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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.

M 79.

Mittwoch, den 1. Oktober 1913.

64. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Bei einer Reise Dr. Solfs in Kamerun bot sich dem Staatssekretär Gelegenheit zur Besichtigung vielversprechender Tabakpflanzungen und reicher Oel- palmenbestände. Ferner wurden auf einem Ritt über die Mboeebene nach Dschang überraschend viele und fruchtbare Eingeborenenkulturen angetroffen. Der Ge- samteindruck, den der Staatssekretär von Kamerun ge­wonnen hat, ist ein äußerst befriedigender. Allein die Oelpalme sichere die Zukunft des Schutzgebiets. Dringend erforderlich sei ein sofortiger Ausbau des Eisenbahnnetzes.

Die 26. Generalversammlung des Evangelischen Bundes wurde mit einem Kirchenkonzert in der Peters­kirche in Görlitz feierlich eröffnet. Nach dem .Konzert fand unter feieriichem Glockengeläut eine Illumination der Peterskirche statt; auch die Lutherkirche und der Reichenbacher Turm erstrahlten in festlicher Beleuchtung. Aus Anlaß der Tagung hat die Stadt Flaggenschmuck angelegt. Der Bund beschloß in einer Gesamtvorstands- sitzung ndie Gründung einer Schwesterschaft des Evangelischen Bundes. Er wird einen Berufsarbeiter für diese Arbeit anstellen und hat ein Abkommen mit dem anhaltischen Evangelischen Diakoniverein (Schwesternheim des Evangelischen Bundes) getroffen, durch das das Schwesternheim in Dessau das erste Glied und der vorläufige Mittelpunkt der Schwestern­schaft des Evangelischen Bundes wird.

> Der Internationale Kongreß für Luftrecht ist zu seiner diesjährigen Tagung in Frankfurt a. M. zusammengekommen. Vertreten sind außer Deutschland : Frankreich, die Schweiz, Oesterreich, England, Belgien und Italien. Geheimer Regierungsrat Dronke be­grüßte den Kongreß im Auftrage des Reichskanzlers, des Reichsamts des Innern und des Reichsjustizamtes, Oberbürgermeister Voigt namens der Stadt Frankfurt, Präsident Dr. Spähn namens des Oberlandesgerichts und Rektor Professor Dr. Wachsmuth namens der Akademie. Den Vorsitz führt der ehemalige Unter­staatssekretär Professor Dr. von Mahr. Geheimrat Professor Dr. Zitelmann-Bonn hielt einen Vortrag über die internationale Regelung des Luftverkehrs. Ueber die Haftpflicht faßte der Kongreß folgende Be­schlüsse. 1. Der Ersatz des durch ein Luftfahrzeug an Personen oder Sachen auf der Erdoberfläche verursachten Schadens liegt dem Halter des Luftfahrzeuges ob, un­beschadet des Rechts der verletzten Person, sich an den­jenigen zu halten, der nach dem gemeinen Recht für den Schaden verantwortlich ist. 2. Der zum Schaden­ersatz verpflichtete Halter kann sich an den nach dem , gemeinen Recht dafür verantwortlichen Urheber des Schadens halten. 3. Falls der Schaden ganz oder

teilweise durch ein Verschulden der verletzten Person entstanden ist, kann das Gericht den Halter ganz oder teilweise von der Haftpflicht befreien. 4. Der Halter kann die Einrede der höheren Gewalt geltend machen. 5. Die Vorschriften über die Haftpflicht gelten nicht, wenn im Augenblick des Unfalls die verletzte Person oder der beschädigte Gegenstand sich im Luftfahrzeug befinden, oder wenn die verletzte Person bei dem Luft­fahrzeug beschäftigt war.

Die polnische Pfadfinderbewegung macht infolge der sehr regen Werbearbeit, die dafür von der pol­nischen Presse und Intelligenz getrieben wird, Fort­schritte. Vor dem Beitritt zu den deutschen Jugend­organisationen wird gewarnt; es heißt immer wieder, daß nur die polnischen Psadfinderabteilungenunseren nationalen Besonderheiten und Bedürfnissen angepaßt" sind. Als ihren besonderen Vorzug bezeichnet man es weiter, daß sie den englischen Pfadfinderkorps gleichen. Wie in Galizien werden auch bei uns die polnischen Jugendorganisationen als Vorschule für die Sokolvereine betrachtet. Man glaubt, dadurch am ehesten den Nach­wuchs für die Sokolvereine (der heute meist nur aus jungen Handwerkern und Arbeitern besteht) auch aus den wohlhabenderen Schichten erhalten zu können. Welche Anziehungskraft der Bewegung beigelegt wird, geht daraus hervor, daß eine Posener Konfektionsfirma seit einiger Zeit in der polnischen Presse eine kostspielige Reklame für die Kleidung der Pfadfinder betreibt.

AmlMy.

Die Lage an der albanischen Grenze Serbiens ist sehr ernst. Die Manier setzen ihre Einfälle an verschiedenen Orten fort. Militärische Verstärkungen werden ununterbrochen entsandt. Sobald die serbische Armee in den angegriffenen Gebieten angekommen ist, wird die Ordnung wieder hergestellt werden. Die Meldung, daß die Albanier Kitschewo besetzt hätten, ist nicht richtig. Mawrowo ist von den Albanier» besetzt worden. Was Galitschnik betrifft, so ist es wahrschein­lich bereits in die Hände der Albaner gefallen. Oesterreich-Ungarn und Italien sollen der serbischen Regierung dringend geraten haben, die militärischen Vorkehrungen auf die Verteidigung der Grenzen zu beschränken, da deren Ueberschreitung ernste Verwick­lungen hervorrufen könnte.

Ueber die wirtschaftliche Lage Bulgariens haben anläßlich der Aufhebung des Moratoriums die in einer Konferenz vereinigten Vertreter der Handelskammern des Königreichs Bulgarien eine Mitteilung veröffent­licht. Diese Kundgebung stellt fest, daß dank der wirt­schaftlichen Eigenart Bulgariens, dessen Bevölkerung zu 70 v. H. aus kleinen Grundbesitzern gebildet wird,

der Krieg ohne große wirtschaftliche Spannung über- standen worden sei, und daß die Folgen desselben ohne merkbare Erschütterungen geregelt werden würden. Während des Krieges hat das Land dem Staate 300 Millionen in Requisitionen geliefert. Die Nationalbank gewährte ihrer Klientel eine weitgehende Unterstützung, die Geldanlagen vermehrten sich, und es bleibt noch eine Million Tonnen an Getreide für die Ausfuhr. Es ist wahr, daß der Wechselkurs merklich gestiegen ist, aber nach dem Friedensschluß und infolge der durch die Ausfuhr bewirkten Ausgleichung der Handelsbilanz wird der Wechselkurs notwendigerweise sinken. Die Mitteilung gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß das Land gegen jegliche wirtschaftliche Krise vollkommen ge­sichert ist.

Der Widerstand gegen Homerule hat in Ulster zur Einsetzung einer provisorischen Regierung unter Sir Edward Carson geführt. Fünfhundert Vertreter von Ulster versammelten sich in der Ulfterhalle zu Belfast in Gegenwart von Sir E. Carson, der Lords London- derry und Abercorn und vieler anderer Mitglieder des Ober- und Unterhauses. Lord Londonderry eröffnete die Verhandlungen, die bei verschlossenen Türen geführt wurden. Eine nachher ausgegebene Mitteilung besagt, daß die Versammlung die Artikel der provisorischen Regierung genehmigt habe, sowie den Zeitpunkt, an dem sie in Kraft treten sollen, außerdem Anordnungen über die Art, wie man gegen etwaige Beschlüsse des geplanten Parlaments in Dublin Widerstand leisten könne. Die Einzelheiten sollen veröffentlicht werden, wenn Homerule Gesetz wird. Zugestimmt wurde ferner der Stiftung einer Bürgschaft von einer Million Pfund Sterling, aus der die Mitglieder des Ulsterfreiwilligen­korps entschädigt werden sollen für persönliche Unbill, die ihnen bei der Ausführung irgendwelcher Anord­nungen der provisorischen Regierung zugefügt werden sollte. Im Falle ihres Todes sollen ihre Angehörigen die Entschädigungssumme erhalten. Verschiedene Ver­waltungsausschüsse, darunter auch ein Finanzausschuß, wurden eingesetzt.

Eine Erklärung der chinesischen Regierung stellt entschieden in Abrede, daß zwischen Japan und China ein Geheimvertrag bestehe, nach dem China im Falle eines Krieges mit Rußland die südmandschurische Eisenbahn benutzen dürfe, Japan China in der Mon­golei gegen Rußland Hilfe zugesagt und auch die Aus­lieferung der chinesischen Rebellen versprochen habe. Die chinesische Regierung erklärt, China sei jetzt zu schwach, um selbst gemeinsam mit einer anderen Macht gegen Rußland vorgehen zu können. Es sei vielmehr bestrebt, nach wie vor gute Freundschaft mit Rußland und Japan zu halten.

Meröotene Ffade.

Kriminalroman von Otto Diehofer. 71

Der Angeklagte selber aber war ruhig geblieben. Was kümmerte ihn denn, was der Obmann da soeben ver­kündet hatte, der war doch nicht maßgebend in dem Saale. Der Herr Präsident, der doch mit ihm verhandelt hatte die ganze Zeit, der nur allein war maßgebend für ihn, der war doch der Höchste hier.

Und Wenzel Koczmierski war auch ruhig geblieben, als der Staatsanwalt sich zum zweiten Male erhoben und gegen ihn die zweimalige Todesstrafe und Aber­kennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit be­antragt hatte.

Und da schon war der Gerichtshof aus dem Be­ratungszimmer, in das er sich zur Strafabmessung zu­rückgezogen hatte, zurückgekehrt, und der Vorsitzende ver­kündete:Der Angeklagte wird, gemäß dem Anträge des öffentlichen Anklägers, wegen zweifachen Mordes zwer- nial zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehren­rechte auf Lebenszeit verurteilt."

Ein Schrei war durch den Saal gegangen em Schrei, wild und unartikuliert, gefolgt von donnerndem Gepalter, als ob im engen Käfig eine Bestie von der andern zerfleischt wurde. ,

Wenzel Koczmierski war es gewesen. Und rote ihn nun die beiden Schutzleute und der Gerichtsdiener gepackt hatten. Klapp, klapp, ruck, ruck! der Pole war schon draußen auf dem Korridor. .

Wie die eines Löwen machte seine Stimme da die Wände erzittern, und von Grausenund Entsetzen gepackt, entfernten sich die Zuschauer.

23. Kapitel.

. Vor dem Gerichtsgebäude draußen hatte sich die Nach- kicht von der Verurteilung des Polen wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Menge hatte sich da, ebenso wie im Zu- Jwmaitm, in zwei Parteien geteilt: hie iur,_ hie wider

den Angeklagten. Dementsprechend waren auch die Kund­gebungen; hier ein lautesBravo! Bravo!" dort ein überzeugtesUnschuldig verurteiltJustizmord!" Die Schutzleute schritten ein, und in ein paar Minuten war die Menschenmenge zerstreut.

Es war bereits drei Uhr nachmittags, und Baronin von Paltzow hatte sich, umgeben von ihren Angehörigen und den Gutsnachbarn, zu welch letzteren auch Graf Peter von Bruckhoff gehörte,in das eleganteCafee Bauer" Unter den Linden begeben, um durch eine Tasse star­ken Kaffees ihre Nerven wieder aufzufrischen. Die distin- quierte Gesellschaft machte sich's da recht bequem, denn sie war hier völlig ungestört, niemand weiter, außer den Kellnern, war heute anwesend in dem vornehmen Lokal; eine Ausnahme, daran nur das schlechte Wetter schuld

war.

Da ging die Tür mit einem Male auf, unWferein trat Johann Kersten, der einstige Diener der -Baro­nin. Die anwesenden Herrschaften waren keineswegs ver­blüfft, denn sie wußten, was den alten Johann herführte. Hatten sie doch, mit Ausnahme der Baronin, im Schwur­gerichtssaale gehört, was er da gesagt hatte, und der im Saale nicht anwesenden Baronin hatte man es nach­her erzählt gehabt.

Mit krummem Rücken trat Johann direkt auf die Baronin zu:Ich bitte um gütige Verzeihung, gnädigste Frau Baronin, wenn ich hier störe, aber es war mir vor­hin nicht möglich, Sie zu sprechen. Ich komme, um Ab­bitte zu leisten für meine Ungezogenheit von damals. Ich habe es bereut, und bereue es noch heute tief, gnädigste Frau Baronin, daß ich Ihnen so schroff entgegengetreten bin, daß ich Ihnen so plötzlich meine Stellung kündigte. Ihnen, deren erhabenen Eltern ich schon in Treue diente, und der ich Sie als Kind bereits auf meinen Knien schau­kelte. Seien Sie mir nun nicht weiter böse, gnädigste Frau Baronin, und vergeben Sie mir meine Missetat, denn ich kann mit meinem beladenen Herzen nicht wie- ^er Blü£^

Groß und ernst ruhte das Auge der Baronin auf ihrem ehemaligen Diener.

Und da eine merkliche Milde war über ihr Ant­litz gekommen und, in den Ton eine unendliche Zartheit hineinlegend, sagte sie mit einem Male:Johann, eS freut mich, daß Sie den Weg zu mir wieder gefunden haben. Ich ersehe daraus, baß Sie trotz Ihres Aufbäu. mens damals doch unser guter, alter Johann gewesen und auch geblieben sind.

Und da will ich, zumal in dieser Stunde, da man Ihren einstigen unglücklichen Herrn rächte, nun nicht-. gern, Ihnen das Ungehörige von damals voll und ganz zu vergeben. Fahren Sie heim als meines Hauses treuester Diener, als der alte, gute Johann, und grüßen Sie mir auch Ihre Marie. Hoffentlich ist sie auf mich heute auch nicht mehr böse, denn durch meine Kündigung hat sie ja doch ihren Mann bekommen, schneller als sie es wohl geahnt. So und nun gute Fahrt!"

Die Baronin hatte dem alten Diener ihre schmale Hand gereicht, er drückte ehrerbietigst einen Kuß darauf, und dann war er mit einer tiefen Berneigung auch gegen die übrigen Herrschaften aus dem Lokal verschwunden.

Das ist noch einer jener wenigen treuen Dienstboten gewesen, die für ihre Herrschaft durchs Feuer gehen wür­den," sagte nun die Baronin, wieder zum Kaffeetisch ge­kehrt,schade, daß ich ihn verloren habe!"

Na ja, gnädigste Baronin," sagte Graf Peter von Bruckhoff.Und Sie haben mit dessen Nachfolger trübe Erfahrungen machen müssen, wie ich hörte ?"

Leider ja! Der unverschämte Mensch warf mir ohne jeglichen Grund seinen Dienst einfach vor die Füße."

Na, und der jetzige, wie macht der sich denn?" fragte der Graf weiter. *

O, mit dem bin ich ja auch zufrieden; er ist ein sehr gewandter, williger Mensch. Daß er mir den Johann nicht ersetzen kann, liegt wohl eben daran, daß Johann mich hat großwachsen sehen, daß ich mich zu sehr an ihn gewöhnt hatte," . s ___' MM