mit amtlichem RreisblaLt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
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Kmljches Reich.
— (Angebliche Reisepläne des Kaisers). Wie ein Berliner Vertreier aus den Hofkreisen erfährt, sind sämtliche Meldungen, die über bevorstehende Reisen des Kaisers nach 3|$l, nach Gmunden, nach Eckartsau, nach Korfu usw. verbreitet werden, lediglich Vermutungen. Bestimmte Pläne jur weitere Reisen des Kaisers bestehen zur Zeit noch nicht, und ihre Festsetzungen hängt zum Teil von Umständen ab, deren Eintreffen oder Nichteintreffen noch nicht zu übersehen ist.
— Die Schmückung der Kriegergräber und Denkmäler bei Metz findet in diesem Jahre am 10. und 15. August statt, und zwar am 10. August auf dem Schlachtfeld der Ostseile: Beruh, Colomvey, Noisseville, Rouilly, Servigny u. a. und am 15. August auf den Schlachtfeldern der Westseite: Amanweiler, St. Privat Marie aux Chanes, Verneville, Gcavelolie, Gorze, St. Vionville und Mars-la-Tour statt. Nach der Schmü- ckung am 15. August wird in der Gedenkhalle in Gravelotte die allgemeine Gedenkfeier für die gefallenen Krieger mit Gedächtnisrede, Gesang- und Musikvorträgen nb- gehalten werden. Im ganzen werden rund 3000 grüne Kränze und 160 Denkmalkränze niedergelegt.
— Die neue Prüfungsordnung für die preußischen Juristen ist am 1. August d. Js. in Kraft getreten. Wesentliche Aenderungen gegen früher hat nur die große Staatsprüfung erfahren. Die zweite häusliche Arbeit (praktische Arbeit) ist durch Wegfall des Sach- berichts vereinfacht, die Bearbeitung von zwei Rechts» fallen unter Aufsicht (Klausurarbeiten) kommt neu hinzu, aber nur für Referendare, die vom 1. Oktober d. I. ab in die Prüfungen eintreten.
— Die Friedensaussichten auf dem Balkan dürfen trotz mancher Schwierigkeiten günstig genannt werden. Der Waffenstillstand ist von der Bukarester Konferenz bereits um drei Tage verlängert worden. In serbischen Kreisen ist man der Ansicht, daß er für den Fall, daß innerhalb dieser Zeit die Verhandlungen noch nicht zum Abschluß gebracht werden könnten, noch weiter verlängert werden wird. An eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten sei nicht zu denken.
— Der Schritt der Mächte wegen Adrianopel soll unmittelbar bevorstehen. Es verlautet, daß die Mächte der Pforte den Rat erteilen werden, Adrianopel gegen Kompensationen zu räumen, die hauptsächlich in einer Grenzberichligung und der Erhöhung der Zölle auf 4 Prozent bestehen würden. Dieses Angebot
Samstag, den 9. August 1913.
wird von den Türken schon jetzt als unannehmbar bezeichnet.
— Die Gegenvorschläge Bulgariens auf die Forderungen der Serben und Griechen lauten wie folgt; 1. Die neue Grenze beginnt an der alten serbisch-bulgarischen Grenze und endet am Golfe von Orfano. Es bleiben auf bulgarischem Gebiet u. a. Jstip, Strumitza, Serres, Demir Hissar und Kawalla. 2. Da die Entscheidung über die Inseln von der Botschafterkonferenz in London den Großmächten Vorbehalten ist, kann Bulgarien nach dieser Richtung keine Verpflichtung übernehmen. 3. Bulgarien kann die Berechtigung der Forderung der Verbündeten nach einer Entschädigung der Einwohner nicht anerkennen und über diesen Gegenstand auch nicht in Verhandlungen eintreten. 4. Bulgarien willigte ein, daß die Streitigkeiten betr. die alte serbisch-bulgarische Grenze einer internationalen Militärkommission anvertraut werden, die von den Großmächten zu ernennen ist. 5. Bulgarien nimmt den Grundsatz an, demzufolge sich die Kriegführenden unter Wahrung der Gegenseitigkeit verpflichten, auf ihrem Gebiete den Nationalitäten volle L-chul- unn Kirchenfreiheit zu gewähren.
— Der Aufstand in China darf infolge des tatkräftigen Einschreitens der Zentralregierung als unterdrückt gelten. Bei den Wusungforts haben ledig» lich Erkundigungen stattgefunden, wobei vereinzelte Schüsse gewechselt wurden. Die Nordtruppen säubern jetzt die Umgegend von Schanghai von den Rebellentruppen und verhandeln mit den letzten 1500 in der Ehincsenstadt stehenden Rebellen wegen ihrer Ueber- gabe. Der Gouverneur der Rebellen ist nach Kantors geflohen. Neue Kämpfe finden dort nicht mehr statt, in Kanton herrscht Ruhe. Die Nordtruppen haben Ku chen an der Tientsin — Pukoubahn erreicht. In Nanking herrscht gleichfalls Ruhe. Eine Abteilung indischer Truppen wurde von Hongkon nach Kanton entsandt, um Shameen zu bewachen, wo sich die europäischen Viertel befinden. Der Generalgouverneur von Kanton hat gestern nacht eine starke chinesische Truppenabteilung nach der inneren Landzunge geschickt, um die dortigen fremden Ansiedlungen zu schützen.
— Bukarest. (Friede im Balkanlande). Der Friede ist zwischen Bulgarien einerseits und Serbien, Griechenland und Montenegro anderseits mündlich aus der Grundlage abgeschlossen worden, daß Strumitza an Bulgarien und Kavalla an Griechenland fallen. Der Vertrag wird am Freitag vormittag 11 Uhr unterzeichnet. Gleichzeitig erfolgt die Unterzeichnung des Demobilisierungsabkommens.
64. Jahrgang.
— Wien. An hiesiger unterrichteter Stelle herrscht die Ansicht vor, die Friedensbedingungen feien derart, daß die Großmächte unmöglich auf ihr Prüfungsrecht verzichten könnten, sie würden sogar den Vertrag ändern müssen. Man steht hier auf dem Standpunkt, die Aufteilung des bulgarisch Mazedoniens zwischen Serbien und Griechenland gefährde den dauernden Frieden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 8. August 1913.
—* Im Interesse der Kreisbevölkerung wird wiederholt darauf hingewiesen, daß die Sprechstunden bei dem Landratsamte, der Einkommensteuer-Veranlagungs- kommission und dem Kreisausschuß, auf Dienstag und Freitag, vormittags 9 bis 12 Uhr festgesetzt sind.
Wie in unserem heutigen Kreisblatt ersichtlich ist, wird unsere Stadt nunmher folgende Einquartierungen erhalten: vom 16. August bis 1. Sept. 1227, vom 29. bis 30. August 33, am 2, und 3. September 1585, am 4. September 20, am 5. September 1564 und am 6. und 7. September 2191 Mannschaften einschl. Offiziere und Unteroffizieren; ebenso wie unsere Stadt, so werden auch einige größere Ortschaften in unserem Kreise zahlreiche Einquartirungen erhalten und dürfte sich in in diesen Tagen in unserem Kreise ein großes militärisches Treiben entwiklen.
—* Am Dienstag morgen kurz vor sieben Uhr übet flog in ganz bedeutender Höhe eine Flugmaschiene (Taube) unsere Stadt. Man kann mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß es ein Flugzeug von dem E fchwaderslug Metz — Darmstadt war, denn verschiedene Zeitungen melden, daß am Dienstag morgen von Darmstadt aus, Major Siegel mit Leutnant Caster trotz schlechten Wetters über die Rhön und den Spessart weiter geflogen und in Co- burg glatt gelandet seien. Gestern nachmittag konnte man wieder über unsere Stadt daselbe Flugzeug auf seinen Rückflug beobachten, welches von Osten nach Westen flog.
—* Der Fahrradmarder welcher am vergangenem Dienstag vor einer hiesigen Wirtschaft ein Fahrrad gestohlen hatte, wurde durch die sofortige Verfolgung des hiesigen Gendarmeriewachtmeisters am Distelrasen eingeholt, wo der Dieb bereits das Rad für 5 Mark verkauft hatte. Als Täter wurde der 19 Jahre alte Schiffer Otto Wernecke aus Schollene, Sachsen fest- gestellt. Zuvor verkaufte er erst ein Rad für 20 Mk. in einem hiesigen Geschäft zu dem sich der Eigentümer noch nicht gemeldet hat, vieleicht tragen diese Zeilen dazu bü, daß sich derselbe findet.
Meröotene Ffade.
firimümlroman von Otto Viehofer. 56
Wie aus den Wolken gefallen ivar der Kutscher, gleich hatte er aus dem flotten Trab das Pferd zunr Schritt pariert: „Was, Konrad, ziehen »vollen Sie? Machen Sie doch keine Witze!"
„Ja, das ist mein heiligster Ernst, mir gefällt's nicht auf Schloß Trampitz!"
„Na, und noch keinen anderen Dienst haben Sie in Aussicht und trotzdem? Wo denken Sie denn hin!"
„Ja eben, aber ich denke mir das so: ich gehe gleich nach Berlin, und da wird sich schließlich doch was finden lassen für mich. Herrschaften gibt's dort doch genug, hohe Herrschaften, vornehmer als unsere Baronin. Lernen möchte ich noch viel, lernen die große Welt kennen, und am Ende sie auch genießen — das ist's, ivas mich hier fortzieht, und nichts, nichts kann mich mehr zurückhalten."
Das Wort „Berlin" hatte mit einem Male auch den Kutscher gefangen genommen, er beneidete nun den andern. Ja, der Konrad konnte »schon nach Berlin gehen, reif war er mit seinen guten Manieren schon für die Herrschaften einer großen Stadt. Und er? —Nein, er war dazu noch nicht reif, er mußte noch hierbleiben und die Landstraße abkarriolen. Und wer wußte, ob er jemals nach Berlin hinkommen würde, ob seine Handnicht überhaupt zu steif war, um in dem Gewirr der vielen glatten Straßen eine hochelegante Kutsche zu fahren! —
Das leichte Wägelchen war federnd auf den Schloßhof gerattert, und der Diener Konrad stand mit ben mit- gebrachten Sachen schon vor seiner Herrin.
Höchsteigenhändig hatte die Baronin ihm den Karton mit dein Schleier abgenommen, aber da — was hatte denn das zu bedeuten? Prüfend ließ die schöne Frau ihren Blick über den Diener gleiten, und ihre feinen Na- jeuflügel hoben und senkten sich mit leisem Gezäusch. Ihr
schönes Auge flammte plötzlich entrüstet auf: „Sie haben getrunken, Konrad? Pfui, das ganze Gemach verpesten Sie mir mit Ihrem Biergeruch! Wie haben Siesich denn unterstehen können zu kneipen, wo ich Sie doch nur allein Besorgungen halber nach der Stadt geschickt habe?"
Der Diener stand da wie vom Donner gerührt. So also pfiff ihn die Baronin an? Ein paar Sekunden nur, und dann hatte er sich wieder vollkommen in Gewalt. Ah, das paßte sich ja ganz vorzüglich jetzt, also nicht markiert mehr den Untertänigen, um gütige Verzeihung Bittenden, sondern heraus damit, was ihn bewegte seit der Stunde, da er mit dem rotbärtigen Stelleuvernüttler verhandelt.
Er sah seiner Herrin frei und entschlossen ins Antlitz: „Frau Baronin, ich gestatte mir, Ihnen hiermit meinen Dienst zu kündigen, nach acht Tagen bitte ich mich zu entlassen!"
Wieder Diener vorhin, so stand nun seine Herrin da, unfähig, im Augenblick eines Wortes mächtig zu sein. Nur ihr schönes Auge spielte, weit aufgerissen. war es, und es umfaßte drohend die Gestalt des Domestiken.
Und da —ihr kleiner Fuß fuhr plötzlich auf den Teppich, daß es dumpf dröhnte auf dem Parkettboden: „Und das wagen Sie mir anzutun, Sie unverschämter Mensch ?"
Mit gestreiftem Zeigefinger fuhr jetzt ihre Rechte herrisch nach der Türe hin: „Hinaus mit Ihnen auf der Stelle, nicht eine Minute länger will ich Sie in meinen Diensten haben! Hinaus mit dem Unverschämten, binnen einer Stunde verläßt er mein Haus, seinen Lohn, Inbegriffen die acht Tage, sowie sein Zeugnis soll er sich eine halbe Stunde später von der Zofe geben lassen."
Der Diener hatte sich schweigend entfernt, und die Baronin klingelte nach der Zofe.
„Die gnädige Frau Baronin wünschen?" fam sie schnell herbei.
„Anna, gehen Sie sofort zunr Stallburschen, der soll satteln, um gleich nach der Stadt zu reiten!"
„Sehr wohl, Frau Baronin."
Die Zofe schwebte über ben nun schon in Abenddämmerung liegenden Hof, übermittelte an Fritz den Befehl, und dann kehrte sie wieder zu ihrer Herrin zurück, die inzwischen im Salon erregt auf und ab gegangen war.
„Der Fritz sattelt schon, Frau Baronin," meldete sie.
Es ist gut, Anna, machen Sie Licht, und in zehn Minuten melden Sie sich wieder bei mir!"
„Sehr wohl, Frau Baronin."
Jin Nr» flammte der riesige Kronleuchter auf, und die Zofe war fast geräuschlos aus dem Salon verschwunden.
An den Schreibtischhatte sich die Baronin gesetzt, flink flog die Feder übers Papier. — So, das war getan: hier das Zeugnis für den entlassenen Diener, und dort an die Presse eine Annonce, betreffend das Engagement eines neuen Dieners. Milde hatte sie gu guter Letzt noch »valten lassen bei Konrad, nichts Nachteiliges stand ge- fchriebeit in dessen Zeugnis. Aber nie wieder wollte sie einen so grünen Menschen von Diener haben, nein, die Jugend in ben unteren Klassen ivar total degeneriert? Frechheit, tolles Drauflosgehen, Genußsucht, das war so die Signatur eines Achtzehnjährigen aus dem Volke von heute. Ah, der alte Johann—Ja, Vernunft regierte noch immer das Alter. Folglich beugte sich das Alter eher! als die vernunftlose Jugend. — Also ein älterer Mensch sollte er sein, der zukünftige Diener. „Nicht unter dreißig Jahren" stand da in der Annonce geschrieben.
Die Zofe war wieder da, unb ihre Herrin hielt ihr das Papier entgegen: „Hier, diese Anonce soll Fritz schleuß lügst nach der Expedition des Kreisblattes bringen."
„Sehr wohl, Frau Baronin."
Der Stallbursche wartete schon, die Zofe überbrachte ihm Annonce unb Befehl, und dann kehrte sie wieder zu ihrer Herrin zurück.
Die hatte inzwischen eine Kassette geöffnet, und daraus für den DienerKourad den Lohn entnommen. „Hier, Anna, dieses Geld und das Zeugnis da überbringen Si« dem Diener, zu bestellen ist weiter nichts."
„Sehr wohl, gnädige Frau Baronin?? 197,18*