SchlüchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt. Klonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «3.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
80. Samstag, den 4. Oktober 1913. 64. Jahrgang.
Simmentaler Zuchtgenossenschaft Schlächtern.
Sprungfähige gute Bullen im Alter von 14 bis 15 Monaten stehen verkäuflich bei: 1. Gutsverwaltung Vollmerz — 2 Stück.
2. „ Ramholz = 2 „
3. Ad. G. Gerlach-Elm = 1 „
4. Joh. Gärtner-Sterbfritz — 2 „
5. Konrad Gärtner „ =2 „
6. Joh. Gunkel „ — 1 „
7. I. Schüßler-Marjoß — 1 „
8. Friedr. Elm-Schwarzenfels — 2 „
9. Heinr. Meyenschein Schwarzenfels — 2 „
10. I. Hild-Soden = 1 „
11. Ludwig Hildebrand Schlächtern — 1 „ Ferner verkauft Heinrich Blum zu Sterbfritz (Lange- bauer) 1 trächtige 11 bis 12 Ztr. schwere Kalbin und ein 1'/, jähriges Rind. (Auswahl unter mehreren.)
Bringt Opfer.
(Ein Wort zum Erntefest.)
Eine Gesellschaft von Reisenden und Jägern war in den Bergen von Nebraska. Dort fanden sie eine hohe glatte Felswand, die von weit, von den bewohnten Ortschaften her, zu sehen war. Die Männer machten sich die Mühe, an diese Felswand mit großen Buchstaben das Wort zu schreiben : „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle." — Der das erzählt, der Dichter Schoenaich-Carolath, sägt hinzu:
Geschlechter, Völker werden auferstehen,
Ihr zeitlich Gut zu hüten, zu begraben,
Viel tausend Jahre werden kommen, gehen:
Die Liebe mag und wird kein Ende haben.
Nein, die Liebe wird kein Ende haben. Aber die Menschen, die ohne Liebe sind, die ihre zeitlichen Güter, ihre Ernteerträge hüten und vergraben, die werden ein Ende haben, ein armseliges Ende, ein armseliges Leben. Denn es ist die Bestimmung Gottes für das Menschengeschlecht in der Welt, daß wir einander lieben und einander helfen. Wer diese Bestimmung Gottes nicht erfüllt, der lebt umsonst.
Das Erntefest ist eine passende Gelegenheit, um das einmal vor aller Welt laut auszusprechen, damit das Gewürm der glattverständigen Philister in seine
Verbotene Ufade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 72
„Und woher ist denn Ihr neuester Diener gekommen, liebste Baronin?" fragtejetzteineältereGräfin,dieSchloß Trampitz in den letzten Wochen keinen Besuch abgestat- tet hatte.
„Von Bremen kam er, teuerste Gräfin."
„Soso, darum auch seine Gewandtheit!"
~ Nun wandle sich das Gespräch wieder der heutigen Schwurgerichtsverhandlung zu, und endlich brach man auf, um zumTeil gemeinsam in einem Abteil erster Klasse heimzufahren.
Als man auf dein Bahnhof in M. anlangte, sing es bereits zu dunkeln an. Ein Abschiednehmen, Händedrucken, noch einmal Worte des Trostes —, und Baronin von Paltzow saß in ihrem geschlossenen Wagen.
Vorn auf dem Bocksaß neben dem Kutscher der Diener Kaspar, gespannt aufs äußerste. Wie mochte wohl das Urteil heute ausgefallen sein über Wenzel Kocz- mierski? War er zum Tode verurteilt worden, oder vielleicht nur zu lebenslänglichem Zuchthaus? Nichts hatte die Baronin beim Einsteigen darüber geäußert nichts. Aber er mußte abwarten, die Baronin würde daheim schon Gelegenheit nehmen, ihm oder anderen das Urteil mitzuteilen, und wo nicht, nun, so fragte er ebem Warum sollte es denn den Diener nicht interessieren, nt welcher Weise man den Mord sühnte, der an dem Gemahl semer Herrin begangen worden war? Nein, nichts Verdächtiges war dabei, also fragen, wenn's nicht von selber kam.— -
Angelangt war der Wagen schon auf Schloß Tram- der Diener sprang vom Bock, öffnete den schlag, u
Baronin schritt ihrem Salon zu, der bereits un hell- sten Licht erstrahlte. Auf dem Korridor hatte i^1’
V gewartet, sie öffnete ihrer Herrin die Tur, und beid« MSLMen im Gemach. . -
Höhlen flieht und endlich aufhört, uns ihr Sprüchlein zu wiederholen: Selber essen macht fett! — Als ob fettwerden ein würdiges Ziel für den gottgeborenen Menschen wäre! Nein, wir geben den Glauben nicht auf, daß wir Gottgeborene sind. Wer diesen Glauben verloren hat, der muß sagen: Ich habe einen großen Verlust erlitten.
Man meint, daß die Menschen auf dem Lande, die das Brot auf dem Felde wachsen sehen, leicht zum Glauben au Gott kommen. Aber ich habe manchen Landmann getroffen, der mitten in diesem Leben der Natur stand, der seine Saat bestellte und der von Sonnenschein und Regen abhängig war, der seine Ernte einbrachte und seine Taschen füllte, ohne auch nur>inen Gedanken an Gottes Segen zu haben. Ich habe in der Stadt Menschen getroffen, die sagten: Wenn ich vom Morgen bis zum Abend die Hände rühre, dann habe ich meinen Verdienst; damit hat Gott nichts zu tun, der gibt mir nichts I Und andrerseits habe ich in der Stadt so gut wie auf dem Lande Menschen gefunden, die in jeder Gabe die freundliche Hand Gottes spüren. Sie haben eben Glauben an den lebendigen Gott.
Diese sind es, die nicht nur nehmen, sondern auch geben, denen es eine Freude ist zu geben. Ob sie nun im Geschäft gut verdient oder eine gute Ernte eingebracht haben, sie machen sich die Freude, Opfer zu bringen und anderen Wohlzutun. Das sind die Glücklichen, die feiern wirklich ein Erntefest.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser weilt noch immer in Rominten, wo er die schönen Tage, die uns der Herbst gewährt, szur Ausübung des von ihm so sehr geliebten Waidwerks venutzt. Bald genug werden ihn ja die Pflichten seines Herrscheramtes der Muße entreißen, deren er jetzt noch pflegen kann.
— Die Enthüllung eines Reiterstandbildes des Prinz-Regenten Luitpold vor dem Nationalmuseum in München fand in feierlichster Weise statt. Das Denkmal ist von Professor Hildebrandt im Auftrage der Stadt München hergestellt. An der Feier nahmen mit dem Prinz-Regenten Ludwig und Gemahlin die Königlichen Prinzen und Prinzessinnen, ferner die Staatsminister, das diplomatische Korps und zahlreiche Deputationen teil. Oberbürgermeister von Borscht entwarf in seiner Festrede in großen Zügen ein Bild vom Leben des verstorbenen Prinz-Regenten und von dem herzlichen Verhältnis, das insbesondere die Residenzstadt München mit dem Verewigten verband. Sodann dankte er dem Prinz-Regenten Ludwig für sein Erscheinen und feierte ihn als vornehmsten Bürgerfreund und als weit
Aber der Diener machte sich nicht sogleich Staube. Er hatte ein paar Schritte an der T getan, war dann wieder leise zu ihr zurückgekehrt, nun horchte er, was drinnen gesprochen werden würde.
aus dem
Tür vorüber
:, und
Und da kam's auch schon.
„Wenn ich fragen darf, gnädige Frau Baronin, was ist denn mit dem Mörder geschehen in Berlin?" fragte die neugierige Zofe ihre Herrin.
„Es ist ihm geschehen, was ihm gebührt, Anna: er ist zum Tode verurteilt worden — er wird hingerichtet!" klana's zurück. > *
Der Diener hatte genug gehört, er schlich sich nun auf sein Zimmer, um das Gehörte gleich zu verarbeiten.
Also zürn Tode hatte man Wenzel Koczinierski verurteilt, wirklich zum Tode! —Nun, so gefährlich war's noch nicht, das Urteil war ja noch nicht rechtskräftig, es gab doch noch eine Revision. Und zu aller Letzt konnte immer noch die Begnadigung zulebenslänglichem Zuchthaus kommen. Nein, nein, zu spät würde er, Herbert Balthasar, noch nicht kommen, nur Ruhe, Ruhe, damit er sich seinen jüngsten Plan nicht noch verdarb. Ach, wie gut war's doch, daß der Sprechapparat schon thronte auf dem Ofen im Bondoir der Baronin, und daß dessen elektrische Bedienung tadellos funktionierte. Nicht eine von den weiblichen Geistern im Schloß hatte etwas gemerkt von seiner geheimnisvollen Arbeit — nicht eine. Ha, nun brauchte man nur auf den Knopf zu drücken, den Apparat im gegebenen Augenblick wieder herausbugsieren aus dem Boudoir, und dann hatte er es. Heute abend gleich denn kommenwürde„Ponto"aufjedenFall,wenngleich er die Baronin sicher auch schon gesprochen hatte in Berlin und während der Fahrt, er war mieden Abend gekommen in letzter Zeit. Wie schlau: am.Tage. uneden sich die beiden - mieden sich immer noch, und nachts waren sie vereint. Aber die Wände hatten Ohren letzt, und hinterm Ofen hingen tausend gottlose Zungen. Aus war's bald mit dem Geschnäbele, mit dem Lcebesgegirr!
Es klopfte an der Türe.
blickenden Gönner der Residenzstadt. Darauf antwortete Prinz-Regent Ludwig in überaus herzlich gehaltener Rede, in der er u. a. erklärte, er habe die aufwärts- strebende Entwicklung, die die Stadt München in den letzten Jahrzehnten genommen hat, eingehend verfolgt und wisse die Größe der Aufgaben zu ermessen, die zu lösen sind. Der Förderung dieser schönen Ziele werde allezeit seine marine Fürsorge gelten. Unter Glockengeläute und Kanonendonner fiel darauf die Hülle des Denkmals, während die Truppen präsentierten. Die Fürstlichkeiten besichtigen das Denkmal, an welchem der Prinz-Regent einen großen Lorbeerkranz hatte niederlegen lassen. Eine große Anzahl von Deputierten legte gleichfalls prächtige Lorbeerkränze nieder, e
— Zur Ausländerfrage an den deutschen Universitäten schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" folgendes: Bekanntlich werden seit einiger Zeit in steigendem Maße Klagen darüber geführt, daß durch das übermäßige Anwachsen der Zahl der ausländischen Studierenden die Inländer in der zweckentsprechenden Benutzung unserer Universitätseinrichtungen behindert würden. Die Prüfung hat ergeben, daß diese Klagen der Berechtigung nicht entbehren. Der Kultusminister hat sich deshalb veranlaßt gesehen, eine bestimmte Höchstziffer festzusetzen, die von den Studierenden keiner fremden Nation überschritten werden darf. Wegen der Ausführung dieser Anordnung sind die Universitäts- kuratoren mit Anweisung versehen. Die Maßregel erstreckt sich nicht auf diejenigen Studierenden, die jetzt schon zugelassen sind, sondern hat nur für die künftigen Immatrikulationen Bedeutung.
— Die Generalversammlung des Evangelischen Bundes hat zu der Frage der theologischen Fakultäten folgende Resolution gefaßt: „Der Evangelische Bund vermag einer Hochschule, an^der hie Theologie als Lehrfach ausgeschlossen ist, den Charakter einer Universität — einer allumfassenden Stätte der Wissenschaft — nicht zuzuerkennen. Er sieht im Gegenteil in solcher Anstalt eine große Gefahr für unsere Kultur, die einseitig ökonomisch zu werden droht und in den schweren Auseinandersetzungen zwischen Glauben und Wissen einer natürlichen Vermittlung entbehren würde. Anderseits aber läge, wenn das von Frankfurt gegebene Beispiel und die für Hamburg vorliegenden Pläne weitere Nachahmung finden sollten, die Gefahr der Errichtung gesonderter Anstalten für die Ausbildung evangelischer junger Theologen nahe, denen dann die heilsame, vom Standpunkt des Protestantismus unerläßliche stete Berührung mit anderen Zweigen der Wissenschaft, mit deren Jüngern fehlen würde, und die so dem gesunden geistigen Leben entfremdet werden würden."
„Herein!"
Die Zofe war's, sie streckte nur den Kopf durch die Türspalte: „Kaspar, die Frau Baronin zieht sich heute abend sofort zurück, Sie möchten in einer Viertelstunde im Salon die Lampe ausdrehen."
Der Dienerhatte ein schmeichelndes Lächeln aufgesetzt: „Schön, mein Fräulein, wird gehorsamst ausgeführt!"
Die Tür hatte sich wieder geschlossen, und der Detektiv stand nun mitten im Zimmer, tiefernst, sinnend wie vorhin. Die Lampe sollte er ausdrehen. Hm, na ja, müde war die Frau Baronin heute, äußerst müde von der Reise — und von der ausgestandenen Angst, und da wollte sie früh zu Bett gehen. Nahe gegangen waren ihr ihre eigenen Aussagen —die AussagenuntermSchwur. Oder aber, sie war nicht müde, und begab sich anstatt ins Schlafzimmer vorerst ins Boudoir, um „Ponto" heute früher zu erwarten als sonst. Nun, das Licht würde ja verraten, wohin sie sich begeben.
Himmel, wußte diese Frau sich fortgesetzt zu beherr- scheu und sich zu geben. Nicht eine Spur von Seelen- angst hatte er in ihrem Antlitz zu entdecken vermocht, nicht eine Spur von Unsicherheit an ihr wahrgenommen, weder auf dem Bahnhof, noch hier auf dem erleuchteten Korridor. Herrgott, machte dieses ihm zu schaffen —dieses Teufelsweib mit dem Engelsgesicht.
. Herbert Balthasar begab sich ans Fenster, öffnete es leise, und sah im Park die Schloßfront entlang. — Was, im Boudoir wirklich ein schwacher Lichtschein? Wahrhaftig, die Frau Baronin hatte sich anstatt ins Schlafzimmer ins Boudoir zurückgezogen. Der „Ponto" kam also wirklich heute, — er kam früher als sonst. Nun, da mußte er, Herbert Balthasar, pünktlich auf dem Posten sein, mindestens um zehn Uhr. Aber auch nicht viel früher, denn da kroch ja noch das Gesindeim Schloß herum, und störte den liebedürstenden Besucher beim Einsteigen. Also vor allen Dingen nun erst einmal hinein in den Salon, der vom Boudoir durch vier Zimmer getrennt war, denn die Viertelstunde wyr um. — 197 13*
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