IchlüchternerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. rHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
M 60?
Samstag, den 26. Juli 1913.
64. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 4062 K. A. Der 6 stwirt Jean Wiffenbach zu Hütten beabsichtigt auf fein 1 in der Gemarkung Hütten gelegenen Grundstück, K.rtenblatt K. Parzelle Nr. 455/116 usw. ein Schlachthaus zu errichten.;
Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden. Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht
Dienstag, den 12. August 1913 Vormittags 11 Uhr
vor dem Unterzeichneten an. I: Falle des Ausbleibens des Unternehmers oder 1 er Widersprech rden wird gleichwohl mit Erörterung des Unterneht ens bezw. der Einwendungen vorgegangen werden.
' Zeichnungen und Beschreibungen der Anlage können Während der Dienststunden im Büro des Kreis-Ausschusses einvesehen werden.
Schlüchtern, den 25. Juli 1913.
Der Vorsitzende des Kreis Ausschusses: Berta.
Bekanntmachung.
Beim unterzeichneten Bezirkskommando ist zum Herbst 1913 noch eine freiwillige Schneiderstelle zu besetzen. Bewerber wollen umgehend Gesuche nebst Lebenslauf und einen vom Zivilvorsitzenden der Ersatz kommission ausgestellten Meldeschein zum freiwilligen Eintritt einreichen.
Königliches Bezirkskommando H a n a u a. M.
Deutsches Reich.
— Cossel. Zum Wilhelmshöher Sommeraufenthalt des Kaiserpaares wird geschrieben, daß nach den neuesten Dispositionen die beiden Majestäten bereits am 6. August auf Bahnhof Wilhelmshöhe eintreffen. Die Ankunft erfolgt in den Morgenstunden in zwei Hofzügen, die Kaiserin kommt aus Homburg v. d. H., während der von der Nordlandsreise kommende Kaiser aus Swinemünde eintrifft.
— Der Staatssekretär des Reichsschatzamts, Wirklicher Geheimrat Hermann Kühn, hat vom König die Krone zum Roten Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub verliehen bekommen.
— Die Zahl der Gnadenanträge, die dem Kaiser aus Anlaß seines Regierungsjubiläums von dem Justizminister unterbreitet worden sind, ist schon jetzt auf ungefähr 12 000 gestiegen. Zum größten Teil
haben sie auch bereits Genehmigung gefunden. Die Arbeiten sind indessen noch bei weitem nicht abgeschlossen, und es darf damit gerechnet werden, daß die Zahl der Anträge sich noch erheblich erhöhen wird. Zurzeit unterliegen insbesondere auch die schwereren Fälle der Prüfung des Justizministers, in denen es sich um längere, in zahlreichen Fällen übrigens alsbald nach dem Allerhöchsten Erlaß vorläufig unterbrochene Freiheitsstrafen handelt.
— Wegen" Beschimpfung des Deutschtums wurde von dem Schöffengericht in Leipzig der ehemalige Handelshochschüler Ptaschkowsky, der sich an wüsten Ausschreitungen in einem Leipziger Kabarett am 15. Juni beteiligt hatte, zu 3 Monaten und 1 Woche Gefängnis verurteilt. Zwei Mitangeklagte Kommilitonen sind leider ins Ausland geflüchtet; es ist Haftbefehl gegen sie erlassen, und sie werden steckbrieflich verfolgt.
— Zur Bekämpfung der Fremdenlegion hat der Deutsche Wehrverein ein Flugblatt herausgegeben, das die Rede des Dr. von Papen über die französische Fremdenlegion auf der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins weitesten Kreisen zugänglich macht. Es kann in beliebiger Menge zum Preise von 1 Mk. für das Hundert durch die Geschäftsstelle des Deutschen Wehrvereins bezogen werden.
— Der Streik der Werftarbeiter hat von Hamburg aus auch auf andere Städte übergegriffen. So sind namentlich in Kiel, Stettin nnd Bremen die Arbeiter verschiedener Wersten in den Ausstand getreten. Es wird immer klarer, daß dieser Streik in einem unglaublichen Leichtsinn vom Zaune gebrochen worden ist. Die sozialdemokratischen Organisationsleiter suchen jede Schuld daran von sich abzuwälzen und lehnen es zum Teil ab, StreikunUrMtzungett zu zahlen, wodurch die Streikenden in die größte Notlage geraten können.
— Die sozialdemokratische Partei Elsaß-Lothringens ist während der letzten neun Monate in ihrer Mitgliederzahl von 6478 auf 6229 heruntergegangen. Der Stand der Parteikasse erhält aus folgenden Angaben: Die Landeskasse erhielt 6676,93 Mk., die Hauptkasse in Berlin 2206,33 M-, zusammen zahlten also die Kreise 8883,26 Mk. Die Gesamteinnahme der Kreise betrug 17 958,63 Mk., die Zahl der verkauften Beitragsmarken 45 788. Die Abrechnung der Landeskasse balanzierte in Einnahme und Ausgabe mit 17 516,98 Mk. Der Kassenbestand hat sich von 2298,32 Mk. am 1. Juli 1912 auf 4112,02 Mk. erhöht/ ist also für die Interessenten befriedigend. An Agitationsarbeit wird aufgezählt die Verteilung von 547 000 Flugblättern und 8100 Broschüren,
die Abhaltungen von 292 öffentlichen und 787 Mitgliederversammlungen.
Ausland.
— Die Lage Bulgariens nimmt einen geradezu verzweiflungsvollen Charakter an. Gegen Sofia maichieren etwa 30000 Mann rumänischer Truppen. Sie stehen bereits in Orchanije, also noch ungefähr 27 Meilen von der bulgarischen Hauptstadt entfernt. Andere rumänische Abteilungen sind bei der Etropole, das ist 38 Meilen nordöstlich von Sofia, eingetroffen. Die.Türken sind zielbewußt auf Adrianopel losgegangen und sollen nach einigen Meldungen diese Festung bereits ohne Schwertstreich wieder besetzt haben. Sichere Bestätigungen der Einnahme Adrianopels durch die Türken liegen jedoch nicht vor. Der Militärgouver- neuer von Thrazien meldet, daß die türkischen Truppen, die von Usunköprü und Lule Burgas her vorrückten, von Enver Bei geführt werden und aus Kurden bestehen, unter denen man Serben bemerkt
— Die Friedensverhandlungen auf dem Balkan dürften in allernächster Zeit beginnen. Bulgarien hat, nachdem Rußland seine Vermittlungen aufgegeben hat, sich endlich dazu bequemt, direkte Verhandlungen mit den Gegnern zu suchen. Die bulgarischen FriedenS- delegierien, die Generale Paprikow und Jwantschew, sind bereits in Nisch eingetroffen, um mit den Delegierten sämtlicher Verbündeten unverzüglich Friedensverhandlungen anzubahnen. Die Türkei hat ihr Verlangen, an der Friedenskonferenz teilzunehmen, erneuert. Die kriegführenden Staaten stehen diesem Verlangen grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber. Es steht noch nicht fest, wo die Friedenskonferenz stattfinden wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in Bukarest abgehalten werden. In keinem Falle aber soll als Konferenzort eine griechische oder serbische Stadt ge« wählt werden.
— Der Aufstand in China hat den Revolutionären bisher nur einen, allerdings großen Erfolg gebracht, aber auch dieser ist kein Erfolg mit den Waffen. In Schanghai wurde das gut ausgerüstete Arsenal infolge Bestechung den Südtruppen übergeben. Im übrigen ist die Regierung überall siegreich. Die Rebellen fliehen aus Nanking, das von Thenchunsan und Huangsing bereits verlassen ist. Die Presse rät Juanschikai, ducchzugreifen, ein Kompromiß wäre Schwäche. 2000 Soldaten der Nordarmee haben 4000 Südsoldaten bei Hsuchouku in die Flucht geschlagen. Die chinesische Flotte erweist sich als durchaus regierungstreu. Juanschikai will selbst nach dem Süden gehen, um das Oberkommando zu übernehmen. Aber seine Umgebung rät ihm, in Peking
Meröotene Afade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 52
„Und den Revolver fanden Sie auch so schnell wie die Schuhe, wo hattenSie den denn immerverstecktgehalten?"
Durchdringend wieder sah der Untersuchungsrichter den Polen an, aber der fiel dieses Mal nicht herein.
Ganz ruhig antwortete er: „Revolver hab ich nicht gehabt, nie hab ich gehabt einen Revolver."
„Und warum haben Sie denn keinen Revolver gehabt, solch ein Schießeisen trägt doch heute fast jeder Mensch, auch der geringste?"
„Weil ich gehabt hab keine Geld, um mir so etwas zu kaufen."
„Niemals hatten Sie Geld, auch kurz vor Ihrer Verhaftung nicht?"
„Nein, keine Pfennig."
Da hatte es ja der Untersuchungsrichter. Aufgesprungen war er von seinen Akten, und triumphierend zudem Polen: „Koczmierski, also keinen Pfennig hatten Sie in Ihrer Tasche und verließen dennoch so plötzlich denDienst *~ verließen den Dienst, ohne den Lohn für dre drei Tage abgehoben zu haben? Wahrlich, da muß Eile geboten gewesen sein, da muß es gebrannt Haben unter Ihren Sohlen. Nicht der Aerger oder sonstiges Mißfallen hat Sie da fortgetrieben vom Hofe des Barons, sondern nur allein der Dvppelinord, das Blut zweier Menschen, das an Ihren Fingern klebte! Mörder! — Doppelmörder! fchrie es in den Bäumen am Wege dort, und Sie nah- n^m Ihre Schuhe, packten sie in das Bündel und rann- len gestiefelt in finsterer Nacht davon." . .
Der Untersuchungsrichter hatte sich wieder zu seinen Akten gesetzt und schrieb, aber da hatte sich Wenzel Kocz- wierski von dem ihm versetzten Hiebe auch schon erholt; ant funkelnden Augen schleuderte er heraus: --Mörder sind Sie — Sie, Untersuchungsrichter, und Blut klebt an ^yte Finger — ja, Blut von meine Wunde da 11,,^
Des Gefangenen gefesselten beide Hände waren nach derjenigen Stelle seines Oberschenkels hingegangen, wo die Kugel des Kriminalschutzmauus ihn getroffen hatte.
Diesem Zoruesausbruch des Gefangenen wollte der Untersuchungsrichter nun wieder mit äußerster Ruhe begegnen. Er hob den Kopf: „Sagen Sie mal, Koczmierski, ivo waren Sie denn zu der Stunde, da an jenem Abend alle Leilte des Schlosses Trampitz auf dein Hofe zusam- menliefen und schrien: Ach Gott, der Herr Baroir ist ermordet und auch der Friedrich?"
Der Pole kämpfte noch immer mit seiner Wut, aber endlich antwortete er resigniert: „War ich in meine Kammer."
„Und Sie haben das Wehklagen der andern gehört und sind nicht hingelaufen zum leeren Wagen?"
„Ja, hab' ich gehört, bin nicht hingelaufen."
„Und warum denn nicht, was taten Sie in der Kammer?"
„Nu, wollt' ich doch ausrücken, und da hab' ich gepackt meine Sachen. Was schert mich da Baron, der mich hat geärgert!"
Wieder war der Untersuchungsrichter aufgesprungen und hatte vor Entrüstung die Feder auf den Tisch geworfen, so daß die kleinen Tintenspritzer hier und da ein wenig die Akten beschmutzten: „Donnerwetter, verruchter Pole, und das sagt er angesichts dessen, daß sein hoher Brotgeber und dessen braver Kutscher auf so schauderhafte Weise ums Leben kamen! Kerl, haben Sie es nun begriffen, daß Sie sich damit voll und ganz verraten haben? Geärgert hat Sie der Herr Baron, Ihr Herz, Ihre Gefühle waren vollkommen verroht, und da gingen Sie hin und ermordeten ihn. Sie ermordeten ihn und seinen Kutscher und suchten sofort das Weite, waren mithin auch nicht mehr in Ihrer Kammer, als das Geschrei ertönte: „Der Herr Baron ist ermordet!" Also Ihr Maß ist jetzt voll, die Untersuchungsakten werden sofort abgeschlossen!"
„^Landgerichtsrat Schwerdtmann wandte sich mit Ab^
scheu von dem Gefangenen. Aber heiß aufgestiegen war eS in dem wieder, sein Auge flammte, die Finger krampf- ten sich zusammen, und in seinen Armmuskeln zuckte e» gewaltig. Bebend kam's heraus aus seinK breiten Brust: „Mörder, sag'ich noch einmal, sind Sie — Sie, Richter! Und Herz hab' ich in der Brust — jawohl, Herz, und auch Gefühl, besser ivie Sie! Und in der Kammer war ich auch, wie können Sie da sagen nein! Hunde ver--"
„Donnerwetter, jetzt ist's mir endlich doch zu viel," unterbrach ihn donnernd der Untersuchungsrichter. „Hinaus mit ihm, auf dreimal vierundzwanzig Stunden irr die Dunkelzelle bei Wasser und Brot!"
Der letzte Satz war an den Gefangenenaufseher gerichtet, und der packte den Polen nun mit festem Griff und schob ihn zum Zimmer hinaus.
Bier Tritte polterten die Treppe hinab, den Korridor entlang, und Wenzel Koczmierski saß schon in der Dun^ kelzelle.
Der Untersuchungsrichter aber schloß oben die Akten ab, sie waren nunmehr reis für die Eröffnungskammex — für die Anklagebehörde. — ,
18. Kapitel.
Herbert Balthasar hatte in der Zeitung gelesen, daß ein Berliner Graf und hoher Gardeoffizier einen jungen Diener suche. Und darauf hatte er seinen neuesten Plan gebaut. Gleich war er nach Berlin gefahren, hatte sich mit bem Grafen in Verbindung gesetzt und diesem oer«. sprachen, einen Diener zu beschaffen.
Heute saß er nun wieder im Hotel des Kreisstädtchens M., natürlich noch immer als „Vertreter der Getreide- firma Mann u. Co.", vor seinem Fenster und beobachtete scharf den gegenüberliegenden Gasthof „zum roten Löwen," in welchem das männliche Hauspersonal deL Schlosses Trampitz zu verkehren pflegte. Schon war er recht ungeduldig geworden, denn es war bereits drei Uhr nachmittags, und was er erwartete, war noch immer nid)t gekommen. . - ‘ ' 197,18*