- zeiger dieses überall und immer den behördlichen Bei- stand zu gewähren."
Bescheinigt hatte diese Legitimation der Polizeiprä-. sident von Berlin.
Forschend und halb zweifelnd hatte sich nun der Blick des Kommissars auf den vor ihm Stehenden gerichtet, aber schon hatte er begriffen.
„Ach so, Sie befinden sich bereits in unnatürlicher Hülle, Herr Herbert Balthasar?"
„Jawohl, Herr Kommissar, und soll ich Ihnen die Echtheit meiner Person noch deutlicher vor Augen füh- ren, so brauche ich nur die Brille zurückzuschieben und meinen Rock zu öffnen."
„Bewahre," reichte Kriminalkommissär von Behlow die Legitimation zurück, „ist gar nicht nötig, Herr Balthasar, weiß schon, weiß schon, daß Sie es sind. Aber sagen Sie einmal, Sie verschwanden einst so mir nichts Dir
nichts von der kriminalistischen Bildfläche in Berlin, trotzdem Sie so mit Erfolg gearbeitet hatten? Und um alles, in der Welt, was führt Sie denn nun plötzlich hierher?"
„Ja, Herr Kommissar, das hatte und hat alles seine guten Gründe."
Und nun erzählte Herbert Balthasar dem Kommissar die ganze Erbschaftsgeschichte, und wie er zuletzt die fragliche Klausel durchbrochen habe und hierher gekommen sei.
Da war Kriminalkommissär von Behlow denn doch aufs peinlichste berührt, ja, er fühlte sich tief verletzt bis ins innerste Mark. Er sollte auf falscher Fährte sein, er sowie der Untersuchungsrichter? Ausgeschlossen war das, unumstößlich fest stand es, daß Wenzel Koczmierski der
Fährte sein, er itoffen war das.
unumstößlich fest stand es, daß Wenzel Koczmierski der Doppelmörder war! — Nun, Herbert Balthasar sollte seinen Willen haben, spähen sollte er und spüren soviel er nur immer wollte, bald würde er sich festgebissen haben ■ an den Sohlen Wenzel Koczinierskis." 197,18* J